gelesen & geschätzt (April 2016)

Rosaria Butterfield hat ein Leben voller Widersprüche geführt,

sie ist gleichzeitig gefeierte Rednerin und Autorin, wie auch verschrien und gefürchtet.

Ihre Bücher lassen mich fragen, wie offen und geschlossen meine Weltanschauung sein sollten - und wo die Balance zu finden ist.

 

Der Professorin neue Weltanschauung

 

Rezension zu: Butterfield, Rosaria Champagne, The Secret Thoughts of an Unlikely Convert, Pittburgh: Crown & Covenant 2013 und Dies., Openness Unhindered. Further Thoughts of an Unlikely Convert on Sexual Identity and Union with Christ, Pittburgh: Crown & Covenant 2015

 

Auf den ersten Blick haben die beiden Frauen nicht viel gemeinsam. Die eine ist Professorin für englische Literatur an einer großen amerikanischen Privatuniversität, ihr Spezialgebiet ist Queer-Theorie und postmoderne Hermeneutik. Neben ihrem Beruf organisiert sie mit ihrer Lebensgefährtin Projekte für soziale Gerechtigkeit in ihrer Heimatstadt und ist eine der zentralen Identifikationsfiguren der örtlichen LGBTTIQ Gemeinschaft.

Die andere ist die Frau eines reformierten, konservativen Pastors, sie unterrichtet ihre Kinder zuhause. Sonntag für Sonntag erklingt in ihrer Kirche kein Instrument, sondern die Psalmen (als einzige erlaubte Lieder) werden nur mit den Stimmen der Menschen begleitet. Im leitenden Gesang liegt dann auch der einzige Moment geborgen, zu dem man in der Kirche eine weibliche Stimme hören kann – die Leitungsstruktur ist streng patriarchalisch aufgebaut.

Sie könnten nicht unterschiedlicher sein.

Doch der zweite Blick enthüllt: Es handelt sich um ein und dieselbe Frau, Rosaria Champagne Butterfield, ein Name der melodischer ist als es erlaubt sein sollte. In konservativen Kreisen ist ihr Name vor etwa zwei Jahren schlagartig berühmt geworden, als sie ihr erstes Buch The Secret Thoughts of an Unlikely Convert veröffentlicht hat. Darin beschreibt sie – in Anschluss an die vielen autobiographischen Fragmente, die Denker und Nicht-Denker meiner Generation gerade auf den Markt schmeißen – ihre eigene Geschichte, wie sie von Jesus überwältigt wurde, auch nach ihrer Bekehrung Fehler gemacht hat, und langsam hinein gewachsen ist in ihr neues, so ganz anderes Leben. Ihr zweites Buch, das Mitte letzten Jahres erschien, ist theologisch wesentlich substanzieller und setzt sich explizit mit dem Spannungsfeld von Sexualität und Identität sowie einer christlichen Interaktion mit diesem Spannungsfeld. Diese Spannung lotet sie explizit innerhalb einer streng reformierten Tradition aus, wobei gleichzeitig die erstaunliche intellektuelle Tiefe dieser Tradition deutlich wird, wie auch ihre Geschlossenheit als System.

Während ich die beiden Bücher in den letzten zwei Wochen an einem Stück gelesen habe, ist mir der Zusammenhang von beiden instinktiv bewusst geworden. Man kann das eine auch ohne das andere verstehen. Aber wer wirklich den Wandel dieser Frau von einem Extrem ins andere verstehen will, der ist gut beraten, beide Bücher als eines zu lesen: unzertrennliche Zwillinge.

 

Bücher, die sich einer Bewertung entziehen.

 

An diesen beiden Büchern ist etwas, das es mir schwer macht, eine wirkliche Bewertung zu fällen. An mehr Gelegenheiten, als ich zählen konnte, wollte ich meinen Kindle wegwerfen, war ich so verletzt, betrogen, wütend durch das, was ich da gelesen habe. Die subversiv-reformierte Theologie dieser Denkerin erinnerte mich zu sehr an meine Kindheit, die ich selbst in vergleichbaren Kreise verbracht habe.

Rosaria ist aber anders als die meisten anderen Schreiberlinge, die sie so gerne zitiert und von denen sie sich hat prägen lassen. Ihr spürt man eine Herzenswärme ab, ein wirkliches Interesse an den Menschen und ein tiefes Verständnis für die Fragilität der menschlichen Identität, dass man zu keinem Moment zweifelt, an ihrem Tisch willkommen zu sein – egal mit welcher Geschichte oder welcher Weltanschauung man vor ihrer Haustür erscheinen mag.

