Dostojewski lesen (Woche 10)

In diesem Abschnitt kommen wir zum ersten Mal zu einem quasi-philosophischen Argument,

dass sich um Religion und die Existenz Gottes dreht.

Wichtiger aber ist die Reaktion der "Eliten" auf dieses Argument.

 

„Womit wird diese ganze grauenvolle Geschichte enden zwischen Vater und Dimitri?“

 

Abschnitt 7: S.211 – S.247

 

Was ist vorgegangen?_

Nachdem Aljoscha von seinem Bruder den Auftrag erhalten hat, zum Vater zu gehen trifft er nun dort ein, „bei der Mittagstafel“ (S.211). Sogleich wird er in einen philosophisch-religiösen Streit hineingezogen, der sich zwischen den Dienern Smerdjakow und Grigori entzündet hat. Iwan scheint bei dem allen nur Zuschauer zu sein, während der alte Karamasow es wie immer liebt, Öl ins Feuer zu gießen. Vordergründig geht es um die Frage, ob es eine Rechtfertigung dafür geben kann, seiner Glaubensüberzeugung im Angesicht von Folter und Verfolgung zu entsagen. Dahinter aber steht die Überzeugung Smerdjakows, dass es gar keinen Gott geben kann und Religion ein Hirngespinst ist.

Als der alte Karamasow später sehr abrupt und ohne Vorwarnung dieses Streitgespräch beendet, entspannt sich ein nicht weniger kontroverser, aber doch gesitteterer Dialog zwischen Iwan und Aljoscha – wobei der alte Karamasow wieder als Anstachler und Gesprächsführer fungiert – über die tieferliegende Frage nach „Gott-und-Unsterblichkeit“.

Gekrönt wird dieser Abschnitt mit dem Erscheinen Dimitris auf der Bildfläche, der wutentbrannt in das Speisezimmer stürmt in der Überzeugung, dass die Gruschenka im Haus sei. Als er sich davon überzeugt hat, dass sie doch nicht ins Haus gekommen ist, schlägt er den alten Karamasow bewusstlos und stößt noch allerlei Drohungen gegen ihn aus, bevor er schnaubend aus dem Haus verschwindet. Auch den Diener Grigori hat er niedergeschlagen, um sich den Zutritt zu verschaffen. Der Abschnitt endet mit der verzweifelten Frage Aljoschas an Iwan, die ich als Überschrift für diesen Artikel gewählt habe, und die der zurückhaltende und kluge Iwan mit den Worten beantwortet: „Man kann es nicht mit Bestimmtheit erraten.“

Wir dürfen weiter gespannt sein.

 

Interpretation_

In diesem Abschnitt haben wir ein Potpourri von interessanten Begebenheiten. Der Kampf zwischen Dimitri und dem alten Karamasow ist in der Hinsicht von Bedeutung, als es die grundsätzliche Fähigkeit des ältesten Karamasow-Sohns zu einer Gewalttat deutlich macht. Auch die im Affekt ausgesprochenen Verwünschungen und Drohungen helfen nicht dabei, seine Harmlosigkeit zu belegen. Von Bedeutung für den Leser ist dabei vor allem die Unschuld in Aljoschas Verhältnis zu seinen Brüdern. Auf die Frage Iwans, ob Aljoscha ihm einen Mord an „dem Äsopen“ (gemeint ist der alte Karamasow) zutraut, wie dem Dimitri, antwortet der Mönchsnovize: „Was sagst du da, Iwan? Das ist mir niemals im Traum eingefallen! Ja, und auch von Dimitri glaube ich nicht…“ (S.247)

Diese Unschuld Aljoschas wird der Autor im Laufe des Romans noch mehrmals aufnehmen.

Für diese Woche möchte ich mich vor allem dem mehr oder weniger philosophischen Gespräch zwischen Smerdjakow (dem „Esel“) und Grigori zuwenden. Zuerst möchte ich sein Argument kurz zusammenfassen und die Hintergründe beleuchten.

Wir müssen vor allem im Kopf behalten, dass für Dostojewski ein philosophisches Argument alleine nicht Wert ist, geglaubt zu werden. Die wirkliche Realität, auch die philosophische Wahrheit, spielt sich für ihn immer im Herzen der Menschen ab. Deswegen sollten wir nicht nur aufklärerisch Fragen, ob Smerdjakows Argument uns überzeugt, sondern auch, was die Reaktion der einzelnen Charaktere uns über dieses Argument zu sagen hat.

 

1.        Smerdjakows Argument gegen die Existenz „Gottes-und-Unsterblichkeit“

 

„Das Wortgefecht“ wie Nötzel die Überschrift des zentralen Kapitels dieses Abschnitts übersetzt hat, hängt sich an der Frage auf, ob ein Christ seiner Religion im Angesicht von Folter und Verfolgung entsagen darf. Grigori hatte die Geschichte eines Soldaten erzählt, der auch unter fürchterlichen Schmerzen nicht seinen Glauben aufgeben wollte, und diesen zu einem Heiligen erklärt. Hier nun harkt Smerdjakow ein, der behauptet, dass „gar keine Sünde darin [liege], wann man in einem solchen Fall auch zum Beispiel Christi Namen verleugnet“ (S.221).

Smerdjakow macht dabei auf eine vermeintliche Undeutlichkeit in der russisch-orthodoxen Lehrtradition aufmerksam. Seiner Ansicht nach ist man schon in dem Moment aus der Gemeinschaft der Heiligen ausgeschlossen, wo man auch nur den Entschluss fällt, seinem Glauben zu entsagen. Da dieser Entschluss aber dem gesprochenen Wort vorhergehen muss, ist auch die Aussage der Loslösung von der Religion keine Lüge, und entsprechend auch keine Todsünde.

