Gastbeitrag: Wenn die Angst dich lähmt.

Mein Freund Mario schreibt einen sehr persönlichen Text,

in dem er von den Problemen eines Menschen mit Angststörung schreibt,

und wie er mit dem Evangelium von Gottes Gnade darauf reagieren will.

 

Dieser Text ist ein Gastbeitrag meines lieben Freundes Mario Tafferner. Er ist Doktorant das der Trinity Evangelical Divinity School im Fachbereich „Altes Testament“, nachdem er Abschlüsse von der FTH in Gießen und der Universität Marburg erworben hat. Dieser Beitrag befasst sich aber nicht mit einem akademischen Thema, sondern mit etwas sehr speziellem, intimen und persönlichen.

Als Mario mir den Text vor einigen Tagen mit der Bitte um Veröffentlichung an dieser Stelle geschickt hat, war mir die Kraft der Gedanken darin sehr schnell deutlich. Die Begegnung dieses ganz menschlichen Ringens mit dem Evangelium ist von einer Tiefe, die aus echter Lebenserfahrung spricht.

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Nach fast sieben Jahren theologischen Trainings in verschiedenen und sehr unterschiedlichen Ausbildungsstätten war ich innerhalb von 3 Wochen auf einmal wie gelähmt. Die Motivation am Morgen aufzustehen war weg, die Zuversicht in Zukunft der Gemeinde Gottes dienen zu können war wie verblasst und meine Freude häufig im Grau versunken.

Als junger Theologiestudent, der sich in Vorbereitung auf den vollzeitlichen geistlichen Dienst befindet, empfand ich mich eigentlich immer als Stark und meinen Herausforderungen gewachsen, mit dem Aufkommen von Angst habe ich nicht gerechnet. Schlussendlich passiert so etwas doch den anderen, oder?

 

Laut einer 2017 publizierten und in Belgien durchgeführten Studie von Research Policy durchlebten die Hälfte aller befragten Doktoranden ernste psychische Probleme, während etwa ein Drittel ein hohes Risiko aufwiesen, dauerhafte psychische Erkrankungen zu entwickeln (Levecque 2017, 868-879).

Als es mich (einen deutschen Doktoranden im amerikanischen Studiensystem) im November letzten Jahres traf, dachte ich noch, ich sei alleine mit meiner Angst. 

 

Als Christ ist es schwierig mit dem Thema Angst umzugehen.

Der paulinische Imperativ "Freuet euch!" malt mir in diesen Tagen häufig meinen geistlichen Mangel vor Augen. Das ist wohl auch der Grund, warum dieses Thema in konservativen christlichen Kreisen so wenig zur Sprache gebracht wird.

Bevor ich die Angst selbst hatte, habe ich nie über sie gesprochen.

 

Mittlerweile hat mir eine Psychologin allerdings eine Angststörung diagnostiziert.

Wie kann ich als Christ damit umgehen?

Davon sollen die nächsten Zeilen handeln.

Es ist meine Hoffnung und mein Gebet, dass meine eigene Reflexion über dieses Thema für andere hilfreich sein kann. Da ich ja selbst betroffen bin, sind diese Zeilen sowohl autobiographisch als auch ein "zu-mir-selbst-predigen" von vier geistlichen Wahrheiten, an die ich mich immer wieder klammere und weiterhin klammern werde.

 

1.        Wenn die Angst die lähmt, dann wende den Blick von dir selbst ab

Die Angst bewirkt, dass man zutiefst auf sich selbst fokussiert ist. Man dreht sich ständig um sich selbst, bewegt sich in einem Nebel von Sorgen und vernachlässigt vieles andere.

Dies ist nicht nur der gesellschaftlich problematischste Aspekt der Angst, sondern läuft unserer Bestimmung als Menschen, ganz auf Gott ausgerichtet zu sein, auch am meisten zuwider.

Die Angst zwingt das eigene Leben wieder zurück in die eigenen individuellen Bedürfnisse und Wünsche und verhindert dabei, dass man Gott und den Nächsten so liebt, wie man es eigentlich sollte. Dieser Selbstzentriertheit muss das entgegengestellt werden, was Selbstvergessenheit bewirkt: das Evangelium von Jesus Christus.

Im Drama von Fall, Erlösung, und Erfüllung können wir begreifen, dass es Dinge gibt, die wichtiger und größer sind als wir selbst.   

 

2.        Wenn die Angst dich lähmt, erinnere dich daran, dass Gott deine Heiligung bewirkt

Ein Aspekt der Angst sind die sogenannten "Neutralisationsstrategien." Das sind Wege, die Angstgeplagte finden, um sich eine kurzzeitige Erholung von der Angst zu verschaffen.

Bei Hypochondern, die besonders von der Angst vor Krankheiten geplagt sind, wäre das z.B. das stundenlange recherchieren über Beschwerden, um irgendetwas zu finden, dass die eigene Betroffenheit ausschließt. Menschen, die im Dunkeln Angst haben, rufen vielleicht jemanden an, wenn sie abends über einen großen Parkplatz eilen müssen.

