gelesen & geschätzt (Juni 2016 #2)

Preston Sprinkle schreibt zwei Bücher über Homosexualität,

die besser sind, als alles, was ich sonst über das Thema gelesen haben.

Ihrem eigenen Versprechen können sie aber nicht gerecht werden, und lassen die wichtigste Frage unbeantwortet.

Wieviel neutrale Reflektion verdient ein ethisches Thema?

 

Rezension zu: Sprinkle, Preston, People to be Loved. Why Homosexuality is not just an Issue, Grand Rapids: Zondervan 2016 & Ders., Living in a Gray World. A Christian Teen’s Guide to Understanding Homosexuality, Grand Rapids: Zondervan 2016

 

Es soll ja noch Menschen geben, die denken, dass die Frage vom Verhältnis von “Homosexualität und Christsein” die große Debatte der Zukunft ist für die Kirche. Gemeint sein kann damit freilich nicht ein großer Teil der Landeskirchen, die die Debatte in progressiver Form abgeschlossen haben. Nur ein kleines Fähnlein in der sächsischen Landeskirche hält noch verzweifelt an ihrer Tradition fest.

Gemeint sein muss dann, wie die traditionell evangelikalen Kirchen mit dieser Frage umgehen – das ist: wie gehen sie mit einer zunehmenden rechtlichen Gleichstellung schwuler und lesbischer Menschen in der Gesellschaft um (und dafür bin ich dankbar!), wenn ihre Geschichte und Tradition davon spricht, dass die Handlungen vermeintlich „widernatürlich“ (Röm 1,26) sind?

Wie so oft in ihrer Geschichte ist die Evangelikale Bewegung der Gesellschaft um einige Jahrzehnte hinterher. Heute ringen wir – Theologen wie Laien – mit einer Frage, die sich die Gesellschaft vor einigen Jahrzehnten gestellt hat.

Es ist freilich nicht verwerflich, dass sich die Bewegung diese Frage stellt. Auch als Evangelikale leben wir als Teil einer Gesellschaft, der wir häufig zustimmen, und hin und wieder auch widersprechen; wir ringen genauso wie unsere Mitbürger mit dem Spannungsfeld zwischen Prinzip und Empathie. Dass für uns ein religiöses, und damit Ewigkeits-dämmerndes Prinzip dabei mitschwingt, macht die Sache natürlich nicht einfacher.

Die Veröffentlichungen – besonders in englischer Sprache – die sich mit der Thematik „Was sagt die Bibel eigentlich zum Thema Homosexualität?“ beschäftigen, und in den letzten paar Jahren herausgekommen sind, sind freilich Legion. Die Übersicht dabei zu behalten ist schwer, und die Argumente darin zu unterscheiden umso schwieriger.

Nachdem Siegfried Zimmer nun auch bei Worthaus medien-gewaltig über Die Schwule Frage“. spekuliert hat und der Vorsitzende der Evangelischen Allianz einige zweideutige Sätze zum Verhältnis evangelikaler Gemeinden zu schwulen und lesbischen Mitgliedern hat fallen lassen ist das Thema endlich auch auf dem Schirm der evangelikalen Bewegung in Deutschland angekommen.

Ich sage endlich, weil „wir“ unsere Augen viel zu lange vor der Realität verschlossen haben.

„Ich bin froh, dass ich mit dem Thema noch nie konfrontiert wurde.“, hat mir ein befreundeter Pastor vor einigen Wochen gesagt, und mein Herz zerbrach bei diesem Satz. Ich denke nicht, dass wir damit nicht konfrontiert sind – egal, in welcher Position wir uns in einer Gemeinde befinden – aber dass wir unsere Augen davor verschließen.

„Das Thema nervt mich wirklich.“, hat ein anderer Leiter zu mir gesagt, einige Wochen vorher. Nach meiner Rückfrage nach dem Grund, sagte er, dass man darin einfach nicht mehr reden kann, sondern sich nur noch anschreien.

In den überschwemmten Markt von guten oder weniger guten Büchern zum Thema hinein schreibt Preston Sprinkle nun zwei, die miteinander zusammen hängen. Preston, der eine gewisse Bekanntheit durch seine Zusammenarbeit mit Francis Chan im Buch Hölle light gewonnen hat, bekennt sich darin zu einer „nonaffirming“ Position; also einer solchen Haltung, dass sein Schriftverständnis dazu führt, gleichgeschlechtliche Handlungen als wider Gottes Plan abzulehnen.