Ich ringe seit vielen Wochen mit dem Spannungsfeld von Prinzip und Empathie in den Fragen der christlichen Ethik. Welche Rolle spielen beide? Und wie dürfen und müssen sie sich gegenseitig bedingen?

Rosarias Bücher haben mich in dieser Frage nicht näher zu einer Antwort gebracht, dafür lebt sie beide Pole zu sehr im Extrem, als dass ich sie als ausbalancierte Antwort begreifen könnte. Aber sie lebt beide Pole im Extrem, und zeigt gerade dadurch, wie wichtig das Nachdenken über diese Spannung ist.

Selten bin ich einem Denker begegnet, der das Prinzip in der Ethik auf ein höheres Podest gestellt hat. Für Rosaria heißt dieses Prinzip die reformierte Tradition ihrer überaus konservativen Kirche. Es scheint überhaupt keinen Punkt zu geben, wo sie sich, dogmatisch, zu einer Alternativvorstellung durchringen konnte. Das mag man kritisieren, das mag man sogar an sich für gefährlich halten. Aber es stellt gleichzeitig nur das eine Extrem in Rosarias Leben dar.

Denn es scheint überhaupt keinen Menschen zu geben, der so viel Mitgefühl für andere Menschen mit dieser Prinzipientreue verbinden kann. Für Rosaria scheint niemand Unantastbar, Uneinladbar, Unumarmbar zu sein. Gerade ihr Prinzip der „völligen Verdorbenheit des Menschen“ leitet sie dazu – es scheint ihr aufs Äußerste fern zu sein, sich für etwas Besseres zu halten.

Sie entzieht ihre Bücher damit einem letzten Urteil. Würde ich sie loben, müsste ich gleichzeitig der Balance eine Absage erteilen und den Extremen, selbst wenn sie so gegenpolig sind wie bei Rosaria, die Stange halten. Würde ich es niederschreiben, wäre damit gleichzeitig meine Bewunderung Lügen gestraft, die ich für die Fähigkeit Rosarias hege, in dieser extremen Spannung zu leben.

 

Bücher, die eine eigenartige Verwandtschaft aufzeigen.

 

Wenn jemand eine extreme Weltanschauung vertritt, dann ist die Zahl der möglichen Kritiker und Kritikpunkte Legion. Wenn jemand, wie Rosaria, von einer extrem Verfechterin der Queer-Theorie zu einer extremen Form subversiv-reformierter Theologie überwechselt, dann marschieren von allen Seiten gleich zwei Legionen auf, und die gemeinsame Frage aller ist: Wie ist das möglich?

Rosarias Bücher zu lesen war deswegen unglaublich bereichernd für mich – einen konservativ-evangelikalen Theologen, der eine geheime Liebe für die französischen Existenzialisten und Philosophen hegt – weil sie mir eine Verwandtschaft zeigten, die mir sonst wohl verborgen geblieben wäre.

Es gibt eine merkwürdige Schnittmenge, und das wurde erst in den Büchern von Rosaria deutlich für mich, zwischen ihrer alten Weltanschauung und ihrer neuen, zwischen der modernen Queer-Theorie, die sich auf Judith Butler beruft, und derjenigen reformierten Tradition, die das In-Betracht-Ziehen moderner weltanschaulicher Strömungen bei den Puritanern aufgegeben hat.

Diese Schnittmenge ist nicht inhaltlicher Art, sondern formaler: sie liegt in der Geschlossenheit verwurzelt, die beiden Weltanschauungen eigen ist.

Es ist nicht etwa so, dass Rosaria in ihren beiden Leben bestimmte Inhalte übernehmen konnte. Gerade ihre Belesenheit in beiden Welten macht ihre Bücher faszinierend und kraftvoll zugleich. Dass es ihr nicht schwer fällt, gleichzeitig Derrida und John Owen zu zitieren, das zeigt ihre intellektuelle Kraft deutlich.

Aber es gibt keine Grauzonen, es gibt nichts unbeantwortbares, kein Mysterium wirklich. Die gab es in ihrem alten Leben nicht - und auch im neuen sucht man vergeblich danach. Dabei scheint mir gerade das die Substanz des Denkens zu sein.

Hannah Arendt schreibt in „Denken ohne Geländer“, dass es die Gefahr ist, seine eigenen Weltanschauung auf den Kopf stellen zu müssen, die das Denken gefährlich macht, aber diese Gefahr gerade konstituierend für wirkliches Denken ist.

Wenn ich Rosarias Zeugnis lese, und es reflektiere mit meinen eigenen Lesestreifzügen durch Judith Butler und anderen im Rücken, eingedenk meiner eigenen Vergangenheit in diesem reformierten System, dann wundert mich:

Wie gefährlich ist das Denken noch, wenn man die Antworten schon weiß, wenn es nichts mehr zu erkunden gibt? Wie gefährlich ist das Denken, wenn man alles erklären kann?

