Dostojewski lesen (Woche 7)

Diese Woche betrachten wir eines der zwei oder drei zentralsten Kapitel des Romans,

und kommen der Hauptthematik auf den Grund:

Was ist die "karamasowsche Seele"? Kann es Moral ohne Gott geben?

 

„Ich werde das im Gedächtnis halten.“

 

Abschnitt 4 – S.116-S.159

 

Was ist vorgegangen?_

Dimitri ist endlich eingetroffen. Nachdem er sich vorgestellt hat und für die Verspätung entschuldigt, wird die Diskussion noch einmal aufgegriffen. Iwan, der Intellektuelle, trifft dabei die Aussage, dass ohne Religion zunächst der Glaube an einen „Sinn im Leben“ vergeht, und sogleich danach auch jede Grundlage für Moral. Wir erfahren im weiteren Verlauf, dass die Streitigkeiten zwischen Dimitri und dem alten Karamasow nicht nur aus Geldfragen bestehen, sondern aus dem Umstand, dass sie in die gleiche Frau verliebt sind – Gruschenka. Zum Abschluss des Gespräches macht der Starez einen mysteriösen Kniefall vor Dimitri, den Rakitin im späteren Gespräch als eine Prophezeiung deutet: Ein Mordfall wird sich in der Familie ereignen. Während Rakitin und Aljoscha miteinander reden, führt der alte Karamasow vor dem Klostervorsteher eine Farce auf und bringt alle gegen sich auf.

 

Interpretation_

Das Kapitel „Warum lebt ein solcher Mensch?“ ist eines der drei zentralen Kapitel des Buches. Neben diesem sind vor allem zwei andere von Bedeutung: „Der Großinquisitor“ und ein Kapitel in der zweiten Hälfte mit dem Titel „Im Dunkeln“. In dem Kapitel, das diese Woche auf dem Leseplan steht erfahren wir zwei Dinge, die den Verlauf der Geschichte beeinflussen.

Zum einen ist da die Beziehung der beiden Karamasows – des Alten und Dimitris – zu ein und derselben Frau, die noch dazu einen eher zweifelhaften Ruf hat. Hier sehen wir in Aktion, was Rakitin ein Kapitel später die „karamasowsche Sache“ nennt, und die er mit einer Aufzählung charakterisiert: „Hierin ist eure ganze Karamasowsche Sache beschlossen: Wollüstlinge, Geldzusammenraffer und Gottesnarren.“ (S.138) Dabei spielt in seinen Augen die Wollust – also: nicht zu kontrollierendes sexuelles Verlangen – eine besondere Rolle in der karamasowschen Seele: „In eurer Familie ist aber die Wollust bis zum Fanatismus entwickelt.“ (S.136).

Für mich ist es beim Lesen durchaus ironisch, wie klar Rakitin diese karamasowsche Seele analysieren kann, und selbst nicht erkennt, dass er selbst genauso darin gefangen ist. An dieser Charakterisierung der Karamasows können wir den Ansatz Dostojewskis erkennen, der die letzte Realität in der Seele finden wollte, und nicht in der Anschauung. Nicht das ist realistische Literatur, die möglichst penibel beschreibt, was das Auge sieht, sondern solche Bücher, die die Irrungen und Wirrungen der Seele verstehen – die den Menschen beschreiben, nicht nur nach körperlichen Charakteristika, sondern auch und vor allem nach seiner Seele.

Wenn Dostojewski die Karamasows als „Wollüstlinge, Geldzusammenraffer und Gottesnarren“ bezeichnet, dann wir darin besonders deutlich, wie er die menschliche Spezies allgemein gesehen hat. Gleiches wird dann auch deutlich, wenn man (s.u.) bedenkt, wie Iwan seine eigene Philosophie zusammenfasst. Der Mensch – nicht nur die Karamasows – sind in Dostojewskis Augen „Wollüstlinge, Geldzusammenraffer“, so sie nicht den anderen Weg der Tollheit gehen – „Gottesnarren“ werden.

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Deutlicher, philosophischer ausgedrückt, wird das, wenn wir uns den Windungen von Iwans Gehirn widmen, die er uns in diesem Kapitel darlegt: Hinter dem programmatischen Satz „Ja ich habe das behauptet. Es gibt keine Tugend, wenn es keine Unsterblichkeit gibt“ (S.120) speist sich aus einem einfachen Gedankengang: Moral ist nichts, das dem Menschen in die Wiege gelegt ist.

Eher ist sie schädlich für dessen vorankommen, denn sie zwingt ihn häufig, im egoistischen Sinne das Beste für sich selbst zu suchen. Moral ist deswegen nur dann zwingend für einen Menschen, wenn er mit einem „Leben nach dem Tod“ rechnet, und daher auch mit einem Gericht über seine eigenen Taten. Wenn man an das Erste nicht glaubt, muss man das Zweite nicht fürchten.

Dimitri antwortet darauf mit dem entscheidenden Satz, den ich diesem Artikel vorangestellt habe. Wie Maria in der Weihnachtsgeschichte sagt er, dass er es „im Gedächtnis behalten“ will. Im weiteren Verlauf kann man die Geschichte des Ringens aller Personen mit diesem Gedanken verstehen.

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Dostojewski als Erzähler arbeitet in diesem zentralen Kapitel mit dem Stilmittel der Behauptung. Manche von euch werden daran Anstoß nehmen, wenn Dostojewski sagt, der Atheist hätte keine Grundlage für Moral. Und begründen tut Dostojewski diesen Gedanken überhaupt nur in der abstrakten Form.

Rein praktisch haben wir mehr als ein Beispiel, in denen diese Kausalkette nicht zwingend ist – in der Menschen „Gott-los gut“ sind.

Um hier nicht frustriert aufzugeben, müssen wir uns zwei Dinge im Gedächtnis halten: zum einen bedeutete Dostojewski die Darstellung der Seele des Menschen mehr als die philosophische Lückenlosigkeit. Diesen Gedankengang, den Dostojewski hier in Kantianischer Manier einfach in den Raum stellt, müssen wir also an der Realitätsnähe seiner Figuren messen.

Wie wirklich ist die Seele des Menschen dargestellt in diesen Figuren – nicht nur in dem heiligen Sossima, sondern auch in dem impulsiven Dimitri, in dem Intellektuellen Iwan, in dem Versager Smerdjakow, in dem Mönch Alexej?

Zum anderen sollten wir bedenken, dass eine Einzelerfahrung keiner Gesamtdarstellung die Stange halten kann. Meint: Weil man einzelne gute Atheisten kennt – oder selbst einer ist – ist Dostojewskis Philosophie noch nicht widerlegt. Für eine solche Anomalie mag es hunderte Gründe geben. Die Frage ist also nicht, ob eine solche generelle Aussage jeden Einzelfall abdecken kann, sondern ob sie der Gesamtheit der Phänomene gerecht werden kann, oder am Meisten von ihnen erklären.

 

Die Frage nach der Moral und der transzendenten Wirklichkeit wird im Laufe des Romans seinen Höhepunkt in der Geschichte des Großinquisitors finden, deswegen werde ich sie hier nicht klären wollen.

Zumindest aber lässt sich erkennen, wie Dostojewski schon an dieser Stelle ein ganz großes Fass aufmacht.

 

Viel Gnade euch,

 

MBH

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