gelesen & Gäste (1/2017)

Mein Freund Lukas Reineck,

der den Nahen Osten besser kennt als jeder andere meiner Freunde,

hat Michael Lüders neues Buch "Die den Sturm ernten" rezensiert.

„DIE DEN STURM ERNTEN“

 

Rezension zu: Lüders, Michael, Die den Sturm ernten. Wie der Westen Syrien ins Chaos stürzte, München: C.H. Beck 2017

 

Vorbemerkung: Zu dieser Rezension hat der C.H. Beck Verlag ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Dafür danken wir recht herzlich! Die Bewertung des Buches bleibt davon unbeeinflusst.

 

Zum Autor: Lukas, der Autor dieser Gastrezension, hat mit mir zusammen Theologie studiert. Ich habe ich als einen geselligen Freund kennengelernt, aber auch als einen scharfen Gesellschaftsanalytiker; besonders die Probleme im Nahen Osten haben seine Interesse geweckt. Nachdem er eine Zeit dort gewohnt und studiert hat, arbeitet er heute für eine evangelisches Hilfswerk, das sind in dieser Region engagiert. Ein mehr als passender Kandidat, um sich mit einem Buch über den Konflikt in Syrien auseinanderzusetzen.

 

„Bashar al-Assad: Schlimmer als sein Vater. Der Tyrann und seine blutige Familiengeschichte“, titelte vor ein paar Wochen BILD.de.

Führende deutsche Medien und Nahostexperten sind sich einig: Assad muss weg. Es braucht einen „Regimewechsel“.

Michael Lüders ist da anderer Meinung.

Lüders These:

 

„Der westliche Narrativ, die gesamte syrische Bevölkerung oder wenigstens doch die überwältigende Mehrheit hätte sich gegen Assad erhoben, ist eindeutig falsch. Ungeachtet aller Brutalität des Regimes haben sich bis heute, von Ausnahmen abgesehen, weder die religiösen Minderheiten, darunter Christen und Druse, noch die einflussreichen sunnitischen Händler dem Aufstand angeschlossen.“ (62)

 

2011 begann in Syrien der Krieg - mittlerweile sind es sechs Jahre.

 

Die Rolle des Westens und der Medien im Syrienkonflikt

Michael Lüders ist Politik- und Islamwissenschaftler sowie Wirtschaftsberater. Zehn Jahre lang arbeitete er für die ZEIT als Nahostkorrespondent. Zudem ist er Präsident der Deutsch-Arabischen Gesellschaft und Vorsitzender der Deutschen Orient Stiftung.

 

Die den Sturm ernten. Wie der Westen Syrien ins Chaos stürzte lautet die jüngste Veröffentlichung Lüders, die in etwa 170 Seiten umfasst. Es ist eine Analyse der politischen Hintergründe zum Syrienkonflikts.

Lüders sieht in der westlichen Intervention im Nahen Osten in erster Line eines - geopolitische Interessen.

Auf gut Deutsch also: Es geht ums Öl und den Bau einer Pipeline von Saudi-Arabien bis in die Türkei.

Das erste Kapitel erzählt von der amerikanischen und britischen Geheimdienstgeschichte im Nahen Osten.

Es gab in der arabischen Welt immer wieder Sozialreformen. In Kapitel Zwei bringt Lüders dem Leser die Bedeutung des Wirkens Dschamal ad-Din al-Afghani (persischer Reformer) und Hassan al Banna (Begründer der Muslimbruderschaft) nahe.    

Das dritte Kapitel erklärt in groben Zügen das politische System Syriens und den Aufstieg des Assad Clans.

Auch zu den Fragen nach der Bedeutung Aleppos für den Kriegsausgang, den Interessen Russlands und der Türkei an Syrien erfährt der Leser mehr. 

Das Buch schließt mit einem Ausblick. Der Autor fordert die Leser heraus, zu lernen, die richtigen Frage zu stellen und die Medien radikal und kritisch hinterfragen.

Für Lüders ist der Krieg in Syrien noch lange nicht vorbei.

 

Überraschende Beobachtungen eines Kenners

Wer sich bisher noch nicht mit dem Thema Syrienkrieg befasst hat findet mit diesem Buch einen sehr guten Einstieg zum Thema.