In The Secret Thoughts of an Unlikely Convert schreibt Rosaria: “I believed then and I believe now that where everybody thinks the same nobody thinks very much.” (Pos. 167)

Man fragt sich nur, wie intensiv nachgedacht wird, wenn die Antwort vorher schon feststeht, wenn kein Ringen stattfinden muss, weil das Weltbild eine Erklärung für alles bereithält.

Es ist nicht so, dass man Rosaria vorwerfen könnte, dass sie nicht nachdenkt. Eher habe ich mich am Ende sehnsüchtig gefragt, welchen brillanten Ideen die weltanschauliche Geschlossenheit im Wege stand.

---

Rosarias Bücher gleichen einem Rausch, einem wunderbaren, intellektuellen, geistlichen Rausch, dem man sich hingeben muss. Reflektion über das Gesagte geschieht unweigerlich auf dem Weg. Rosaria ist schamlos, sie ist brillant, sie ist belesen, und sie hat ein Herz das so groß ist wie ihre Eingangstür und der Esstisch ihrer Familie.

Mit keinem Wort möchte ich andeuten, dass diese Bücher nicht wert sind, gelesen zu werden. Mehr aber bleibt ein schmaler Nachgeschmack für mich vorhanden: wie finde ich die Balance zwischen einer soliden Weltanschauung, die auch Stürme und Gezeiten überlebt, und der nötigen risikofreudigen Dynamik, die das Denken nach Hannah Arendt braucht, um wirkliches Denken zu sein.

Es ist eine epistemologische Frage, die ich am Ende stellen muss:

Glaube ich, im Christentum die Wahrheit einmal erkannt zu haben,

oder die Wahrheit gegenwärtig zu erkennen?

 

Viel Gnade euch,

 

MBH

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Kommentare: 9
  • #1

    Raphael Schuster (Freitag, 24 Juni 2016 22:29)

    Hallo Markus,

    ich habe Deine Rezension gelesen und muss einfach ein paar Gedanken los werden.

    Zuerst einmal, lesen sich Deine Texte flüssig und gut. Die Rezension hat mir Lust gemacht, die Bücher früher oder später einmal zur Hand zu nehmen. Ich kenne sie also nicht. Habe auch von Rosaria Butterfield bisher nur im vorüber gehen gehört.

    Aber ich weiß zumindest ein kleines bisschen – und das meine ich so, es gibt noch so vieles von dem ich gar keine Ahnung habe, was es zu durchdringen, verstehen und zu erkennen gilt – über reformierte Theologie Bescheid. Ich stimme Dir zu, dass reformierte Theologie stringent, ganzheitlich, dogmatisch detailliert, harmonisch und geschlossen ist. Und sie ist das völlige Gegenteil zu der gottlosen Weltanschauung, wie sie die Queer-Theorie in großen Teilen ist. Sicherlich, in jeder Philosophie steckt Wahrheit, steckt der Widerstand gegen andere Lügen und Unmenschlichkeiten und der Versuch, den richtigen Weg zu finden, dem Menschen gerecht zu werden. Ich gebe auch gern zu, dass ich von der Queer-Theorie wenig weiß. Es geht mir auch nicht darum.

    Prinzipientreue im Allgemeinen, reformierte Theologie, Dogmatik und das Verständnis der Verderbtheit des Menschen im Besonderen ist kein Gegenteil von Herzenswärme, Nächstenliebe, Mitgefühl, Verständnis für die Fragilität menschlicher Identität, Ethik etc., wie Du es andeutest. Du reißt hier Gräben auf, die nicht existieren oder schließt von der Einzelsituation, die Du vielleicht erlebt hast auf die Allgemeinheit. Rosaria scheint mir ein gutes Beispiel, wie eine dogmatisch informierte Position christliche Ethik hervorbringt und Liebe gebiert. Sie straft scheinbar Deine Vorannahmen Lügen, oder nicht?

    Außerdem sprichst Du von subsersiv-reformierter Theologie und der Gefahr konfessioneller Orthodoxie. Das klingt aus dem Winkel der Kirchengeschichte betrachtet mit Verlaub so, als ob sich die Hüter der Heterodoxie hier zur neuen Orthodoxie erklären und der alten nun ihre eigenen Charaktereigenschaften andichten wollten. Seit wann ist konfessionelle Theologie subversiv? Die Schwärmer und sogenannten konservativen Evangelikalen haben wohl keinen Grund sich die Etiketten der Friedfertigkeit und Versöhnungsbereitschaft anzuhängen. Wird hier nicht die Wahrheit geopfert, in der Hoffnung, dass Liebe daraus erwächst? Mit Verlaub, ich halte die schwärmerische und liberale Heterodoxie für zerstörerisch.

