Dostojewski lesen (Woche 13)

In diesem Abschnitt der Brüder Karamasow

werden wir mit zwei "Rissen" konfrontiert, von denen uns

vor allem der Riss zwischen Ivan und Katja ins Nachdenken über Ethik leitet.

 

„Und sie wird sich nähren von dem Gefühl dieser erfüllten Pflicht.“

 

Abschnitt 10: S.308 – S.347

 

Was ist vorgegangen?_

In diesem Abschnitt geschehen zwei „Risse“, wie Nötzel diese Überschriften übersetzt. Das Wort „Riss“ ist in diesem Fall nicht so einfach zu definieren, bezieht sich aber auf jeden Fall auf die unangenehme Atmosphäre, mit der die jeweiligen Begegnungen getränkt sind. In jedem Fall gehen diese „Risse“ mit einer Schicksalhaftigkeit schwanger, die sich dauerhaft für die Geschichte auswirken werden. Der erste Riss geschieht im Hause von Fr. Chochlakow zwischen Iwan und Katja, dem mittleren Karamasow-Sohn und der Verlobten Dimitris. Der zweite Riss geschieht in der Hütte des Stabskapitäns, den Dimitri vor einigen Wochen so tief beleidigt und gedemütigt hatte. Wir erfahren in diesem Abschnitt auch sogleich, dass es ja gerade der Sohn dieses Stabskapitäns war, der Aljoscha im letzten Abschnitt in den Finger gebissen hat.

Der erste Riss, zwischen Katja und Iwan, hat etwas mit der Beziehung der Karamasow-Söhne zu den Frauen zu tun, der Teil der Interpretation sein wird, auch wenn wir hier nicht die ganze Dimension dieses Wechselspiels betrachten können. Klar wird aber, dass sich Dimitri gerade eine solche Frau gesucht hat, die zu ihm passt – der stolze Intellektuelle verliebt sich in das stolze „Institutsfräulein“. Problematisch ist dabei natürlich, dass diese schon verlobt ist, und noch dazu mit seinem älteren Bruder. Noch größer erweist sich für das Liebesglück der Beiden ihre Bindung an eine Pflichtenethik, die noch näher zu betrachten ist.

Der zweite Riss, eben in der Hütte, des Stabskapitäns, hat mit der bemitleidenswerten Situation der Bewohner zu tun. Hier erstmal wird uns die literarische Kraft Dostojewskis deutlich, die so viele Menschen in seiner Zeit fasziniert hat. Während die meisten Schriftsteller seiner Zeit sich die Reichen und Schönen, die Aristokraten und Herrscherhäuser als Sujet ihres literarischen Schaffens wählten (vgl. zB Tolstois ‚Krieg und Frieden‘, das sich ausschließlich im Petersburger und Moskauer Adel abspielt), sah Dostojewski genau auf die Armut der Mehrheit, und auf die Hoffnungslosigkeit, die damit einhergeht.

 

Interpretation_

Die Beziehung der Karamasowschen Söhne mit den Frauen ist Material, um ganze Bücher zu füllen. Da es bei meiner kleinen Reihe ja auch vor allem um Gedankenstützen gehen soll, Interpretationshilfen, nicht um voll ausgearbeitete Les- und Interpretationsarten, möchte ich in dieser Ausgabe gerne auf die Problematik zwischen Iwan und Katja aufmerksam machen.

Als Immanuel Kant 1782 seine Kritik der reinen Vernunft veröffentlichte, leitete er damit einen Paradigmenwechsel ein, der schwerlich zu überbewerten ist. Ein Freund von mir brachte die Philosophiegeschichte seit dem auf den Punkt, als er sagte: „Seit dem versuchen alle nur, mit Kant zu brechen.“

Was Kant in der Frage nach Erkenntnis und Wahrheit in der Kritik der reinen Vernunft getan hat, tut er in der Kritik der praktischen Vernunft mit der Ethik und stellt die Frage, ob es eine deduktive Art gibt, das moralische Handeln zu begründen – das ist: gibt es ein allgemeines Grundgesetzt, nach dem sich alle moralischen Entscheidungen zu richten haben.

