gelesen & geschätzt (März 2016)

Tim Keller ist der große Hoffnungsträger der Evangelikalen, wenn es um das Erreichen säkularer Menschen geht.

Mit Center Church Deutsch ist jetzt sein zentralstes Werk auf deutsch erschienen,

und trotz einiger Markel ist es unbedingt lesenswert!

 

Ausgewogenheit ist das neue Kontrovers

 

Rezension zu: Keller, Timothy, Center Church Deutsch. Kirche in der Stadt, Worms: pulsmedien 2015

 

Vorbemerkung: Für diese Rezension hat mir der Verlag ein Rezensionsexemplar zukommen lassen. Dafür bin ich sehr dankbar.

 

Manche behaupten ja, Religion sei tot.

Diese Haltung hat natürlich etwas für sich: Man muss sich dann mit der lästigen Vergangenheit weniger auseinander setzten. Und weil Religion per Definition von einem „höheren“ Wesen ausgeht, dass einen Anspruch auf dein Leben und dein Verhalten erhebt, passt diese Haltung auch wunderbar in unsere Zeit expressiven Individualismusses; das höchste Gebot ist, man selbst zu sein. Was auch immer das bedeutet.

Andere sagen gerne, dass Religion nicht in unsere Zeit passt, weil sie irrational ist.

Ich glaube nur, was ich sehen kann.

Auch das passt hervorragend in unsere Zeit, in der Erkenntnis vor allem davon bestimmt ist, was ich selbst erkannt habe. In diesem Sinne wird Rechtschreibung heute an den Grundschulen vieler Orts nicht mehr nach den festgelegten Regeln, sondern nach Gehör beigebracht. Und Sido säuselt in unser Ohr, dass er uns nicht sagen kann, was jetzt richtig ist, wir müssen nur auf unser Herz hören.

Mancherorts stehen die Zeichen der Zeit aber ganz anders. Wer heute „evangelikale“ Gemeinde bauen will, und sich mit dem Individualismus und Säkularität in Westeuropa konfrontiert sieht, guckt gerne über den Teich und findet in mitten der Weltstadt New York einen Mann, der es verstanden zu haben scheint, Religion wieder hoffähig zu machen.

Auftritt: Tim Keller.

Ich schätze, dass es wenige Theologen gibt, die in so einer kurzen Zeit einen solchen Einfluss gewonnen haben über denominationale Grenzen hinweg, wie der glatzköpfige, etwas nasal sprechende Pastor aus Manhattan. Mittlerweile gibt es Gemeinden nach dem Vorbild seiner Redeemer Presbyterian Church über die ganzen USA verteilt, in den großen Metropolen Europas, und auch in den fernöstlichen Ländern. Und mancher vermutet, dass man nur einige Seiten aus Kellers Büchern zitieren muss, und schon kann man die Erweckung im eigenen Freundes- und Bekanntenkreis ausbrechen sehen.

Mit Center Church Deutsch ist in diesen Tagen das vielleicht zentralste Werk Kellers auf Deutsch erschienen. Es ist dem kleinen Verlag pulsmedien zu verdanken, dass sie dieses Großprojekt gestemmt haben. Das Buch hat schon im Original ein etwas gewöhnungsbedürftiges Format – fast quadratisch kommt es daher, mit zweispaltiger Seitengestaltung, die das Lesen etwas anstrengend macht. Hat man sich aber daran gewöhnt, ist dieses Buch eine Fundgrube erstaunlicher Erkenntnisse, die es gleichsam zu feiern und mit Vorsicht zu genießen gilt.

 

Die Balance als treibende Methode.

Kellers Vision einer Gemeinde lässt sich mit dem Wort Balance sehr gut zusammenfassen. Durch das ganze Buch hinweg gelingt es ihm, immer in einer dualistischen Form zwei extreme aufzubauen, die es zu vermeiden gilt. Das Evangelium, sagt Keller, hilft uns dabei, die Extreme zu vermeiden, und die ausgewogene Mitte einzunehmen.

Nun ist es freilich so, dass sich jeder in der Mitte der Gesellschaft sehen will. Vor einigen Tagen habe ich eine Email bekommen, in der ein Freund über den „Linksruck“ in der CDU gejammert hat, während am gleichen Tag eine Email eintrudelte, die den „Rechtsruck“ in der deutschen Parteienlandschaft beklagte. Das Extrem will sich selbst niemand zuschreiben.

Keller erschafft die Balance meistens dadurch, dass er sehr dualistisch arbeitet. In vielen Fällen baut er zwei Extreme auf, denen Schwierigkeiten und Gefahren er darstellt, um dann den Mittelpunkt einzunehmen. Das wirkt beim Lesen tatsächlich meistens unheimlich überzeugend. Man sollte dabei aber bedenken, dass auch diese Extreme so meist nicht vorhanden sind – zumindest niemals in der Selbstwahrnehmung. Ich habe noch nie eine christliche Gemeinde besucht, die von sich sagte, sie wäre gerne „zu angepasst“ und würde „nur Wertschätzung“ für die Kultur haben (S. 228).

Hilfreich ist dieser Dualismus also weniger in der Einschätzung anderer als mehr in der Reflexion über die eigene Verortung als Nachfolger privat und in der ganzen Gemeinde. Die Frage, die Keller in seinem Buch stellt, ist also weniger Wo kann ich die anderen Gemeinden in meiner Stadt einordnen? als viel mehr Wo stehen wir als Gemeinde in der Gefahr, aus der Balance zu fallen?

