Dostojewski lesen (Woche 2)

Der zweite Teil meiner "Einleitung" für Die Brüder Karamsov ist eine kurze Biographie,

und eine Warnung, Literatur nicht autobiographisch zu lesen.

Ich hoffe, ihr lest schon fleißig.

Dostojewskis Leben und Denken

 

Vorbemerkung: Ich habe natürlich keine eigene Forschung betrieben, um das Leben Dostojewskis zu rekonstruieren. Die Darstellung orientiert sich stark an der Interpretation von Dostojewskis Leben in Geir Kjetsaas wunderbar-lesbarer Biographie: Fyodor Dostoyevsky. A Writer’s Life, London: MacMillan 1988 (auf deutsch erschienen unter dem Titel: Dostojewskij. Sträfling – Spieler – Dichterfürst)

 

Wenn wir uns weiter hineinwagen, gemeinsam, in das Universum, das Dostojewskis Werk bildet, muss ich eines vorausschicken: ich bin kein Experte. Das ist nicht unbedeutend. Wenn man zB Horst-Jürgen Gerigks Werk Dostojewskijs Entwicklung als Schriftsteller liest, dann merkt man die interpretativen Dimensionen, die sich bei einer lebenslangen Beschäftigung mit dem Autor ergeben. Ich beanspruche weder, dass ich diese Expertise erreicht habe, noch, dass ich mich auf dem Weg dahin begebe. Deswegen beanspruche ich mit dieser Aufsatzreihe auch gar nicht, einen Beitrag zu leisten zum Verständnis Dostojewskis.

Ich bin viel mehr ein Liebhaber Dostojewskis. Mein Zugang zu seinem Werk ist kein professioneller, auch kein gelehrter, sondern der eines Liebhabers. Ich nähere mich dem Werk in der Mischung aus Zuneigung und Wertschätzung, Ehrfurcht und Intimität, die man einem vertrauten und gleichzeitig geliebten Ort, Werk, Gericht oder Musikstück entgegen bringen kann.

Es ist immer umstritten, ob man das Werk eines Autors anhand seines Lebens interpretieren sollte. Als die britische Schriftstellerin Jeanette Winterson ihren ersten Roman veröffentlichte – Oranges are not the only fruit – waren die Parallelen zu ihrem Leben mehr als deutlich, bis hinein zur Namensgebung der Protagonistin: Jeanette. Es hat nicht lange gedauert, bis Leser und Journalisten sie danach ausfragte, und in ihrem Buch eine Art tiefenpsychologische Aufarbeitung ihrer Kindheit sahen. Und trotzdem: Jeanette hat sich immer geweigert, mit Jeanette identifiziert zu werden.

Gleichzeitig sind die Parallelen zwischen Dostojewskis Leben und der Entwicklung und Evolution seiner Gedanken und Weltanschauung nicht zu übersehen. Wer Dostojewski nicht nur als Künstler lesen will, sondern auch als Ideologe, als Philosoph, der sollte einen Überblick darüber haben, woher er seine Gedanken bezieht. Welche Ereignisse seines Lebens haben ihn geprägt? Welche Werke waren besonders bedeutend für ihn? Und was kann man vielleicht davon in seinen Romanen wiederfinden?

Ein solcher biographischer Überblick, wie ich ihn hier in aller Kürze wiedergeben möchte, ist deswegen durchaus hilfreich, sollte aber auch mit Vorsicht genossen werden.

Der Dostojewski-Forscher Gerigk schreibt deswegen als Auftakt seiner Gesamtinterpretation von Dostojewskis romanhaftem Werk:

 

„Unter Verbrechern in Sibirien wird Dostojewskij, der Kriminologe und missionarische Christ, geboren. Sein literarisches Werk aus seinem Leben zu erklären darf aber deshalb nicht zum beherrschenden Prinzip der Auslegung werden.“[i]

 

Dostojewskis Privatleben: Gefängnis, Frauen, Spielsucht

Dostojewskis Leben zu studieren, birgt einen ganz eigenen Reiz. Mit den Geschichten darin ließe sich eine ganze Bibliothek füllen. Tragische Elemente (seine Spielkameradin der Jugend wurde umgebracht, er hat ihre Leiche noch gesehen) mischen sich mit Kriminalgeschichten (wurde sein Vater umgebracht, oder starb er wirklich an einem Schlaganfall?). Sex und Erotik spielen eine so große Rolle wie das schlussendliche Finden der wirklich Liebe.

Nun, Dostojewski trat recht früh auf die Bühne der großen, russischen Literatur. Mit 25 veröffentlichte er seinen ersten eigenen Roman – Arme Leute – der vom bekanntesten Literaturkritiker Russlands begeistert aufgenommen wurde.

Der junge Literat, der mit dem frühen Erfolg wohl auch nicht besonders gut umgehen konnte, schloss sich darauf hin einem subversiven Zirkel an, der sich um den jungen Revoluzzer und Aristokraten Petraschweski gesammelt hatte.