Solche Strategien führen aber in die Abhängigkeit von ebensolchen Handlungen und können sich ins Gegenteil umkehren. Angst schafft daher zerstörerische Abhängigkeiten. Nun ist es bekannt, dass es schwer ist, sich von Abhängigkeiten zu lösen.

Aber auch hier geht unsere christliche Hoffnung über das Menschenmögliche hinaus. Gott bestimmt und bewirkt unsere Heiligung. Er ist derjenige, der uns aus der Grube der selbstbestimmten Sucht an die "Neutralisation" zieht.

 

3.        Wenn die Angst dich lähmt, dann halte dich an eine andere Teleologie

Eine Nebenwirkung der Angst ist die Paralyse.

Wer wirklich Angst hat, der ist körperlich erschöpft und mental ermüdet. Häufig kommt man kaum zu etwas, dreht sich um sich selbst und ist wie gefangen. Die Angst zwingt einen dann dazu, dass eigene Leben aus der Perspektive des schlimmen Ausgangs zu betrachten.

Das führt zu einer fatalen Teleologie und lähmt. Eine Teleologie ist eine Vorstellung über den Ausgang oder das Ziel von Handlungen oder des eigenen Lebens. Theologen sprechen häufig über Teleologien, wenn sie über die Bestimmung der Schöpfung oder der Menschen nachsinnen.

Jeder Mensch hat eine Vorstellung davon, welches Ziel sein eigenes Leben hat oder wofür er lebt. Angstgeplagte haben häufig nur noch die Katastrophe vor Augen und brauchen eine bessere, eine christliche Teleologie. In dieser Perspektive wird nicht alles "sinnlos" oder "stumpf", weil man vor schwierige oder gar unlösbare Probleme gestellt wird.

Der lähmenden Funktion der Angst muss die erquickende Wahrheit von Christi Sieg über die Mächte und Gewalten (und Ängste), die uns hier versklaven wollen, entgegengestellt werden. Der Punkt ist: selbst wenn unsere schlimmsten Befürchtungen wahr werden, so ist Christi Herrschaft trotzdem real und unsere Handlungen im hier und jetzt sind bedeutsam für uns, für andere und für die Ewigkeit.

 

4.        Wenn die Angst dich lähmt, dann klammere dich an absolute Sicherheiten

Ein besonderer Charakter der Angstgeplagten ist das Verlangen nach absoluter Sicherheit. Das kann eine hundertprozentige medizinische Diagnose sein, die Bekundung fester Treue, oder die Sicherheit der eigenen vier Wände im Falle einer Agoraphobie (die Angst vor Menschenmengen oder Gruppen).

Das Problem ist nun aber, dass der Motor der Angst der Gedanke an das "was wäre wenn?" ist. Es gibt immer eine noch nicht bedachte Eventualität oder ein unbeachtetes Risiko.

Deshalb haben Angstgeplagte auch häufig unterbewusst das Gefühl, dass ihre Ängste eigentlich ihre Freunde sind, weil man ja "auf der Hut" ist. Menschen ohne Angst kennen ein solches Restrisiko auch. Aber sie geben sich i.d.R. nicht dem "was wäre wenn?" Gedanken hin. In diesem Leben gibt es einfach keine Garantien.

Die Frage ist nun: können wir damit umgehen?

Als Angstgeplagter kann ich es oft nicht.

Aber ich habe festgestellt, dass ich mich an die Sicherheiten des Evangeliums klammern kann. Auch wenn das nach einem Klischee klingt, so habe ich es als lebensspendende Erfrischung erlebt. Absolute Sicherheiten existieren, weil Gott zugleich unser liebender Vater und der allmächtige Schöpfer und Erhalter dieser Welt ist. Somit besteht die Heilung vom "was wäre wenn?" Gedanken in der Erkenntnis, dass nicht ich mich selbst erhalten und alle Eventualitäten abklären muss (oder kann), sondern im Loslassen vom verkrampften Festhalten an der eingebildeten Autonomie.

 

Diese vier Aspekte der Angst sind m.E. nach die Problematischsten und Destruktivsten. Sie lehren uns, dass wir unser Leben selbst bestimmen und erhalten, auch wenn wir in unserer Angst das Gefühl haben, dass es aus unseren Händen entgleitet.

In diesem Sinne kann eine Periode der Angst auch heilsam sein. Sie richtet uns neu auf das aus, was wir oft vergessen: Es sind Gottes Sicherheiten, Gottes Evangelium, Gottes Kraft, und Gottes Ziel für unser Leben, die uns erhalten, stützen, und hoffen lassen.

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 Literatur:

 

Levecque, K., Anseel. F. u.a., "Work Organization and Mental Problems in PhD Students." Research Policy 46/4 (2017), 868-879. 

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