Dostojewski lesen (Woche 6)

In diesem Abschnitt von Die Brüder Karamasow sehen wir,

wie die Religion von Starez Sossima in Aktion aussieht.

In einigen Begegnungen können wir damit ein "höchstes Prinzip" erkennen.

 

„In Erwartung zusammengedrängt.“

 

Abschnitt 3 – S.79-S.116

 

Was ist vorgegangen?_

Der Starez tritt aus seiner Kammer heraus und trifft einige Menschen, die sich vor seiner Kammer eingefunden haben, um von ihm gesegnet zu werden. Nach einigen zufälligen Begegnungen mit verschiedenen Frauen hat er ein längeres Gespräch mit Frau Chochlakow. Später tritt er wieder in seine Zelle und trägt zu einem intellektuellen Gespräch zwischen Iwan, Miussow und den verbliebenen Priestern bei. In alledem wird ihm eine Christusähnliche Rolle zugeschrieben – bis dahin, dass die Leute „nur den Saum seines Gewandes […] küssen“ (S.82) wollen und davon Heilungen erwarten (eine Szene, die ganz bewusst an die bekannte Geschichte aus Matthäus 9, 18ff par. erinnern soll).

 

Interpretation_

In diesen Seiten sehen wir den Starez Sossima zum ersten Mal in aktiver Ausübung seiner Religion. Dabei trifft er drei verschiedene Personengruppen, deren Leiden er auf jeweils eigene Weise antwortet. Durch die Art seiner Seelsorge können wir gleichzeitig einen Rückschluss auf seine Religion ziehen.

Zuerst trifft er die „die gläubigen Weiber“ (S.79), die sich vor seiner Tür versammelt haben.

Auf drei Probleme antwortet der Starez dabei speziell. Eine Frau, deren Kind gestorben ist, macht er Hoffnung auf das Jenseits. Doch es handelt sich nicht um eine reine Vertröstung, sondern um eine Hoffnung in der Gegenwart, die sich durch das Leidtragen zeigen soll. Der Starez verheißt der Frau keine billige Hoffnung, sondern ein andauerndes Leid, das am Ende in Freude und Ruhe umschlagen wird.

In der Einleitung habe ich darauf hingewiesen, dass Leid für Dostojewski eine wichtige Rolle spielt, wenn es um das Erreichen „höherer Freuden“ geht. Nur so kann er später aussagen, dass „alle Lehrer, alle Heiligen, alle heiligen Märtyrer […] glücklich gewesen“ seien. Glück wird durch Leid erworben.

Die zweite Person trauert um ihren Sohn, von dem sie schon seit einem Jahr keine Nachricht mehr erhalten hat. Sie fragt sich, ob sie eine Totenmesse für ihren Sohn abhalten sollte. Der Starez verbietet es ihr. Nicht der Schrecken soll sie bestimmen. Leid soll also nicht etwas sein, das wir uns selbst erschaffen (masochistisch), sondern dem wir mutig begegnen, wenn es  in unsere Wirklichkeit tritt. Konkret heißt das: solange die Frau nichts über den Tod ihres Sohnes gehört hat soll sie vom Besten ausgehen.

Am Eindrücklichsten ist die Begegnung mit der Frau, die auf Grund einer vergangenen Sünde Angst vor dem Gericht Gottes hat. Ihr spricht der Starez in eindrücklichen Worten Vergebung zu.

 

„Ja, es kann der Mensch überhaupt nicht eine so große Sünde tun, daß sie die unendliche Liebe Gottes zur Erschöpfung brächte. Oder kann eine solche Sünde sein, daß sie Gottes Liebe überragte? Um Reue nur sei besorgt, um nie aussetzende, die Furcht aber weise allemal von dir!“ (S.89)

 

Für den Starez soll die Gnade und das Erbarmen Gottes die letztendliche Wirklichkeit sein. Angst vor dem Gericht – und damit vor der Zukunft – hat bei dem Sünder, der bereut, keinen Platz.

Die Frau Chochlakow, die im Laufe des Buches noch eine wichtigere Rolle spielen wird, bringt dem Starez danach das Problem des Unglaubens. Hier handelt es sich also nicht so sehr um ein Problem, das „außerhalb“ des Menschen liegt, sondern um ein inwendiges Problem.

Der Starez antwortet ihr mit der „werktätigen Liebe“. Nicht nur die phantastische Liebe solle sie praktizieren, die sich nach der schnellen Befriedigung in der Dankbarkeit erschöpft, sondern die „werktätige Liebe“, die auf lange Sicht liebt, und auch in Schwierigkeiten weiterhin Liebe bleibt.

Auch hier spielt das Leid eine Rolle, das zu Tragen der Starez die Frau anrät. Dabei geht es aber nicht um eine Selbstkasteiung, als würde man das Leid um des Leides Willen wählen. Es geht um eine längerfristige Perspektive. Wer die Bestätigung seines Handelns in der kurzfristigen Bestätigung sucht, der wird keine bleibenden Wert haben. Nur wer in der langen Perspektive liebt – selbst wenn es schwer ist – wird den Zweifel an der Ewigkeit verlieren.

Es handelt sich hierbei um ein durchaus bemerkenswertes Argument: durch die Aufgabe der kurzfristigen Befriedigung gewinne man die Perspektive der Ewigkeit.

Zum Schluss kehrt der Starez wieder in seine Kammer zurück und diskutiert mit dem gelehrten Iwan über die Frage, wie sich Kirche und Staat zueinander verhalten sollen. Wir finden hier einen Vorgeschmack auf die wichtige Episode des „Großinquisitors“, die wir später noch intensiver Betrachten werden.

Wichtig für unser Verständnis ist hier, dass der Starez auch im Gespräch mit Iwan die Barmherzigkeit als wichtigstes Prinzip der Religion hochhält. Dabei soll aber Barmherzigkeit nicht als schwache Option gelten, sondern in einer spannenden Weise dreht der Starez dabei, intellektuell gesehen, des Spieß um und weist darauf hin, dass nur in der Barmherzigkeit der Kirche der Schlüssel zu einem veränderten Verhalten liegen kann.

Für jetzt gilt über die Religion des Starez zu sagen: Die Barmherzigkeit soll als höchstes Prinzip gelten, denn sie alleine vermag das Verhalten des Menschen zu verändern. Durch die Barmherzigkeit wird der Mensch gleichsam befähigt, das Leid zu ertragen und dadurch Glück zu erwerben. Und zum Glück, das sagt der Starez sogar explizit, ist der Mensch geschaffen worden (vgl. S.94f).

 

Viel Segen euch,

MBH

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