gelesen & geschätzt (April 2017)

Woher nehmen wir unsere Überzeugungen, was prägt unsere Weltanschauung? Religion? Bildung? Gehirnchemie?

Simon Sebag Montefiores Charakterreiche Biographie zu den russischen Zaren geht dem Einfluss der Familie auf den Grund.

Blut ist dicker als Bildung?

 

Rezension zu: Sebag Montefiore, Simon, Die Romanows. Aufstieg und Fall der Zaren-Dynastie 1618-1918, Frankfurt/Main: S. Fischer 2016

 

Vorbemerkung: Zum Zweck dieser Rezension hat mir der S. Fischer Verlag ein Rezensionsexemplar des Buches zur Verfügung gestellt. Dafür möchte ich herzlich danken. Die Bewertung des Buches ist davon unbeeinflusst geblieben.

 

Wieso denkst du über die großen Streitfragen unserer Zeit auf die Weise, in der du denkst?

Vor einigen Monaten habe ich mit einer jungen Frau gesprochen, die aus einer ausgesprochen religiösen Familie stammt, heute aber nur noch bei Familienbesuchen mit der Religion ihrer Jugend konfrontiert ist.

Weil ich gerade Michael Sandels ausgesprochen empfehlenswertes Buch The Case against Perfection gelesen hatte, sprachen wir über die beiden Einstiegbeispiele des Buches: die Frage nach dem Fortpflanzungs- und Adoptionsrecht homosexueller Paare.

Interessanter Weise fiel im Gespräch ich – als konservativer, evangelikaler Theologe – mehr auf die liberale Seite der Debatte, sie auf die konservative.

Mich hat das aufhorchen lassen, und im gemeinsamen Nachsinnen darüber sagte sie: „Wahrscheinlich ist meine Biographie hier stärker als meine später gewonnene liberale Einstellung.“

Unsere Biographie – vielleicht auch der Ethos, den wir schon mit der Muttermilch zu uns nehmen – ist entscheidend für unser eigenes Verhalten, für die Art, in der wir diese Welt wahrnehmen; und das nicht immer zu unserer Freude. Manch ein Mensch versucht sein ganzes Leben, seine eigene Biographie zu überwinden. Andere fühlen sich genau da zuhause, und wagen nur spärlich mal den Blick über den eigenen Tellerrand hinaus.

Der britische Bestsellerautor und Historiker Simon Sebag Montefiore hat ein Buch geschrieben, in dem er (vielleicht unwissentlich) einem genau solchen familiären Ethos nachspürt.

Sein Buch Die Romanows. Glanz und Untergang der Zarendynastie 1613-1918 beschreibt auf 900+ Seiten die Entwicklung einer Familie, die die Geschicke Russlands und der ganzen (westlichen) Welt 300 Jahre lang gelenkt hat. Herausgekommen ist ein Buch, dessen Personenregister länger ist als das von Krieg und Frieden, und das dadurch unnötig anstrengend zu lesen ist.

 

Eine Familie in drei Jahrhunderten

Simon Sebag Montefiore hat schon einige Bücher – historische wie fiktionale – über Russlands Geschichte geschrieben; über die Zeit Katharinas der Großen bis zu Stalin und seinen Ministern. Dabei ist es nicht immer warm empfangen worden in der Riege der Russlandkenner: viele Historiker werfen ihm eine reißerische Sensationslüsternheit vor, die Montefiore gerne auf die Themen selbst schiebt.

In Die Romanows will sich Montefiore einigen Generationen der gleichen Familie widmen und ihre Entwicklung über ziemlich genau 300 Jahre nachzeichnen. Ihr Entwicklung, schreibt er in der Einführung, die auch eine „Charakterstudie“ ist und sich um die „zerstörerische[…] Wirkung absoluter Macht“ dreht (S.13).

Dem Autor ist seine Faszination für die Zarenfamilie abzuspüren. Er stellt ihnen gleich zu Anfang das Prädikat aus, dass „die Romanows beim Aufbau ihres Imperiums so erfolgreich wie keine anderen Herrscher sei den Mongolen“ gewesen seien (S.13) – und die verhaltene Faszination für die russischen Herrscher bleibt das ganze Buch über bestehen.

Aufgebaut hat der begabte Autor sein Buch wie ein Theaterstück in drei Akten, das – gedenkt man dem Ende der Romanows – eine klassische Tragödie ist. Diese Ordnung des Materials führt natürlich immer wieder zu einer starken Interpretation des Materials in Übereinstimmung mit dem Ordnungsprinzip. Das ist nicht grundsätzlich problematisch, ich selbst habe an dieser Stelle Bücher zitiert, in denen genau diese Ordnung ganz hervorragend gelingt und als Schatz des Buches betrachtet werden kann (wie Jörg Lausters Die Verzauberung der Welt).