Lüders hat einen angenehmen Schreibstil und verzettelt sich nicht in Details. Die komplexen Zusammenhänge der Syrienkrise werden einleuchtend erklärt. Nach der Lektüre versteht der Leser was die Hisbollah mit dem Iran zu tun hat und wieso sich Saudi-Arabien und die US so gut verstehen.

Lüders ist ein politischer Analyst. Er verfällt in seiner Darstellung des Syrienkrieges weder in einen pauschalen Antiamerikanismus, Antisemitismus noch in eine Pro Russische Rhetorik.

Natürlich betrachtet Lüders die westliche Nahost-Politik kritisch.

Doch Lüders ergreift keine Partei.

 

„Die Machtpolitik Moskaus, Teherans oder Pekings ist im Zweifel jedoch nicht mehr und nicht weniger skrupellos als die des Westens.“ (167)

 

Lüders bleibt sachlich, was unbedingt für ihn spricht.

Es geht Michel Lüders um die Sache – den Orient, die Menschen, die arabische Mentalität, die kulturellen Eigenheiten. Der Leser soll verstehen (wenn auch nur in Grundzügen) wie nahöstliche Gesellschaften ticken. Positiv ist hierbei, dass Lüders nicht das Feindbild Islam bedient. Lüders bewertet den Islam differenziert.

Interessant waren Lüders Beobachtungen von neuen Allianzen, die in Nah Ost entstehen.

Israel und Saudi-Arabien als Bündnispartner?!? Das ist eigentlich unvorstellbar, wie ich finde.

Doch Lüders beruft sich auf Interviews aus seriösen Zeitungen, wie Washington Post und Haaretz …

Die Washington Post veröffentlichte am 19.Januar 2016 einen Artikel, in welchem Israels Verteidigungsminister Moshe Ya’alon mit folgenden Worten zitiert wurde:

 

“If I had to choose between Iran and ISIS I’d choose ISIS … Israel shared common interests with the regional Sunni Muslim powers, who were also threatened by the Shia Muslim Iran.”

 

Die israelische Tageszeitung Haaretz berichtete am 31.Oktober 2014 über einen IDF Offizier (Name unbekannt), der dem West vorwarf es sei ein Fehler ISIS zu bekämpfen.

Seine Begründung war folgende: 

 

"A strange situation has been created in which the United States, Canada and France are on the same side as Hezbollah, Iran and Assad. That doesn't make sense".

 

 Etwas Schmunzeln musste ich, als Lüders positive Worte über das Wirken protestantischer Missionare im Libanon schreibt. Anders als die französischen und britischen Kolonialherren hätten Missionare die arabische Sprache wertgeschätzt.

Arabisch wurde sogar als Unterrichtssprache in christlichen Universitäten verwendet.

Gehört hatte ich schon davon, dass es Pläne gibt eine weitere Pipeline im Nahe Osten zu bauen.  Dass diese Pipeline ein wichtiger Grund ist das Assad-Regime zu stürzen, war für mich überraschend neu. Das Assad-Regime steht dem Bau einer Pipeline im Weg. Die Pipeline soll, ausgehend von Saudi-Arabien, durch Syrien verlaufen. 

Beruflich bin ich für ein evangelisches Hilfswerk tätig. Fast täglich habe ich Kontakt mit Christen in Syrien - auch aus Aleppo. Deren Erzählungen aus Aleppo klingen anders, als dass was ich in den öffentlich-rechtlichen Medien höre.

Lüders Buch hat viele meiner Beobachtungen zu Syrien bestätigt. Die westlichen Medien haben ein gesellschaftliches Konstrukt Syriens geschaffen, dass es so nicht gibt. Es gibt de facto keine säkulare syrische „Opposition“. Jeder Syrer hängt einer Konfession an.    

Wenn in Ost Aleppo „Rebellen“ kämpfen, dann sind das meist Dschihadisten, die von Saudi-Arabien finanziert werden. Die Raketen aus Ost Aleppo treffen dann Kinder in West Aleppo. Der Westen unterstützt und hat Empathie für die Rebellen - wie diese Doku zeigt.

