gelesen & geschätzt (Januar 2017)

Toby Faix, Martin Hoffmann und Tobias Künkler schreiben ein Buch über Mündigkeit im Glauben - dabei gelingt es ihnen, die unterschiedlichsten Autoren zusammenzubringen; gleichzeitig wird aber an vielen Stellen ein altes Feindbild bedient, das mir zu flach ist.

 

Wenn ich mal groß bin, glaube ich auch anders.

 

Rezension zu Faix, Tobias & Martin Hoffmann et.al. (Hrsg.), Warum wir mündig glauben dürfen. Wege zu einem widerstandsfähigen Glaubensleben, Witten: SCM Verlag 2016

 

Als Kind träumt man gerne davon, was man machen will, wenn man einmal groß ist. Dass das Aufwachsen und der Reifeprozess als Mensch meistens mehr und ganz andere Energien in Anspruch nehmen, als nur die rein physische, wird einem spätestens in der Pubertät klar: wenn von einem erwartet wird, weitreichende Entscheidungen zu treffen, und man eigentlich doch noch gerne im Bett liegen bleiben will.

Der Spiritualität eines Menschen wird landläufig mit dem Aufwachsen eines Menschen vergleichen: ein Kinderglaube muss reifen und müdig werden.

Die Soziologen und Theologen Tobias Faix, Martin Hoffmann und Tobias Künkler haben sich diesem Phänomen in ihrem Buch Warum wir mündig glauben dürfen gestellt.

Es ist wichtig zu wissen, dass es sich bei diesem Buch um eine Art „zweitem Teil“ handelt, der auf die rein soziologischen Ergebnisse aufbaut, die dieselben Herausgeber in dem Buch „Warum ich nicht mehr glaube“ veröffentlicht haben. Darin ging es konkret im Gründe, die ehemals sehr religiös geprägte Menschen angaben, weswegen sie ihren Gottesglauben größtenteilig oder sogar ganz über Bord geworfen haben. In diesem vorliegenden Buch nun gehen verschiedene Autoren auf diese Ergebnisse ein und fragen, ob und wie man Menschen vor diesem radikalen Bruch in ihrer spirituellen Laufbahn schützen kann.

Herausgekommen ist ein buntes Potpourri von Gedanken, die mal mehr, mal weniger akademisch angehaucht sind, oft aber zum Nachdenken anregen. Frustrierend ist dabei nur, dass ein immer gleiches Feindbild bedient zu werden scheint, das sich nicht eigentlich mit der Wirklichkeit deckt.

 

Ein Potpourri der Gedanken

Zu diesem hehren Zweck, ein „widerstandsfähiges Glaubensleben“ zu entwickeln (Untertitel des Buches), haben die Herausgeber einen bunten Blumenstrauß der verschiedensten Impulsgeber zusammengebracht. Was als eine schier unmögliche Aufgabe vorkommen kann, ist den Herausgebern aber erstaunlich gut gelungen. Das liegt daran, dass das Buch eine hervorragend herausgearbeitete Argumentationsführung aufweist.

Neben einer Einführung in die, dem Buch zu Grunde liegende, Studie, befasst sich das Buch mit den wichtigen Themen der „Glaubensfragen“, oder „Zweifeln“ (Teil 1), der Frage nach Einheit und Vielfalt in der Gemeinde (Teil 2) sowie der Frage nach Uniformität oder den Erfahrungen, durch seine eigenen Prägungen „aus der Rolle zu fallen“. Dafür haben sie neben den klassischen Kandidaten einer eher emergent, oder progressiv geprägten Frömmigkeit – wie Christina Brudereck und Peter Aschoff – auch Vertreter einer eher klassischen evangelikalen Prägung zu Beiträgen bewegen können – darunter Heinrich Christian Rust, Thorsten Dietz und Wilhelm Faix.

Dieser Dualismus findet sich auch im akademischen Niveau der Beiträge wieder. Die meisten Beiträge sind auf einem Blog-Level geschrieben – oftmals werden Zitate als Referenzen angeben und es geht mehr um das Anstoßen von Gedanken als um lückenlose Argumentation (Peter Aschoffs schöner Artikel ist in dieser Hinsicht das beste Beispiel, wenn er ein Luther-Zitat zum „fröhlichen Wechsel“ mit einem Augenzwinkern zum 90er Jahre Klassiker „Pretty Woman“ verbindet).

