gelesen & geschätzt (März 2017)

Stephen King als Meister der Allegorie,

stellt sich der Thematik von Zeitreise, was ihm gut gelingt,

und nebenbei stellt er uns eine der elementarsten Fragen, die man sich stellen kann.

 

Leg dich nicht mit der Zeit an.

 

Rezension zu: King, Stephen, 11.22.63. A Novel, London: Hodder & Stoughton 2011

 

In meiner Erfahrung gibt es eine Grundregel, wenn es ums Geschichtenerzählen geht: Lass die Zeit als Konzept in Ruhe, es sei denn, du zielst sowieso auf Klamauk ab. Ich kann aus dem Kopf nur weniger als eine Handvoll Geschichten aufzählen, die ernstgemeint sind, das Konzept Zeit durch Zeitreisen oder andere Tricks auf den Kopf stellen, und die eine hohe Qualität behalten.

Das Problem mit Geschichten dieser Art sind die unmöglich zu verhindernden Ungereimtheiten, die eine solche Geschichte mit sich bringen muss. Nicht erst seit Heideggers Sein und Zeit ist die Verbindung der menschlichen Existenz mit dem Konzept Zeit eine der großen Fragen der Philosophie.

Und wenige Geschichten zeigen diese Frage gut auf.

Stephen King, der große amerikanische Geschichtenerzähler, der Meister der Allegorie und des Alltäglich-grusligen, hat sich vor wenigen Jahren an dieses Konzept gewagt. Weil ich King durchaus etwas abgewinnen kann, seit ich vor zwei Jahren meinen ersten Roman von ihm gelesen habe, und weil mir dieser empfohlen wurde (auf dt. übrigens unter dem Titel Der Anschlag veröffentlicht, habe ich beschlossen, mich diesem Stoff einmal zu stellen.

 

Die Zeit – mehr als ein Konzept

Die Geschichte, wie die meisten King-Geschichten, hat eine relativ simple Grundstruktur.

Da ist zum einen der etwas am Leben gescheiterte Protagonist Jake Epping – Englisch-Lehrer an einem Community College, frisch geschieden von einer alkoholabhängigen Frau, irgendwie unzufrieden, aber auch nicht wirklich unglücklich mit seinem Leben. Klassische King-Tristesse.

Sein Leben kommt an einen unerwarteten Wendepunkt, als der Inhaber eines heruntergekommenen Diners Jake ein Portal in die Vergangenheit zeigt, das sich im Lagerraum des Diners befindet: wo es herkommt, weiß niemand, wie es funktioniert kann man nur erahnen. Bestimmte Grundregeln erzählt der schwer an Lungenkrebs erkrankte Koch dem jungen Lehrer noch, bevor er ihm den großen Plan verrät: das Portal führt immer zum gleichen Moment am 9.9.1958 zurück. Gut 5 Jahre später würde ein Ereignis stattfinden, das die Weltgeschichte aus den Angeln hebt: das Attentat auf John F. Kennedy am 22.11.1963 (daher der Titel) – und dieses gilt es zu verhindern.

So taucht Jake in die Welt der Vergangenheit ein (er nennt es: „the Land of Ago“), wo er – in typischer King Manier – die Schauplätze anderer King-Romane besucht (Derry aus Es, zum Beispiel), und sich sonst versucht, auf seine Mission zu konzentrieren. Was sich als weniger einfach herausstellt, als es am Anfang wirkte. Die Vergangenheit – und vor allem eine Highschool-Bibliothekarin – erweisen sich als weitaus reizvoller als der Versuch, einen zukünftigen Attentäter zur Strecke zu bringen. Und dann sind da auch noch die vielen Fragen, die sich aus der intensiven Lektüre von JFK-Verschwörungstheorien ergeben.

Keine komplizierte Geschichte: da ist Gewalt und Verbrechen in einem aushaltbaren Maße, da ist eine wirklich berührende Liebesgeschichte ohne Nicholas-Sparks-Kitsch, da ist die so gängige Nostalgie und die Vereinigten Staaten, als alles noch einfach war.

Die vielleicht spannendste Rolle im Roman kommt aber der Zeit selbst zu. Denn dafür hat sich King etwas ausgedacht, das mir am meisten Spaß beim Lesen gemacht hat. Die Zeit, in Kings Version einer Zeitreisegschichte, ist mehr als nur ein Konzept – relativ oder nicht – das irgendwie abläuft. Die Zeit, oder in den Worten des Protagonisten: die Vergangenheit, ist sehr aktiv, denn sie mag die Einmischung nicht. Wo immer der Zeitreisende etwas verändert, etwas zum Guten oder Schlechten, versucht sie sich, mit sich selbst zu versöhnen. Die Zeit beschreibt King als aktiv und schwerfällig, als konservativen Block, der sich nur mit einem erheblichen Widerstand dem Fortschritt fügt. Der Meister der Allegorie, er schlägt hier zu.

