Davon die Alten sungen... (08/03/2016)

Der Tod scheint dem Menschen erschreckend in die Wiege gelegt.

Freud und Heidegger sahen das ganz ähnlich, und versuchen mit ihm umzugehen.

Im Blick auf Ostern bin ich dankbar für die Art, wie Jesus uns mit dem Tod umgehen lehrt.

 

Christian Fürchtegott Geller – Jesus lebt! Mit ihm auch ich #2

 

Jesus lebt! Mit ihm auch ich.

Tod, wo sind nun deine Schrecken?

Er, er lebt und wird auch mich

von den Toten auferwecken.

 

Der Psychoanalytiker Sigmund Freud hat davon gesprochen, dass der Sexual- und der Todestrieb die beiden Grundkonstanten der menschlichen Entwicklung sind. Darin verstand er den Drang des Menschen, aus der Dynamik des Lebens – bestimmt vom Sexualtrieb – in die Starre und Feste der Leblosigkeit zurückzukehren. Thanatos (Tod) und Eros (Liebe) ringen in Freuds Sicht des Menschen in einer Art lebenslangem Kampf um die Vorherrschaft im Menschen.

Der Begriff des Thanatos war selbst unter den treuesten Schülern Freuds äußerst umstritten, und mir ist nicht daran gelegen, ihn zu verteidigen. Aber trotzdem hatte diese Theorie immer etwas an sich, das mir einleuchtete. Der Tod, scheint mir, ist dem Menschen in einer erschreckenden Weise in die Wiege gelegt. Wenn wir unsere Lebensdauer auch von unserer Geburt an berechnen, stellt der Tod mit der wachsenden Reflexion über das eigene Leben auch das größte Schisma dar:

Irgendwann werde ich nicht mehr sein.

Habe ich dann genug gelebt?

Und was kommt danach?

Kommt etwas danach?

Die Spannung zwischen „Sein“ und „Nicht-Sein“, von Leben in der Gegenwart und dem Tod in der unbestimmten, nebulösen Zukunft ist entsprechend auch ein bestimmendes Motiv in der Existenzphilosophie Martin Heideggers geworden.

Vielleicht lässt es sich so zusammenfassen:

Um das Leben zu verstehen, muss man den Tod ins Auge fassen.

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Meine Generation ist als die YOLO Generation bekannt geworden – du lebst nur einmal, heißt das. Die Lebensdirektive ist: Genieße alles in vollen Zügen, weil das Leben irgendwann vorbei ist, und man dann keine zweite Chance bekommt, alle Freuden zu genießen.

Und es wirkt auf den ersten Blick so, als hätten wir endlich, als erste Generation der Geschichte, gelernt, was es bedeutet, der Angst vor dem eigenen Tod ins Gesicht zu blicken und daraus zu lernen.

Aber gleichzeitig erkennt man bei genauerer Betrachtung: Der Drang zum „Work Hard, Play Hard“ Lebensgefühl ist nur ein weiterer Ausweg, dem Tod nicht in die Augen sehen zu müssen. So lange ich in der Gegenwart beschäftigt bin, feucht-fröhlich das Leben in vollen Zügen genieße, muss ich mich meiner eigenen Endlichkeit nicht stellen – weder in Lebenszeit noch in Lebenskraft.

Du lebst nur einmal – YOLO – bedeutet also: Du lebst so lange, wie du dir nicht des Gegensatzes bewusst wirst.

Solange du nicht weißt, dass du stirbst, brauchst du auch keine Angst davor zu haben.

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Mir gehen diese Gedanken im Kopf herum, während wir uns mit großen Schritten dem Osterfest nähern, und ich Gellerts Auferstehungslied jeden Morgen bete. Schon in der ersten Strophe bringt er dabei die Auferstehungshoffnung der christlichen Spiritualität zum Ausdruck, in dem er die Worte des Apostels Paulus verwendet.

Im Anblick des leeren Grabes an Ostern rufen wir aus: Tod, wo sind denn nun deine Schrecken?

Mir scheint keine Weltanschauung bis jetzt diese Reaktion auf den Tod hervorrufen zu können.

In der christlichen Spiritualität blicken wir nicht weg vom Tod, weil er uns im gekreuzigten Gott alle Zeit vor Augen steht. Wir können ihn nicht ignorieren, weil er in unseren Liedern und Gebeten die zentralste Rolle spielt. Dieser Tod war unser Tod.

Und dennoch: Wir lecken nicht nur unsere Wunden, wir sind nicht tief versunken in der Todesanschauung, als wäre darin etwas Angenehmes zu finden.

Wir sehen ihm ins Gesicht, diesem Tod, verwundert darüber, dass er uns vorher einen solchen Schrecken hatte einflößen können.

Nicht, weil er uns nicht auch irgendwann ereilt. Sondern weil ihm seine Endgültigkeit genommen ist.

Wenn wir den Auferstandenen betrachten an Ostern, sehen wir seine Wundmale, erkennen wir ihn als vom Tod Gezeichneten, aber nicht als vom Tod Überwältigten.

Das größte Schisma unserer Existenz ist nicht mehr länger der Tod und das folgende Nichts, das Vergessen,

sondern der Tod und die Auferstehung des Christus. Denn sie erkennen wir als endgültig, unumkehrbar.

Und noch wichtiger: als „für uns“.

Das Leben aus dem leeren Grab wird Ostern zu meinem Leben über das Grab hinaus.

 

Viel Gnade euch,

 

 

MBH

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