Herausgekommen ist, soviel ist manchen noch bekannt, der so genannte „kategorische Imperativ“. Diese grundlegende Weichenstellung der Ethik besagt, dass man sich nur so verhalten sollte, dass das eigene Verhalten zur Regel für das Verhalten aller Menschen erklärt werden kann. [i]

Das heißt: Ich darf niemandem das Leben nehmen, weil sonst der Mord an sich keine Untat mehr wäre, und ich um mein Leben fürchten muss (durchaus unterhaltsam interpretiert in dem trashigen Horrorfilm The Purge [Achtung, nicht unbedingt für jedermanns Gemüt gemacht!]).

Wir sollten die Bedeutung von Kants Ethik nicht unterschätzen: Er war der erste, der versucht hat, absolute Ethik abseits von einem höheren Prinzip (ob es Gott & das göttliche Gebot ist, oder ein postuliertes „Naturrecht“ und „-gesetz“ ist, spielt dabei erst mal keine Rolle) zu etablieren.

Kant haben wir das zu verdanken, was man heute eine „Prinzipienethik“ nennt, eine Ethik die sich aus absoluten, nicht der jeweiligen Situation anzugleichenden Prinzipien ableitet.

Und Katja ist von allen Frauen, die uns in Dostojewskis Romanen begegnet, sicher die beste Repräsentationsfigur für diese Art von Ethik.[ii] Wenn wir uns die Begegnung hier mit Ivan ansehen, dann wird dem Leser sehr schnell bewusst, wie sehr sie sich zu dem jungen Intellektuellen hingezogen fühlt. [iii] In jedem Fall ist es aber ihre Gebundenheit an die selbst auferlegten Prinzipien, die sie vor einer Hingabe an die eigenen Gefühle und Leidenschaften bewahrt.

In dieser starren Gebundenheit an die Prinzipien ist sie der perfekte Gegenpol zu der leidenschaftlichen Gruschenka, die alle anderen ihren eigenen Bedürfnissen unterwirft. Und gleichzeitig wird uns Dostojewski anhand dieser beiden Figuren zeigen, wie wenig Bestand beide Formen der Ethik haben. Denn wenn auch Dostojewski von seiner Weltanschauung der Prinzipienethik sicher näher steht als dem Hedonismus Gruschenkas, vor allem auch mit seiner mystischen Sicht auf den Zusammenhang von Leid und Liebe, so ist es am Ende Katja, die die Katastrophe des Romans zu ihrem Höhepunkt bringt – ohne einmal unmoralisch zu handeln.

In der Betrachung Katjas wird uns – auch im Kontext des weiteren Romans – diese besondere Unterscheidung in der Moralphilosophie Dostojewskis deutlich: Es gibt ein Handeln, dass allen Maßstäben einer Prinzipienethik entspricht, aber trotzdem in die Katastrophe führt. Weil am Ende Ethik mehr ist, als das richtige Prinzip zu finden, Moral braucht Herz und Verstand. Damit hat er zwar nicht die Verirrungen späterer Kantrezipenten wie Adolf Eichmann vorausgesehen, hat aber durchaus Schwachstellen aufgezeigt, die heute noch bedenkenswert sind.

 

Viel Segen euch,
MBH

[i] Es ist eine gruselige Lektüre, die Verdrehung dieser ethischen Regel in den Aussagen Adolf Eichmanns bei seinem Prozess in Jerusalem zu lesen (vgl. Arendt, Hannah, Eichmann in Jerusalem, München: Piper 1964, S.232). Es ist dies der Grund, dass Arendt die Notwendigkeit sieht, Ethik auf eine andere Grundlage zu stellen als ein allgemeines Gesetz des Verstandes.

[ii] Einen Vergleich von Kant und Dostojewski zu machen, ist nicht ganz ohne Tücken und schon gar nicht allgemein anerkannt. Mir ist nicht bekannt, dass Dostojeski jemals explizit mit Kant interagiert haben sollte, aber seine vielen Deutschlandreisen werden ihn wohl nicht hermetisch von Kantianischem Gedankengut abgeschottet haben. Diese Vergleiche zu ziehen ist in der Interpretation Kants und Dostojewski auch eine verhältnismäßig neue Richtung, die erst in den 60er Jahren entwickelt wurde. Neueren Datums ist die Studie Dostoevsky and Kant. Dialogues on Ethics von der russischen Philosophin Evgenia Cherkasova (Amsterdam: Editions Rodopi 2009), die sehr akademisch aber sehr lesenswert ist.

[iii] Gleichzeitig wird hier natürlich schon die Unfähigkeit beider zur Kommunikation deutlich. Der Stolz spielt für beide natürlich eine ebenso große Rolle wie ihr Intellekt und ihre Prinzipien.

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