Dennoch habe der Mensch dann ja seinen Glauben verlassen, wird dagegen argumentiert. Ob es nun ein Entschluss in Gedanken allein oder ein gesprochener Entschluss ist, ist ja für die ewige Strafe unerheblich.

Smerdjakow ist auf diesen Einwand vorbereitet und macht deutlich, dass ja schon von Anfang an kein Glaube vorhanden gewesen sein kann, denn Glaube versetzt ja bekanntlich Berge. Hätte also Glaube „auch nur wie ein Senfkorn“ bestanden, bevor der Entschluss im Herzen gefasst wurde, hätte man den Bergen befehlen können, sich auf die Folterknechte zu werfen. Da sie dies aber nicht getan haben, ist offensichtlich, dass kein Glaube vorhanden gewesen sein kann, dem man entsagen musste – nicht einmal so groß wie ein Senfkorn.

 

2.        Die Reaktion der einzelnen Handelnden auf Smerdjakows Argument

 

Smerdjakows Argument gleich einem laienphilosophischen. Zum einen argumentiert er nicht wirklich gegen die Existenz „Gottes-und-Unsterblichkeit“, das bleibt im Roman anderen überlassen. Er zeigt mehr eine Unsauberkeit in der russisch-orthodoxen Lehrtradition auf. Vor allem funktioniert sein Argument am Ende nur mit einer übertrieben wörtlichen Auslegung der Jesusworte vom Glauben wie ein Senfkorn und dem Berge, den man hinweg heben wird. Sobald man darin eine Metapher sieht, ist sein Argument mindestens unhaltbar, wenn nicht sogar lächerlich.

Wir sollten also nicht annehmen, dass Dostojewski hier sein bestes Argument gegen „Gott-und-Unsterblichkeit“ auffährt. Es ist, am Ende, nur Smerdjakow, den er reden lässt. Die wichtigsten philosophischen Argumente lässt er später von Iwan vortragen.

Wichtiger für das schriftstellerische Werk ist die gönnerhafte Reaktion der Umstehenden auf Smerdjakows Argument. Letztlich nimmt nur Grigori den armen Diener ernst und erbost sich über seine Aussagen. Der fromme Mönch Aljoscha spricht: „Nein, Smerdjakow hat überhaupt keinen russischen Glauben!“ (S.226) und meint damit, dass Smerdjakow im Grunde das Wesentliche nicht verstanden hat. Gleichzeitig macht er mit einem späteren Satz die Gefahr in den Gedanken Smerdjakows deutlich, wenn er sagt: „Das ist es gerade, Bruder, die Eselin Bileams [meint: Smerdjakow] denkt ja, und denkt, und der Teufel weiß, bis wohin sie dort in ihren Gedanken schon hingelangt ist.“ (S.229) Worauf der Denker Iwan nur herablassend zu antworten im Stande ist: „Er sammelt eben Gedanken.“ (Ebd.)

Der Mönch spricht dem Diener jede Erkenntnis ab, während der Philosoph dem Diener eine kindische Haltung unterstellt. Lass ihn nur spielen, den Kleinen. Was soll er schon anrichten, wenn er mit dem Feuerzeug und dem Benzinkanister auf dem Spielplatz herumläuft.

Es scheint, dass am Ende überraschender Weise nur der alte Karamasow den Diener wirklich versteht, wenn es inmitten der hitzigen Stimmung heißt: „‚Iwan!‘, schrie plötzlich Fjodor Pawlowitsch, ‚neige dein Ohr zu mir hin. Das alles hat er für dich losgelassen, damit du ihn loben sollst. So lobe ihn denn!‘“ (S.222)

Es ist freilich nicht so, dass der alte Karamasow seinen Diener in seinen philosophischen Bemühungen ernst nimmt; aber die Motivation für seine geistigen Höhenflüge hat er sicher treffender analysiert als alle anderen im Raum – nur die Liebe zum Denker Iwan ist es, die den „Esel“ zum Sprechen bringt.

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Dieser Passage, vor allem im Licht des gesamten Romans und der späteren Katastrophe, haftet etwas tragisches an, das selbst ohne Kenntnis des gesamten Romans deutlich wird.

Hier, auf der einen Seite, stehen die Diener Smerdjakow und Grigori. Ungebildet wie sie sind gibt es für sie nur schwarz und weiß. Der eine versucht durch seinen pseudo-atheistischen Spott die Liebe der Philosophen für sich zu gewinnen, der andere kann es nicht ertragen, dass irgendjemand auch nur ein undurchdachtes Wort gegen seine Religion spricht.

Die Gebildeten wären leicht in der Lage, diese Spannung aufzulösen und Frieden in die Situation zu sprechen. Aber dafür müsste die „Elite“ – repräsentiert durch den Klerus (Aljoscha), die Intelligenzija (Iwan) und Aristokratie (Fjodor, der Alte) – sich ihrer menschen-brüderlichen Verbundenheit mit der Unterschicht bewusst sein. Aber ihnen fehlt es letztlich an Empathie, diese auch nur ernst zu nehmen in ihrem existenziellen Ringen.

Was also in Dostojewskis Buch als eine philosophische Debatte erscheint, ist innerhalb dieser auch eine Gesellschaftskritik erster Güte: Nur im Miteinander des russischen Volkes – alle Schichten, vereint im gemeinsamen christlichen Geiste – könnte Frieden liegen. Aber dafür ist die Gesellschaft zu zerstritten.

 

Vielleicht, vielleicht ist das ein Wort auch für unsere Zeit.

 

Viel Segen euch,

 

MBH

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