gelesen & geschätzt (Juni 2017)

Nora Bossong und Anna Basener, zwei mehr als gebildete Literatinnen,

setzen sich schreibend mit dem Phänomen der Prositution auseinander.

Unterschiedliche Genres und Ergebnisse, aber Grund genug für mich, die Werke zu lesen.

 

Die Intellektualisierung des ältesten Gewerbes der Welt

 

Rezension zu: Basener, Anna, Als die Omma den Huren noch Taubensuppe kochte, Frankfurt/Main: Eichborn 2017

Und

Bossong, Nora, Rotlicht, München: Carl Hanser 2017

 

Vorbemerkung: Zu dieser Rezension habe ich Rezensionsexemplare von beiden Büchern erhalten; sowohl dem Carl Hanser Verlag, als auch dem Eichborn Verlag möchte ich dafür sehr herzlich danken. Meine Bewertung ist davon unberührt geblieben.

Zweite Vorbemerkung: Da sich diese Rezension gleich mit zwei Büchern auseinandersetzt, wird sie im Umfang etwas länger als gewöhnlich sein; das macht auch die Tragweite und Sensibilität des Themas nötig. Ich habe versucht, mich so kurz zu fassen, wie ich es mit diesen Büchern irgendwie konnte.

 

Es kann nicht leicht sein, dieser Tage sein sexuelles Erwachen zu erleben. Wie alt man dabei auch sein mag – gerade in die Teenager-Jahre gekommen, oder zu alt, um seine Unerfahrenheit noch zugeben zu können: Menschen in Westeuropa fehlt heute ein Mittel, eine metaphysische Bedeutung von Sex – vom Akt, wie auch von der eigenen Orientierung, von Lust und Erotik und dem feinen Unterschied zwischen beidem – noch wirklich festzumachen.

Unserer Elterngeneration dürfen wir dafür danken, den Sex aus der Schmuddelecke herausgeholt zu haben. Dem Internet gehört die fragwürdige Ehre, unsere Aufklärung zu einem gewichtigen Teil gestaltet zu haben: und wenn es dabei nicht um Verhütung ging, dann doch zumindest um Spielarten und -wiesen und eine wachsende Fantasie und Anforderung, wie das eigene Sexualleben auszusehen hat.

Wie wichtig der Sex für unsere Vorstellungen von einem freien Leben ist merkt man, wenn man sich die hitzigen Diskussionen zum Thema Prostitution betrachtet, die in unseren Tagen auf allen verfügbaren Kanälen ausgetragen werden. War es vor einigen Jahren noch ein untrügliches Zeichen einer ethisch-progressiven Gesinnung, Prostitution milde-lächelnd als „ältestes Gewerbe der Welt“ zu bezeichnen und dem rot-grünen Prostitutionsgesetz eine Laudatio zu halten, sind die Fronten in unseren Tagen merkwürdig zickzackförmig.

Denn so einfach ist das mit der Freiheit gar nicht, auch nicht in der Frage nach käuflichem Sex. Wo meine Freiheit beginnt, da kann die der anderen beteiligten Person nicht nur unterdrückt sein, sondern faktisch im Grunde nicht vorhanden.

In dieser Atmosphäre haben sich zwei Frauen darangemacht, sich dem Phänomen Prostitution in unserer Zeit und unseren Breitengraden zu widmen. Die eine – Nora Bossong – ist eine etablierte Schriftstellerin und Journalistin und schreibt mit Rotlicht einen philosophisch angehauchten Enthüllungsbericht aus der Szene. Die andere – Anna Basener – legt mit Als die Omma den Huren noch Taubensuppe kochte einen Debütroman vor, der weithin gefeiert wird.

 

Zwei Bücher zu zwei Themen

Beide Bücher haben entsprechend von den Ausgangswerten wenig gemeinsam. Sie an dieser Stelle gemeinsam zu rezensieren hat mit einer winzigen Frage im Kontext der Leipziger Buchmesse zutun: Anna Basener las dort charmant und kokett aus ihrem Roman und wurde im anschließenden Interview auf Nora Bossongs Buch angesprochen, das auf der Buchmesse allgegenwärtig schien. Der in der Antwort enthaltene Dissens zum Thema „Prostitution“ war dieser Idee einer Doppelrezension Geburtshelfer.