Daneben finden sich aber auch extrem akademische Artikel, der im Buch fast schon exotisch wirken: Holger Böckels Artikel „Glaubensentwicklung im Lebenslauf“ ist sehr aufschlussreich, braucht aber auch ein hohes Maß an Konzentration und wirkte innerhalb der ihn umgebenden Artikel fast am falschen Ort (gleiches ließe sich wohl über Michaela Baummanns und Eleonore Eichs religionssoziologischen Artikel sagen).

Ich sage ganz bewusst: Fast.

Es ist nicht eigentlich so, dass die Artikel fehl am Platze sind. Nur machen sie die Lektüre des Buches zu einer Achterbahnfahrt der Konzentrationsanforderung: Hier kann man gemütlich im Bett liegen und noch ein Kapitel lesen, und im nächsten Atemzug rauscht man durch die Wohnung um nach seinem Fremdwörterduden zu suchen.

 

Die mangelnde Definition des Mittelpunktes

Ein Potpourri ist dann schön, wenn man weiß, worauf man sich einlässt. Da das Buch verspricht, die Frage „warum man mündig glauben darf“ zu beantworten, hatte ich darauf gehofft, dass die Frage der Mündigkeit zumindest angesprochen wird. Das geschieht aber nicht, zumindest nicht explizit. Implizit bleibt man als Leser mit dem Eindruck hängen, dass das reine Hinterfragen klassischer Glaubensmodelle und der eigenen biographisch erlernten Glaubensformeln das Prädikat „mündig“ verdient.

Ein Verständnis von Mündigkeit, das sich von inhaltlichen Positionen wegbewegt und auf die Frage der Abhängigkeit der eigenen Weltanschauung auf andere oder die eigenen Erkenntnisse bezieht, fehlt dabei völlig.

Dabei scheint mir gerade das wichtig zu sein bei der Müdigkeit: der Abnabelungsprozess muss ja nicht immer mit der radikalen Kritik an der erlernten Frömmigkeit zusammenfallen, sondern kann auch darin liegen, die gleichen Glaubensgrundsätze aus anderen – eigenen – Gründen anzunehmen.

Und hier finden wir uns am eigentlichen Knackpunkt des Buches wieder: allzuoft war ich müde, dass ein immer gleiches Feindbild bedient wurde, das eigentlich nicht der Realität entspricht.

 

Ein alt-bekanntes Feindbild

Denn grundsätzlich haftet dem Buch dadurch eine Spannung an, die schwerlich aufzulösen ist: was will es dem Leser vermitteln? Die akademischen Disziplinen halten einen Leser in erster Linie davon ab, moralische oder geistliche Urteile zu fällen: sie beobachten, beschreiben und versuchen zu analysieren.

Diese akademische Distanz fehlt dem Buch aber gerade an den entscheidenden Stellen und macht die Lektüre damit ziemlich frustrierend. Über viele Strecken fühlt es sich so an, dass in dem Buch ein schon gut bekanntes Feindbild bedient werden soll: traditioneller Evangelikalismus, vor allem aber das Bibel- und Wahrheitsverständnis dessen. Er fungiert als Buh-Mann, dem man die Ergebnisse der vorangegangenen Studie anlasten kann.

Ganz so einfach ist die Sache aber nicht, wenn man bedenkt, dass der bekannte emergente Denker Tony Jones vor noch nicht allzulanger Zeit über das Faktum nachdenken musste, dass eine erstaunlich hohe Zahl emergenter Christen im Atheismus landen.

Der Knackpunkt findet sich vielleicht in einem Satz, den die Religionssoziologinnen Baumann und Eich schreiben: „Es kann (und soll) unseres Erachtens nach nie vermieden werden, dass Menschen den Glauben ihrer Kindheit verlieren oder sich von ihm lösen.“ (S.103)

Um das deutlich genug zu sagen: Ich verstehe im Grunde, was die Autorinnen hier sagen wollen – nämlich, dass psychischer oder, Gott bewahre, physischer Druck auf Jugendliche auf keinen Fall vorkommen darf, um sie in ihrer religiösen Sozialisation zu halten! Und dem ist in jedem Fall zuzustimmen!

Gleichzeitig scheint mir dieser Satz das ganze Projekt des Buches zu untergraben und jede Art von Jugendarbeit infrage zu stellen.