Auch wenn man der Gruppe keine einheitliche Ideologie nachweisen konnte, waren sie sich doch in zwei Dingen einig: Dass die Leibeigenschaft der Bauern ein Verbrechen war, und dass der Despotismus des Zaren beendet gehörte.

Es ist nicht besonders viel bekannt darüber, wie eng Dostojewski wirklich verbunden war mit diesem Zirkel. Zumindest aus seinen Briefen bekannt ist, dass er Petraschewski selbst nicht besonders leiden konnte – sie trennte vor allem eine diametral gegeneinander stehende Vorstellung von der Rolle der Kunst in der Politik und der Gesellschaft.

Als Teil des Petraschweski-Zirkels verurteilt, erlebte Dostojewski vielleicht das einschneidendste Erlebnis seines Lebens: weil der Zar ein Exempel an den jungen, idealistischen Revolutionären statuieren wollte, ließ er sie so lange vor verschiedenen Gerichten anklagen, bis endlich ein Todesurteil dabei herauskam. Auch wenn der Zar schon vorher beschlossen hatte, das Todesurteil aufzuheben und in eine Freiheitsstrafe im Arbeitslager in Sibirien zu verwandeln, wartete er mit der Verkündigung dieser „Gnade“ bis zum aller letzten Moment.

Es ist unvorstellbar, dass dieses Erlebnis Dostojewskis Sicht auf das Leben nicht entscheidend geprägt hat. Wer mit 27 Jahren auf dem Schafott steht, den Lumpensack über den Kopf gezogen, darauf wartet, dass er den Knall der Gewehre hört, und in diesem Moment seine „Begnadigung“ verkündet bekommt, denkt sicher anders über sein Leben nach. Kjetsaa zitiert den Autor selbst wie folgt:

 

„Er war verängstigt von dem Unbekannten und dem Schrecken, der auf ihn zukam. Aber er sagte später, dass das schlimmste in jenen Minuten der ständig nagende Gedanke war: ‚Was ist, wenn ich nicht sterbe? Stell dir vor, mit welcher Haltung du dich dann dem Leben wieder zuwenden würdest, stell dir vor wie ewig es dir dann vorkommen würde. Eine ganze Ewigkeit! Und diese Ewigkeit wird mir gehören. Dann werde ich jede Minute als Jahrhundert leben, und auch nur einen Moment davon zu verlieren. Ich werde jede Minute genau bedenken, und nicht einen Moment verschwenden.‘“[ii]

 

Die anschließenden vier Jahre im Arbeitslager in Sibirien, und die daran anschließenden Jahre als Soldat, waren für Dostojewski gekennzeichnet von einer intensiven Beschäftigung mit den Menschen, mit denen er gefangen war, sowie des Neuen Testaments, das die einzige erlaubte Lektüre darstellte. Es war hier, in Sibirien und im Militärdienst, dass die Grundlagen für Dostojewskis Weltbild gelegt wurden.

Dostojewski feierte seine wirklich großen literarischen Erfolge allerdings erst, als er wieder nach St. Petersburg zurückkehrte. Drei Frauen spielten im Laufe seines Lebens eine gewichtige Rolle.

Seine erste Frau, die er im Militärdienst kennengelernt hatte, und die ihn zuerst nicht heiraten wollte, hieß Marija Issaweja. Die Ehe war alles andere als glücklich. Immer wieder soll sich das Paar bis auf die Zähne gestritten haben, Verständnis hatte die junge Witwe für ihren neuen Mann und seine Eskapaden keine, und er wiederum keine Empathie für ihre Krankheit, die noch mehr zunahm, als sie endlich wieder nach Moskau ziehen durften.

Dostojewski flüchtete sich in eine Affäre mit der jungen und stürmischen Polina, die er noch am Ende seines Lebens als seine „ewige Freundin“ bezeichnete. Mit ihr floh er aus Russland, nachdem er sich einen Vorschuss auf seinen nächsten Roman hatte auszahlen lassen.

Die Beziehung von Dostojewski und Polina war gleichzeitig von einer brennenden Leidenschaft, einer starken Anziehungskraft der beiden zueinander, gekennzeichnet, wie auch einer ebenso leidenschaftlichen Ablehnung. Missverständnisse und Verletzungen kennzeichneten die Beziehung, die die beiden über Deutschland nach Paris und später nach Italien und wieder zurück nach Russland führte. Als Dostojewski wieder in Russland ankommt, liegt seine Frau, Maria, im Sterben.

Die dritte Frau in Dostojewskis Leben war seine Anna, die er als Stenographin kennen lernt. Durch vertragliche Klauseln dazu gezwungen, einen Roman innerhalb von einem Monat schreiben zu müssen, entschied er sich dafür, seinen neuen Roman „Der Spieler“ zu diktieren und so schneller voranzukommen.

