gelesen & geschätzt (Juli 2017)

Die US-amerikanischen Philosophen Hubert Dreyfus und Sean Kelly

versuchen jedem Moment einen Sinn zu geben, und dadurch dem Leben.

Leider scheitern sie an der Beschaffenheit der Seele.

 

Wie wir dem Moment Sinn geben

 

Rezension zu: Dreyfus, Hubert & Sean Dorrance Kelly, Alles, was leuchtet. Wie große Literatur den Sinn des Lebens erklärt, Berlin: Ullstein 2014

 

Vorbemerkung: Für diese Rezension hat mir der Verlag ein kostenloses Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Dafür danke ich herzlich. Meine Bewertung ist davon unbeeinflusst geblieben.

 

Vor wenigen Monaten geisterte ein „Spoken Word“ Gedicht durch die deutschen Ecken des Internets. Die Psychologiestudentin Julia Engelmann hatte mit Wortwitz und dem richtigen Maß von Bescheidenheit und Nachdenklichkeit einen Nerv in der Generation Y getroffen:

Die stellt die Frage nach dem Sinn des Seins.

Weniger Heideggerisch ausgedrückt vielleicht – dem Sinn des Lebens.

Und Julias Antwort ist denkbar einfach gesagt und ebenso schwierig getan: das Leben in vollen Zügen genießen.

Meine Generation im Westen plagt sich mit einem ebenso nagenden wie faszinierenden Problem herum: die Fülle unserer Möglichkeiten, der Reichtum und dadurch die Chance, jeden Traum zu verwirklichen, lässt uns häufig hoffnungslos überfordert zurück.

Wir wollen „hart arbeiten und hart spielen“, und brauchen doch eine Erinnerung, das Leben in vollen Zügen zu genießen.

Vielleicht ist die Frage nach dem Sinn des Lebens – der tieferen, metaphysischen Dimension hinter dem, was wir spielerisch unser Leben nennen – nur eine, die sich noch die grüblerischen Individuen stellen; vielleicht braucht man einen gewissen Hang zur Schwermütigkeit, um sich dieser Frage zu stellen. Und vielleicht muss man sich auch hin und wieder anhören, dass man die Dinge überdenkt. Aber vielleicht lohnt es sich auch.

Hubert Dreyfus, altgedienter Philosoph und Kulturkritiker aus den USA hat mit seinem Schüler Sean Kelly ein Buch geschrieben, in dem er dem Sinn des Lebens auf die Spur kommen will. Das Buch ist nicht als religiöses Pamphlet gedacht, in dem die Antwort vor der Frage feststeht. Beide sind keine sonderlich religiösen Personen – zumindest nicht, wenn man klassisch-orthodoxe Positionen dafür in die Waagschale wirft. Aber immerhin – sie sind sensibel genug dafür, diese Frage zu stellen und sich ihrer Antwort zu stellen.

 

Das Wurzelproblem und die Lösung

Der Untertitel der deutschen Ausgabe ist etwas missverständlich. Wer von „großer Literatur“ spricht, und dabei jedes Werk der Mehrheitswelt außer Acht lässt, dem darf man im besten Fall noch einen latenten Kulturimperialismus vorwerfen. Dreyfus und Kelly untertiteln ihr englisches Werk deswegen auch mit „western Classics“ und sind dadurch deutlicher, was ihr Fokus ist.

Denn natürlich handelt es sich bei ihrer Auswahl um eine subjektive. Anders wäre es bei weniger als 350 Seiten auch gar nicht möglich.

Dabei dient ihnen das Werk des US-amerikanischen Schriftstellers David Foster Wallace als Ausgangspunkt, um das Gefühl der Sinnlosigkeit in unserer Zeit zu beschreiben. Nun kann man Wallace sicher eine gewisse Schwermütigkeit vorwerfen, einen Pessimismus, der auch und sicher zu einem großen Teil mit seiner Krankheit zu tun hatte, an der er schlussendlich auch erlegen ist.

Und doch ist Wallace zu einem gewichtigen Sprachrohr seiner Generation geworden. Wenige Autoren haben es geschafft, die düsteren Seiten unseres Lebensgefühls besser auf den Punkt zu bringen. Sein Meisterwerk vom „unendlichen Spaß“ ist so grauenerregend wie packend.

Wallace beschreibt den Menschen als eine Figur des Willens. Dreyfus und Kelly resümieren:

 

„Das ist der Kern jener Lektion, die Wallace uns erteilen wollte: Uns steht die Entscheidung offen, die Welt als heilig und sinnvoll zu erleben – indem wir uns Mühe geben und zu einer bewussten Willensanstrengung bereit sind.“ (S. 68)

Wallace macht das sinnvolle Leben zu etwas unendlich Anstrengendem; etwas, das Mühe und Durchhaltevermögen braucht; etwas, für das wahrscheinlich die wenigsten stark genug sind. Deswegen amüsieren wir uns zu Tode.

