Unvorbereitet kommen.

Kleider machen Leutesagt man. Auch vor Gott?

Gedanken über die Frage, wie ich vor Gott treten kann,

und vor die Gemeinde - vollkommen, vorbereitet, fehlerlos?

 

„Kleider machen Leute“, sagt man ja. Und das ist die Standardwaffe geworden, wenn ein Teenager sich auf sein erstes Bewerbungsgespräch aufmacht – für ein Praktikum oder einen Ausbildungsplatz – und die Eltern vor dem finalen Auszug aus der Wohnung ihren Sprössling noch einmal unter die Lupe nehmen. „Weißt du, Kleider machen Leute. Und ein guter erster Eindruck ist schon mal die erste Miete.“

Warum ist das eigentlich so, habe ich mich in den letzten Tagen gefragt.

Der Dichter Gottfried Keller hat diesem Sprichwort ja eines seiner bekanntesten Werke gewidmet, in dem ein Schneidergeselle fälschlich für einen polnischen Grafen gehalten wird. Durch Irrungen und Wirrungen heiratet er am Ende (Spoiler!) eine Gräfin und bringt es zu einigem Ansehen. Kleider machen Leute.

Dahinter steht der Gedanke, dass die äußere Kleidung etwas über die Person aussagt, die sie trägt. Und weil wir gerne im besten Licht dastehen wollen, tragen wir eine entsprechende Kleidung. Dabei kann man an der Kleidung auch erkennen, welche Merkmale einem Träger eigentlich wichtig sind – möchte er als gebildet, reich, sexuell attraktiv, konservativ, progressiv, individualistisch oder als Teil einer Gemeinschaft wahrgenommen werden?

Die Kleidung, die wir tragen, wird dadurch zu einer Nachricht, die wir an die Personen senden, denen wir begegnen. Und wir versuchen, diese Nachricht so zu formulieren, dass es uns einen Vorteil verschafft.

Kleider machen Leute ist also ein ziemlich egoistisches Prinzip.

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Wenn wir aber auf die Empfängerseite dieser Nachricht hinüberwechseln, dann wird noch etwas anderes wichtig, was in diesem Prinzip mitschwingt. Wir fühlen uns nämlich wertgeschätzt, wenn sie jemand für uns in Schale wirft.

Egal, wie oft wir davon reden, dass wir eine „Person“ lieben wollen, und nicht ihr Äußeres: Wenn jemand zu einem Rendezvous mit uns in Jogginghose und fett-fleckigem Unterhemd kommt, werden wir es wohl nicht über eine Begrüßung und ein „Nein, danke!“, hinaus kommen lassen. Dabei ist es ja nicht so, dass wir nicht auch gerne mal einen Nachmittag auf dem Sofa in Jogginghose verschleudern. Aber wer zu einem Date, einem Bewerbungsgespräch oder einer mündlichen Prüfung so erscheint, sendet uns eine Nachricht über den Wert, den dieses Treffen für ihn hat.

Wir senden also nicht nur eine Nachricht der Selbstoffenbarung mit der Art, wie wir uns kleiden („So möchte ich gerne gesehen werden“), sondern auch eine soziale Nachricht („so viel ist mir dieser Augenblick wert“).

Das Problem an dieser zweiten Schicht der Botschaft ist aber, dass sie ganz auf das Verstehen des Empfängers gebunden wird. Nicht die Intention ist das entscheidende, sondern das ästhetische Gefühl des Adressaten. Der Adressat mag eine Kleidung als schlampig oder unangebracht empfinden, auf die der Sender der Botschaft viel Zeit und Energie verwendet hat – einfach, weil das Empfinden für die Situation ein anderes ist.

In manchen Subkulturen in Westeuropa gilt es zum Beispiel als besonders attraktiv, wenn sie eine Frau viel schminkt. Schminken, das muss man ja auch eingestehen, ist tatsächlich mit einem erheblichen Arbeitsaufwand verbunden. Gleichzeitig gibt es andere Subkulturen, die zurück zur „natürlichen Schönheit“ kommen wollen, und deswegen bewusst auf Schminke und alle  als unnatürlichen wahrgenommenen Hilfsmittel verzichten wollen.

Wenn sich also eine junge Frau aus der ersten und ein junger Mann aus der zweiten Subkultur treffen, kann zwar die gleiche Botschaft gesendet werden („dieses Treffen ist mir besonders viel wert“), aber ganz andere Botschaft ankommen („die ist ja oberflächlich“; „der hat kein Interesse an mir“).

