gelesen & geschätzt (Juni 2016)

In Laline Paulls Debütroman geht es um Bienen.

Mit allen Holperigkeiten, die einen Debütroman ausmachen,

regt es trotzdem zum Denken über wichtige Fragen ein.

„Wie es ist, eine Biene zu sein.“

Rezension zu: Paull, Laline, The Bees. A Novel, New York: Ecco Press 2014

 

Dieser Tage sind die Gemüter erhitzt über die Frage, was man sein kann. Wo für viele Leute die aktuelle ethische Frontlinie in der weltanschaulichen Auseinandersetzung darin liegt, ob aus einem biologischen als Mann geborenen Menschen auch eine gesellschaftlich anerkannte Frau sein kann (und umgekehrt), gibt es andernorts Menschen, die auch ihre Spezies ändern wollen, oder auch ihr Alter.

Dahinter steckt die Frage – die, wenn ihr mich fragt, lieber diskutiert werden sollte, als umkämpft – in wie weit die Selbstempfindung essentiell wichtig ist, um die Wirklichkeit zu beeinflussen. Heißt: Bestimmt unsere Selbstwahrnehmung, wer wir sind, oder Gene und biologische Prozesse?

Wenn ich selbst mir über diese Themenkomplexe Gedanken mache, komme ich oft zu dem Artikel „Wie es ist, eine Fledermaus zu sein“ von dem britischen Philosophen Thomas Nagel, der schon im Jahr 1974 erschienen ist und von einem anderen Philosophen später als „bekanntestes Gedankenexperiment zum Thema Bewusstsein“ bezeichnet wurde.

Nagels Argument in dem Artikel ist recht einfach, wenn auch er es in eine akademische Sprache wickelt: Das Bewusstsein eines bestimmten Wesens (hier: Fledermaus) wird von etwas bestimmt, dass spezifisch für dieses Wesen ist und nur diesem Wesen zugänglich.

Weil ich keine Fledermaus bin, kann ich nie wissen, wie es ist, eine Fledermaus zu sein – egal wie sehr ich die Verhaltensweisen und –modi studiere und mir ins Gehirn martere. Und selbst wenn ich die Fähigkeiten erwerben würde, die einer Fledermaus eigen sind – das „Sehen mit den Ohren“ usw. – wüsste ich immer noch nicht, wie es ist, eine Fledermaus zu sein – maximal, wie es ist, ein Mensch zu sein, der auf dem Weg ist, eine Fledermaus zu werden.

Während ich über diese komplexen Fragen nachgedacht habe, habe ich in der letzten Woche Laline Paulls brillanten Roman The Bees gelesen, der einige Preise gewonnen hat und von den Feuilletons mit Lob überschüttet wurde. Zu recht.

 

Von Flora 717 und ihrem Leben

Der Roman ist mehr als faszinierend, auch wenn man eine nicht geringe Zeit braucht, um sich in den Strudel seiner Vorstellungskraft hineinziehen zu lassen. Im Zentrum des Geschehens steht die Arbeitsbiene Flora 717, die in der strengen Hierarchie ihres Bienenstocks in der untersten Schublade feststeckt. Doch im Verlauf des Romans ist es ihr Mut, ihre Klugheit und andere, ihrer Art sonst nicht unbedingt eigene Fähigkeiten, die ihr Privilegien erarbeiten und sie auch in den Konflikt mit dem Bienenstock stellen. Gleichzeitig wird die Hierarchie und die Überzahl weiblicher Bienen im Bienenstock zu einer subtilen feministischen Botschaft verarbeitet, in der auch die Befreiung der Frau als solche in den Vordergrund rücken darf.

Besonders bedeutsam an dem Roman scheint mir, wie es der Autorin gelingt, bestimmte ins Allgemeinwissen eingedrungene Charakteristika des Bienenstaates zu ergänzen und dadurch ein kohärentes Bild zu schaffen. Besonders der Gedanke der Hierarchie und der zentralen Bedeutung der Königin für den Bienenstock wird in dem Roman auf anregende Weise weitergeführt, aufgegriffen und ausgeschmückt.

In dieser Hinsicht leitet uns die Autorin in ein uns völlig unbekanntes Terrain. Wenn nämlich der oben angesprochene Thomas Nagel recht hat, und wir nicht wissen können, wie es ist, eine Fledermaus zu sein, dann antwortet Laline Paull mit ihrem Buch: „Aber vielleicht könnte es so sein, eine Biene zu sein.“

Dieser Übergang von einer Welt in die andere – vom humanoiden zum bienenhaften – wird dabei von der Autorin, vielleicht bewusst, holperig gestaltet und verlangt dem Leser einiges an Vorstellungskraft ab. So leitet sie bestimmte Konzepte gar nicht ein, sondern verlangt vom Leser, dass er sich selbstlos darauf einlässt.