    Zuletzt ist es eine (typische) Verzerrung konfessionell orthodoxer Theologie, zu behaupten, man könne alles erklären, sei in allem einer Meinung, hätte nichts mehr zu erkunden, keine Fragen mehr etc. Es erweckt den Eindruck, dass Du die reformierte Position vielleicht doch nur oberflächlich kennst, oder nicht? Eigene Erfahrungen färben dann was später ganz allgemein "reformiert" genannt wird. Zu behaupten, reformierte Theologen würden nicht um Wahrheit und Liebe ringen und andere Thesen, die da bei Dir im Hintergrund stehen – widerspricht Butterfields Buch denen nicht entschieden und zeigt, ein ganz anderes "reformiert" als das, das Du zu kennen meinst? Wie gesagt, kenne ich das Buch nicht, um klarere Aussagen machen zu können.

    Da scheint mir ein reformiertes Schreckgespenst – Gespenst im wahrsten Sinne des Wortes – zu hausen und die Heterodoxie der eigenen Anschauung sich insgeheim bereits auf den Thron der Orthodoxie geschwungen zu haben und nun den Richtstab zu fällen. Oder täusche ich mich?

    Grüße
    Raphael

  • #2

    Marcus-B. Hübner (Samstag, 25 Juni 2016 13:43)

    Lieber Raphael,

    wie schön, mal wieder von dir zu hören. Vor ein paar Wochen habe ich Matthias in Osnabrück getroffen, und er hat mir von deiner Hochzeit erzählt, und der eventuellen Zukunft in Hannover. Ich freue mich sehr für dich! Herzlichen Glückwunsch, und Gottes großen Segen wünsche ich dir.

    Nun, du darfst natürlich soviele Gedanken zu meiner Rezension loswerden, wie du willst. Dafür ist die Kommentarfunktion da =)

    Lass mich darauf antworten.
    Mir scheint, dass du zwei Anfragen an meine Rezension stellst. Zum einen, ob eine strenge Haltung zur reformierten Tradition eine Antithese zur Empathie darstellt, und zum zweiten, ob ich die Geschlossenheit der reformierten Tradition richtig verstanden habe, oder zumindest dargestellt.

    Zum ersten: Vielleicht habe ich mich da missverständlich ausgedrückt. Ich würde tatsächlich keine Antithese in der reformierten Tradition an sich sehen, aber in einem bestimmten Umgang mit ihr. Der Tradition an sich gehöre ich ja auch erstmal an, als protestantischer Theologe. In meiner Rezension nenne ich das ja das Spannungsfeld von Empathie und Prinzip. Dieses Spannungsfeld würde wohl einen eigenen Artikel in Anspruch nehmen. Aber die Problematik, die ich nicht nur in der reformierten Tradition sehe (aber bei Fr. Butterfield ist es ja nun mal genau die, deswegen war sie exemplarisch), liegt für mich darin, wenn das Prinzip - ob moralisch oder dogmatisch - der Empathie vorgeschaltet ist.
    Brian Brock beschreibt Augustinus Bekehrung "not as an one time event" sondern als ein "ongoing renewal of his understanding of moral wholeness." (Brock, Singing the Ethos of God, S. X). Das ist dann nicht Prinzipien-los; aber es war eine gesunde Haltung des Wachtums hin auf die Orthodoxie zu, nicht ein einmaliges Verstehen derselben.
    Ich denke, dass Butterfield meine "Vorannahmen" gerade deswegen nicht untergräbt, weil sie ja genau die Härte gegenüber anderen Weltanschauungen zeigt, die sie auch früher ausgemacht hat. Das bezieht sich nicht wirklich auf die Menschen, die sie einlädt an ihren Tisch, aber eine Weigerung dem Anderen - auch weltanschaulich anderen - auf Augenhöhe zu begegnen. Das hat dann nicht zuletzt in der Dynamik damit zu tun, dass alles "Neue" immer gegen die Tradition gemessen wird als "richtig" oder "falsch". Wenn man nur bedenkt, dass Spurgeon gesagt haben soll, dass es nichts neues in der Theologie gibt, außer das, was falsch ist, dann schlägt das in die gleiche Kerbe. Ich denke, dass zu echter Empathie gehört, dass die Beurteilung des Anderen - ob seiner Handlungen wegen oder seiner Weltanschauung - nicht der primäre Zweck der Unterhaltung und Freundschaft ist, sondern eine langsam auftauchende Nebentätigkeit. Je geschlossener aber das System ist, desto schwieriger ist es, die Beurteilung hintan zu stellen.
    Ich denke, um diese Debatte von der sehr persönlichen Ebene der reformierten Tradition wegzulenken, die dir ja sehr nahe ist, dass man ähnliches in der Auseinandersetzung zwischen Hans Jonas und Hannah Arendt in der Veröffentlichung von "Eichmann in Jerusalem" sehen kann - Jonas, dessen zionistisches Interesse am Staate Israel ihm keine Möglichkeit ließ, Arendts historisches Interesse an den Mechanismen, die die Shoa erst möglich gemacht haben, zu verstehen. Tatsächlich hat sich ja mit der Zeit gezeigt, DASS Arendt tatsächlich in ihrer Absolutheit unrecht hatte. Jonas aber war gar nicht in der Lage, in diesem Fall eine faktische Debatte zu führen, weil Arendt mit ihrer (historisch nicht haltbaren!) Vermutung von der Kollaboration führender Vertreter des jüdischen Volkes mit den Nazis seine zionistische "Orthodoxie" gebrochen hat.