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Ich musste über diese Gedanken schmunzeln, als ich vor einigen Tagen in meinem Bibelstudium zwei Kapitel wie zufällig zusammen gelesen habe. Zum einen habe ich da die Anweisungen an Priester in 3. Mose gelesen. Sicher nicht die einfachste und erbaulichste Lektüre. Vor allem ein Satz brannte sich mir ein:

 

„Und der Herr sprach zu Mose: Sprich zu Aaron: […] [K]einer der ein Gebrechen hat, darf herzutreten: kein Blinder oder Lahmer, keiner, der eine Scharte hat oder missgebildet ist, keiner, der einen gebrochenen Fuß oder eine gebrochene Hand hat, kein Buckliger oder Schwächlicher, keiner der einen Fleck im Auge hat, keiner, der mit der Krätze oder einer Flechte behaftet ist oder beschädigte Hoden hat.“ (3Mo 21,17ff; Zürcher Bibel).

 

In meiner Bibel habe ich daneben geschrieben: „Das ist doch unfair. Wieso, Gott, dürfen nur perfekte Menschen zu dir kommen?“

Das ist natürlich verkürzt. Hier geht es um den speziellen Dienst im Tempel – in Gemeinschaft mit Gott treten, durften freilich alle. Und trotzdem. Etwas an dem Text wirkt so unfair auf uns: was können diese Menschen denn dafür, dass sie so geboren wurden? Wieso dürfen sie keinen Dienst im Tempel tun?

Ich denke, es hat etwas mit dem Gedanken zu tun, den ich oben dargelegt habe. Als Volk hatte Israel sich nicht nur um seine Beziehung zu ihrem Gott zu kümmern und in stiller Andacht ihre Thora am Morgen zu lesen. Sie sollten als Volk eine lebendige Predigt für die Völker sein, die in den Ländern um sie herum lebten. Deswegen ist die Anweisung Gottes gerade im 3. Mose so oft: „Ihr sollt mir heilig sein, dann ich, der Herr, bin heilig.“ Die hohen Anforderungen an die Perfektion der Priester hatte etwas damit zu tun, was damit ausgedrückt wurde: Nur das Beste ist gut genug für unseren Gott. Die Völker in der Umgebung sollten sehen, wie viel Wert dieser Bundesgott dem Volk war.

Wir werfen uns nicht nur in Schale; wir achten darauf, dass alles an diesen Priestern perfekt ist.

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Aber auch wenn mir alle diese Erklärungen sofort in den Kopf geschossen sind, wollte ich mich damit nicht abgeben. Instinktiv war mir bewusst: Ich bereite mich gerade auf den Dienst in der Gemeinde vor, eine Art von Priesterdienst ist dadurch auch meine Zukunft. Erreiche ich diese hohen Ansprüche? Kann ich sagen, dass ich perfekt bin, wenn ich vor die Gemeinde trete, das Wort Gottes auslege und Segen spreche?

Ihr mögt es erraten: Eher nicht.

Eher sollte ich dann schnell meine Profession wechseln.

Nun, Petrus hatte an diesem Morgen auch noch etwas zu sagen:

 

„Wenn ihr zu ihm hintretet, zum lebendigen Stein, der von den Menschen zwar verworfen wurde, bei Gott aber auserwählt und kostbar ist, dann lasst euch selbst aufbauen als lebendige Steine zu einem geistlichen Haus, zu einer heiligen Priesterschaft, um geistliche Opfer darzubringen, die Gott angenehm sind durch Jesus Christus.“ (1Pet 2,4-5; Zür; kursiv durch mich)

 

Etwas ist anders an dieser Priesterschaft. Zum einen werden wir in die Priesterschaft auferbaut, was schon fast passiv ist, was an uns geschieht, und was dynamisch wirkt, und nicht statisch vorhanden sein muss. Perfektion, heißt das, kommt mit der Zeit.

Aber auch etwas ist anders an der Art, wie wir vor Gott treten, als Gemeinde, als Christen: nicht als Perfekte, sondern als solche, die durch Jesus Christus perfektioniert sind.

Im Spiegelbild von Christus erkennen wir, dass wir nicht perfekt sind, dass unsere Körper wie unsere Seelen und unser Charakter Macken und Scharten haben, unüberwindbar scheinende Gebrechen. Wenn wir das alles loswerden müssten, bevor wir vor Gott treten, dann wären unsere Gottesdienstsäle Sonntag für Sonntag leer.

