Dostojewski lesen (Woche 1)

Dieser Artikel ist der Auftakt für meine Reihe über Dostojewskis Die Brüder Karamasov.

Hier nenne ich drei Gründe, wie ich gerade Dostojewski näher betrachten will,

und lade euch ein, mit mir in diesem Jahr das vielleicht beste Buch der Weltliteratur zu lesen.

Wieso sollte man Dostojewski lesen?

 

Wenn jemand wie ich einen Artikel über das Lesen schreibt, kann das schnell in eine skurrile Selbstbeweihräucherung umschlagen. Am Ende bin ich sowieso dafür, dass mehr Menschen klassische, gute Literatur lesen.

In den meisten Fällen haben wir eine fast instinktive Furcht davor, ein Buch von Dostojewski, Dumas, Mann oder Dante in die Hand zu nehmen. Zu massiv, schwierig, kompliziert und abgehoben wirken sie auf uns – als wären sie für den kleinen Prozentsatz intellektueller Eliten geschrieben, die sich ihren Tag damit um die Ohren schlagen, all die kleinen Wellen der Erzählkunst zu analysieren.

Ich empfinde diese Furcht als irrational. Die Klassiker der Weltliteratur sind ja nicht umsonst zu solchen Klassikern geworden. Vor allem aber sind sie nie für eine kleine Elite geschrieben worden. Berthold Brechts Stücke waren die Box-Office Kassenschlager ihrer Zeit. Wenn Dostojewski ein neues Kapitel seines aktuellen Romans in der Zeitschrift veröffentlicht hat, waren diese oft schon am Abend ausverkauft. Es waren nicht die gebildeten Eliten, die sich dem Genuss der großen Literatur hingegeben haben, sondern ganz normale Menschen.

Von all den Büchern, Romanen wie Sachbüchern, haben nur die wirklich großen und besonderen die Zeit überdauert. Es sind diese Bücher, die unsere Kultur seit vielen Jahrzehnten – in manchen Fällen sogar Jahrhunderten – prägen.

Wenn man zB Dantes Göttliche Komödie liest, besonders den ersten Teil (Inferno), dann wird einem wesentlich mehr über die klassisch-westliche Tradition der Hölle als ewiges Strafgefangenenlager bewusst, als wenn man nur die Aussagen von Jesus in den Evangelien liest. Dabei will ich keine Aussage machen über den Wahrheitsgehalt dieser Tradition.

Nur diese Beobachtung soll hier hingestellt werden: Wer die Gegenwart verstehen will, sagt man, muss in die Geschichte gucken. Ich möchte gerne anfügen: Wer die gegenwärtige Kultur verstehen will, muss entsprechend auf die Elemente gucken, die unsere Kultur geprägt haben.

Wenn ich mit dieser Woche damit beginne, Dostojewskis Die Brüder Karamsov zu betrachten und in einer Art fortlaufenden Kommentar versuche, euch den Einstieg und das Verständnis für dieses Werk zu erleichtern, dann ist die Frage unumgänglich: Wieso gerade Dostojewski? Gibt es nicht andere Werke, die man betrachten kann und sollte?

Zum einen: Ja. Natürlich gibt es hunderte von Werken, die sich lohnen, intensiv betrachtet zu werden. Es ließe sich sogar eine ganze Liste von Werken aufstellen, die unsere Kultur in Westeuropa mehr geprägt haben als die Bücher eines alten, russischen Melancholikers, Spielsüchtigen und Denkers. Wieso also betrachte ich nicht Thomas Manns Die Buddenbrooks? Oder Albert Camus‘ Die Pest? Wieso nicht Goethes Faust? Oder Schillers Die Räuber? Wieso nicht Nietzsches Also sprach Zarathustra oder Franz Kafkas Die Verwandlung?

Alles das wären große Werke gewesen, die alle ihren eigenen Reiz haben, gelesen und betrachtet zu werden, fraglos. Aber neben der offensichtlichen Erkenntnis, dass ich die „wieso nicht woanders beginnen?“-Frage an jedem Punkt stellen kann, an dem ich beginne, gibt es drei besondere Gründe für mich, bei Dostojewski zu starten.

 

Lernen, mit den großen Fragen zu ringen – innerhalb großer Kunst!