Diese Autorin im Doppelgespann meiner Rezension hat mit Als die Omma den Huren noch Taubensuppe kochte einen Debütroman vorgelegt, der sich durchaus sehen lassen kann. Dabei bringt sie auch Erfahrung mit, wenn es um das Veröffentlichen von Texten geht: sie war eine der erfolgreichsten Autor*Innen im Bereich des Groschenromans – eine Tätigkeit, die ihr das Studium finanzierte.

Der Roman dreht sich um zwei Protagonistinnen: Bianca, die in Berlin-Kreuzberg wohnt und vergeblich versucht, durch das Gestalten und Herstellen von anspruchsvoller Unterwäsche über die Runden zu kommen; außerdem noch Biancas Großmutter – liebevoll „die Omma“ genannt – eine ehemalige Hauswirtschafterin in einem Bordell im Ruhrpott und nun Mitbesitzerin eines Hotels. Losgetreten wird die Geschichte durch den Tod der „Mitzi“, Großmutters bester Freundin und ehemalige Prostituierte in ihrem Bordell.

Die Geschichte dreht sich dann vor allem darum, dass die „Omma“ bei ihrer Enkelin einzieht, dass der Todesfall „der Mitzi“ sich alles andere als natürlich darzustellen scheint, und dass auf einmal alle möglichen liebenswerten oder furchtbaren Figuren durch Biancas Wohnung stromern.

Der Roman lebt eigentlich weniger vom Spannungsbogen der Geschichte, als mehr vom skurrilen Charme der beiden Protagonistinnen. Wahrscheinlich wären beide alleine keine Erwähnung wert; das Buch ist zu kurz, um ihnen eine wirkliche Persönlichkeit zu geben, die über Stereotype hinausgeht:

hier die überforderte GenYlerin, die ihr Leben nur so halbwegs auf die Reihe bekommt, dabei aber rotzfrech bleiben kann und irgendwie auch reizend dabei wirkt.

Dort die in die Jahre gekommene Bordsteinschwalbenkönigin, die sich den Mund nicht verbieten lässt, und in reizender Mundart spricht, die sich auch im Titel des Buches findet. Und dazwischen eine Millionen Brieftauben, die irgendwie fehl am Platze wirken, aber das ist wahrscheinlich beabsichtigt, da das im Ruhrpott auch so ist.

Zusammen funktionieren diese Figuren miteinander, und die bei Hipstern so beliebte Ironie der Geschichte tut ihren Rest, um das Lesevergnügen durchaus kurzweilig zu gestalten.

Ganz anders Noras Erfahrungsbericht. Ausgangspunkt des Buches ist der Mangel an Betrachtungen, die aus weiblicher Sicht über das „älteste Gewerbe der Welt“ berichten, und nicht als Anbieter, sondern als Kunde darinsteht. Dessen will Nora Bossong Abhilfe schaffen und begibt sich deswegen immer tiefer in ein in „das Geschäft mit [der Erotik]. [Denn d]ieses ist nicht älter geworden, sondern optimiert worden: kaum noch in Seitenstraßen oder Hinterhauswohnungen versteckt, sondern jederzeit und überall online abrufbar und ganz und gar auf die Wünsche der Kunden ausgerichtet.“ (S.12). Dabei führt sie ihre Beobachtung Schritt für Schritt tiefer hinein. Denn als Problem definiert Nora schon zu Anfang die fast ausschließliche Maskulinität des Klientels (vgl. S.13 u.a.). Aber sie, als aufgeklärte Philosophin des 21. Jahrhunderts, sie startet das Projekt nach eigenen Aussagen als „eine mir reizvoll erscheinende Erkundung der Libertinage, vielleicht sogar, um mich selbst als hip und freizügig zu profilieren […]. Doch je weiter ich ging, je mehr Menschen ich traf und sprach, desto mehr verging mir das Lachen.“ (S. 234).

Hier haben wir einmal einen Roman, rotzig und sarkastisch wie die jugendliche Gegenwartsliteratur nun einmal ist; und einen Bericht aus den Tiefen des Rotlichtmilieus.

 

Die Frage ist, wie das mit dem käuflichen Sex eigentlich ist.

Für eine pluralistische Gesellschaft entzünden sich bei der Frage nach käuflichem Sex vor allem drei Fragen. Zuerst stellt sich die Geschlechterfrage, zum anderen die Freiheitsfrage, und zum dritten die moralische Frage.