Ein weiteres Buch von einem cis-gender, heterosexuellen, glücklich verheirateten Weißen, der mit wohlwollender Herablassung auf Minderheiten blickt? Vielleicht. Vielleicht auch nicht.

 

Prestons besondere Betonung

Der Untertitel des ersten Buches – Wieso Homosexualität nicht nur ein Thema ist  - gibt eine grundsätzliche Betonung vor, die Preston durch beide Bücher hindurch beibehält: Der Blick ist nicht auf die technischen Fragen als Hauptthematik gerichtet, sondern auf die Menschen, die innerhalb evangelikaler Gemeinden mit ihrer sexuellen Identität ringen. Es ist etwas äußerst zerbrechliches an der Art, wie Preston seine Bücher aufzieht, das sie abhebt von der Art, wie das „Thema“ in anderen Büchern behandelt hat: er möchte in erster Linie die Geschichte der Menschen hören, die durch falschen Umgang mit ihnen in den Gemeinden leiden. Ebenso stellt er seiner Interpretation der biblischen Aussagen die „skandalöse Gnade Gottes“ entgegen, die immer bedingungslos ist. Nicht also das Verhalten der Menschen soll unsere Beziehung zu ihnen prägen, sondern die bedingungslose Liebe Gottes.

Neben vielen Geschichten von Schwulen und Lesben in evangelikalen Gemeinden sowie Transgender ist das Buch dann darauf ausgelegt die sechs Bibelstellen zu betrachten, die vermeintlich homosexuelle Liebesbeziehungen und sexuelle Akte beschreiben. Als akademisches Buch kann es dabei zwar vom Ton nicht gelten, aber das war auch nicht beabsichtigt. Preston analysiert in seiner Kapazität als Bibelwissenschaftler die Stellen gründlich und zeigt auf, dass Sodom und Gomorrha in 1Mo 19 nicht heranzuziehen ist, die anderen Stellen (3Mo 18,22f; 20,13; Röm 1,26f; 1Kor 6,9; 1Tim 1,10) aber durchaus etwas zum Thema zu sagen haben. Danach behandelt er einige pastorale Themen, wie die Frage nach dem gemeindlichen Umgang mit Schwulen und Lesben in ihren Kreisen, nach dem Umgang von Christen verschiedener Meinung zum Thema miteinander und auch, welche Möglichkeiten einem Menschen bleiben, der sich nun in der extremen Spannung seiner religiösen Überzeugung und seinem sexuellen Verlangen wiederfindet.

Wichtig ist dabei zu betrachten, dass Preston sich ausschließlich damit beschäftigt, wie innerhalb der Gemeinde als einer Bekenntnisgemeinschaft mit dieser Thematik umgegangen werden sollte; die gesellschaftliche Frage also, wie in einer pluralistischen Gesellschaft die Thematik betrachtet werden soll, fällt dabei außerhalb seines Fokusses, und das sollte man auf keinen Fall vergessen.

In seinem zweiten Buch – Living in a Grey World – bringt Preston dabei die gleichen Gedanken in wesentlich kondensierter Form vor, um sie gerade an solche Jugendlichen heranzutragen, die sich innerhalb evangelikaler Gemeinden ihrer eigenen sexuellen Identität nicht sicher sind.

Die Botschaft, die man dabei mitnimmt als Leser ist ganz sicher: Du bist bedingungslos geliebt.

Leise ist es dann, aber trotzdem vorhanden, das charakteristische: "Allerdings…"

 

Warum das Buch sein Versprechen nicht erfüllen kann

Nun, ich bin mit Preston in eigentlich allen Punkten, die er anspricht, einer Meinung. Sowohl von der biblischen Theologie, als auch von der Exegese, von unserem Schriftverständnis und von unserer Betonung der menschlichen Tiefe des Themas habe ich vielfach nichts mehr tun können als Stellen mehrfach zu unterstreichen; zu Weinen, wenn Preston mit bewegenden Worten von der skandalösen Liebe Gottes schreibt; und die gleichen Schmerzen zu fühlen, die er beschreibt, wenn er trotz aller Liebe zu einer konservativen Position zum Thema kommt.

Und hier liegt die Problematik des Buches. Auch Preston, mit dem Herzen eines Pastors, als Menschenfreund und getrieben von der unendlichen Liebe Gottes, kommt nicht umhin, das Thema als genau das zu behandeln: als Thema.