    (1/2)

  • #3

    Marcus-B. Hübner (Samstag, 25 Juni 2016 13:44)

    (2/2)

    Aber das führt uns schon in die zweite Fragestellung, nämlich, ob ich die Geschlossenheit richtig verstanden oder dargestellt habe. Ich habe ja versucht, mit dem Begriff "subversiv-reformiert" eine bestimmte Herangehensweise an die reformierte Tradition zu bezeichnen - die ich als vergleichbar mit meiner eigenen Erfahrung bezeichne, nicht als deckungsgleich.
    Ich denke aber, dass du in deiner Reaktion auf die Queer-Theorie dann letztlich das zeigst, was ich meine. Du sagst zum einen, dass du nur sehr wenig Ahnung von ihrem Inhalt hast, nennst sie aber im Anschluss "gottlos". Das ist, schätze ich, weil du einer gewissen Auslegung deiner Tradition folgst, die eine starke Antithetik zw. Queer- und Reformierter Theorie sieht. Und diesem Urteil folgst du, o h n e dich Intensiv mit dem ersteren auseinanderzusetzen. Ich möchte dabei betonen, dass ich das Urteil der "Gedankenlosigkeit" ja auf Grundlage des angerissenen Denk-Verständnisses von Arendt treffe. Keine Rückmeldung aus dem konservativ-reformierten Lager lässt mich daran bis jetzt zweifeln, also mich vermuten lassen, dass ein "Denken ohne Geländer" wie oben beschrieben, mit der Möglichkeit, die eigene Weltanschauung zu hinterfragen, innerhalb einer sehr strengen Einhaltung der reformierten Tradition möglich ist.
    Viel hilfreicher finde ich da die Kritik, die sich am Denk-konzept Arendts aufhängt und sagt, dass diese Definition ja vielleicht gar nicht stimmt.
    Du scheinst das nicht so zu sehen - entsprechend würde mich doch sehr interessieren, in wie weit du die Möglichkeit siehst, innerhalb der Theologie, die du vertrittst, diese Art von Denken zu praktizieren. Mir scheint schon deswegen keine Möglichkeit dazu zu existieren, weil das Infragestellen der Stützpfeiler der Tradition ja einer Abwendung von der Orthodoxie gleichkommt - was in deinem Angriff auf meinen Artikel als "Heterodox" ja auch entspricht.

    Ich bleibe also dabei - Denken nach dem Arendtschen Begriff scheint mir innerhalb einer sehr strengen Haltung gegenüber der Orthodoxen Tradition nicht möglich.

    Viel Gnade dir,
    MBH

  • #4

    Raphael Schuster (Dienstag, 05 Juli 2016 12:04)

    Hallo Marcus,

    hab vielen Dank für die Gratulation. Und für Deine Geduld im Warten auf meine späte Antwort.

    Ich habe mir die Biografie Arendts einmal angesehen und finde sie sehr interessant. Sie scheint am Puls des 20. Jahrhunderts zu liegen. Viele verschiedene Stränge laufen in ihrem Leben zusammen. Was Du mit dem arendtschen Denk-Begriff meinst, erschließt sich mir dennoch nicht. Da müsste ich wohl ein aufmerksamerer Leser Deines Blogs sein.