Leider haben dieses „Freiheitskämpfer“ eine antidemokratische, antiemanzipatorische, antifeministische und antisäkulare Agenda. 

Es wird sicherlich in Zukunft spannend bleiben unterschiedlichen Quellen der Berichterstattung zu Syrien zu verfolgen

 

Jede Analyse der Situation bleibt subjektiv

Natürlich muss auch Lüders Analyse kritisch gesehen werden. Es fehlt an einer Kritik der Hisbollah und des Irans. Der Iran ist ein Regime, dass Homosexuelle foltert und ermordet. Die Hisbollah ist eine militante Gruppierung, die das Existenzrecht Israels in Frage stellt. Es ist nicht Thema seiner Analyse doch sollte es wenigsten erwähnt werden - allein wegen der Leser, für die die Thematik neu ist.

Fraglich bleiben auch Lüders CIA Hintergrundinformationen zu Putschversuchen. Wie weit Michael Lüders hier Einblick hat, kann ich nicht beurteilen. Ob es Waffenlieferungen der CIA aus Ghaddafis Bestand in Lybien nach Syrien gab, weiß ich nicht. Hier bleibt für mich ein großes Fragezeichen. 

Ich habe im Nahen Osten interessante, begabte und kreative Menschen kennengelernt. Es tut mir weh zu sehen, dass diese Region im Chaos versinkt. Dadurch wird viel Potenzial verschenkt.

Ich möchte mein menschlich Mögliches tun, um in dieser Region Friedensstifter zu sein.

Doch gegenüber dem Leid bin ich ohnmächtig.

Die Lektüre von Die den Sturm ernten hat mir gezeigt, dass wir gar nicht genug für den Orient beten können.

 

„Betet für uns. Wir sollten nie die Kraft des Gebetes unterschätzen.“

 

Vater Emanuel, Assyrischer Geistlicher aus dem Irak.

 

Als Nachwort ein besonderes Extra:

Der C.H.Beck Verlag hat mir noch ein weiteres Buch für eine Verlosung zur Verfügung gestellt.

Teilnahmebedingungen: Du schreibst unter dieser Rezension einen Kommentar mit einem Link des Artikels zum Syrienkonflikt, der deine Meinung zum Thema am meisten beeinflusst hat; außerdem sollte ein Satz dazu stehen, was an dem Artikel so überzeugend war.

Desweiteren müssen deine Kontaktdaten in irgendeiner Weise erkenntlich sein. Heute in einer Woche (am 23.08.) werde ich durch einen Onlinezufallsgenerator eine Gewinner aus allein Teilnehmern ziehen und mich bei der oder demjenigen melden.

Drauflos tippen!

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Kommentare: 2
  • #1

    Moritz Gräper (Mittwoch, 16 August 2017)

    Danke für die Rezension. Ich würde mich freuen, dass Buch zu gewinnen ;-)
    Bei der Flut an Reportagen und längeren Stücken, die mich bewegt, gut informiert oder meine Meinung verändert haben, war es schwer einen Artikel zu identifizieren. Aber ich habe mich für diese Geschichte entschieden, die davon handelt, wie ein Graffito am Anfang der Auslöserkette für den Syrienkrieg steht: http://www.jetzt.de/politik/krieg-in-syrien-naief-abazid-spruehte-das-grafitti-gegen-assad-mit-dem-der-aufstand-begann

    Marcus hat meine Kontaktdaten, falls ich Losglück hab :-)

  • #2

    Judith (Mittwoch, 16 August 2017 20:21)

    Yes, hab auch Interesse an dem Buch - auch wenn ein paar Fragen offen bleiben trotz der vermeintlich guten Rezension (weiß man dann ja erst nach dem selber-lesen ;-) ).
    Hab letztens ein interessantes Interview gelesen bei democracynow mit einem über den Syrienkonflikt, die Sichtweise des Lüders hat mich da ein bisschen dran erinnert. Ist jetzt nicht DER Artikel über die Hintergründe, jedoch dennoch interessant. Hier der Link: https://www.democracynow.org/2017/5/3/journalist_anand_gopal_the_sheer_brutality

    Marcus hat meine Daten, bin die Schwester .... ;)