Und als Thema muss es steril bleiben, um die Frage zu erörtern. Es ist eben auch eine Frage. Nicht die Menschen sind eine Frage – natürlich. Aber die Spannung der gesellschaftlichen Realität und der christlichen Tradition, das ist ein Thema, das ist eine Frage, und die muss man auch intellektuell durchleuchten dürfen.

Als solches gibt Prestons Buch eigentlich keine Antwort auf die Frage, wieso Homosexualität nicht nur ein Thema ist. Nicht mehr jedenfalls als das Bekenntnis: Weil es um Menschen geht.

Aber diese Antwort gilt freilich für jedes Thema mit gesellschaftlicher Relevanz. Jede Frage von moralischer Tragweite dreht sich um Menschen. Natürlich ist „Abtreibung“ nicht nur ein Thema, ebenso wenig „Trunkenheit am Steuer“, oder die „Flüchtlingsfrage“. Es ist nicht nur ein Thema, ob der „Brexit“ klug oder unklug ist. Genauso wenig wie es nur ein Thema ist, was die Globalisierung mit den Gesellschaften macht; oder ob man nur fair gehandelte Produkte kaufen sollte.

Nichts ist nur ein Thema.

Und deswegen ist Prestons Buch in dieser Hinsicht eigentlich nur das Aussprechen einer Offensichtlichkeit. Eine Offensichtlichkeit, die wie bei des Kaisers neuen Kleidern, unbedingt ausgesprochen gehört. Aber gleichzeitig nicht wirklich etwas Neues auf den Tisch bringt: eher emotionalisiert es die Debatte noch mehr, und die Gespräche werden dadurch nicht weniger scharf, die Atmosphäre nicht weniger aufgeschaukelt.

Nicht, dass ich verlangt hätte, dass Preston das „Thema“ anders behandelt hätte. Es ist sicher eine der großen Stärken des Buches, wie eng Preston sich verbindet mit allen für ihn erreichbaren Menschen, die mit ihrer sexuellen Identität ringen. Nur zerrieben werden Menschen ja gerade darin, dass Emotionen zu scharfen Worten führen, die wiederum zu unverhältnismäßigen Urteilen fühlen, die wiederum verletzen.

 

Eine wichtige Frage für den Weg

Für mich bleibt am Ende von Prestons Büchern vor allem eine Frage ganz groß.

Ich frage mich, wie utopisch die Vorstellung ist, dass man eine konservative Sexualethik predigen kann in seiner Gemeinde, und dabei nicht Gefahr läuft, dass sich die Menschen dort, die mit ihrer sexuellen Identität ringen, ausgegrenzt fühlen. Viele der positiven Anekdoten Prestons spielen sich im privaten Raum ab: ein Ort, wo schon die Atmosphäre es leichter macht, Liebe und Wahrheit miteinander in Einklang zu bringen.

Wenn man aber die Gemeinde als öffentlichen Raum betrachtet, dann geschieht etwas anderes mit den Menschen, die nun nicht mehr Einzelpersonen sind, sondern Teil einer Menge. Mehr und mehr heben die Menschen dann ihre Empathiegrenzen auf und Prinzipien spielen eine größere Rolle: sie erst geben ja der Menge ihre Identität in Abgrenzung zu anderen Massen. Es ist etwas im Spiel in der Gemeinde als Gruppe, das es fast unmöglich macht, auf das Reflexionsniveau Prestons bei diesem Thema auch als Gruppe zu hoffen. Denn Prestons Prinzipien bleiben ja weiterhin dieselben, die seit Jahrhunderten in den Kirchen gelehrt werden.

In diesem Sinne fühlt sich Prestons Buch auch an wie ein Zündeln. Und das fällt mir besonders schwer zu schreiben – gerade weil ich mit ihm thematisch einer Meinung bin. Gerade weil ich nicht weiß, wie man die Gemeinde als Masse dazu kriegen kann, die bedingungslose Liebe Gottes vor die Prinzipien zu stellen, ohne die Prinzipien aufzugeben.

Wenn die Prinzipien regieren, dann werden wir nicht zu der Empathie durchdringen, die das Evangelium von uns fordert.

Wenn aber die Empathie unsere Prinzipien übertrumpfen, dann werden wir nicht mehr lange als Gemeinde existieren können, weil dann nichts mehr existiert, das uns abhebt von der großen Masse, der Gesellschaft.

Ich leide darunter, wie Preston.