    Folgende Gedanken zu Deiner Antwort. Ich gebe zu, dass ich noch als ich von der "gottlosen" Queer-Theorie geschrieben habe, ich mehrmals überlegte, ob ich das so sagen möchte. Im Nachhinein stimme ich Deiner – oder Arendt's – Kritik zu: Das war mehr oder weniger gedankenlos. Einerseits trifft es für die Weltanschauungen des 20. Jh.'s wohl nicht weniger zu, dass sie in gewissen Aspekten gottlos – nämlich genau dann, wenn sie ohne den wahren Gott auszukommen meinen oder ihn verzerren – sind wie für die des 21. Jh.'s also auch die Queer-Theorie. Dazu stehe ich. Allerdings sind doch alle Philosophien auch ein Hilferuf, eine Antwort auf vorherige falsche Antworten oder frühere Fragen usw. Insofern gibt es auch dort gute, wichtige und bedenkenswerte Aspekte, Fragen, wie auch immer.

    Damit möchte ich auch schon teilweise auf deine Frage eingehen, wie es einem konfessionellen Protestanten – mit Erlaub weiß ich nicht, ob Du wirklich dazu gehörst, man kann prot. Theologe sein und doch alles andere als konfessionell, selbst wenn das zur Frühzeit des Protestantismus wohl noch ein und das gleiche war – möglich sein soll, selbstkritisch zu denken. Wie gesagt sind mir nicht alle Deine hintergründigen Fragestellungen (Prinzip und Empathie etc.) klar. Folgende Gedanken: Dass Selbstkritik durchaus möglich ist, sieht man wenn man die Unterschiede innerhalb des reformierten Lagers betrachtet. Dort gibt es eine Einheit in den Basics aber auch eine große Spannweite in anderen Fragestellungen. Das ist mir auch erst später aufgefallen. Gerade wenn man das versteht, sieht man wie auch in konfessionellen Kirchen immer mit Kompromissen um Einheit gerungen wurde – gerade bei der Verfassung der Bekenntnisse. Es gibt wohl eine klarere Grenze nach außen, aber die gibt es de facto immer, und sie macht sich entweder schon im Bekenntnis bemerkbar oder dann im Handeln und Zusammenleben.

    Zweitens sehe ich selbstkritisches Denken oder – wie Du es schön sagst – des Wachstums auf die Orthodoxie hin auch bei mir oder im konfessionellen Lager. Dass man einen Standpunkt hat verhindert das nicht. Ich weiß nicht, was Arendt mit dem geländerlosen Denken meint, aber zumindest ohne Boden unter den Füßen und irgend eine Art Geländer kommt man nicht aus. Ich denke ans Bergsteigen: Dort steht zuerst das Geländer. Wer das nicht nutzen möchte, kann es übersteigen und dann noch zwei drei Schritte weiter gehen. Aber spätestens dann steht er vor dem "Geländer des Abgrunds", wo es runter geht. Eine gesunde Grundlage – die man vor dem eigenen Gewissen und vor Gottes Wort – dem Muster der gesunden Worte, wie Paulus es nennt – als wahr erkannt hat – ist die eine Voraussetzung für kritisches Denken, die andere ist die Bereitschaft, sich hinterfragen zu lassen, im Dialog zu sein, mit anderen Gedankengebäuden, Menschen etc. Ich komme zum Schluss auf Augustin: Als er einmal erkannt hat und überzeugt war, von der Gnadenlehre, dann hat er diese wohl noch detailliert in Diskussionen etc. aber nicht mehr verworfen. Sie war dann sein Geländer. Oder nicht?

  • #5

    MBH (Mittwoch, 06 Juli 2016 19:15)

    Lieber Raphael,

    danke, dass du dir die Zeit nimmst. Kritisches Feedback ist ja immer hilfreich.
    Ob ich nun "konfessioneller Theologe" bin sei mal dahin gestellt, ich bin nicht ganz sicher, woran du das beurteilen willst ;-) Aber das habe ich auch gar nicht behauptet: in einer Tradition stehen heißt ja noch lange nicht, sie sich mit Haut und Haar zu eigen zu machen.

    Ich würde gerne noch darauf aufmerksam machen, dass keine der Kategorien, die ich anschneide, große Hintergrundinformationen braucht. Den Arendtschen Denkbegriff reiße ich da ja gerade in der R e z e n s i o n an, die du kritisierst. Mehr als da steht, das zum Denken die Gefahr der Zerstörung der eigenen Weltanschauung gehört, reicht, denke ich, um meinen dann folgenden Gedanken zu folgen.
    Die Gottesfrage spielt wohl in den Anfängen der Queer-Theorie sicher keine Rolle; ist ja aber auch nicht eine rein säkulare Theorie geblieben. Aber ich schätze nicht, dass das dann qualifiziert als "dem wahren Gott" anhängig.

