Dostojewski lesen (Woche 9)

Der nächste Abschnitt in den Brüdern Karamasow ist überschrieben mit

"Die Beichte eines feurigen Herzens"

und ist vielleicht mein liebster Abschnitt des Romans.

„Sich verlieben heißt aber nicht lieben.“

 

Abschnitt 6: S.174 – S.211

 

Was ist vorgegangen?_

Aljoscha, der in diesem Roman mehr durch die Gegend rennt als Lola in „Lola rennt“, macht sich auf den Weg zu Katja. Wir erinnern uns: Durch Fr. Chochlakow hatte die Verlobte seines Bruders Dimitri ihm einen Brief gesendet und dringend um ein Treffen gebeten.

Auf dem Weg zu ihr trifft Aljoscha auf Dimitri, der sich in einer Laube im Garten eines Freundes versteckt hält. Dort geschieht, was der Autor „Die Beichte eines feurigen Herzens“ nennt, und zwar in drei Akten. Zuerst berichtet Dimitri reichlich kryptisch von den Qualen seiner Seele („In Versen“), bevor er seine ganze Geschichte mit Katharina, seiner Verlobten, erzählt („In Anekdoten“). Es stellt sich heraus, dass ihre Verbindung nicht auf Leidenschaft eigentlich beruht, sondern sowohl auf seiner als auch auf ihrer Seite aus dem Pflichtgefühl der Ehre. In der letzten Beichte berichtet Dimitri dann davon, wie er die Gruschenka traf, sich in sie verliebte, und 3000 Rubel seiner Verlobten für seine Geliebte durchbrachte („Mit den Fußsohlen nach oben.“).

Zum Schluss bittet Dimitri seinen Bruder Aljoscha, dass dieser die Schmutzarbeit für ihn übernimmt: Zuerst soll er um dreitausend Rubel beim Vater bitte, und mit oder ohne Geld die Verbindung zwischen Dimitri und Katharina auflösen. Ein feuriges Herz, wahrlich, ein feuriges Herz.

 

Interpretation_

Ich denke, dass es in diesem Roman keinen Abschnitt gibt, den ich mit einer größeren Liebe lese, als diese „Beichte eines feurigen Herzens“. Wenn sie auch in drei Kapitel aufgeteilt ist, so ist sie freilich ein einziger Zusammenhang, das sich Ausschütten einer Seele, die in Not geraten ist.

In diesem Sinne sind diese Kapitel sicher die typischsten Kapitel für Dostojewskis Stil, die dieser Roman beinhaltet, zumindest was die psychologische Seite seines literarischen Interesses angeht.

Meine Liebe zu diesem Abschnitt bezieht sich wahrscheinlich vor allem auf den russischen Pathos, mit dem Dimitri in diesen seine eigenen Qualen darstellt. Leidenschaft ist bei ihm alles, was zählt. Nichts an seinen Worten und Ausführungen lässt daran denken, dass er auch nur einen Moment inne gehalten hat, um zu denken, mit kühler Vernunft an die Dinge heranzugehen und auszuloten, welche Möglichkeiten es gibt. Alles ist eiskalt oder kochend heiß, es ist Liebe oder Hass, es ist kein dazwischen, und fast bekommt man den Eindruck, die Balance, gerade die emotionale Balance, ist an sich eine Unmöglichkeit für Dimitri.

Es gibt nun in diesen Kapiteln zwei Dinge, die wir über Dimitri lernen, die nicht nur für die Geschichte von Bedeutung sind, sondern auch weltanschaulich etwas über den Autor erkennen lassen.

 

1.        Leidenschaft überdeckt die Ehre nicht

Für den Verlauf des Romans, aber auch in Bezug auf Dostojewskis Weltanschauung, lässt es sich wohl nicht deutlich genug betonen, dass Dimitri uns die Herrschaft der Ehre über die Leidenschaft zeigt.

Wir sollten uns daran erinnern, dass Dostojewski mit diesem Roman die Ursache und Motivation der Moral auszuloten versucht. Angesichts des um ihn herum grasierenden Atheismus und dem damit verbundenen Sozialismus, der wenige Jahrzehnte nach Dostojewskis Tod die russischen Völker in ihre düsterste Epoche der Neuzeit stürzen wird, stellt der Autor die Frage ins Zentrum seines letzten großen Romans: Kann es Moral und eine Grundlage für ehrbares Verhalten geben, die nicht aus einem gottesfürchtigen Herzen kommt.

Gerade deswegen stellt er den leidenschaftlichen, mit „feurigem Herzen“ bestückten Dimitri und den mit einem außerordentlichen Verstand und Intellekt gesegneten Iwan als Gegenpole in seinem Roman gegenüber. Über die Moral des Verstandes werden wir in Bezug auf Iwan noch manches zu sagen haben – auch auf die Frage, ob intellektuelle Morallosigkeit auch unweigerlich in unmoralisches Handeln führen muss.

