Dostojewski lesen (Woche 8)

In diesem Abschnitt lernen wir die wichtigsten Diener im Hause Karamasow kennen,

und müssen dabei bemerken, dass sie keine eigene Existenz besitzen,

sondern nur im Bezug auf den alten Karamasow existieren.

 

„So gewöhnliche Dienstboten“

 

Abschnitt 5 – S.159–S.174

 

Was ist vorgegangen?_

In diesem kurzen Abschnitt werden uns drei weitere Figuren vorgestellt, die im Laufe des Buches eine besondere Rolle spielen werden: das Dienstbotenehepaar Grigori und ihr Ziehsohn Smerdjakow. Diese Figuren werden relativ knapp beschrieben, aber ihre Charakterhaltung wird dennoch deutlich. Da haben wir zum einen Grigori, der ein treuer, wenn auch mürrischer Diener ist. So treu ist er, dass er einer der wenigen Menschen ist, die der alte Karamsow um sich behalten möchte. Zum anderen ist da seine Frau, Marfa, die ihrem Mann aufs Äußerte ergeben ist.

Ihre Ehe scheint verhältnismäßig solide zu sein, wenn sie wohl auch weit entfernt ist von dem, was wir im modernen Sinne eine glückliche Ehe nennen würden. Kinderlos wie sie sind, sind die aber zu Zieheltern der drei karamasowschen Söhne geworden und auch für den Waisen Smerdjakow. Wir erfahren, dass Grigori (also Haushaltsvorstand) zwar Kinder unheimlich liebt, in der Begegnung mit seinem einzigen leiblichen Sohn, der mit einer körperlichen Behinderung zur Welt kommt und wenig später verstirbt, seine Gottesfurcht (missverstanden, wie sie bei ihm sein mag) über diesen Charakterzug stellt.

Smerdjakow wird uns noch intensiver bekannt werden. In dieser Passage aber erkennen wir seine Herkunft: Ohne dass es bewiesen werden könnte, darf man davon ausgehen, dass er aus einer Vergewaltigung hervorgegangen ist: Fjodor Pawlowitsch hat seine Mutter, die geistig eingeschränkte Lisaweta, vergewaltigt, was im Dorf weithin als besonders niederträchtige Handlung galt – nicht nur wegen der Tatsache der Vergewaltigung, sondern auch der geistigen Umnachtung Lisawetas und dem damit einhergehenden kindischen Gemüts des Opfers.

 

Interpretation_

Von russischen Romanen, besonders aus der Zeit Dostojewskis, sagt man häufig, dass ihr Ensemble zu groß ist, als dass man es wirklich aufnehmen könnte. Wahrscheinlich ist das auch wirklich wahr. Gerade lese ich selbst Lew Tolstois Meisterwerk Krieg und Frieden und habe schon mehr als einmal die Orientierung verloren.

In Dostojewskis Werken ist aber faszinierend, dass er diese Vielzahl von Figuren in die verschiedenseitigen Spannungen gruppiert, die ich im Einleitungsteil dieser Reihe schon angesprochen habe.

Die Dienstboten, denen wir in diesem Abschnitt begegnet sind, werden entsprechend auch nur in ihrer Beziehung zum alten Karamasow beschrieben. Eine eigene Existenz ist ihnen gespenstisch unbekannt: nur in der Ablehnung und Spannung zum Alten wird ihnen eine Geschichte formuliert. So haben wir das Dienstbotenehepaar Grigori, das auf Grund des Gehorsams des Mannes beim alten Karamasow bleibt. Seinen größten Nutzen hat das Paar dann auch vor allem in der Funktion des Korrektivs.