 

Kontextualisierung, die gleich aktiv wird

Mit Center Church Deutsch ist dem Verlag außerdem ein wirkliches Kunststück geglückt. Die Problematik, die sich beim Lesen von Keller (und überhaupt amerikanischen Theologen) stellt, ist freilich der große kulturelle Graben, der zwischen der amerikanischen Gesellschaft – und wenn sie sich noch so säkular gebärdet wie in New York City – und Westeuropa. Dieser Problematik begegnet der Verlag durch einen ausführlichen Ergänzungsteil, in dem auf die speziellen Herausforderungen in Österreich, der Schweiz und Ostdeutschland hingewiesen werden soll. Außerdem ist dort auch ein allgemeines Kapitel über die Problematik freikirchlicher Gemeindentwicklung in einer säkularen Gesellschaft enthalten. Bei allem, was ich in Kellers Buch selbst gelernt habe, war dieser Teil – gemeinsam mit den Einführungskapiteln von Michael Herbst aus Greifswald und Stephen Beck aus Gießen/Frankfurt – sicher besonders hilfreich.

Diese Kapitel strafen gleichzeitig alle Leser lügen, die in der Redeemer Presbyterian Church und Kellers Gedanken nur ein neues „Gemeindemodell“ sehen, das es nachzuahmen gilt, um die nächste Erweckung zu erleben. Sie zeigen auch auf, die wenig man Kellers Ansatz eigentlich verstanden hat, wenn man in seinen apologetischen Büchern den letztgültigen Schlüssel zum Erreichen säkularer Westeuropäer sehen will.

Keller, bei aller intellektuellen Brillanz, ist auch ein Kind seiner Stadt, erreicht eine bestimmte Zielgruppe, die hervorragend ausgebildet ist, aber auch in einer Kultur aufgewachsen ist, in der christliche Vokabeln und Symbolik immer noch eine große Rolle spielen. Wie anders das in deutschen Kontext ist, zeigt das faszinierende Kapitel über den „Homo A-Religiosus“ oder den „Post-Atheismus“ (S. 383ff).

Etwas enttäuschend war für mich, dass die Analyse der verschiedenen kulturellen Kontexte – Ost-Deutschland, Schweiz und Österreich – an Erkenntnis nicht viel mehr bringen können, als der einführende Artikel von Bartholomä und Paas. Als Erkenntnis bleibt am Ende, dass sich Freikirche im deutschen Kontext immer daran definiert hat, dass sie anders als die Landeskirche ist. Diese Missionsstrategie ist aber dann nicht mehr besonders effektiv, wenn immer größere Mengen von Menschen schon mit dem landeskirchlichen Klima nicht viel anfangen soll.

So unterschiedlich scheinen sich in diesem Punkt die deutschsprachigen Kulturen gar nicht zu sein. Die sehr speziellen Herausforderungen, die es in der Schweiz und Österreich sicher gibt, sind in den kurzen Artikeln allerdings etwas kurz gekommen.

 

Ein Buch von Keller wie jedes andere.

Um es deutlich genug zu sagen: Ich liebe Kellers Gedanken. Er ist gleichsam mit Scharfsinn, einem erstaunlichen Intellekt, einer beneidenswerten Belesenheit und einer erfrischenden Bescheidenheit gesegnet, die mir in christlichen Büchern oft fehlt.

Gleichzeitig ist jedes Kellerbuch schwere Kost, und ich tue mich schwer damit, es uneingeschränkt zu empfehlen. Zum einen sehe ich die Gefahr, dass Kellers spezieller Kontext nicht beachtet wird. Wem seine Gedanken gefallen, scheint schnell in der Gefahr zu stehen, ihn zu verabsolutieren, und die Kontextbezogenheit seines Dienstes zu missachten. D.A. Carson hat Keller einmal als einen Pastor vorgestellt, dessen Dienst man niemals kopieren sollte – man wird es eh nicht schaffen. Recht hat er.

Außerdem ist mir auch bei diesem Lesen aufgefallen, wie zäh die kellersche Prosa ist. Und nicht nur das: immer wieder ist der Lesefluss von Auflistungen nach dem (a), (b), (c) Schema, oder durch Stichpunktlisten (sic!) unterbrochen.

Als Leser, der versucht seine Bewunderung für den Autor hier und da abzustellen, frage ich mich wirklich, wer auf so etwas kommt. Über weite Strecken fühlt sich das Buch so an, als würde ich eine BuzzFeed Liste nach der anderen lesen; und es gibt einen guten Grund, wieso ich BuzzFeed so gut wie nie aufrufe.

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Jedes Kellerbuch, das ich gelesen habe, hat mich unheimlich viel weiter gebracht im Nachdenken über Gott und meine Mitmenschen. Deswegen sind seine Gedanken, Bücher und Predigten sicher empfehlenswert für alle, die sich danach sehnen, tiefer einzusteigen in das Evangelium und die Gnade Gottes im eigenen Leben so wie im Zentrum der Gemeinde.

Gleichzeitig brauche ich nach jedem Kellerbuch erst einmal eine Pause. Zum einen muss ich mir klar werden, was diese Gedanken für meinen Kontext bedeuten könnten. Und gleichzeitig muss ich danach erstmal ein Buch lesen, in dem die Prosa besser fließt.

Ein Buch besteht nämlich nicht nur aus Gedanken.

Die in diesem Buch enthaltenen aber sind es wert, gelesen, studiert und meditiert zu werden.

 

Viel Gnade euch,

 

MBH

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