Dostojewski aber zeigt am Beispiel Iwans, dass die Ehre selbst in einem uneingeschränkt leidenschaftlichen Menschen immer noch die größere Macht hat. Die Ehre ist es, die Dimitri davor bewahrt, sich der Katharina zu ermächtigen, als er die Gelegenheit hatte, obwohl seine „karamasowsche Seele“ nichts anderes wollte, als genau das zu tun. Etwas, oder jemand, spricht in diesem Moment in sein Ohr, hält ihn vom schadvollen Handeln ab, und lässt ihn das Richtige tun.

 

2.        Leidenschaft durchbricht die Geschlechtergrenze

 

In den einführenden Kapiteln zu dieser Reihe habe ich davon geschrieben, dass Dostojewski ein zweifelhaftes Verhältnis zu Frauen hatte. Nicht nur war er nicht immer der treueste Ehemann, er war auch ziemlich misogynistisch eingestellt, und betrachtete die Frau als dem Mann in Wert und Stellung untergeordnet.

Geir Kjetsaa fasst das so zusammen:

 

„‘In der Beziehung zwischen Mann und Frau wird eine der beiden beteiligten Personen immer die minderwertige sein, und sich unter die andere demütigen müssen,‘ sagte er später. Und diese Person war im Normalfall die Frau. ‚Die Ehe ist immer wie Sklaverei für die Frau. Alleine die Tatsache, dass sie sich hingegeben hat, ist wie Sklaverei, und danach wird sie immer vom Mann abhängig sein.“[i]

 

In diesem Sinne ist es von Bedeutung, was Dostojewski über das Verhältnis Dimitris zu den beiden Frauen in seinem Leben berichtet. Während die eine, seine Verlobte, ihm versichert, dass er „keine Furcht“ zu haben brauche, denn sie werde „in nichts Ihnen im Wege sein, ich werde ihr Möbel sein, der Teppich, auf dem sie gehen … Ich will sie ewig lieben, ich will sie vor sich selber retten.“ (S.201), verspricht Dimitri dasselbe seiner Geliebten im Falle einer Ehe: „Wenn sie wünscht [ihn zu heiraten – MBH], auf der Stelle, wenn sie es nicht wünscht, bleibe ich auch so; bei ihr auf dem Hof werde ich Hausknecht sein.“ Er versteigt sich sogar darauf, mit Blick auf Gruschenkas unmoralischen Ruf, zu versprechen, „wenn aber ein Liebhaber kommen wird, so werde ich ins andere Zimmer gehen. Ich werde ihren Freunden die schmutzigen Galoschen reinigen, den Samowar anfachen und Botengänge für sie machen.“ (S.207)

In der Beschreibung dieser Beziehung dreht sich, gerade aus der Leidenschaft heraus, das „natürliche“ Geschlechterverhältnis in Dostojewskis Augen um. Der leidenschaftliche Dimitri ist bereit, sich in die Unwürdigkeit zu begeben, wenn seine Leidenschaft nur beantwortet wird. [ii]

Dimitri spricht deswegen, in seiner Betrachtung der beiden Beziehungen, eine sehr poetische Weisheit aus: dass  sich zu verlieben nicht gleichbedeutend ist mit Liebe.

Liebe, das steht dahinter, wird im Leiden mit-und füreinander geboren. Letztlich ist Liebe genau das, was zwischen Katharina und Dimitri herrscht, zumindest noch. Selbst Dimitri ist sich dessen bewusst.

Aber gleichzeitig ist das Verliebtsein, das übersprudeln der Gefühle, dieser alles unter sich begrabende Tsunamie der Leidenschaft im Menschen oft stärker, ringt das Verliebtsein die Liebe oft nieder – und führt, zumindest in dieser Geschichte, auf lange Sicht in die Katastrophe.

 

Viel Segen euch,

 

MBH

 



[i] Kjetsaa, Geir, Dostoevsky. A Writers Life, London: MacMillan 1987, S.153f, deutsch durch mich; Originalzitat: „‘In the relationship between man and woman, one of the parties will inevitably be the inferior and feel humbled,‘ he said later. And this party was generally the woman. ‘Marriage is always slavery for a // woman. The very fact that she has surrendered herself is already slavery, and after that she will always be dependent on the man.’”

 

[ii] Es ist von Bedeutung, dass wir Dostojewski hier in seinen eigenen Gedanken verstehen, und nicht von vornherein bewerten. Seine Ansicht zu den Geschlechterrollen mag zutiefst ungerecht und letztlich den Fakten widersprechen, die die moderne Gesellschaftswissenschaften zu Tage gefördert haben. Davon bin ich selbst überzeugt. Aber gleichzeitig ist Dostojewski, vielleicht mit fehlerhafter Fundierung, hier eine erstaunliche Dynamik der zwischenmenschlichen Liebe aufgefallen.

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