Davon die Alten sungen... (29/03/2016)

Heiligung klingt oft mehr wie eine starre Utopie, denn wie eine dynamische Realität.

Wenn wir aber erkennen, dass Gott den Schwachen nicht im Regen stehen lässt,

dann finden wir vielleicht auch die Kraft, den Weg zu gehen.

 

Christian Fürchtegott Geller – Jesus lebt! Mit ihm auch ich. #4

 

Reines Herzens will ich sein,

bösen Lüsten widerstreben.

Er verlässt den Schwachen nicht,

dies ist meine Zuversicht.

 

Es ist etwas an dem Wort „Heiligung“, das viele Menschen zurückschrecken lässt. In der christlichen Spiritualität meint man mit diesem Wort die fortdauernde Veränderung des eigenen Charakters. Die Werte und Normen des alten Lebens werden mehr und mehr überschrieben von den Werten und Normen, die in der christlichen Tradition das „Gesetz Christi“ genannt werden.

Neues Leben zu erhalten bedeutet nicht nur, ein schönes Gefühl am Ende des Gottesdienstes zu haben, sondern bedeutet auch, ein neues Ziel im Leben und eine neue Motivation zum Leben zu bekommen.

Das Problem ist wohl, dass mit Heiligung oftmals eine starr-gewordene Erwartung mitklingt: Dies und das hat der neue Christ jetzt zu erfüllen.

Eine Übergangszeit vom einen Leben in das Andere ist, in der Vorstellung, oft nicht vorhanden.

Und dann kann der Anspruch ziemlich hoch sein.

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Es ist schon eine längere Zeit her, dass ich ein interessantes Gespräch mit einem jungen Mann hatte, der mir sagte, er würde sich weigern, Christ zu werden. Auf meine Nachfrage, was der Grund für die Weigerung war, nannte er das bekannte Gedicht „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ von dem evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer.

„Was ist denn gerade an dem Lied zu furchtbar?“, fragte ich ihn erstaunt zurück, denn das hatte ich wirklich noch nie als Begründung gehört.

Er erzählte mir dann, dass dieses Lied einmal in einer Jugendgruppe gesungen wurde, wo er zufällig hingekommen war. Bei der dritten Strophe, die die berüchtigten Zeilen beinhalten „Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern, des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand, so nehmen wir ihn dankbar, ohne zittern, aus deiner guten und geliebten Hand.“, sei er aufgestanden und gegangen.

Ich musste unwillkürlich lächeln, als er mir diese Geschichte erzählte. Nicht, weil es so bizarr gewesen wäre, sondern weil es mir oft genauso ging in dem Lied. Wie kann ich denn so etwas singen? Ich, der ich noch nie wirklichem Leid ausgesetzt war?

„Sowas könnte ich nie sagen“, beendete auch der junge Mann seine Ausführungen, und ich habe nur genickt. Genickt, weil ich auch nicht glaube, sehr bald an diesem Punkt zu sein.

Ich habe ihm dann von einem Professor erzählt, dessen Geschichte ich vor einiger Zeit gehört hatte. Seine Vorlesungen waren vielleicht nicht die beliebtesten waren, er war ein sehr gefragter Seelsorger für viele Studenten war, die mit Selbstzweifeln zu kämpfen hatte.

Aber nicht nur, dass er an Multipler Sklerose gelitten hat; bei ihm wurde vor wenigen Jahren auch Krebs im Endstaduim festgestellt. Nach der Diagnose hat nicht lange gedauert, dass er dieser Krankheit auch erlegen ist.

Aber alle, die ihn in dieser Zeit noch getroffen haben, haben von der Hoffnung und der tiefen Verankerung in Christus gesprochen, die ihm wohl abzuspüren war.

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Ich denke, dass es ähnlich mit unserer Heiligung ist – mit der Frage, wie sich unsere Lebensführung unserer neu gewonnenen Spiritualität anzupassen wagt. Konfrontiert mit dem Ziel, auf das wir zusteuern, wirkt der Weg viel zu lang, als dass wir ihn schaffen können.

Aber jede Reise beginnt ja mit einem Schritt, an den wir einen weiteren hängen, und dann noch einen.

Das Ziel vor Augen zu haben kann eine wichtige Motivation sein, sollte uns aber nicht entmutigen, wenn das Ziel weit weg erscheint. Eine Reise, genauso wie die Heiligung, geschieht Schritt für Schritt.

Und irgendwann blicken wir uns um und erkennen, wie viel Jesus in all den Jahren an unserem Charakter gearbeitet hat, Dellen ausgebeult, Schrammen verarztet, und Ecken abgefeilt hat.

Und in allen diesen Situationen waren es auch immer nur Schritte, die wir gegangen sind. Schritt für Schritt in die richtige Richtung.

Aber bei all den Gelegenheiten, wo uns sogar ein einziger Schritt zu groß vorkam, wo unsere Kraft nicht mal mehr gereicht hat, um den Blick aufzuheben und das Ziel anzusteuern, in dem unser Vorstellungsvermögen nicht einmal mehr zur Visualisierung der Hoffnung gereicht hat, die uns all die Jahre hat laufen lassen, da bleibt die eine Wahrheit auch bestehen.

Dass Christus den Schwachen nicht verlässt, sondern mit uns rastet.

Und wenn wir genug Kraft gesammelt haben, zum weitergehen, dann geht er mit.

 

Viel Gnade euch,

 

MBH

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