Die Beiden verliebten sich, und es wurde eine ausgesprochen glückliche Ehe. Anna war eine besonders tüchtige Frau, die von einer tiefen Liebe für die Literatur ihres Mannes angetrieben, nicht nur die Vermarktung seiner Werke übernahm, sondern überhaupt die Finanzen in den Händen hatte. Wieder Kjetsaa:

 

„Lew Tolstoi hatte ganz Recht, als er sagte, dass das ‚Leben wohl ziemlich anders hätte aussehen können für die russischen Schriftsteller, wenn sie alle so eine Frau wie Anna Grigorjewna gehabt hätten.’ Ebenso wäre wohl Dostojewskis Werk um vieles ärmer, hätte er nicht seine Anna gehabt.“[iii]

 

Dostojewskis Leben, neben dem Schreiben und seinen Beziehungen, war vor allem von seiner Krankheit und seiner Spielsucht gekennzeichnet. Schon als Kind nicht von besonders kräftiger Statur hat Dostojewski in seiner Sibirischen Gefangenschaft eine Epilepsie entwickelt, die er nie wieder losgeworden ist.[iv]

Besonders Dostojewskis Spielsucht ist noch zu erwähnen. Es ist ein faszinierendes Stück Literaturgeschichte, wenn man den Zusammenhängen von Dostojewskis eigenem Leiden an der Sucht und den Darstellungen in Der Spieler in Eintracht lauscht. Für Dostojewski hat aber diese Sucht auch zu einer besonderen Sicht auf Leid und Gnade geführt, dem wir im Laufe des Buches immer wieder begegnen werden.

Nicht klar ist, ob Dostojewski von dieser Sucht jemals losgekommen ist. Feststellbar ist, dass er ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr nach Deutschland gereist ist, um in Wiesbaden und Baden-Baden zu spielen. Das hat aber wohl vor allem damit zu tun, dass zu dem Zeitpunkt das Glücksspiel auch in Deutschland verboten war.

Die Brüder Karamasov sind der letzte Roman in der Reihe der großen Fünf, die er geschrieben hat. Nach Verbrechen und Strafe (Schuld und Sühne), dem ersten, den er nach seiner Gefangenschaft geschrieben hat, kamen Der Idiot, Böse Geister (Die Besessenen), Ein grüner Junge (Der Jüngling).[v]

Die Brüder Karamsov  wurde als Fortsetzungsroman Kapitelweise in der Zeitschrift Russki Westnik (dt. Russischer Bote) veröffentlicht[vi] und im November 1880 abgeschlossen.

Drei Monate später, am 9. Februar 1881 starb Dostojewski im Kreis seiner Familie.



[i] Gerigk, Horst-Jürgen, Dostojewskijs Entwicklung als Schriftsteller. Vom „Toten Haus“ zu den „Brüdern Karamasow“, Frankfurt/Main: S.Fischer 2013, S.10

 

[ii] Kjetsaa, Dostoyevsky, S.88; Deutsch durch mich. Original: “He was frightened by the unknown and the terror of what was to come. But he said that the worst thing during these minutes was the constant nagging thought, ‘Think if I don’t die. Imagine that I am turned back to life, imagine how endless it will seem. A whole eternity! And this eternity will belong to me! Then I will live each minute as a century, without losing any of it, and I will keep an account of each minute and not waste a moment.’”

 

[iii] A.a.O., S.200; Deutsch durch mich. Original: „Leo Tolstoy was right when he said that ‘life would have been quiet different for Russian writers if they had had wives like Anna Grigoryevna.’ Dostoyevsky’s writing might well have been much the poorer if he had not had Anna.”

 

[iv] Ein Faktum, übrigens, das Freud zu seiner bekannten Annahme verleitet hat, dass Dostojewski seinen eigenen Vater getötet haben könnte und diese Tat in seine Figuren in den Brüdern Karamasov projiziert hat. Auch wenn die historischen Hintergründe für diese Annahme längst widerlegt sind, ist Freuds Text eine beachtliche Leistung der tiefenpsychologischen Textinterpretation – und ein Anschauungsobjekt dafür, wie man einen Text auch seiner eigenen Ideologie gefügig machen kann. Kostenlos einzusehen ist der Text „Dostojewski und die Vatertötung“ im Projekt: Gutenberg

 

[v] Um die Übersetzung der Titel ranken sich manche Streitigkeiten. Vor allem scheint es damit zusammenzuhängen, dass im russischen manche profane Wörter gleichzeitig auch religiöse Bedeutungen annehmen können. Vor allem die Übersetzung des Titels „Verbrechen und Strafe“ hat immer wieder für Diskussionen gesorgt. Swetlana Geier hat in ihren Neuübersetzungen nicht davor zurückgeschreckt, auch altbekannte Titel neu zu übersetzen und hat sich an manchen Stellen vehement gegen die religiöse Konnotation von Schuld und Sühne ausgesprochen. Vergleiche dieses Interview.

 

[vi] Dostojewski hat im Laufe seines Lebens selbst zwei Zeitschriften gegründet und geleitet. Seine Romane sind alle als Fortsetzungsromane erschienen, jedoch in unterschiedlichen Zeitschriften. Der Russische Bote veröffentlichte neben vier Werken von Dostojewski auch bedeutende Werke anderer russischer Literaturen der Zeit, wie zB Tolstois Krieg und Frieden und Anna Karenina.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0