Dostojewski schreibt deswegen zum Verhältnis des alten Karamasow zum Diener Grigori:

 

„Es kam darauf an, daß unbedingt ein anderer Mensch da war, ein ältlicher und freundschaftlich gesinnter, damit man ihn in der Minute des Schmerzes rufen konnte zu dem einzigen Zweck, ihm ins Gesicht zu schauen, vielleicht ein Wörtchen mit ihm zu wechseln, wenn auch ein völlig gleichgültiges; und wenn dieser Mensch nur nichts gegen einen hat, einem nicht zürnt, so ist es einem schon leichter ums Herz.“ (S.162; kursiv original)

 

Das ist alles andere als unbedeutend. Durch diese Beschreibung wird der alte Karamsow als Fixstern im Universum verankert, den er sich in seinem Haus geschaffen hat. Gerade in der Spannung zwischen dem selbstentsagenden Gehorsam Grigoris und dem sklavischen Gehorsam des Alten gegenüber seinen Lüsten wird dadurch ja eine Spannung aufgebaut, die schwer zu lösen ist:

Wieso bleibt Grigori im Haus?

Die Antwort auf diese Frage zeigt sich in der Reaktion des Dieners auf sein eigenes Kind und die Geburt Smerdjakows. In beiden Fällen stellt er den Gottesgehorsam über seine eigenen Wünsche. Obwohl er sein eigenes Kind verachtet (er hält es für eine Ausgeburt des Teufels), worin man seinen geringen Bildungsstand und seine fehlgeleitete Geistlichkeit durchaus erkennen kann, wird er ein Held in der Treue, die er auch seinem Kind gegenüber zeigt. Obwohl er das Kind nicht annehmen kann, trauert an es seinem Grab.

Den Smerdjakow nimmt er dann als sein eigenes Kind an, anstatt des Gestorbenen, und weiß sich dadurch auch Gott in der Pflicht: Grigori bügelt die Fehler aus, die sein Herr gemacht hat. Darin ist er seinem Gott zu Diensten, wenn auch der Dienst ihm schwer auf den Schultern lastet.

Wir sehen auch hier wieder Dostojewskis Sicht auf Liebe durchblitzen, die in den Begegnungen Sossimas mit dem Volk deutlich wurde: Leiden ist der einzige Weg zur Vollkommenheit. Grigori leidet unter der Herrschaft des Alten, aber er sieht darin seinen eigentlichen Dienst: zu bleiben.

Ein kurzer Blick noch auf Smerdjakow, auf den wir uns aber in zwei Wochen noch einmal mehr konzentrieren werden. Man bedenke hier, dass der alte Karamasow diesen Jungen zwar aufnimmt, aber seine Tat nie eingesteht. Er verhöhnt ihn sogar mit dem Spitznamen „Smerdjakow“, den er im ganzen Roman tragen wird; sein Geburtsname Paul wird nur an dieser Stelle genannt.

Wir müssen versuchen, uns in die Demütigung hineinzudenken, die aus dem Lebensumständen Smerdjakows erwächst: Dass der alte Karamasow eine „Gottesnärrin“ vergewaltigt, ist von besonderer Bedeutung. Die Menschen im Dorf haben die „Schwachsinnigkeit“ Lisawetas nicht als eine Krankheit, sondern eine besondere Hingabe an Gott gesehen. Dieser Umstand machte sie zu einer gänzliche freien Person, außerhalb des ewigen Kreislaufs von Angebot und Nachfrage, außerhalb vom Kreislauf des Geldes und der Leidenschaften, die die Gesellschaft sonst prägt.

Nur der alte Karamasow nimmt ihr diese Freiheit, benutzt sie für seine Lust, erniedrigt sie, und am Ende leugnet er alles. Dadurch wird auch seine grundsätzliche Haltung zur Religion dargestellt und diese Herkunft muss eine Auswirkung auf den Jungen haben – die wir im weiteren Verlauf betrachten werden.

Für heute steht fest: Die Figuren im Haus des alten Karamasow können sich nur in Beziehung zu ihm definieren – er ist der Fixstern, den zu kennen obligatorisch ist. Die anderen Figuren erschließen sich zu ihm und scheinen ein besonderes Licht auf die Moral des alten Karamasows, die in besonderer Weise von seiner Haltung zur Religion abhängt.

 

Viel Gnade euch,

 

MBH

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