Das bedeutet nicht, dass Gott seine Anforderungen herunter geschraubt hätte. Das bedeutet, dass jemand anderes für uns perfekt war. Weil wir eine makelloses Abschlusszeugnis haben – nur hat jemand andere für uns die Prüfungen geschrieben.

Petrus malt ein Bild von Gemeinde, das – wenn ihr mir diese Unsauberkeit in der Sprache gestattet – perfekter ist als perfekt. Er sieht sich um in der Gemeinde, und erkennt überall Scharten und Macken, sieht Dellen, Beulen und Gebrechen, sieht mangelnde Perfektion und ausufernde Unvollkommenheit. Dann sieht er noch einmal genauer hin, und sieht Heiligkeit, sieht Perfektion im Vertrauen auf den, der überall als unperfekt galt: überall, außer bei Gott.

 

Und dann habe ich aufgeblickt. Dankbar.

Sollte ich Sonntag für Sonntag vor die Gemeinde treten, weil ich den Punkt erreicht habe, wo ich dessen würdig bin, dann sollte ich mich bald umschulen lassen. Aber so muss ich nicht mit der Gemeinde vor Gott treten, so kann ich gar nicht vor die Gemeinde treten.

Trete ich vor die Gemeinde, steht ich dort unperfekt, unvollkommen – im Vertrauen auf den, der mich vorbereitet, mich vervollkommnet, mit perfektioniert.

Und alle Dellen feiere ich – sie zeigen, dass Gott noch an mir arbeitet.

 

Viel Segen euch,

MBH

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Kommentare: 2
  • #1

    Volker Moschkau (Freitag, 04 März 2016 19:14)

    Hi Marcus, herzlich willkommen im "Club der unvollkommenden Heiligen" !
    Schön das wir Dich nicht als tadellosen, geistlich stromlinienförmigen Pastor/Prediger erleben mussten.

    2 kurze Ergänzungen zu Deinen Überlegungen:
    Die Liebe Christi bestimmt (bestenfalls) die äußere Form im Gottesdienst.
    Ich selbst bin seit Jahrzehnten im Beruf und Gemeinde bekannt, immer barfuß oder in Sandalen herum zulaufen. Bei einem Dienst in der Gemeinde, ziehe ich aber ganz bewußt meine Sandalen an, um keinen Anstoß zugeben. In einem Gottesdienst erlebte ich, wie ein Missionar aus Indonesien, bewußt seine Schuhe auszog, bevor er vor die Gemeinde (heiliger Raum) trat.
    So unterschiedlich äußerlich und doch im gleichen Geist !

    Seidem ich meinen Lebenssinn in Jesus fand, bin ich zu einer starken Persönlichkeit herangereift.
    Das wiederum verschafft mir den Freiraum oftmals völlig anders zuleben/aufzutreten als von der "Öffentlichkeit" von mir erwartet wird.
    Ja, - ich genieße es in die falschen Schubladen gesteckt zu werden!
    Wer mich länger und besser kennt, wird mich da schon wieder rausholen.
    Ich muß nicht schon im Voraus "gefällig" leben, (sei es mit oder ohne Schminke).
    Diese gelebte Echtheit ist das Salz in meiner Jesus-Beziehung.
    ER hat mir neue Kleider (Schuhe) geschenkt und es macht Spaß so von IHM ausgerüstet zu sein.

    Shalom, lass es Dir guuuut gehen auf der Insel.
    Volker

  • #2

    MBH (Montag, 07 März 2016 11:26)

    Lieber Volker,

    du hast sehr recht :) Mit beiden deinen Anmerkungen.
    Zur ersten Anmerkung würde ich sagen, dass es so sein s o l l t e, aber bei weitem nicht immer ist. Die theologische Dimension zu sehen, dass Gott uns vorbreitet, finde ich da hilfreich, wenn ich Leuten begegne, die sich fragen, w i e sie in den Gottesdienst oder die Kleingruppe kommen sollen.
    Dass du bekannt bist als der Barfüßige (übrigens hat der Pietismus, die wichtigste Nachreformatorische, spirituelle Erneuerungsbewegung in Deutschland in der Frankfurter Barfüßerkirche begonnen, als Spener dort Pastor war, wusstest du das? :)) ist mir auch bekannt. Aber dadurch, dass du anders auftrittst "als es die Gesellschaft erwartet" sendest du ja auch ein gewisses Signal. Man sollte sich vielleicht einfach darüber bewusst sein, dass man durch sein Auftreten auch ein Signal sendet ("Kleider machen Leute"), aber dieser Satz nicht unseren Zugang zu Gott bestimmt :)

    Lieber Gruß,
    M