Der wichtigste Grund für mich, mit Dostojewski zu starten, ist: Er war ein Denker, ohne dass dabei seine Philosophie seine Kunst überlagert hätte. Für ihn stand die Geschichte immer an erster Stelle. Die Aussage dahinter, die ich versuchen werde, auszuarbeiten, ergab sich aus der Geschichte. Das ist eine wichtige Weichenstellung.

Geir Kjetsaa, einer der wichtigsten Dostojewski-Forscher des letzten Jahrhunderts, hat diese Weichenstellung auf den Punkt gebracht:

 

„Der Autor [Dostojewski] konnte mit Petraschewskis Kritik nichts anfangen, dass er sich weigerte, seine Literatur zu Propagandazwecken für soziale Umwälzungen zu verwenden. Dostojewski antwortete auf diese Vorwürfe, dass die Kunst ein Selbstzweck ist [nicht nur ein Mittel zu einem höheren Zweck]. Dostojewski war der Überzeugung, dass der Druck, seine Kunst in den Dienst für eine politische Sache zu nehmen, dazu führte, dass die Freiheit und künstlerische Qualität des Autors litt.“ [i]

 

Ich werde am kommenden Sonntag ein wenig über die Biographie Dostojewskis schreiben, und auch wer Petraschweski war. Für diesen meinen Punkt ist erstmal von Bedeutung: Dostojewski wollte in erster Linie große Kunst schaffen. Seine ideologischen und philosophischen, selbst seine politischen Interessen spielten im Schreiben für ihn nur die zweite Rolle.

Was nicht bedeutet, dass er nicht auch viel für unser Ringen mit den großen Fragen der Existenz und auch unserer Gesellschaft zu sagen hat. Dostojewskis Philosophie war zum einen aus seiner weitgefächerten Lektüre geboren.[ii] Gleichzeitig war er aber auch ein aufmerksamer Beobachter des Lebens. Seine Gedanken waren nicht so sehr abstrakt, als eine Analyse dessen, was er als Leben wahrgenommen hat.

Wenn er also das Ziel verfolgt hat, in seiner Kunst das Leben darzustellen, dann spielten dabei auch die wichtigen, existenziellen Fragen für ihn eine Rolle, die sich der Mensch grundsätzlich stellen muss: Was ist richtig, was ist falsch? Gibt es einen Sinn des Lebens? Gibt es einen Sinn hinter dem Leid? Existiert ein Gott? Wenn ja, können wir das wissen? Wenn ja, wie sollen wir dann leben? Wenn nein, können wir sicher sein? Und wie sollen wir dann leben?

Es hat einen Wert, sich diesen Fragen zu stellen. Der amerikanische Theologe und Ethiker Matthew Lee Anderson hat in einem Onlineessay die Lesemüdigkeit in der Gesellschaft mit der mangelnden Fähigkeit verbunden, vernünftige Debatten und Diskussionen zu führen. Darin zieht er auch eine spannende Parallele zwischen dem Schwierigkeitsgrad eines Werkes und dem Aneignen von Weisheit. Das Leben, schreibt er, ist meistens nicht auf den ersten Blick verstehbar. Die kulturellen und gesellschaftlichen Verflechtungen sind es schon gar nicht. Die Lektüre von Büchern, die sich uns erst beim zweiten oder dritten Lesen erschließen, sagt Anderson, helfen uns dabei, dem Leben und dem Alltag mit der Weisheit zu begegnen, die es braucht, um damit klar zu kommen.

Innerhalb dieses praktischen Vorteils, den man aus dem Lesen von Dostojewski ziehen kann, gibt er uns gleichzeitig einen einfachen Einstieg: Durch die Veröffentlichungsweise als Fortsetzungsroman haben die Kapitel oft kurze Spannungsbögen. Das Tempo ist – auch wenn in der Erzählweise die Zeit sehr stark getreckt wird – immer hoch. Die Kunst ist verhältnismäßig einfach zugänglich, und trotzdem nicht seicht.

 

Verstehen, wie andere Menschen denken – mit dem nötigen Abstand!