    Ich weiß jetzt zum Schluss nicht wirklich, ob "Selbstkritik" das selbe ist wie "Denken", denn das erste dreht sich ja immer nur um das gleiche, während das zweite auf Neues aus ist, oder? Also, Chesterton schreibt mal, dass das Denken das Kreative Verbinden von altbekannten Fakten zu neuen Ideen ist.
    Und mir scheint das dann auch mit dem Übereinzustimmen, was Arendt schreibt, wenn sie von der Gefahr der Zerstörung des eigenen Weltbildes schreibt: Denken bedeutet, sich solchen Ideen auszusetzen, denen die Gefahr innewohnt, die eigene "Erkenntnis" nicht nur zu erweitern, sondern sogar zu vernichten und bei 0 anfangen zu müssen.
    Denke ich.

    Lieber Gruß
    M

  • #6

    Raphael Schuster (Donnerstag, 07 Juli 2016 06:01)

    Lieber Marcus,

    gerade darum geht es doch in Deinem Blogartikel, dass Du den "Konfessionalismus" der alten und neuen Rosaria Butterfield in Frage stellst u.a. aus dem Blickwinkel des arendtschen Denkbegriffes. Wegen Deines Artikels – sowie Deines letzten Kommentars ;-) – stelle ich in Frage, dass Du konfessionell bist. Das ist m.E. auch etwas anderes als "in einer Tradition" zu stehen. Es geht mir nicht darum, Dich persönlich anzugreifen, aber es scheint mir, dass Du gerade darüber sprichst. Überspitzt gesagt, ob man konfessionell ist oder ob man denkt.

    Ich denke, das müssen keine Gegensätze sein, obwohl konfessionell sein ja gerade bedeutet, zu bekunden: "Ich glaube und bekenne, dass dies und jenes die Lehre der Bibel ist. Auf dieser Grundlage – d.h. auf der der Bibel! – arbeite und denke ich."

    Was dann natürlich nicht möglich ist, ist alles zu vernichten und bei 0 anzufangen. Was ich oben mit meinen Geländerausführungen sagen wollte, ist, dass niemand das tut, auch wenn es ganz toll klingt, das zu sagen. Es gibt solche Leute, die eine (oder mehrere) Bekehrung(en) durch machen, wie z.B. Frau Butterfield oder Augustinus – vielleicht ist die "Bekehrung" zu den Gnadenlehren in diesem Sinne seine letzte – oder Chesterton, die bei ihnen vieles auf den Kopf stellt. Aber dann finden sie auch wieder ein Geländer und halten sich daran. Wieder muss ich sagen, dass ich Chesterton leider so gut wie gar nicht kenne, aber die wenigen Aussagen oder Gedanken, die mir über ihn im Kopf sind, ergeben bei mir das Bild, dass er sich gleichzeitig zu einem Fundament bekannt hat, dem alten traditionellen, katholischen Glauben und doch von dort aus sehr virulent gedacht hat. Vielleicht täusche ich mich damit aber auch.

    Von daher ist mein Beitrag, um ihn abzuschließen, vielleicht nur eine Kritik dieses radikalen Denkbegriffs. Selbstkritik verstehe ich als die Bereitschaft von anderen zu lernen, ohne dass ich dabei bereit sein muss, meine Grundsätze kopfüber zu stellen. (Passieren könnte das ja trotzdem.) Insofern dreht man sich nicht nur um das eigene. Um von anderen zu lernen, muss ich natürlich bereit sein, ihnen wirklich zuzuhören, sie wirklich verstehen zu wollen – in ihrem eigenen Denken und Weltbild. Hier habe ich m.E. noch sehr viel zu lernen.

    Liebe Grüße
    Raphael

  • #7

    MBH (Donnerstag, 07 Juli 2016 11:26)

    Lieber Raphael,

    ein letztes Mal auch von mir:

    (a) Konfessionell ist, wenn ich das richtig sehe, das Adjektiv von "Konfessionalität" und bezeichnet, nach der TRE sollte diese vom "Konfessionalismus" getrennt werden, der "die betonte und sich in der Regel gegen andere Ausprägungen des Christlichen bewußt abgrenzende Wahrnehmung der eigenen [sic!] Konfession" bezeichnet. Im weitesten Sinne werfe ich Fr. Butterfield ja das vor. Wobei ich mit meinem Begriff versucht habe, die weitere Problematik aufzuzeigen versucht habe, dass nicht nur die Abgrenzung zu anderen christlichen Strömungen, sondern auch zu jeder anderen Denkart vorherrscht. Konfessionell scheint mir, auch nach der TRE, erstmal die Traditionelle Gebundenheit an einen Bekenntnistext zu bezeichnen, von dem aus "losgedacht" wird. Ich kämpfe aber auch nicht darum, als "konfessioneller Theologe" bezeichnet zu werden; bei weitem nicht.

