Dostojewski lesen (Woche 5)

Im zweiten Abschnitt aus Dostojewskis Großwerk,

sehen wir den Starz Sossima und den alten Karamasow in der Konfrontation.

Was wir daraus lernen können.

 

Er besudelt alles, womit er in Berührung kommt.

 

Abschnitt 2: S.42 – S.79

 

Was ist vorgegangen?_

In diesem Kapitel hat uns der Erzähler aufgezeigt, wieso Aljoscha sich der Religion zugewandt hat: ein Mann mit Namen Starez Sossima hat einen solchen Eindruck auf ihn gemacht, dass er sich für den Glauben entschieden hat, dass es „eine Unsterblichkeit und einen Gott“ gibt. Nachdem wir dann eine sehr subjektive Einführung in das Starzentum Russlands gegen Ende des 19. Jahrhunderts bekommen, sehen wir sie Figuren zum ersten Mal in Aktion: Die Familie Karamasow trifft sich im Kloster, um die Streitigkeiten zwischen Dimtri, dem ältesten Sohn, und dem alten Karamasow beizulegen. Doch uns wird auch, durch die Gedanken Aljoschas, vermittelt, dass dieses Treffen von Anfang an eine Farce werden sollte: Niemand, mit Ausnahme Dimitris, würde dieses Treffen ernst nehmen. Am Wenigsten der alte Karamasow selbst.

 

Interpretation_

In diesem zweiten Abschnitt tritt mit Starez Sossima eine der wichtigsten Figuren auf, um die Spannung zwischen den Charakteren in Die Brüder Karamasow zu verstehen. Aus diesem Grund habe ich den letzten Abschnitt aus Buch I und die ersten zwei Kapitel aus Buch II zusammengelegt; der Kontrast zwischen dem heiligen Starez und dem verdorbenen alten Karamsow („Fjodor Pawlowitsch“) wird damit besonders deutlich.

Damit können wir von Anfang an, weltanschaulich, die beiden äußersten Pole in diesem Roman ausmachen. Und sie wird uns deutlich im direkten Vergleich zwischen dem alten Karamsow und dem heiligen Starez Sossima.

Spannend ist, wenn man die Beschreibung des Starzentums liest, wie der Erzähler uns diese Institution in der russischen Orthodoxie vorstellt:

 

„Was also ist ein ‚Starez‘? Einer, der Seele und Willen eines anderen in seine Seele und seinen Willen aufnimmt.“ (S. …)

 

Letzte Woche habe ich über den alten Karamasow geschrieben, dass er uns als derjenige vorgestellt wird, der ohne schlechtes Gewissen von den Menschen nimmt, was er braucht. Das äußere Ende moralischer Verdorbenheit ist dabei der, der nimmt, ohne auf die Konsequenzen für die Gebenden zu achten, und nur seine eigenen Vorteile im Blick hat.

Auf den ersten Blick ist der Starez nicht viel besser – er nimmt ja nicht nur das Geld und die Ehre der Menschen um ihn herum, sondern sogar seine „Seele und Willen“.

Dabei ist aber die Motivation besonders wichtig:

 

„Wer dieses Gelübde ablegt [das ist: den Verzicht auf den eigenen Willen und die absolute Unterordnung unter den Starez – MBH], nimmt eine schwer, lange Prüfung auf sich: in der Hoffnung, schließlich sich selbst zu überwinden und sich so weit beherrschen zu lernen, daß er zuletzt durch lebenslänglichen Gehorsam die vollkommene Freiheit, das heißt, die Befreiung von sich selbst erlangt und dem Schicksal derer entgeht, die ihr ganzes Leben lang nicht zu sich selber finden.“

 

Das mag für uns sehr rustikal wirken, ist aber erstmal die Spannung, in die uns der Autor hineinführt: der Heilige nimmt zwar, genau wie der moralisch Verdorbene, aber es nimmt in der Motivation, den anderen dadurch in die Freiheit zu führen.

Freiheit, das ist für Dostojewski vor allem das losgelöst sein von seinen Leidenschaften und die absolute Kontrolle über sich zu haben – ein Weg, der nur über Selbstentsagung zugänglich ist.

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Wie unterschiedlich die Lebensphilosophien dieser beiden Männer sind, wird dann auch in der direkten Begegnung deutlich. Während der alte Karamasow ziemlich direkt voll aufdreht, und sich zum „Possenreißer“ erhebt, strahlt der Starez eine ungemeine Ruhe aus, die selbst direkte Beleidigungen nicht zu erschüttern vermag.

Um diesen Unterschied dem Leser deutlich zu machen, hat der Autor dem alten Karamasow den atheistischen Miussow zur Seite gestellt. Damit macht er deutlich, dass die Haltung des Karamasow nicht einzig aus der Weltanschauung begründet ist, sondern auch andere Ursachen hat.

Es ist dabei nicht unbedeutend, uns die direkte Begrüßungszeremonie anzusehen, die viel über den Geisteszustand der Leute aussagt.

Während die Priestermönche in tiefer Verbeugung des Starez begrüßen, ist Miussow zumindest in der Lage, einer erbare Verbeugung zustande zu bringen. Der alte Karamasow ist nichts weiter als ein Spiegel des Miussow, nicht einmal in der Lage, seine eigene Reaktion auf die Anwesenheit des Heiligen zu definieren. An der Art der Verbeugung von Dimitri, der bis jetzt in der Erzählung noch nicht im Kloster angekommen ist, werden wir diesen Sachverhalt noch einmal aufgreifen.

Die Bedeutung dieser Stelle ist allerdings schnell festgelegt:

Weltanschauung führt zu einem bestimmten Verhalten, und die Spannung dieser beiden Lebensentwürfe stellt uns der Erzähler in den Figuren des Starez auf der einen Seite, und des alten Karamasow auf der anderen Seite vor Augen. Miussow gilt als eine Art korrektiv, als eine Vergleichsgröße für den alten Karamasow, ein Atheist, der sich unter Kontrolle hat, wenn ihr so wollt.

 

Viel Gnade und Segen,

 

MBH 

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