Es ist nun verhältnismäßig offensichtlich, dass die Autorinnen unschöne Erfahrungen mit evangelikalen Gemeinden gemacht haben; es dafür sind sie nicht zu bedauern. Ebenso offensichtlich ist es jedem Leser, dass diese Erfahrungen sicher keine Einzelfälle sind, sondern immer wieder vorkommen: übrigens ganz sicher wie in jeder anderen Weltanschauung, ob religiös oder politisch.

Was nun nicht offensichtlich ist – zumindest nicht für diesen Leser – ist der Sprung von den empirischen Studien zur Schlussfolgerung, dass geistlicher Missbrauch etwas mit dem Bibelverständnis zu tun habe.

Ich kann verstehen, welche Dynamik hier aufgezeigt wird: dass eine absolute Sicherheit in bestimmte Syllogismen dazu führt, dass man die Welt in „richtig“ und „falsch“ aufteilt; weil man als Gemeinde oder Eltern verhindern will, dass die Kinder unter „falsch“ stehen, muss im Zweifelsfall Druck ausgeübt werden, um einen Übertritt der Kinder auf die „falsche“ Seite der Welt zu verhindern.

Nur lässt sich diese Dynamik für jede Form von Wahrheitsverständnis definieren, jede Art von intellektuellem Fangnetz, um die Daten der Welt aufzufangen, funktioniert so. Man würde sich einmal fragen, was die Autorinnen machen würden, wenn ihre Kinder zur Jugendgruppe der AfD gehen würden.

Nicht nur ist das Problem, dass jeder seine Grenzen setzt von dem, was „möglich“ ist: mir scheint diese Vorstellung des Feindbildes „Evangelikalismus“ auch gerade gegen das Ziel des Buches zu sprechen, mündig glauben zu dürfen. An zu vielen Stellen des Buches werde ich als Leser davor gewarnt, in bestimmte Richtungen der Spiritualität zu gehen – vor allem des Bibelverständnisses, aber auch anderweitig – und mir wird dadurch vorgekaut, welche Dinge „richtig“ und welche „falsch“ sind.

 

Wenn das mündig ist, bin ich wohl immer noch ein Kleinkind.

Ich kann mir nicht helfen, aber es fehlt mir eine klare Definition dessen, was Unmündigkeit im Verständnis des Buches sein soll.

Zuerst schien mir, dass Mündigkeit in diesem Buch eine Form von selbstreflexiver Interaktion ist, quasi das eigene Schneckenhaus zu verlassen und über den Tellerrand zu schauen. Ich gebe zu, dass ich dieser Art der Definition von Herzen bejahen würde.

Mit der wachsenden Lektüre des Buches scheint mir aber Mündigkeit immer mehr in eine Antithese zum traditionellen Evangelikalismus zu verkommen – das ist mündig, was nicht evangelikal ist.

Die jüdische Philosophin Hannah Arendt beschreibt das Denken als eine Aktivität, die immer gefährlich sein muss: durch das Denken begibt man sich, für Arendt, immer in die Gefahr, die eigene Weltanschauung zu zerstören und neu aufbauen zu müssen.

Nimmt man diese Definition des Denkens ernst, dann bedeutet Denken – und ich sage hier einfach mal: Mündigkeit – vor allem, sich solchen Meinungen und Fakten auszusetzen, die der eigenen Ansicht widersprechen: da darf keine Selbstimmunisierung stattfinden, egal in welche Richtung, sondern muss immer die Möglichkeit mitschwingen, dass man in seinen Vorstellungen verwerfen und neu aufbauen muss.

Arendt nannte das „Denken ohne Geländer“, und ich denke, dass es sich mit der Augustinischen Definition der Wahrheit deckt: dass man nämlich sie nicht verteidigen muss, wie man einen Löwen nicht zu verteidigen braucht, dass kann er schon ganz gut selbst.

Schade, dass sich dieses Buch über weite Strecken nach Selbstimmunisierung anfühlt.

 

Soviel für heute,

 

Marcus-B. Hübner

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Kommentare: 2
  • #1

    Peter (Montag, 20 März 2017 21:10)

    Darf ich Deinen Text auf meine Seite stellen?

  • #2

    MBH (Montag, 20 März 2017 21:22)

    Lieber Peter,

    Ich in Link mit Teaser gerne,
    Eine einfache Kopie auch mit Quellenangabe nicht.

    Viele liebe Grüße,
    Marcus