gelesen und geschätzt (Septemper 2016)

Der Ethiker Brian Brock untersucht in seine Buch die Frage,

an welchem Platz christliche Ethik innerhalb der Schrift zu verorten ist.

Er denkt: in den Psalmen, und stellt nebenbei noch die Hermeneutik auf den Kopf.

 

Gemeinsam singen und erkennen.

 

Rezension zu: Brock, Brian, Singing the Ethos of God. On the Place of Christian Ethics in Scripture, Grand Rapids: Eerdmans 2007

 

Vor einigen Monaten lernte ich einen jungen Mann kennen, der mich sehr faszinierte; ich habe noch nie vorher einen so orthodoxen Marxisten getroffen. Nicht zumindest in der Zeit, seit ich wirklich verstehen konnte, was das eigentlich bedeutet. Materialismus. Sozialismus. Weltrevolution.

Wahrscheinlich kann man sagen, dass die Faszination beidseitig war, zumindest bis er erfahren hat, an welcher Universität ich studiert habe. Und wo meine weltanschaulichen Wurzeln eigentlich sind.

Seit dem ich mich in der meisten Zeit meines Lebens mit der Frage beschäftige, was Menschen eigentlich umtreibt, frage ich mich, wie es dazu kommt, dass scheinbar gleichsam gebildete, kluge, freundliche Menschen zu so unterschiedlichen Überzeugungen kommen in allen Fragen, die eine Weltanschauung verlangen: sei es Ethik, Politik oder Religion.

Man kann diese Frage natürlich psychologisch angehen, aber meine Disziplin – die Theologie – speist sich ja meist mehr aus den klassischen geisteswissenschaftlichen Disziplinen wie der Philosophie, der Linguistik, der Geschichtswissenschaft, diesen Dingen.

Die Frage nach den Unterschieden zwischen Menschen stellt sich nicht erst, wenn man solche Weltanschauungen anschaut, die schon auf den ersten Blick eine komplizierte Beziehung haben – wie beim (evangelikalen) Christentum und dem Marxismus zB – sondern auch, wenn man sich die Unterschiede innerhalb einer einzigen Weltanschauung ansieht, die in Vergangenheit, Gegenwart und mit ziemlicher Sicherheit auch Zukunft zu Zerwürfnissen, Streitereien und in vielen Momenten sogar Toten geführt haben (wie die Religionskriege nach der Reformation, die Auseinandersetzungen zwischen Bolschewiken und Menschewiken in Russland usw).

Manchmal scheint es so zu sein, als würden wir gerade mit solchen Menschen die geringste Fähigkeit zu Gnade und Lethargie an den Tag legen können, mit denen wir sonst weltanschaulich die meisten Berührungspunkte haben.

Denkst du ganz anders als ich, können wir reden. Stimmen wir manchmal überein, nimm dich in Acht.

 

Christliche Ethik und die Frage nach der Schrift

Diese Fragen beschäftigen mich nicht erst seit ein paar Wochen. Aber innerhalb dieser Frage habe ich nun endlich das Buch Singing the Ethos of God von dem christlichen Ethiker Brian Brock zu ende gelesen. Auf seine Arbeit bin ich gestoßen, weil ich einen der faszinierendsten Kurse meines Studiums bei ihm an der University of Aberdeen besucht habe.

Brian gehört, wenn man das so sagen kann, im weitesten Sinne einer kommunitaristischen Strömung innerhalb der theologischen Ethik an. Diese aus der politischen Philosophie entspringende Strömung, der man je nach Grenzsetzung solche beeindruckenden Denker wie Alastair MacIntyre, Martha Nussbaum, Michael Walzer und Michael Sandel zuzählt, versteht sich in erster Linie als Kritiker des modernen Liberalismus, wie er vor allem in der politischen Theorie von John Rawls einen Ausdruck gefunden hat.[1] Dabei geht es um den Grundgedanken, dass die Umgebung, in der wir aufwachsen (Erziehung, Freundeskreis, Kultur usw.; kurz: Biographie) einen entscheidenden Anteil daran haben, was wir als richtig oder gerecht begreifen.