Anders ausgedrückt stellt sich zuerst die Frage, in wie weit es sich bei dem System von käuflichem Sex um eine Methode der systemischen Unterdrückung handelt; es stellt sich außerdem die Frage, in wie weit es sich bei der Kopulation um ein grundlegendes Recht des Menschen handelt; und zum Schluss stellt sich die Frage, was Sex in seinem Wesen eigentlich sein darf. Alle drei Fragen werden von den Büchern auf unterschiedliche Weise aufgegriffen und auch beantwortet. Es ist wichtig, diese wichtigen Aspekte der Bücher zu bedenken, wenn man sich an die Lektüre macht.

 

I.                     Die Geschlechterfrage

Nora Bossong spricht schon zu Anfang ihres Buches eine unangenehme Wirklichkeit an, die sie auch sonst nicht müde wird, zu betonen: die erst und eigentlich einzige Zielgruppe der Prostitution in Persona und virtuell sind Männer. Das heißt nicht, dass es nicht vereinzelt Frauen gibt, die sich sexuelle Dienstleistungen erkaufen, und auch Pornographie immer vermehrter in weiblichen Kreisen Einfluss nimmt.

Gleichzeitig scheint es damit verschwindend gering zu sein.

In Anna Baseners Buch schein Prostitution auch ein einzig weibliches Phänomen zu sein; weder spielen gleichgeschlechtliche Beziehungen eine Rolle, noch scheint der sprichwörtliche „Stricher“ im Milieu aufzutauchen. Mehr noch wird die Geschichte der Mitzi in weiterhin rotzigem Tonfall aber nicht minder mitfühlend durchaus als eine Geschichte eines Missbrauchs erzählt, der immer weitere Kreise zieht: der Anfang von Mitzis Geschichte ist die Unterdrückung, der Klimax des geschundenen Selbstwerts liegt im einer Situation des gewaltsamen Aneignens ihres Körpers durch einen Mann.

Doch Anna Basener macht es sich nicht so einfach mit dieser Frage. Denn die von ihre dargestellten Prostutuierten mögen hineingerutscht sein in die Szene, mögen nicht die besten Startvoraussetzungen im Leben haben, aber sind doch selbstbewusst und -reflektiert genug, um diese Art der Arbeit durchaus selbstgewählt nachzugehen. Tatsächlich ist die einzige Stimme, die mit einer feministischen Stimme wie die der „Emma“ in diesem Buch auftritt, die von Biancas anfänglicher Mitbewohnerin. Die ist aber so nervtötend, so wenig intelligent in ihrer Argumentation, dass man um den folgenden Auszug der Mitbewohnerin aus WG und Roman im Grunde nicht böse ist.

Überhaupt ist das so eine Schwierigkeit mit Anna Baseners Buch. Wo sich argumentativ mit dem Phänomen Prostitution auseinandergesetzt wird, da sind auf der kritischen Seite nur hysterische Berufsprotestierer, spitzböckische Kriminalkommissare und doppelmoralische Priester. Mit fehlt in dem Buch eine Figur, die bodenständig und vorurteilsfrei, aber dennoch kritisch ist; jemanden, den man sympathisch finden kann, und die dennoch Probleme mit der Prostitution als Institution und der gegenwärtigen Realität in Deutschland benennen darf.

 

II.                   Die Freiheitsfrage

Viel wichtiger, natürlich, ist die Freiheitsfrage. Basener und Bossong sind sich darüber einig, dass eine ausgelebte Sexualität zu einem erfüllten Leben gehört. Dabei geschieht Nora Bossongs tiefste und einleuchtendste Introspektion im ganzen Buch vor allem beim Besuch einer Tantra Massage, die sie spannend übertitelt hat mit „Suche nach der weiblichen Lust.“ Anna Baseners Roman wird an den Punkten irgendwie doch noch reflektiert und irgendwie dialogisch, als die Protagonistin sich selbst mit der Frage konfrontiert sieht, ob sie sich selbst in die Prostitution hineinbegeben sollte – ob das Auskommen dort nicht besser wäre, aber auch, was es mit ihr und ihrem Selbstbild machen würde.

Es ist nicht unwichtig zu sehen, dass beide Bücher diese Frage nach der eigenen Freiheit und der Freiheit meines Gegenübers nicht letztlich klären können.

Weder kann Nora Bossong leugnen, dass es Menschen gibt, die sich bewusst und freiwillig in dieser Art der Arbeit begeben; noch kann sich Anna Basener ganz verkneifen, auch die tieferliegenden – wenn ihr so wollt: seelischen – Einflüsse des monetarisierten Aktes zu ergründen. Dass es sich bei „Sexarbeit“ um eine Arbeit wie jede andere handelt, das kann auch sie nicht ganz glaubhaft machen; wohl auch nicht sich selbst gegenüber.

