gelesen & geschätzt (Februar 2017)

Der Marburger Theologe und Filmliebhaber Thorsten Dietz

schreibt ein Buch über Sünde und ihre Anknüpfungspunkte in der Gegenwartskultur.

Herausgekommen ist das, in meinen Augen, wichtigste Buch des Jahres 2016.

 

Sünde als Pop-Phänomen

 

Rezension zu: Dietz, Thorsten, Sünde. Was Menschen heute von Gott trennt, Witten: SCM-Verlag 2016

 

Vorbemerkung: Zum Zweck dieser Rezension hat mir der SCM Verlag ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Dafür sei ihnen herzlich gedankt; alle Gedanken hier sind von dieser Unterstützung unberührt.

 

Der Spruch, dass „niemand perfekt“ sei, ist zur Kalenderblattweisheit geworden, hundertfach auf kitschige Kaffeetassen und Kühlschrankmagneten gedruckt – meistens mit der humorvoll gemeinten Anfügung: Außer mir.

Mir scheint es, dass die Social Media Kultur dazu geführt hat, dass wir uns unserer eigenen Fehlerhaftigkeit noch bewusster geworden sind: nicht zuletzt, weil wir durch die Bilder- und Informationsflut auf unseren Mobiltelefonen an 24 Stunden pro Tag mit der Konkurrenz konfrontiert sind: unsere Stärken werden ständig auch in den Kontext unserer Schwächen gestellt, weil wir ständig mit Menschen konfrontiert sind, die schöner, sportlicher, belesener, reicher, mächtiger, mutiger oder erfolgreicher sind als wir.

Wir wissen zu gut, dass wir nicht perfekt sind. Aber denken wir, dass wir erlösungsbedürftig sind?

Wenn es nach dem renommierten Philosophen und Historiker Kurt Flasch geht, dann nicht. In seinem, vor wenigen Jahren erschienen, Buch Warum ich kein Christ bin schreibt er: „Ich bin kein Christ, denn ich finde mich zwar fehlerhaft und meine Existenz prekär, aber nicht erlösungsbedürftig.“ (Kurt Flasch, Warum ich kein Christ bin, München: C.H. Beck 2015, S.198)

Mit diesem eindrücklichen, weil ehrlichen, Zitat setzt auch Thorsten Dietz‘ Buch Sünde. Was Menschen heute von Gott trennt ein und stellt die Frage, die sich schon im Untertitel herauslesen lässt: wie lässt sich das Christentum als Erlösungsreligion einer Gesellschaft verstehbar machen, die keinerlei Erlösungsbedarf verspürt?

Dietz ist für diese Aufgabe erstklassig aufgestellt. Als Professor für Systematische Theologie an der Evangelischen Hochschule Tabor in Marburg sowie einem Lehrauftrag an der dortigen Universität (mit, wie ich hörte, großer Popularität bei den Studenten) und selbsternanntem Kulturenthusiast hat er ein Buch geschrieben, das nicht dem akademischen Interesse nach dem neuen Gedanken frönt, sondern diese faszinierende Schnittmenge Schritt für Schritt ausloten will. Er kennt beide Welten: die christliche Tradition und die gegenwärtige Popkultur, die großen Denker des Christentums und die großen Geschichtenerzähler der letzten Jahrzehnte.

 

Wo die Popkultur zum Propheten wird

Thorsten schafft es, seinem Buch eine faszinierende Linie zu geben. Nicht nur das Buch als Ganzes tritt als geschlossene Einheit auf, sondern jedes Kapitel ist immer vergleichbar gegliedert. Neben einer allgemeinen Einführung in das Thema und einen theologie-geschichtlichen Abriss der klassischen Sündenlehre, betrachtet er die sieben klassischen „Todsünden“ der Theologiegeschichte.

Jedes Kapitel ist gleichzeitig zweierlei. Da ist zum einen stets eine theologie-geschichtliche Einführung in einen wichtigen Denker seiner – und vielfach unserer – Zeit. Dabei deckt Thorsten so unterschiedliche Denker wie Karl Barth, Dorothee Sölle und auch Jonathan Edwards ab. Durch diesen breiten Umgang mit der Theologiegeschichte wird der Leser auf einem nicht-akademischen Niveau an die verschiedenen protestantischen Denker herangeführt und der Reichtum der eigenen Tradition vor Augen geführt.

