gelesen & geschätzt (Mai 2017)

Anthony Doerrs Roman All the Light we cannot See hat eines nicht mehr nötig:

noch mehr Lobhudeleien, als es bis jetzt schon eingesackt hat.

Ich reihe mich trotzdem ein, weil mir selten ein schöneres Buch untergekommen ist.

Irgendwo hier muss Zauber sein.

Rezension zu: Doerr, Anthony, All the Light we cannot See. A Novel, London: Fourth Estate 2014

 

Der Ökonom und Soziologe Max Weber ist mitunter bekannt dafür, die eindrucksvolle Phrase der „Entzauberung der Welt“ geschaffen zu haben. Mit der Phrase, die ihre Wurzeln tief im Fortschrittsglauben des beginnenden 20. Jahrhunderts hat, beschreibt er die Geheimnislosigkeit einer Welt, in der sich vermutlich alles berechnen ließe. Was in vormaligen Zeitaltern durch den Verweis auf höhere Mächte erklärt wurde, oder werden musste, lässt sich heute berechnen. Nicht, dass man alles weiß will Max Weber für diese westliche Welt der Rationalität postulieren, aber dass man alles wissen kann.*

Die jüdische Philosophin Hannah Arendt ging an einem Tag durch Athen, und konnte sich an der uralten Schönheit gar nicht satt sehen. Sie schreibt in einem Brief an Ehemann Heinrich Blücher: „[E]ine Woche in Athen, aber wie soll ich schreiben? Wirklich blind vom Sehen und wusste nie, welche Seligkeit im Augen-Haben liegt.“ (Arendt, Hannah, Wahrheit gibt es nur zu Zweien. Briefe an die Freunde, Hg. Ingeborg Nordmann, München: Piper 2015, S.184)

In den Aussagen Arendts finde ich eine gewisse Gleichgültigkeit wieder, die auch mich beschleichen will, wenn ich durch die Welt und Gesellschaft streiche: eine Gleichgültigkeit, die mit der Entzauberung der Welt zusammenhängt. Wenn sogar unsere intimsten Beziehungen auf die Gehirnchemie zurückzuführen sind, dann fehlt unserem Leben eine wichtige Komponente.

Und diese Komponente ist die der verzauberten Welt.

Und sie hängt, nicht wenig, mit der Art und Weise zusammen, wie wir diese Welt und unsere Umgebung sehen wollen.

Wie Jesus von Nazareth immer wieder sagte: „Wer Ohren hat zu hören, der höre.“ (Mt 11,15 u.a.)

Diese beiden Gedanken sind ein wichtiges Rückgrat, um Anthony Doerrs Überraschungserfolg All the Light we cannot see (dt. Alles Licht, das wir nicht sehn, C.H. Beck 2015) wirklich zu verstehen. Der Roman, für den der Autor 2015 den berühmten und wichtigen Pulitzer Preis in der Kategorie „Fiction“ gewonnen hat, hat auf der US-amerikanischen Seite des Buchhändlers Amazon knapp 27.000 Rückmeldungen erhalten, 72% davon mit den begehrten fünf Sternen.

Preisverwöhnt, geliebt und weithin wahrgenommen.

Was hat es mit diesem Buch auf sich?

 

Eine Geschichte wie keine Zweite

Zwei Dinge geben dem Buch einen Charme, dem nur schwerlich zu entkommen ist.

Da ist zum einen die sanft-fließende Geschichte, die zuckersüß ist, obwohl sie in der düstersten Historie des letzten Jahrhunderts angesiedelt ist.

Da ist zum einen Marie-Laure, Tochter einen Schlossers, der am Naturkundlichen Museum in Paris arbeitet. Zu Beginn der Geschichte verliert sie ihr Augenlicht, und lebt so nur noch mit der Erinnerung an einer Welt, in der Farbe Realitäten, nicht nur Vorstellungen waren.

Und dann ist da noch Werner, ein Waisenkind aus dem Ruhrpott, der eine besondere Begabung für alles technische und die Mathematik hat.

Und dann bricht der zweite Weltkrieg aus.

Werner wird eingezogen, weil seine Fähigkeiten für die Nationalsozialisten von Interesse sind. Marie-Laure flieht mit ihrem Vater in das entlegene Städten Saint-Malo.

