Davon die Alten sungen... (15/03/2016)

Wenn die Gnade Gottes Auswirkungen auf den Zustand meines Gewissens hat,

sollte sie auch Auswirkungen auf mein Verhältnis zu meinen Mitchristen in der Gemeinde haben.

Gleiches, denke ich, gilt auch für meine Hoffnung für die Zukunft.

 

Christian Fürchtegott Gellert – Jesus lebt! Mit ihm auch ich #3

 

Gott verstößt in Christus nicht,

dies ist meine Zuversicht.

 

Die Reformation als wichtigste, spirituelle Erneuerungsbewegung der Neuzeit, brach los, weil sich ein Mönch in Wittenberg nicht sicher war, ob er eigentlich errettet ist. „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott“, war die Frage, die Luther antrieb in seiner Suche nach Ruhe für die eigene Seele.

Spätestens seit Luther, eigentlich aber schon früher, bei dem Kirchenvater Augustinus, hat die innere Selbstprüfung in der christlichen Spiritualität eine große Rolle gespielt:

Das belastete Gewissen, das an der Wahrnehmung der Welt nagte, wurde dadurch zum besonderen Wegbereiter zur Gotteserkenntnis und der Ergriffenheit von der Gnade Gottes.

In diesem Sinne, sagen manche Historiker, hat dann auch die Reformation dazu beigetragen, dass sich in Europa immer mehr ein starker Individualismus breitgemacht hat – sowohl in der Gemeinde, als auch außerhalb davon.

Ich denke, dass das durchaus begrüßenswert ist. Ein tieferes Verständnis davon zu entwickeln, dass wir alleine aus der unverdienten Zuwendung Gottes heraus leben, atmen, und ewig sein dürfen, kann nicht ohne Auswirkungen auf die Art bleiben, wie wir einander begegnen.

Denn wenn wir darüber nachdenken, dass wir selbst ja gar nichts vor Gott zu bringen haben, dass unser Gewissen tatsächlich immer befleckt ist, uns anklagt, wie können wir dann anderen Menschen ihre Fehler dauerhaft vorhalten?

Wenn wir Gnade erlebt haben, wie können wir uns dann ungnädig verhalten?

Soweit die Theorie.

Doch ich erlebe immer wieder in Gemeinden, dass sich Menschen unversöhnlich gegenüber stehen. Wenn mehr Grenzen gezogen werden, als durch gemeinsames ringen, beten und diskutieren abgebaut werden können.

Und an den meisten Stellen liegen Verletzungen aus der Vergangenheit an der Wurzel des Problems; Erfahrungen, die wir mit dieser oder jener Frömmigkeit, dieser oder jener Denomination, dieser oder jener Person gemacht haben, beeinflussen dann oft die Art, wie wir aufeinander zugehen.

Denn wer uns verletzt hat, wer uns vielleicht mal verstoßen hat, oder zu Unrecht beschuldigt hat, wer uns gegenüber in der Vergangenheit unterlassen hat, bestimmte Dinge zu tun, oder andere Dinge getan hat, die völlig unangebracht waren, dem begegnen wir oft mit einer gewissen Menge Skeptizismus.

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In den letzten Tagen musste ich oft daran denken, dass genauso wie die Selbstprüfung im Gewissen Auswirkung haben sollte auf die Art, wie wir miteinander umgehen, sollte auch die Gewissheit der Erlösung diese Auswirkung haben, wenn wir sie nicht nur in uns suchen.

Jeden Morgen bete ich nun dieses Lied von Gellert, und ich freue mich jedes Mal auf das fulminante Ende der dritten Strophe – Gott verstößt in Christus nicht!

So sehr ich mich daran klammere, wenn mein Gewissen mich wieder anklagt, genauso möchte ich mich daran klammern, wenn ich den Eindruck habe, dass mir Unrecht getan wird in der Gemeinde.

Die Schuld, die an uns getan wird von unseren Glaubensbrüdern und –schwestern, erscheint uns manchmal so gewaltig, dass eine Versöhnung unmöglich ist.

Aber in diesen Momenten, denke ich, sollte das „Gott verstößt in Christus nicht“ umso lauter von unseren Lippen klingen. Denn darin liegt nicht nur unsere Zuversicht, als Individuum vor Gott, sondern auch unsere Hoffnung für die Zukunft unserer Gemeinden in Deutschland.

Wer in Christus ist, der fürchtet keine Verdammnis mehr (Röm 8,1); und das sollte nicht nur vor Gott gelten, sondern auch vor allen, die sich zu diesem Erlösergott, diesem Gott-menschen, dem gekreuzigten Gottesknecht, dem auferstandenen König und Herrscher halten.

Gott verstößt in Christus nicht.

Hat er dich nicht verstoßen? Nun, so will ich dich auch nicht verstoßen.

Geh, und sündige hinfort nicht mehr. (Joh 8, 10f).

 

Viel Gnade euch,

 

MBH

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Kommentare: 2
  • #1

    Sharela K. (Sonntag, 20 März 2016 19:08)

    "Ein tieferes Verständnis davon zu entwickeln, dass wir alleine aus der unverdienten Zuwendung Gottes heraus leben, atmen, und ewig sein dürfen, kann nicht ohne Auswirkungen auf die Art bleiben, wie wir einander begegnen."
    - Genau dieser Satz trifft es meines Erachtens auf den Punkt! Wenn wir alle geliebte Kinder Gottes sind, dann haben wir auch das Potential und die Pflicht Gottes Liebe an andere weiter zu schenken!

    Gesegneten Palmsonntag und liebe Grüße!
    Sharela

    PS: Ich freue mich sehr, dass ich Ihren interessanten Blog in den Weiten des Internets entdecken durfte.

  • #2

    Marcus-B. Hübner (Montag, 21 März 2016 09:48)

    Guten Morgen,

    es freut mich natürlich sehr, dass sie hier Einträge finden, die ihnen gefallen, und die sie weiterbringen.
    Und über das Attribut "interessant" für meinen Blog freue ich mich natürlich sehr :)

    Lieber Gruß,
    MBH