Innerhalb der christlichen Theologie begegnen wir diesen Gedanken oft unter dem Begriff des „Ethos“. Brian benutzt diesen Begriff und bemüht sich nicht, ihn eigentlich zu definieren. In diesem Sinne ist dieses Buch kein Einführungswerk. In aller Kürze mag man den Ethos als eine gemeinsame Grundhaltung definieren, gewachsen aus gemeinsamen Erfahrungen und Gedanken, die eine Gruppe teilt.

Brian stellt in seinem Buch mehr die Frage, wie sich ein christliches Ethos entwickeln kann. Dabei übernimmt er die Grundeinstellung, dass eine christliche Ethik an die Schrift gebunden ist.[2] Die Frage ist also, wie sich aus der Schrift ethisch Entscheidungen ableiten lassen.

Dabei betrachtet er in seinem Buch zuerst verschiedene Ansätze wie die exegetischen Versuche von Hays und Yoder, aber auch mehr ideologisch angehauchte wie die feministische Theologie Schüssler-Fiorenzas oder einflussreiche Modelle wie den kanonischen Ansatz Brevard Childs. Daraus arbeitet hervor, dass eine methodische und hermeneutische Einheit nicht gegeben ist.

Auf Grund dieser „Verwirrung“ wendet er sich zwei Giganten der christlichen bzw. protestantischen Theologie zu: den Kirchenvater Augustinus und den Reformator Martin Luther. In ihren jeweiligen Psalmauslegungen findet Brian ein Modell, wie sich ein christliches Ethos erschaffen ließe: das Lesen, Singen, Zelebrieren der Schrift, das Wiederholen der großen Taten Gottes, und das sich ständige Ausrichten auf die Hoffnung des ewigen Lebens gelten als Eckpfeiler einer Atmosphäre, in der man eine christliche Moralentscheidungen treffen kann.

Im letzten Kapitel zieht Brian etwas langatmig ein Fazit, das zum einen aus einer Rekapitulation seiner Ergebnisse besteht und des Weiteren aus einer Anwendung seiner Ergebnisse in einer selbst erarbeiteten „ethisch-exegetischen“ Psalmauslegung (zu Pss 130 und 104).

 

Singen, Sprechen, Spielen – und sonst so?

Ich war selten so fasziniert von einem Denker wie von Brian, seitdem ich seinen Kurs in Aberdeen besucht habe. Seine intellektuelle Rigorosität und gleichzeitig existenzielle Verbundenheit mit Christus sind in meiner Erfahrung nur selten zu finden.

Es war mir deswegen seit nunmehr neun Monaten ein großes Anliegen dieses Buch zu lesen, das so etwas wie der Grundstein für Brians weitere Arbeiten ist. [3]

Das Buch hat mich nicht enttäuscht. Vergleichbar mit den Arbeiten von Brian, die ich in Schottland gelesen habe, muss ich feststellen, dass seine Prosa nicht einfach ist. Immer wieder muss man sich zwingen, das Buch weiterzulesen, manche Seiten auch doppelt lesen. Vielleicht hat er hier (zu)viel von seiner wichtigen Bezugsperson Karl Barth gelernt und seine Untugend der grauenhaften Prosa ins Englische übertragen. Vielleicht war es auch meinen Fähigkeiten geschuldet. Jedenfalls ist Brians Buch keines, das man nebenbei lesen könnte.

Aber gerade das Ergebnis kann sich sehen lassen. Vor allem die herausgearbeitete Kritik an der Vorherrschaft der Hermeneutik in der Theologie ist bei mir auf bereiteten und fruchtbaren Boden gefallen. Es ist etwas an der Art, in der Brian mit (post-)modernen Denkern wie Ricoeur und Eco interagiert, die mich Jubeln lassen dabei, diese Gedanken zu lesen. Er endet bei einer Verbindung von christlicher Tradition, besonders in der Auslegung, und dem was man eine theologische Interpretation von Texten nennt. Besonders auch die Verbindung zu den (wiederum) hermeneutischen Grundgedanken von Francis Watson waren für mich nachvollziehbar.