Die eigene Schönheit der Geschichte liegt im sich ständigen drehen der Personen umeinander, ohne dass sie sich auch nur jemals begegnet wären. Tatsächlich liest man mehr als zwei Drittel des Buches, bevor überhaupt eine Bewegung zwischen Werner und Marie-Laure stattfindet. Die Geschichte verläuft eher in kreisenden Bewegungen umeinander, ohne dass man um seinen eigenen Mittelpunkt weiß.

Hineingewoben ist da hinein noch die Geschichte um einen Diamanten, der von einem fanatischen Nationalsozialisten gesucht wird. Diese Nebengeschichte verleiht der ganzen Narrative noch eine eigene Dynamik und Spannung, ist aber nicht unbedingt bedeutend für den Wert des Buches.

 

Keine Perfektion, aber stellenweise poetisch

Eine Erkenntnis gibt dem Buch einen Charme, dem schwerlich zu entkommen ist. Wobei der Einstieg in das Buch nicht leicht ist. Für die ersten 20-30 Seiten muss man sich zwingen, dem Buch eine Chance zu geben, denn der Einstieg wirkt sehr abrupt, die Figuren werden mitten in ihrem Leben eingeführt, und man muss sich zuerst zwingen, sie zu schätzen.

Allerdings steigt aus den Sätzen und aneinander gereihten Worten eine Frage auf: die nach der Schönheit der Welt, und unserem Erfahrungsspielraum. All the Light we cannot see straft alle solche Argumente lügen, die Schönheit herunterbrechen wollen auf Sinneseindrücke. Denn dieses Buch muss ohne das zentralste Sinnesorgan für Ästhetik auskommen – das Augenlicht. Wie entdeckt man Schönheit, wenn man sie nicht sehen kann – wenn die Ohren durch Bombenlärm unbenutzbar werden. Wie der Baum, der geräuschlos im Wald umfällt, wenn niemand da ist, der ich hört, stellt Doerrs Buch seinem Leser die Frage, ob Schönheit existieren kann, wenn man sie nicht nach klassischen Methoden wahrnehmen kann.

Schönheit, dieses undefinierte Wort; dieses Konzept, das wir alle unmittelbar wahrnehmen, es wird in diesem Buch an seine Grenzen geschrieben, ohne dabei in das post-struktualistisch Absurde geführt zu werden, wie es zB Jeanette Winterson so meisterhaft versteht. All the Light we cannot see nähert sich der Frage nach Schönheit mir tastend, wie die blinde Protagonistin Marie-Laure, und findet sie im Zwischenmenschlichen, im „Einander“ trotz des Chaos‘. Die Schönheit, in diesem Buch ist sie so etwas wie das Auge im Sturm des zweiten Weltkrieges; es läge auf der Hand, das kitschig zu finden – aber der Anthony Doerr macht es dem Leser nicht einfach, ihm einen Vorwurf zu machen, weil er eine Prosa beherrscht, die stellenweise poetisch klingt.

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Die Literatur der letzten Jahre erholt sich langsam wieder vom sarkastischen und absurden Blick auf die Realität; und diese Entwicklung lässt mich hoffen. Vor allem auch, weil die zutiefst metaphysische Frage nach Schönheit und Ästhetik wieder gestellt wird; die Grenzen des Kitsches mögen dabei manchmal ausgereizt werden. Aber Anthony Doerrs großes Werk schreibt uns hinein in eine Welt, in der die Antwort auf die Frage vielleicht nicht die absolute philosophische Tiefe verheißt, in der der Weg zur Antwort aber so elegant gegangen wird, dass man die Schönheit im Weg begreifen will – und nicht in der Antwort.

In diesem Sinne ist das Buch – für das ich eine uneingeschränkte Kaufempfehlung aussprechen will – genau das, was der Titel verheißt: Es ist Licht, das wir (noch) nicht sehen; im Fahrwasser einer wichtigen Frage ein Wegbegleiter auf Zeit.

 

Soviel für heute,

 

Marcus-B. Hübner

 

 

* Der Theologe Jörg Lauster arbeitet sich an diesem Gedanken eindrücklich ab und beschreibt eine (Neu-) „Verzauberung der Welt“ in seinem Buch, das ich an anderer Stelle rezensiert habe.

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