Dostojewski lesen (Woche 12)

Diese Woche in unserem Abschnitt aus den Brüder Karamasow,

werden uns zwei Arten der Religion gegenüber gestellt,

und im Schweigen Aljoschas erkennen wir einen moralischen Appell des Autors an seine Leser.

 

„Wenn ihr aber nicht wollt, so möge euch der Teufel holen.“

 

Abschnitt 9: S.279 – S.308

 

Was ist vorgegangen?_

In diesem Abschnitt lesen wir von drei Begegnungen; zwei davon hat Aljoscha, während die andere zwischen dem asketischen Mönch Vater Therapont und einem angereisten Mönch stattfindet. Auch hierin zeigt der Autor gewisse Spannungen auf zwischen den Figuren, denen wir uns in der Interpretation widmen werden.

Die erste Begegnung findet zwischen Vater Therapont und dem angereisten Mönch statt. Therapont ist ein Asket, lebt in einer verfallenen Hütte auf dem Gelände eben jener Einsiedelei, in der Vater Sossima lebt. Aber er ist ein großer Kritiker des Starzentums. Umso deutlich wird seine egozentrische Religion, als wir in das Gespräch zwischen dem angereisten Mönch und dem „Faster und Schweiger“ hineinhören dürfen. Seine Religion, im Gegensatz zu dem, was wir über den Vater Sossima bis jetzt gelesen haben, strahlt eine Herzenskälte aus, die sie wenig attraktiv macht.

Die zweite Begegnung findet zwischen Aljoscha und seinem Vater statt, nachdem dieser ihn am Abend vorher gebeten hatte, am Morgen wieder vorbeizukommen. Über Nacht hat der niedergeschlagene Fjodor neue Kräfte gesammelt und ist in seiner Wut und Verachtung gegenüber seinem ältesten Sohn nur gewachsen. Zerquetschen will er ihn, „wie einen Tarakan“. Gleichsam verliert er auch über den gebildeten Iwan kein gutes Wort, dem er die Zugehörigkeit zur Familie abspricht. Das Verhältnis zu Aljoscha gestaltet sich zwiespältig. Während er der einzige ist, über den der alte Karamasow zu sagen vermag, dass er ihn liebe, wird er gleichzeitig barsch und lieblos behandelt, herumgescheucht und empfängt wenig Wärme von seinem Vater. Seine Reaktion ist das gleiche Schweigen, das wir schon viele Male bei ihm gesehen haben.

Die letzte Begegnung, die recht rätselhaft ist, findet zwischen Aljoscha und einigen Schuljungen statt. Einer von ihnen, dessen Namen wir (noch) nicht erfahren scheint mit den anderen auf Kriegsfuß zu stehen und sie bewerfen sich gegenseitig mit Steinen. Als Aljoscha zu schlichten versucht, erkennt er, dass der allein stehende Junge wohl nicht nur mit den anderen Schuljungen sondern auch mit ihm, Aljoscha, ein Hühnchen zu rupfen hat. Als der Novize versucht, den Grund dafür herauszufinden, beißt der Schuljunge ihm tief und schmerzhaft in den Finger.

 

Interpretation_

In diesen Kapiteln steht der Vater Sossima, der ja nur sehr wenig zu Wort kommt, im Zentrum der Interpretation, während rechts und links von ihm der Vater Therapont und der alte Karamasow aufgestellt werden können.

Bis hierher könnte man den Eindruck gewinnen, dass Dostojewski mit diesem Roman der Religion in toto die Seligkeit zusprechen wolle; als wäre sie nicht nur nicht das Gift der Welt, sondern die Heilung für alle Übel. Wenn uns auch die Gepflogenheiten russisch-orthodoxer Frömmigkeit sehr ungewohnt sein mögen, so wird literarisch mehr als deutlich, dass der Starez in der Einsiedelei offensichtlich als menschliche Utopie hingestellt werden soll.

So heilig wie er, so sollte man sein.

Wenn er nun der einzige feststehende Vertreter der Religion wäre, dann könnte man diesen Roman für ein Pamphlet religiöser Propaganda halten (und dafür wurde es auch häufig gehalten).