Aber Dreyfus und Kelly wollen es dabei nicht belassen. Denn sie finden diesen Wallace’schen Nihilismus zwar schon früh in der westlichen Literaturgeschichte wieder; gleichzeitig finden sie aber auch das Gegengift nicht später als beim griechischen Dichter Homer. In einer Art der Ent-mystifizierung versuchen sie, dem griechischen Geist der olympischen Götter zu einem Comeback zu verhelfen. Sie beschreiben das so:

 

„Aber es steht außer Frage, dass Homer die Götter beschwört, um seinen Eindruck erklären zu können, dass ein entscheidender Aspekt menschlicher Vortrefflichkeit von außerhalb des Selbst bezogen wird. Ein Gott ist in Homers Terminologie eine Stimmung, die uns auf das Bedeutsame einer Situation vorbereitet und uns ermöglicht, spontan und ohne nachzudenken angemessen darauf zu reagieren.“ (S. 127)

 

Dreyfus und Kelly bedauern, dass wir diese direkte Verbindung zur Bedeutsamkeit verloren haben. Das Christentum ist für sie nicht unschuldig daran. Aber Hoffnung finden sie an vielen Stellen der Literatur und ermutigen so, durch das Lesen die Fähigkeit zurückzuerlangen, die uns seit den alten Griechen verloren gegangen ist.

 

Die Bedeutung des Kairos – der richtigen Moments.

Alles was leuchtet ist ein faszinierendes Buch, weil es so radikal subjektiv ist. Trotz – oder gerade wegen – der Belesenheit der Autoren fühlt sich das Buch mehr wie eine Nähkästchenplauderei an, ein Gespräch bei zu viel Wein mit einem angemessenen Maß an Wertschätzung. Interessanter Weise erklären die Autoren ihre Auswahl an Literatur nicht. Weder kommen die Reformatoren in ihrer Rechnung vor, noch ein großer Teil der Literatur der Aufklärung. Wir finden die Griechen und das Christentum bis zum Mittelalter. Und Herman Melville mir seinem weißen Wal, dem sie eine fast offenbarungsgleiche Stellung im Literaturkanon einräumen.

Die christliche Tradition hat ein Wort für Momente, deren Bedeutung weit über sie hinausreicht. Hier werden solche Momente mit dem griechischen Wort Kairos bezeichnet. Anders als Chronos, das auch mit „Zeit“ übersetzt werden kann, beschreibt der Kairos keinen Zeitabschnitt, keine Quantität der Zeit, sondern ihre Qualität. Dabei steht der Kairos nicht nur für den richtigen Moment,

den Moment der leuchtet,

sondern für den Moment Gottes.

In der christlichen Tradition wird der günstige Moment, die Bedeutung des Augenblicks, nicht durch die Empfindung des Menschen bestimmt, sondern durch Gott außerhalb des Menschen. Es lässt den Vertrauenden entspannter zurück: denn die Sinnhaftigkeit des Moments

- wenn man so will, das Leben in vollen Zügen genießen –

wird nicht von meiner Fähigkeit bestimmt, diese Bedeutsamkeit wahrzunehmen.

Kairos – das ist der Moment der Erlösung in Kreuz und Auferstehung (Röm 5,6)

Kairos – das ist der Moment des Einbruchs von Gottes Wirklichkeit in unsere Realität (Mk 1,15).

Stellt man Dreyfus und Kelly als Monument des Wunsches nach einem Sinn um Leben, nach erfüllenden Momenten auf, kann man erkennen, dass sie sich weder von der Dringlichkeit, nicht von der Gewichtigkeit von Wallace Ansatz entfernt haben. Dreyfus und Kelly mögen den Wallace’schen Nihilismus ablehnen, aber einen bedeutend anderen Weg finden sie nicht, dem Moment Sinn zu geben: auch bei ihnen findet die Beschaffenheit in unsere Seele einen Weg nach außen: bei Wallace ist es der Wille, bei Dreyfus und Kelly ist es die Stimmung.

Der Kairos des Christentums steht dem gegenüber: als ein Moment, dem von außen, von Gott seine Bedeutung gegeben wird.

Das eine legt mir alle Last auf,

das andere befreit mich zu atmen.

 

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Dreyfus und Kelly sind gelehrte Männer, belesen und mit einem gewissen Witz und Charme ausgestattet, die dieses Buch kurzweilig machen. Man sollte wohl auch ihren Überblick über Geistesgeschichte und Literatur im Westen nicht unterschätzen.

Nur dem Buch überzeugt mich nicht; die Last ist mir zu schwer, an jedem Tag zu tragen. Mehr noch denke ich wehmütig an Jörg Lausters Die Verzauberung der Welt zurück, und dem christlichen Ringen nach einer Verarbeitung von Gottes Transzendenzüberschuss.

Wenn ich dem Moment keinen Sinn abzuringen vermag,

wer gibt ihn mir?

 

Soviel für heute,

 

Marcus-B. Hübner

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