Davon die Alten sungen... (23/06/2016)

Führt mich das ständige Danken für die Erlösung nicht genau

in das Selbstverknotet sein, aus dem mich Christus herausgeführt hat?

Ich denke nicht - und ich schreibe ein paar Zeiten dazu.

 

Ernst Christoph Homburg – Jesu, meines Lebens Leben #2

 

Tausend-, tausendmal sei dir,

liebster Jesu Dank dafür.

 

Lass uns mal ganz ehrlich sein. Die Vorstellung, dass wir „10.000 Jahre und in Ewigkeit“ im Himmel Lobpreislieder singen und Gebetsgemeinschaften haben, klingt für die wenigsten von uns wirklich animierend und nach einer großen Hoffnung.

Ich meine: Klar sind wir dankbar. Je tiefer wir durchdringen zu der Erkenntnis, wie tief wir drinsteckten in Sünde und Selbstzentriertheit, wie sehr wir diese „in sich selbst verknoteten“ Menschen waren, dass Jesus nicht in mühsamer Kleinarbeit uns aufgeknüpft hat, sondern wie Alexander der Große den gordischen Knoten ein für alle Mal gelöst hat, desto mehr verstehen wir, das wir dankbar sein sollen.

Und dann macht es vielleicht aus Sinn, dass wir von diesem Punkt auf dieser Welt uns nicht lösen wollen; dass es der Demut Gottes bedurfte, um uns wieder auf den Boden der Tatsachen zu holen.

Aber eine ganze Ewigkeit? 10.000 Jahre, und danach keinen Tag weniger?

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Die Frage nach diesem ständigen Dankesagen kam mir in den Sinn, als ich vor ein paar Tagen diese Zeile aus Homburgs Lied betete. Tausend mal tausend Mal möchte ich Jesus für das danken, sage ich darin, was er für mich getan hat.

Und fast unwillkürlich hat sich mit der Gedanke angeschlossen: Reicht es dann nicht auch einmal?

Dass ich denen vergeben soll, die mir übel mitspielen, das habe ich verstanden. Sieben mal siebzig Mal. Und ich habe auch verstanden, dass es sich hier nicht um eine konkrete Rechnung handelt, die wir Strichlistenartig abhandeln. „Noch einmal siebzig Mal, und dann darf ich ihn endlich in die Wüste schicken.“

Aber eine Ewigkeit für die geschehene Erlösung dankzusagen klingt für mich genauso in mir verknotet, wie die Haltung, aus der ich doch befreit worden bin. Wenn ich auch in der Ewigkeit nie aufhören kann, mir meine eigene Schuld, die Fehler und Verletzungen die ich hervorgerufen habe, vor Augen zu führen, um wirklich dankbar zu sein: wann wende ich dann endlich den Blick ab von mir selbst, und erblicke das freundliche Gesicht Gottes? Das mit zugewandte, mir Segen spendende, gnädige Angesicht des Erlösers?

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Genau an diesem Ort, kam es mir dann in den Sinn. Am Ort der ständigen Wiederholung, die mir irgendwann aus den Ohren herauskommt, zeigt sich, dass sich mein Wesen erneuert.

Am Sonntag hat Andrew Wilson in seiner Predigt dieses Zitat von Chesterton gebracht, das mich daran erinnert hat:

 

„Weil Kinder über eine überschäumende Vitalität verfügen, weil sie innerlich wild und entfesselt sind, deshalb verlangen sie nach der Wiederholung und dem immer Gleichen. Immer sagen sie ‚Bitte, nochmal!‘; und der Erwachsene macht es wieder und wieder, bis er halbtot ist. Denn Erwachsene sind nicht kräftig genug, um über Eintönigkeit frohlocken zu können. Vielleicht aber ist Gott stark genug, um sich an der Eintönigkeit zu erfreuen. Möglich, daß Gott jeden Morgen ‚Bitte, nochmal!‘ zur Sonne sagt und jeden Abend ‚Bitte, nochmal!‘ zum Mond. […] Vielleicht hat Er die ewige Triebkraft des Kindes; wir hingegen haben gesündigt und sind alt geworden, währen Unser Vater jünger ist als wir.“ (Chesterton, G.K., Orthodoxie. Eine Handreichung für Ungläubige, Kißlegg: Fe-Medienverlag 2015, S.111f)

 

Was aber ist es, das ein Kind nach „nochmal!“ schreien lässt?

Ich denke, dass es in gleichen Teilen die Erinnerung („das hat Spaß gemacht“), wie der Rausch des Augenblicks ist. Am Anfang hat das Kind nicht daran gedacht, zu fordern: Schwing mich herum. Aber einmal herumgeschwungen, weiß es: Das macht Spaß!

In mancherlei Hinsicht war dieser Monat mit dem Lied von Homburg eine ähnliche Erfahrung. Zu Anfang hatte ich nicht darum „gebeten“, ständig Danksagen zu müssen. Aber durch die ständige Wiederholung, habe ich begonnen, diesen Rausch des Momentes zu erleben in der Erinnerung an vergangene Zeiten. Und zwar genau, weil es vergangene Zeiten sind.

Nicht, dass ich das Gefühl bekommen habe, das Kreuz nicht mehr zu brauchen, oder es hinter mir zu lassen. Sondern mehr in der Erkenntnis: Schon diesen ganzen Weg von dort hat mich Christus hier her geführt, diese Dinge konnte ich endlich niederlegen, über die habe ich gesiegt, und daran muss ich noch arbeiten.

Aber er hat mich bis hier her gebracht, und mich bis jetzt nicht links liegen gelassen.

Darin sehe ich das freundliche Gesicht Gottes, der mich weiterhin verändert, weiter an mir arbeitet. Und das erkenne ich ja gerade darin, dass ich „tausend mal tausend Mal“ genau dafür danke.

 

Viel Gnade euch,

 

MBH 

 

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