Dostojewski lesen (Woche 4)

Diese Woche geht es um die ersten knapp 40 Seiten aus dem Buch,

und die Vorstellung der vier wichtigsten Personen des Werkes.

Was ist der wichtigste Bezugspunkt zu ihnen?

 

Wer die Karamasows sind

Abschnitt 1 – S.5-S.42

 

Was ist vorgegangen?_

In diesen Seiten begegnen uns die zentralen Figuren unseres Romans. Zum einen lernen wir den alten Karamasow kennen, Fjodor Pawlowitsch. Er ist ein besonders unangenehmer Zeitgenosse, was uns besonders durch die Beziehung zu seinen beiden Ehefrauen – Adelaida Iwanowna und Sofia Iwanowna – deutlich wird. Außerdem lernen wir die Söhne kennen, die aus diesen beiden Ehen hervorgehen. Der Erstgeborene, aus der Ehe mit Adelaida, ist Dimitri (genannt: Mitja), der eine leidliche Karriere in der Armee macht, bevor er wieder in der Stadt des Geschehens aufschlägt. Er streitet sich mit seinem Vater über Geldangelegenheiten. Aus der zweiten Ehe, mit Sofia, gehen die beiden Söhne Iwan und Alexej hervor. Aus Iwan, das erfahren wir, wird ein gewissenhafter Denker, der sich ungern etwas schenken lässt. Er taucht im Ort des Geschehens wieder auf, um als Mittler zwischen seinem älteren (Halb)bruder und seinem Vater aufzutreten. Zum Schluss, der jüngste, ist Alexej, ein von allen geliebter und besonders sanftmütiger junger Mann, der zum Schluss unseres Abschnittes den Entschluss bekannt gibt, als Novize (Mönch auf Probe) ins Kloster zu gehen.

 

Interpretation_

Von der ersten Seite an macht uns der Autor deutlich, dass sein Held in der Geschichte Alexej ist. Das ist nicht weiter verwunderlich, wenn man bedenkt, mit welchen weichen Tönen er den jungen Mönch später malt. Fast schon zu heilig wirkt der junge Mann, den alle liebgewinnen, und der niemandem schaden will.

Man kann schon fast spüren, dass diese Stille nicht ungetrübt bleiben kann in diesem Roman.

Wenn ich letzte Woche von dem Interpretationsprinzip der „Gegenüberstellung“ gesprochen habe, dann ist dieser Einstieg der Geschichte ein gutes Beispiel dafür. Zwar sind noch nicht alle Figuren der großen Konstellation aufgetreten – eine der zentralen Gestalten des Buches erscheint im nächsten Abschnitt – aber auch hier sehen wir, wie Dostojewski seine Figuren nicht nur in der Betrachtung malt, sondern auch in der Gegenüberstellung gegenüber den Anderen. Überschneidungen gibt es nur in den Fakten, die den Figuren begegnen, nicht aber in der Reaktion, die sie zeigen.

Betrachten wir einmal, wie unterschiedlich die Söhne gemalt sind, wenn es um ihr Auskommen im Leben geht.

Dmitri auf der einen Seite hat keine Vorstellung von seinem eigenen Besitz. Sein Vater bemerkt sogar, dass seine Vorstellungen schrecklich überzogen sind. Diese Unbedachtheit gegenüber seinem eigenen Auskommen ist dann auch nach Aussagen des Autors die Eigenschaft, die „zu jener Katastrophe, deren Erörterung den Gegenstand meines ersten einleitenden Romans bildet“ (S.20). [i]

Damit wird und Dimitri als ein impulsiver Mensch dargestellt, der über das Gute in seinem Leben nicht viel nachdenkt, sondern es als selbstverständlich hinnimmt.

Iwan auf der anderen Seite fühlt sich sein Leben lang schlecht wegen des Guten, das ihm andere erweisen. Er ist sich seiner Abhängigkeit vom Wohlwollen anderer so bewusst, dass er sein Bestes gibt, um aus diesem Abhängigkeitsverhältnis herauszukommen.

Damit wird uns Iwan als besonders schuldbewusster Zeitgenosse dargestellt. Er versucht, die Abhängigkeit von anderen Menschen auf das geringste Maß zu beschränken, um seine Schuld gegenüber diesen so gering wie möglich zu halten.

Zum Schluss Alexej, der in einer beständigen Dankbarkeit gegenüber den Menschen lebt, und zu ihnen eine fast instinktive Liebe empfindet. Das Gute, das er erfährt, nimmt er wahr, bleibt aber gleichzeitig unabhängig davon – er betrachtet es nicht als Selbstverständlichkeit.

Damit wird uns Aljoscha als die Vermittlerfigur zwischen seinen Brüdern dargestellt, die an den äußeren Polen der menschlichen Reaktion auf Gnade stehen: die Selbstverständlichkeit und das Schuldbewusstsein.

Was machen wir zum Schluss noch mit dem alten Karamsow?

Mehr als deutlich wird, dass er uns als Unsympath vorgestellt wird. Die Art, wie er mit seinen Frauen und Kindern umgeht, ist von absoßender Boshaftigkeit. Es ist aber auch erleuchtend, wie er auf das Gute reagiert, das ihm passiert. Zum einen ist er wie Dimitri – die Mitgift seiner ersten Frau eignet er sich ohne Gewissensbisse an. Er nimmt, was er bekommen kann.

Gleichzeitig bringt er auch Iwans düstere Seiten hervor, indem er einen genauen Überblick über seine Verhältnisse behält, und es liebt, andere Menschen von sich abhängig zu machen, als abhängig zu sein. Sogar vor seinem eigenen Sohn schreckt er nicht zurück.

---

Es wird von Anfang an deutlich in diesem Werk: Der Charakter des Menschen zeigt sich an seiner Haltung gegenüber den anderen Menschen. Wie geht man mit unverdientem Wohlwollen um? Wie geht man mit Ablehnung und Hass um?

Wir werden sehen.

 

Viel Gnade euch,

MBH

 



[i] Ein Wort zu dem „ersten einleitenden Roman“ sei erwähnt: Es ist ziemlich wahrscheinlich, das Dostojewski damit nicht einen abgeschlossenen Teil in diesem Werk gemeint hat, sondern den ganzen Roman. Höchstwahrscheinlich hat er zu seinem Tod an einer Fortsetzung der Brüder Karamasow gearbeitet, in der wieder Alexej der Protagonist sein sollte. Weil sein Tod aber schon so bald nach der Fertigstellung dieses Werkes eintrat, lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen, worum es in diesem Werk gehen sollte.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0