 

III.                 Die moralische Frage

Daran schließt sich dann auch die wichtigste Frage an: die moralische Frage. Denn Sexualität von Moral zu trennen, das ist bis heute niemandem gelungen. Gerne wirft man sich in diesen Fragen gegenseitige Unmoral vor. Freilich muss man beiden Autorinnen zugestehen, dass sie in der Frage nach Freiheit von Sexualität, von Promiskuität und den Grenzen dessen, was schicklich ist, sicher keine konservativen sind, keine Moral- und Sittenwächter.

Aber es ist doch bezeichnend, wie sensibel beide die Thematik mit der Selbstwahrnehmung verbinden. Anna Basener lässt ihre Protagonistin in eine tiefe Sinnkrise stürzen, als sie sich fragen muss, ob sie sich vielleicht Prostituieren sollte; Nora Bossong such bei allen Interviewpartnern und Etablissements nach dem Kern der Sache.

Die Bücher lassen so unvermittelt an den US-amerikanischen Philosophen Michael Sandel denken, der in seinem Buch Was man für Geld nicht kaufen kann darauf hingewiesen hat, dass der Markt und seine Mechanismen immer einen Einfluss haben auf das Ziel und damit das Wesen einer Sache, sobald sie daran herangelassen werden.

Bezahlt man Menschen für das Lernen und Lesen, wird es für sie Aufgabe, und nicht mehr Selbstzweck.

Bezahlt man Menschen für Krieg, wird der Kampf von wirtschaftsinteressen geleitet, nicht von der Frage nach Gerechtigkeit.

Bezahlt man Menschen für Organspenden, dann ist das Ziel der persönliche Gewinn, nicht mehr die Erhaltung des Lebens und das altruistische Ideal der „Nächstenliebe“.

Bezahlt man für Sex, dann…

Wollen wir uns etwa einreden, dass bei diesem intimsten Akt unserer Fähigkeit zu Lieben und uns selbst zu verschenken, der Markt keinen Einfluss haben kann, den Akt nicht im Wesen verändert, wenn er dort hineingelassen wird?

Sowohl Nora Bossongs Beobachtungen, als auch Anna Baseners Fiktion sprechen diese Sprache, sind wohl unvermittelt und unbewusst von Michael Sandel beeinflusst; zumindest kommen sie zu den gleichen Ergebnissen.

Und diese Beobachtung ist unendlich wichtig für unsere gegenwärtige Debatte zum Thema.

 

Fazit

Für mich stellt sich am Ende immer die Frage, ob ich ein Buch für empfehlenswert halte. Mit diesen beiden Büchern halte ich es so:

Anna Baseners Debütroman lässt ihre Fähigkeit als Autorin erkennen, und macht durchaus Lust, in Zukunft mehr zu lesen. Die ironische Behandlung der Thematik, die dem Buch anhaftet, schon auf Grund des hippen Faibles für „Eierlikör und Kitsch, Trash“, wie sich die Autorin im Klappentext beschreiben lässt, macht es aber anstrengend, irgendetwas in dem Buch eigentlich als wirkliches Plädoyer zu lesen. Zumal die Darstellung der Figuren nicht ausgewogen ist, und entsprechend nur die Person das Buch als Plädoyer lesen kann und will, dem es unter Umständen die Meinungsstange hält. Empfehlenswert ist es sicher für jeden, der oder die sich für die gegenwärtige und zukünftige deutsche Literatur interessiert. Denn hier wird man von Anna Basener sicher wieder hören können.

 

Nora Bossongs Buch ist von hohem literarischen und intellektuellem Wert. Der Ausgangspunkt und das Ende driften offensichtlich weit auseinander, sodass eine Entwicklung auf dem Wege bei der Autorin wahrnehmbar ist, der sich auch auf die Lesenden überträgt. Wer sich von einer feministischen und intellektuellen Perspektive mit dem Phänomen Rotlicht und Prostitution befassen will, der wird in Nora Bossongs Buch ein Füllhorn von Gedanken, Eindrücken und Reflektionen finden. Der Natur des Buches ist es dabei geschuldet, das die Autorin auch graphisch werden muss; eine Abstraktion der Thematik wäre unangebracht gewesen. In diesem Sinne ist das Buch nichts für schwache Nerven oder sensible Gemüter; empfehlenswert ist es allemal für jeden und jede, die sich die Lektüre zutrauen.

 

Soviel für heute,

Marcus-B. Hübner

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