Und dennoch: ich bin nicht wirklich überzeugt von der Auswahl, die Brian für sein Buch gemacht hat. Er argumentiert zwar, dass die Psalmen nicht nur Augustinus und Luther stark geprägt haben, und von frühen Zeiten die christliche Tradition intensiv geprägt haben. Gleichzeitig ließe sich ähnliches sicher auch über den Römerbrief sagen, oder die Evangelien. Dass Brian scheinbar keinerlei Interaktion mit den Texten des Neuen Testaments wagt, und auch innerhalb des Alten Testaments auf die Psalmen beschränkt bleibt, ist für mich nicht wirklich nachvollziehbar.[4]

Die Frage, in wie weit sich durch das rezitieren der Psalmen ein dezidiert christlicher Ethos gestalten lässt, bleibt offen, und beschränkt sich meistens auf rezeptionsgeschichtliche Fußnoten.

Dem Buch hätte es sicher gut getan, wenn der Blick über die Psalmen hinausgegangen wäre. In diese Kritik spielt hinein, dass durch das Buch hindurch nicht ganz klar wird, was eigentlich die Grundfrage ist: Frage der Autor nach dem Platz der Ethik in der Schrift (wie im Titel), oder nach dem Platz der Schrift in der Ethik (wie zB ausdrücklich auf S. 242).

Diese Kritik ist sicher nicht unbedeutend. Die Fokussierung auf die Psalmen ist sicher einleuchtender, wenn man nach dem Platz der Schrift innerhalb christlicher Ethik fragt. Dann wäre die Antwort aus dem Buch, dass ich christliche Ethik aus einem christlichen Ethos heraus bildet, und dieser durch das rezitieren der Schrift, speziell dem gemeinsamen Singen der Psalmen ergibt. Sollte die Frage aber sein, wo der Platz der christlichen Ethik in der Schrift ist, dann stellt sich die Frage, wieso das mosaische Gesetz keine zentrale Rolle spielen sollte, wieso die Unterscheidung vom paulinischen Indikativ und Imperativ nur in Fußnoten auftaucht, und wieso Jesus als neuer Moses, wie ihn uns die Evangelien präsentieren, herzlich unterrepräsentiert ist.

Das heißt bei weitem nicht, dass das Buch schlecht ist. Lässt man sich auf den Fokus ein, ist es eine Fundgrube, ein Füllhorn erstaunlicher Erkenntnisse einen wirklich beeindruckenden Denkers. Es ist nur nicht das beste Buch, das es hätte sein können.

 

Soviel für heute,

Marcus-B. Hübner

 



[1] Vgl. dazu zB Michael Sandels Dissertation Liberlism and the Limits of Justice

[2] Schrift (engl. Scripture) und Bibel sind dabei nicht deckungsgleich, wie Brian mit Eindrucksvoll und ausdrücklich zB auf S. 167 schreibt: „The point of theology is lost when revelation becomes generalized in this way, when ‚scripture‘ is turned into ‚text.‘“

[3] Einen Überblick über die Veröffentlichungen findet man auf Brians Seite der Universität.

[4] Man mag argumentieren, dass vor allem im letzten, resümierenden Teil das Konzept des „Singens“ oder der „performance“ einen entscheidenden Beitrag zur Schaffung eines christlichen Ethos in Brians Sicht spielt. Aber selbst wenn man dieser Argumentation folgt, dann ließe sich leicht aufzeigen, dass zB das Mk Anzeichen hat, dass es als Theaterstück gedacht war, und die paulinischen Briefe mit ziemlicher Sicherheit für die öffentliche, laute Lesung gestaltet wurden.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0