    (b) Der Vorwurf "Das macht jeder/niemand" ist natürlich extrem beliebt bei konservativen Christen, besonders in der Auseinandersetzung mit Prozess- und postmodernen Theorien, aber ich glaube weder, dass er stimmt, noch, dass er hilfreich ist. In diesem speziellen Fall: Gerade Hannah Arendt ist ein leuchtendes Beispiel genau dafür! Auch andere Denker der Nachkriegsära sind, denke ich, gerade darin besonders stark gewesen (zB Karl Jaspers, Karl Barth u.a.). Und selbst wenn die NICHT dieser Definition entsprechen, dann scheint es mir unter uns zweien nicht strittig zu sein, dass Majorität nichts über Wahrheit aussagt ;-) Nur weil alle das machen ist es noch lange nicht richtig und auch nicht gut.

    (c) Mir gefällt dein letzter Absatz sehr. Wenn ich fragen darf: Wie würdest du denn mit hypothetischen Erkenntnissen umgehen, die deinem Bekenntnis widersprechen? Und wer wäre der "Andere" von dem du lernen willst? Muss sie/er denn einem bestimmten Bekenntnis vorher zustimmen, um Lehrfähig zu sein?

    Cheers,
    MBH

  • #8

    Ruth (Donnerstag, 02 Februar 2017 16:51)

    Ich habe bis jetzt nur das erste Buch von Rosaria Butterfield gelesen, und es ist auch schon eine Weile her; das zweite steht auf meiner (langen) Leseliste. Einige Extreme, die sie vertritt (z.B. nur Psalmen singen im Gottesdienst), konnte ich auch nicht ganz nachvollziehen; ich kenne das persönlich nicht und hatte da noch nie drüber nachgedacht. Mir erschien aber, dass der wesentliche Knack-Punkt die Lehre von der völligen Verderbtheit jedes Menschen war. Damit entzieht sie (sich selbst zuerst) das Argument, dass homosexuelle Menschen "so geboren" sind und deshalb nicht von ihrer Neigung erlöst werden können. Denn wir sind alle "so geboren", und das ist weder Entschuldigung noch hoffnungslos. Allen Christen öffnet zudem dieser Punkt der reformatorischen Lehre die Tür für die Empathie mit jedem Sünder, und die Sünde der Homosexualität verliert ihre Spezialität, die ihr heute ständig zugeschrieben wird.
    Zudem: Obwohl sie eine Intellektuelle ist, geht es ihr nicht primär ums Denken, sondern um schlichten Gehorsam. "Making a life commitment to Christ was not merely a philiosophical shift ... I experienced with great depth the power and authority of God in my life." und: "Obedience comes before understanding ... " Sie erkennt die Wahrheit durch Gehorsam gegen Gottes Wort - dann fällt alles an seinen Platz. Die "Initialzündung" ist die (nicht intellektuelle, sondern geistgewirkte) Erkenntnis: Ja, die Bibel ist Gottes Wort und die Wahrheit! und die gegenwärtige Erkenntnis besteht, wächst und bestätigt sich im ständigen glaubenden Gehorsam. Ich glaube, eine Überbetonung des Intellektuellen wird dem Buch nicht gerecht.

  • #9

    MBH (Freitag, 03 Februar 2017 10:00)

    Liebe Ruth,

    vielen DANK für diese reflektierte Rückmeldung. Ich musste mir erstmal diese alte Rezension von mir noch einmal durchlesen. Um es mit dem altehrwürdigen Konrad Adenauer zu sagen: "Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern?" :)

    Aber du sprichst einen spannenden Punkt an. Denn du hast natürlich recht, Fr. Butterfield geht es natürlich sehr stark um eine Konsolidierung des Denkens durch ein sich ständig im Gehorsam dem Gotteswort Aussetzen. Nur muss ich sie auch als Denkerin - als Intellektuelle - wahrnehmen. Das ist zum einen schon am Titel festgemacht: es sind ja "Thoughts", nicht "Experiences".
    Es ist zum anderen auch ihre ständige Interaktion mit freudschen Gedanken zur menschlichen Sexualität und dekonstruktivistischen/postmodernen Gedanken zur menschlichen Geschlechtlichkeit, die ja früher ihr täglich Brot waren.
    Und gerade hier finde ich ja den Knackpunk: dass sie zwei hermethisch abgeriegelte Welterklärungssysteme - und das ist ein intellektuelles Unterfangen! - gegeneinander austauscht.
    In diesem Sinne beleuchte ich sicher nur einen Aspekt ihrer Bücher - aber das ist ja der Vorteil einer Rezension ;-) - aber einen nicht unehrheblichen!

    Viele liebe Grüße,
    Marcus