Auch ich weiß mich alleine getragen und umgeben von der radikalen Liebe eines Gottes, der meine Falschheit, Egozentrik und zerstörerischen Handlungsweisen keines Blickes gewürdigt hat, aus bedingungsloser Zuneigung. Und dieser gleiche Gott leitet mich dazu, sein Buch als sein Versprechen zu sehen – als Richtschnur, als das wirkliche Prinzip eines gerechten Lieben und einzige Quelle echter Hoffnung.

Wie ich damit umgehen soll, weiß ich nicht.

Bis ich es weiß, vertraue ich darauf, dass Gottes Liebe immer radikaler ist, als es mir in den Kopf gehen will. So wie Preston, wohl. Und das seine Weisheit meine Erkenntnis bei weitem übertrumpft.

 

Viel Gnade euch,

 

MBH

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Kommentare: 2
  • #1

    Ben (Samstag, 02 Juli 2016 00:49)

    Sehr schön präsentiert! Danke.

    Wobei ich "issue" nicht unbedingt mit "Thema" übersetzen würde. Das irritiert mich beim Lesen hier etwas. Die in diesem Kontext kontroverse Konnotation lässt sich vielleicht besser mit "Streitpunkt" oder "Streitthema" wiedergeben.

  • #2

    MBH (Samstag, 02 Juli 2016 10:29)

    Danke dir für die Rückmeldung.
    Aber ich stimme dir nicht zu; mit der Formulierung habe ich lange gerungen, und ich nenne dir die zwei Gründe dafür:

    (a) Innerhalb der progressiven Bewegung in den USA (an die sich Preston ja u.a. ganz bewusst wenden) gibt es seit langem die Tendenz, bei diesem Spannungfeld zwischen "Issue" und "Humans" zu unterscheiden - also es ist das erstere n i c h t, weil es um das zweitere geht. Die Gedanke dahinter ist bewusst, dass eine Handlung des Spannungsfeldes als "Issue" zu steril ist. Um dieses Argument vorzukommen, muss gar nicht Emotionalität im Spiel sein bei der Argumentation (wie dein "Streitfall" suggerieren würde). Exemplarisch ist das deutlich an der Reaktion von Nadia Bolz-Weber auf ihre Einladung zur Online Konferenz "The Nine" vom Leadership Network (sozial-medial übrigens ganz ganz großes Kino!)
    - zu finden hier: (http://thinkprogress.org/lgbt/2014/10/17/3581333/lgbt-christians-we-are-the-body-of-christ/) -
    und/oder in dieser Reaktion auf Matt Lee Andersons überaus durchdachtes Essay zur Gleichstellung von Lebenspartnerschaften mit der traditionellen Ehe, zu finden hier: http://diannaeanderson.net/blog/2015/6/humanity-subject-moral-reasoning.

    (b) Weiter noch geht das ganz innerhalb der LGBTQ Gemeinschaft un der Queer-Theorie allgemein, die für jeden Nichtbetroffenen die grundsätzliche Möglichkeit der Beschäftigung bezweifeln. Das heißt, "Caucasians" können gar nicht die Probleme von Latinos oder African-Americans verstehen; cis-gender Menschen nie die Probleme von Transgender Menschen; heterosexuelle Menschen nie die von Homosexuellen oder Queer. zB erkennbar bei diesem Abbruch jedes Gespräches durch einen sonst unheimlich lesenswerten Korrespondenten des Guardian, zu finden hier https://www.theguardian.com/commentisfree/2016/jun/13/sky-news-homophobia-orlando-sexuality (beachte besonders den Satz: "You don't understand this, because you're not gay, okay?")
    Ich halte diesen Ansatz für verfehlt, weil er jede Form von öffentlichem Dialog über irgendwelche Dinge eigentlich unmöglich macht - und mit Hannah Arendt denke ich, dass das gesittete Streitgespräch nicht nur wichtig ist für freiheitliche-westliche Demokratien, sondern sogar zum Menschlichen Sein als politisches Wesen gehört. Wenn Verständnis nicht möglich ist, dann scheint mir das Problem entweder beim Unverständigen zu liegen (er/sie will nicht verstehen), beim Erklärenden (sie/er kann es nicht erklären), oder auf beiden Seiten, aber beide Probleme können nicht unauflösbar sein - sonst implodiert jede Vorstellung von einer offenen Gemeinschaft ;-)

    Cheers, therefore: Ich bleibe bei "Thema".

    Lieber Gruß
    MBH