Dostojewski lesen (Woche 11)

In diesem Abschnitt des Buches begegnen uns die beiden Frauen,

die in Dimitris Leben und fatale Rolle spielen.

Wir sollten uns ihnen literarisch, nicht ideologisch nähern.

 

„Du wirst mit ihr glücklich sein, aber vielleicht … nicht ruhig glücklich.“

 

Abschnitt 8: S.247 – S.275

 

Was ist vorgegangen?_

Diese zwei Kapitel, die wir diese Woche gelesen haben, schließen den ersten Teil ab. Mit diesen Kapiteln haben wir auch die letzten beiden zentralen Figuren des Geschehens kennengelernt und in Aktion erlebt – Katharina Iwanowna (Katja), die Verlobte Dimitris, und Agrafena Alexandrowna (Gruschenka), seine Geliebte.

Im ersten, längeren Kapitel dieses Abschnitts trifft Aljoscha im Hause Katjas ein, und trifft dort eine über alle Maßen erregte und hoffnungsvolle Katja. Der Grund dafür wird schnell klar: Gruschenka selbst war bei ihr aufgeschlagen, versteckte sich jetzt noch hinter dem Vorhang, und Katja war zu der Überzeugung gelangt, dass diese ganze Liebelei mit der Gruschenka nur ein Streich sei, der schneller vorbei sei, als man bis drei zählen könnte. Nebenbei berichtet Katja dem Aljoscha dabei von der Geschichte der Gruschenka mit einem Offizier, der jetzt auf dem Weg zu ihr sei. Darüber wird in einem späteren Kapitel mehr zu berichten sein.

An diesem Abend hintergeht die Gruschenka hinterlistig das Vertrauen der Katja und zeigt dadurch ihr liederliches Gesicht: Nichts kann sie versprechen, sagt sie. Noch dazu demütigt sie die so sehr auf Ehre bedachte Katja, indem sie zwar ihre Hand küssen lässt (ein Zeichen der Ehrerbietung), diese Gefälligkeit aber nicht erwidert.

Von dem allen aufgewühlt macht sich Aljoscha auf den Rückweg uns Kloster, wobei er Dimitri trifft, dem er die ganze Begebenheit mit Katharina und Agrafena berichtet. Dieser scheint hocherfreut, geradezu fiebrig zu sein durch diese Erzählung, bezeichnet Gruschenka zwar als „Höllenbewohnerin“, sogar Königin dieser Meute, gleichzeitig ist er offenbar hocherfreut über die Demütigung Katharinas.

Alles mehr als seltsam.

Vor allem ist noch die Tatsache zu erwähnen, dass Dimitri der Gruschenka offensichtlich das Geheimnis Katharinas anvertraut hat, das wir als Leser schon vor einigen Kapiteln erfahren haben (wir erinnern uns: das geliehene Geld, die Möglichkeit Dimitris sich ihrer zu ermächtigen), was nicht nur ein gebrochenes Vertrauensverhältnis zwischen den Verlobten bedeutet, sondern auch eine unaussprechliche Demütigung Katharinas ist.

 

Interpretation_

Dieses Kapitel stellt uns die einzigen beiden Frauengestalten vor, die das Geschehen im Roman maßgeblich beeinflussen. Freilich sind auch Lisa, die am Ende des Abschnitts einen bemerkenswerten Auftritt in Form ihres Briefes an Aljoscha hat, und auch ihre Mutter Fr. Chochlakow zu erwähnen. Auf lange Sicht werden aber auch die beiden keine wirklichen Beiträge zur Geschichte leisten, während Katja und Gruschenka zu den zentralsten Figuren des Geschehens gehören.

Es ist deswegen nicht unangebracht, dieses Kapitel dafür zu nutzen, einen Blick auf Dostojewskis Verhältnis zum weiblichen Geschlecht zu werfen, der uns auch diese beiden Figuren zu erklären vermag.

Drei Frauen gab es, die Dostojewskis Leben nachhaltig geprägt haben. Mit zweien von ihnen war er verheiratet, während er mit einer nur eine Liebschaft unterhielt, sie aber auch später noch seine „ewige Freundin nannte“. Diese, Polina, ist es auch, die uns hilft, den Blick auf Katja und Gruschenka zu schärfen.