Dostojewski ist sich der Kehrseite der Religion aber durchaus bewusst, und stellt diese in der Figur Vater Theraponts heraus, von dem er sogar sagt, dass „die Mehrzahl der Brüder genauso empfand wie er und von den Weltlichen, die ins Kloster kamen, in sehr viele für einen großen Gerechten und Eiferer hielten, ungeachtet dessen, daß sie in ihm zweifellos einen Gottesnarren erblickten.“ (S.285)

Man kann also nicht sagen, dass die eine Seite der Religion – Vater Sossimas barmherzige Erhabenheit – eine größere Akzeptanz im Volk findet als es die andere Seite – Vater Theraponts asketische Weltentsagung.

Dostojewski sieht sein Russland zur Zeit des Romans an einem Scheideweg. Der Atheismus, der vom erstarkenden Marxismus und von der Philosophie der Junghegelianer (u.a. Ludwig Feuerbach) genährt wird, greift in Russland um sich. Die einzige Lösung für dieses Problem, die Morallosigkeit die er darin begründet sieht, scheint für ihn die Rückkehr des russischen Volkes zur Religion zu sein – zum Glauben an „Gott-und-Unsterblichkeit“.

Gleichzeitig erkennt er, dass Religion nicht in allen Fällen, vielleicht sogar in den wenigsten Fällen zu einem weichen Herzen führt, sondern häufig zu Stolz und Überheblichkeit. Gerade im Umgang der römischen Kirche, die er von Herzen hasst, gegenüber den politischen Bewegungen seiner Zeit, will er diese Haltung erkennen. Protestantismus spielt für ihn nur sehr bedingt eine Rolle: zum einen existiert er in Russland zu dieser Zeit im Grunde nicht; zum anderen hat er Erfahrungen mit dem rationalen Christentum der Aufklärung gemacht, als er in Deutschland unterwegs war, und die mangelnde Mystik derselben lässt ihn daran zweifeln, ob es sich überhaupt noch um Religion handelt.

Mir ist übrigens nicht bekannt, ob Dostojewki sich mit den Schriften Schleiermachers jemals auseinander gesetzt hat, den die gleichen Probleme mit dem aufklärerischen Christentum umtrieben, zumindest zu Beginn seines Schaffens.

Und so stellt Dostojewski in seinem Roman jene beiden Arten der Religion gegenüber, und zeigt auf, wie wenig hilfreich es in der Zukunft sein wird, wenn sich das russische Volk auf die Seite des hochmütigen Asketen schlägt.

Als Stellvertreter des russischen Volkes können wir hier Aljoscha verstehen; er ist dem Starez in seiner Barmherzigkeit zugetan, wenn er ihn auch zu sehr vergöttert – wir werden dem noch intensiver begegnen. Die Nähe zum Starez färbt ab, und wir erkennen das in seinem Umgang mit dem Vater, der als Stellvertreter Verdorbenheit der zeitgenössischen Gesellschaft betrachtet werden kann.

Nur schweigt Aljoscha.

Und das sollten wir nicht übersehen.

Er schweigt direkt nachdem sein Vater behauptet hat, Iwan würde seinen religiösen Bruder durch sein Schweigen verhöhnen.

Schweigen in diesem Roman ist in keiner Weise eine Tugend (vgl. auch die Praxis Vater Theraponts, ein „großer Schweiger“ zu sein, und wie zerstörerisch dann die wenigen Worte sind, die er spricht).

Dostojewski lässt seinen Mönch an dieser Stelle nichts sprechen, obwohl er der Einzige ist, der etwas sagen darf. Diesen Umstand erkennen wir an der kurzen Begebenheit im den Kognak. Der Vater lässt sich etwas sagen, wenn es auch nicht von Dauer ist.

Dostojewski fordert seine Gesellschaft, die er immer noch in der Essenz als eine religiöse Gesellschaft verstehe, heraus: wenn ihr schweigt, sagt er, dann wird alles in der Katastrophe enden.

 

Viel Gnade euch,

 

MBH

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