Bei Montefiores Buch allerdings wirkt die Einteilung allzu oft aufgesetzt. Das zeigt sich vor allem darin, dass die Kapitelüberschriften oft in den Kapiteln selbst nur eine sehr untergeordnete Rolle spielen, im Grunde nicht wahrnehmbar sind.

So dient der Aufbau des Buches zwar vordergründig einer schnelleren Orientierung im sehr ausufernden Material. Lässt man sich aber tiefer auf die Thematik des Buches ein, merkt man, dass die Einteilung in Akte und Kapitel nur sehr lose mit dem eigentlichen Inhalt des Buches verbunden ist.

 

Eine misslungene Charakterstudie zu vieler Charaktere

Die Frage, die mich am Ende nicht losgelassen hat, ist die: Konnte dem Autor seine Zielvorgabe einer Charakterstudie gelingen?

Vielleicht noch prägnanter gefragt: War Zar Nikolaus II quasi von seiner Familiengeschichte, dem ihm mitgegebenen Ethos aus familiärem Ballast und nationaler Tradition dazu verdammt, die Arbeiteraufstände in Russland Anfang des 20. Jahrhunderts falsch zu verstehen; durch seine Reaktion nur weitere Gewalttaten zu entfachen? Hätte er sich anders verhalten können?

Der Autor dieser Charakterstudie konzentriert sich auf die Mechanismen des Autokratismus, auf die Auswirkungen, die Macht auf den Charakter haben. Als solches gelingt das Buch, und gerade die Kapitel über Katharina die Große sind von erstaunlicher Tiefe und geben einen sehr detaillierten Eindruck in den Hof dieser brutalen Herrscherin und Förderin der Aufklärung.

Was dem Autor nicht gelingt, ist die Verbindung der Familie zueinander schlüssig darzustellen. Was im Vorwort nach einem chronologisch aufeinander aufbauenden moralischen Abstieg, eine Korruption der ganzen Familie durch die absolute Macht klang, stellt sich in der eigentlichen Betrachtung als sehr komplexe Problematik dar, die zwar mit dem Autokratismus zusammenhängt, aber auch durch die Gegebenheiten der Zeit geprägt ist.

Das Ziel mag vor allem deswegen verfehlt worden sein, weil das Projekt zu groß angelegt ist. Die vielen Personen, die anscheinend zentrale Rollen in der Entwicklung der Geschichte spielen, verlieren vor dem Personenregister eines Telefonbuchs ihre Farbe, die Entwicklung der eigentlichen Romanows wird dadurch in den Hintergrund gerückt.

Man mag Montefiore verteidigen, indem man darauf hinweist, dass jede dieser Figuren wichtig ist für die Entwicklung. Und ich bin zu weit entfernt von meinem Fachgebiet in dieser Hinsicht, dass ich das inhaltlich bewerten könnte.

Als Leser und Interessent russischer Geschichte ist mir allerdings aufgefallen, dass diese Kondensierung der Entwicklung dem Projekt nicht zuträglich war. Zu verwirrend wird das Ensemble, zu unsauber wird die Charakterzeichnung, zu oberflächlich wird schlussendlich das eigentlich als Charakterzeichnung angekündigte Endprodukt.

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Wie wir zu den Menschen werden, und zu den Überzeugungen kommen, die uns prägen, ist nicht einfach zu bestimmen. Von der Aufklärung säuselt uns oft noch die überhebliche Vorstellung entgegen, wir könnten körperlose Geister sein, die sich ein moralisches Gesetz auf der Verstandesgrundlage allein geben; die moderne Neurowissenschaft, oder mehr die extrem-atheistische Interpretation ihrer Ergebnisse, will uns zu Sklaven unserer Gehirnchemie machen; das Christentum und andere Religionen sprechen von Erleuchtung, und in meinen Augen hat dieses Verständnis auch etwas für sich.

Montefiore versucht in einer großangelegten, Jahrhunderte-übergreifenden Biographie den Einfluss der Familie selbst – der urwüchsigsten Form der Tradition – als Quelle zu definieren.

Herausgekommen ist ein Buch, dass die Entwicklung viel zu vieler Personen anreißt, und sich trotzdem auf eine Handvoll zu konzentrieren versucht. Gelingen kann das wahrscheinlich schon von der Ausgangsposition her nicht.

Deswegen ist der Inhalt des Buches nicht schlecht, die Darstellung nicht falsch: aber wer sich ob der Zielsetzung des Buches dafür interessiert, wird leider enttäuscht.

 

Soviel für heute,

 

Marcus-B. Hübner

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