Ich habe schon an anderer Stelle davon geschrieben, dass Dostojewski hoffnungslos patriarchalisch und chauvinistisch war, wenn man sein Verhältnis zum weiblichen Geschlecht betrachtet. Das ist deswegen bedeutsam, weil er sich doch immer von solche Frauen angezogen fühlte, die für ihre Zeit vorbildlich emanzipatorisch waren.

Kjetsaa schreibt über Polina:

 

„Stolz wie sie von Charakter war hat Polina sehr schnell gegen männliche Unterdrückung rebelliert und vor allem gegen das männliche Bedürfnis, zu besitzen und zu unterdrücken. Von diesem Mann [gemeint ist D., der zu dieser Zeit einen bedeutenden Ruf als Denker und Autor hatte] hatte sie wahrlich etwas ‚erhabeneres‘ erwartet.“[i]

 

Mit Polina hat Dostojewski von Anfang an eine leidenschaftliche und stürmische Beziehung geführt, die von Unverständnis und Streit geprägt war, und gleichzeitig einer unergründlichen erotischen Anziehungskraft.

Diese Beziehung hat dann auch sein Bild der Frau entscheidend geprägt, und es zeigt sich in den beiden Figuren Katharina und Gruschenka, die sich wie Pole gegenüber stehen. Gerade diese Gegenpoligkeit ist ja, wie ich in der Einführung zu dieser Reihe geschrieben habe, ein klassisches schriftstellerisches Mittel Dostojewskis.

Da ist zum einen Gruschenka, die als klassische Femme Fatale die Schwächen der anderen zu ihrem eigenen Vorteil nutzt. Wir lesen in diesem Abschnitt auch, dass sie selbst vor fünf Jahren tief verletzt wurde. Daraus lässt sich laienpsychologisch schließen, dass sie nun aus Angst vor weiteren Verletzungen niemanden mehr an sich heranlassen kann.

In Dostojewskis Sicht ist sie die schlechthinnige Frau, entfesselt von den moralischen Bindungen des Gewissens. Zumal sie noch dazu die „natürliche Gegebenheit“, dass sich die Frau der männlichen Begierde unterzuordnen hat, auf den Kopf stellt, und das genau Gegenteil praktiziert: sie lässt Dimitri auf Grund seiner Lust nach ihrer Pfeife tanzen.

Katharina dagegen ist das Urbild der Frau, die sich dem religiösen Gefühl der Pflicht und Ehre verschrieben hat (das „Institutsfräulein“, in Dimitris Worten). Sie gibt sich, in einer Form von selbstloser Ehrerbietung den Wünschen des Mannes hin, und wünscht sich nichts sehnlicher, als ihn retten zu dürfen. Die einmal erlittene Entehrung von damals prägt sie bis in die Gegenwart und macht sie dem Mann untertan.

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Neben der Idee des sog. „russischen Christus“ und dem damit verbundenen Nationalismus, ist Dostojewskis Chauvinismus sicher das schwierigste Thema für uns als Leser, 250 Jahre später. Ich werde auch nicht versuchen, ihn zu verteidigen. Eher betrachte ich diesen Teil der Geschichte mit dem nötigen akademischen Abstand – in etwa so wie ich mir vorstelle das meine Professoren für Kirchengeschichte Luthers Schrift „Gegen die Verstockten Juden“ lesen.

Offensichtlich ist für uns nichts zu lernen, als Leser, wenn wir diese Haltung gegenüber der Frauen lesen. Gleichzeitig ist für die Spannung innerhalb des Romans gerade diese Unterscheidung der beiden Frauen in die Urbilder der „Femme Fatale“ und dem „Institutsfräulein“ von entscheidender Bedeutung, denn ohne sie würde die Bekehrungsgeschichte der Gruschenka, die sich stückweise parallel zur Katastrophe in Dimitris Leben entfaltet, nicht halb so eindrücklich sein.

Innerhalb der Geschichte müssen wir uns also einmal darauf einlassen, ohne dabei einen Fußbreit nachzugeben in einer Verurteilung dieser Vorstellungen.

 

Viel Segen euch,

MBH

 



[i] Kjetsaa, Geir, Dostojewski. A Writers Life, London: MacMillan 1987, S.153; deutsch durch mich. Originalzitat: “As a proud person, Polina rebelled against male domination of women and the masculine need to own and master. She had expected something ‘lofty’ from this man.”

 

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