Zum Zweiten verdeutlicht der Autor diese Gedanken immer mit einem Beispiel aus der Popkultur. Verschiedene Filme und Bücher wie der „Herr der Ringe“, die „Star Wars“ Saga oder auch die schon nach wenigen Jahren zum Kult avancierte Serie „Breaking Bad“ verdeutlichen die verschiedenen Aspekte der Sündenlehre und machen sie so greifbarer, nicht nur verstehbar. An diesem Punkt ist freilich auch Vorsicht geboten: Nicht selten erzählt der Autor auch Knackpunkte des Geschichtsverlaufes, was einer popkulturellen Todsünde gleichkommt; „spoilern“ nennt man das, „beschädigen“, weil es den Genuss der Geschichte vermindert.

 

Die Frage nach „Stories“ und der gemeinsamen Mitte einer Kultur

Eine Aspekt des Buches ist jedoch für mich nicht ganz einleuchtend. Explizit in Bezug auf die „Harry Potter“ Romane, aber implizit bei jedem der popkulturellen Bezüge, geht Thorsten von einer nicht geringen Macht der Erzählung für die Formung von Weltbildern aus. Über die Geschichte des „Jungen der lebte“ und besten Freund von Ron und Hermine schreibt er: „Gegen alle Wahrscheinlichkeit gibt es auch im 21. Jahrhundert so etwas wie ein globales Volksbuch, ein gemeinsames Lagerfeuer, mit dem viele Jugendliche heute erwachsen werden.“ (S. 117)

Der Gedanke der Erzählung und ihr Einfluss auf das eigene Weltbild wird auch von akademischer Seite – wie in N.T. Wrights Hermeneutikexkursion Das Neue Testament und das Volk Gottes, oder auch philosophisch in der Gesellschaftskritik Charles Taylors in Das Säkulare Zeitalter – verwendet. Und diese Rezension ist gar nicht der Platz, um eine umfassende Kritik dieses Ansatzes zu leisten. Zumal ich auch gar nicht sicher bin, ob ich das leisten wollte; der Theorie liegt eine gewisse Überzeugungskraft inne.

In diesem Buch funktioniert die Theorie natürlich ganz vorzüglich – für mich. Die Bücher und Beispiele sind auch Ankerpunkte meiner Entwicklung, bis in die jüngste Zeit hinein. Für mich stellt sich aber eine Frage, die natürlich außerhalb der Grenzen dieses Buches liegen: In wie weit sind solche Exempel der Erzählkunst wirklich kulturell einende Faktoren? Ja – die meisten Menschen meiner Generationen können sagen, ob sie ein Gryffindor, Ravenclaw (wie ich, steht’s zu Diensten!), Hufflepuff oder Slytherine (Gott bewahre!) sind. Die meisten haben mitgefiebert, als die Ents in die Schlacht von Isengart gezogen sind, und natürlich wollen wir alle die Macht fühlen. Aber wie stark prägen diese Geschichten wirklich unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit?

Es ist nicht willkürlich so, dass die „Story“, die Wright zufolge das frühe Judentum geprägt hat, so stark heruntergebrochen ist, dass am Ende jede monotheistische Religion darin ihre „Metanarrative“ finden könnte. Je spezieller die Erzählung, desto mehr – scheint mir – nimmt der Einfluss auf die Unterhaltung des Publikums zu und der Einfluss auf die weltanschaulichen Weichenstellungen ab.

 

Ein Glanzstück gegenwärtiger Kommunikation

Um das klar zu stellen: Diese Anfrage ist klein, wenn man das ganze Buch betrachtet, denn die Grundthese des Buches steht auch ohne die Bindung an diese Prägekraft der Narrative.

Und was steht ist nicht nur ein durchdachtes, sondern auch bis zur letzten Seite unterhaltsames Buch, das ich als wichtigstes Buch des letzten Jahres bezeichnen würde, weil es genau in den Aspekt unserer Kultur hineinspricht, an dem die Vorstellung eines Erlösergottes am meisten Probleme hat, sich Geltung zu verschaffen: unserem Gefühl für Erlösungsbedürftigkeit.

Thorsten zeigt in seinem Buch nicht nur auf, dass „Sünde“ viel mehr ist als moralische Vergehen, beschreibt ein Szenario, das weder nach pessimistischer Schwarzmalerei noch nach erhobenem Zeigefinger wirkt, und weist dann darauf hin, dass diese Vorstellungen von der Entfremdung der Welt von ihrem eigenen Ziel unser aller liebstes kulturelles Gut durchziehen.

Chapeau!

 

Soviel für Heute,

 

Marcus-B. Hübner

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