 

Jene Zeit – Fern von Nostalgie, abseits von Dystopie

Ähnlich wie in dem Serienphänomen Stranger Things ist in Kings Roman weder Epping noch das Attentat der eigentliche Hauptankerpunkt der Geschichte, sondern die Zeit der späten fünfziger und frühen sechziger Jahre, in die er seinen Protagonisten als Ich-Erzähler eintauchen lässt.

Dieser Zeit des kalten Krieges hängt ja ein gewisser Mythos an; zum einen ist jedem klar, wer in dieser Zeit Gut und Böse war, wenn auch die Identifizierung unterschiedlich ausfallen mag. Das bezieht sich freilich nicht nur auf die Supermächte in West und Ost, sondern auch um die Bürgerrechtsbewegung in den USA und diese Dinge. Zum anderen ist es eine Zeit der relativen wirtschaftlichen Sorglosigkeit. Wie auch sonst, wenn ein großes Glas Rootbeer nicht mehr als 10 Cent gekostet hat?

King mag der beste gegenwärtige Autor zu sein, um über diese Zeit zu schreiben; das liegt vor allem daran, dass er eine morbide Freude am menschlichen Zerbruch zu haben scheint.

In diesem Sinne ist es ihm fern, eine reine Utopie voller nostalgischer Streifzüge zu schreiben. Gleichzeitig handelt es sich bei diesem Buch um ein genretechnisches Erstlingswerk des Autors, indem er sich einer Liebes- und Kriminalgeschichte mit Science-Fiction Elementen bedient, nicht dem von ihm bekannten Alltagshorror. So wirkt die Geschichte an vielen Stellen wir eine Ausgeburt des romantischen Weltschmerzes, wie sie nur King schreiben kann.

Mit dem Pessimismus, den ein Autor seiner Schreiberklasse braucht, um die Geschichten zu finden, die ihn berühmt gemacht haben, widmet er sich den hoffnungsvollsten Themen der Menschheitsgeschichte: Liebe, Lust, Lebenssinn.

 

Unsere Zeit – Was ist deine Metanarrative?

King stellt dem Leser nämlich durch seinen Protagonisten eine Frage, die nur schwer zu beantworten ist. Der im Leben steckengebliebene Jake bekommt die Chance, zum politischen Erlöser zu werden: JFK zu retten, den Vietnamkrieg zu verhindern, Martin Luther King bis zur Rente am Leben zu halten.

Aber ihm passiert, was er nicht für möglich gehalten hat: er findet nach seiner Scheidung in der Vergangenheit die Liebe seines Lebens.

Angesichts dieser Spannung muss er sich dauerhaft der Frage stellen, was die Suche nach dem Sinn im Leben eigentlich beenden wird: Das Gute oder das Schöne zu tun? Was ist, wenn das „Wahre, Schöne, Gute“ gar nicht ein und dieselbe Sache sind, sondern verschiedene Dinge – und du musst dich entscheiden?

Jake steht vor der Frage, ob er das Gute tun soll, ohne das es jemals jemand mitbekommen wird, in Minority Project – manier den Attentäter vor seiner Straftat zu bestrafen, vielleicht deswegen verfolgt zu werden; oder passiv zu bleiben, das Schlechte geschehen zu lassen, weil er sich auf das Schöne, auf die Liebe, den Sex, die Beziehung konzentriert.

Verantwortung übernehmen –

oder Erfüllung finden?

Aktiv werden –

oder passiv bleiben?

Genießen –

oder gestalten?

Diese Frage stellt King dem Leser unterschwellig; die dauerhafte Spannung lässt den Leser auf der einen oder anderen Waagschale dieses Justitia-Instrumentes stehen, mitfiebern, Entscheidungen des Protagonisten bejubeln oder verurteilen.

King verlangt vom Leser keine bewusste Entscheidung, kein philosophisches Urteil über eine abstrakte Frage, sondern zieht ihn in einen Strudel, in dem die Entscheidung unbewusst gefällt wird. Und gleich der Entscheidung, die der Leser trifft, sie hinterlässt auf beiden Seiten einen schalen Nachgeschmack, ein leises, zweifelndes Flüstern: wäre es auch anders gegangen?

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King schreibt Bücher, die den Leser nach wenigen Seiten in einer Geschichte überrascht: einer Geschichte mit hohem Tempo, einer dichten Analogie auf die menschliche Existenz, und einem grundsätzlichen Unbehagen mit dem, was wir für gegeben betrachten. Darin ist er ungeschlagen, und in diesem Buch hat er bewiesen, dass er für diese Mischung weder Horrorclowns noch psychopathische Väter braucht: Zeitreise reicht als Konzept, um den Autor zu seinen Leistungen zu inspirieren.

Das kann King, das liebe ich an seinen Büchern, und darin hat er hier nicht enttäuscht.

Nur meine unterbewusste Entscheidung, mein Mitfiebern, das behalte ich für mich.

 

Soviel für heute.

 

Marcus-B. Hübner

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