Gerade in dieser Weite der Vorstellungskraft liegt eine große Stärke des Buches von Paull. Um das Thema zu bearbeiten braucht es einen steten Fluss von kreativen Einfällen und Ergänzungen, sodass aus einer spannenden Idee (Bienenstock, eine Biene als Protagonistin) auch eine Geschichte wird, mit der der menschliche Leser sich verbinden kann.

Gleichzeitig werden diese Konzepte immer wieder Zusammenhangslos eingeführt, und der Leser muss sich in einer „Friss oder Stirb“ Art darauf einlassen, oder die Hoffnung aufgeben, einen Zugang zum Buch zu erhalten. Darin ist dieses Buch so anders als die noch wesentlich fantasievoller gestalteten Romane von Walter Moers, der derartige Konzepte weicher und mit mehr Empathie für die unwissenden Leser einführt.

Dieses Manko des Buches, das über die Stärke aber nicht hinwegzutäuschen vermag, ist sicher dem Umstand geschuldet, dass dieser Roman ein Debüt ist und auch ein Autor mit einem derart ausgeprägten Talent wie Laline Paull an ihren Aufgaben wächst.

 

Bewusstsein und Vorstellungskraft

Nun hat mich das Buch aber dennoch zum Nachdenken gebracht, und meine Gedanken drehten sich um die Frage, ob wir wissen können, wie es ist, eine Biene zu sein. Wenn Thomas Nagel Recht hat, dann haben wir, als Menschen, zu der Essenz des Biene-Seins gar keinen Zugang. [i]

Doch dieses Buch versucht ja gerade diesen Zugang zu schaffen, und der Zugang wird durch die menschliche Vorstellungskraft erschlossen. In diesem Sinne antwortet das Buch nicht wirklich darauf, wie es ist, eine Biene zu sein, sondern wie es sein könnte.

In allen diesen Fragen ist die Autorin zumindest vordergründig herzlich uninteressiert an den philosophischen Fragen, die sich so auftun können, wenn man zwei und zwei zusammen zählt. Aber gerade in diese Nonchalance liegt ja die Stärke der Literatur, die sie der Philosophie voraushat: Die Literatur – und überhaupt: die Kunst – muss sich den Methoden der Gegenwart nicht stellen, und darf es in einer Weise „fließen lassen“, was der Philosophie nicht gestattet ist. In mancherlei Weise fühlt sich die Literatur so wie eine befreite Philosophie an, wenn sie wirklich betrieben wird; ein Ort, in dem Gedanken noch hingestellt werden dürfen, weil zuerst nicht die Methode und der Erkenntnisweg unter skeptischer Beobachtung steht, sondern das Gesamtwerk betrachtet werden kann – hält es stand? Ist es ästhetisch?

Ich frage mich oft, ob es aus diesem Grund ist, dass die Bibel als Gründungsdokument zweier der einflussreichsten Religionen der Welt so voller Geschichten ist, und nicht nur philosophische Abhandlungen beinhält. Ich frage mich auch, ob es deswegen ist, dass der Muslimischen Theologie schon immer wichtig war, die ästhetische Schönheit das al-Qur’ans herauszuheben.

In einem Vortrag von Marilynne Robinson habe ich vor ein paar Tagen die Bemerkung aufgenommen, dass Religion und Kunst schon immer eng miteinander verbunden waren, weil sie eine gleiche Vorstellung von Bewusstsein haben.

Laline Paulls Buch ist deswegen ein Ausstellungsstück der Konventionslosigkeit, mit der in der Kunst über Identität nachgedacht werden kann: nicht die Frage steht im Zentrum, ob wir überhaupt wissen können, wie es ist, eine Biene zu sein, sondern die Frage, welcher Zugang am ästhetischsten ist, um diese Frage zu ergründen.

Nichts davon löst natürlich unsere gegenwärtige Frage, in welcher Weise unsere biologischen Komponenten auch unser gesellschaftliches Geschlecht bestimmen, und welche Faktoren in unserer Identitätsfindung die bedeutendere Rolle spielen sollen. Aber ich frage mich, ob konservative Denker – wie ich – und einen Gefallen dabei tun, diese Frage nur quasi naturwissenschaftlich anzugehen und künstlerische Darbietungen nur als Kirsche auf der Torte betrachten. Sie scheinen mir irgendwie bedeutender zu sein als das.

 

Viel Gnade euch,

MBH

                                                                                                                                                   


[i] Ich denke, dass hier ein Verweis auf das Konzept der „Jemeinigkeit“ in Heideggers Philosophie angebracht sein könnte. Auf der Suche nach dem „Sinn von Sein“ betrachtet Heidegger nämlich dasjenige Existente, was „je meins“ ist, ein anderes ist uns gar nicht zugänglich. Weil ich aber Mensch bin, kann ich auch nur den Sinn des „Menschseins“, und als solches des „Mannseins“ und vor allem erstmal des „Marcusseins“ ergründen. Das ist, für Heidegger, die „Jemeinigkeit“.

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