In den Gedanken von Anderson fällt auch der zweite Vorteil, der mich hat Dostojewski auswählen lassen, und nicht einen anderen großen Schreiberling. Dostojewski gilt nicht zu Unrecht als der Psychologe unter den Weltliteraten. Sein primäres Studienobjekt war immer die Seele des Menschen – ihre Natur, Funktionsweise, ihre Angriffspunkte und Stärken. Dostojewski wollte den Menschen in seinem innersten Wesen verstehen, und konnte deswegen keinen Halt vor der Dunkelheit der menschlichen Existenz machen.

Während ich diese Reihe über Dostojewski vorbereitet habe, ist mir die interessante Gedankenlinie wieder eingefallen, die die US-amerikanische Rechtshistorikerin Lynn Hunt in ihrem Buch Inventing Human Rights zwischen der Entwicklung des Romans als Literaturform und dem Beginn der Menschenrechtsbewegung gezogen hat. Hunt sieht im Roman die erste Form, in der Empathie über soziale, gesellschaftliche und Geschlechtsunterschiede hinweg gefühlt werden konnte. Am Beispiel von Rousseaus Julie zeigt sie die besondere Rolle auf, die dem Roman dabei zukam.

Hunt schreibt:

 

“Die Fähigkeit, sich mit Menschen über soziale Grenzen hinweg zu identifizieren ist auf ganz unterschiedlichen Wegen entwickelt worden, und ich behaupte nicht, dass das Lesen von Romanen der einzige Weg war. Und trotzdem: das Lesen von Romanen scheint auf besondere Weise relevant, weil die Blütezeit des Briefromanes zeitlich mit dem Entwicklung der Menschenrechte zusammenfällt.“[iii]

 

Es überrascht in diesem Zusammenhang auch nicht, dass Dostojewskis erster Roman (und Erfolg) der Briefroman Arme Leute war.

Dostojewskis Romane sind in besonderer Weise dazu geeignet, ihren Lesern Empathie beizubringen. Das hat mit dem Studienobjekt zu tun – der Seele der Menschen – als auch der Situation, in die sie hineingeschrieben sind. Dostojewski, anders als Tostois Romane, die zur gleichen Zeit und in der gleichen Situation entstanden sind, immer von einer besonderen Tragik. Die dargestellten Menschen sind immer in Situationen der Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit dargestellt, die das Mitleid der Leser sofort wecken.

Gleichzeitig ist Dostojewski nicht voyeuristisch. Er blickt zwar auf das Leid, lässt den Figuren aber ihre Geheimnisse behalten, lässt sie zu eigenen Entitäten werden. Dadurch kann der Leser seine Distanz behalten, muss nicht mit leiden, auch wenn er Mitleid hat.

Hunt macht in ihrem Buch über die Menschenrechte deutlich, dass Empathie das Grundgerüst unserer über-nationalen Ethik geworden ist. Wenn also deutsche Kleinparteien in Anlehnung an die Bundeskanzlerin in der Flüchtlingssituation sagen: „Wir wollen das gar nicht schaffen.“, und dadurch Tausende auf die Straße bringen und Beifall ernten, dann sehne ich mich danach, dass wir Empathie wieder als Wert für unsere Weltanschauung etablieren. Nicht als einzigen Entscheidungspunkt, aber zumindest als deutlichen Wert.

Damit will ich nicht sagen, dass wir Empathie nicht auch anders lernen können. Ich will aber sagen, dass wir Empathie lernen müssen, sollten, dürfen. Und dass Dostojewski dabei ein so guter Ort zu beginnen ist wie jeder andere, vielleicht sogar ein besserer.

 

Erleben, was der Rausch des gelesenen Buches ist – ohne zu viel Aufwand!

Einen letzten Grund gibt es noch, weswegen ich Dostojewski gewählt habe – und das ist gerade seine gefürchtete Länge. Es gibt etwas, das ich den Rausch des gelesenen Buches nennen würde, und das sich einstellt, wenn man die letzte Seite gelesen hat, das Buch zuklappt, und noch einmal Revue passieren lässt, was man an Geschichte und Information in sich aufgenommen hat. Ein Euphoriegefühl ist es, dass man sich dem Ringen gestellt hat, dass man auch in manchen trockenen Phasen nicht aufgegeben hat, und dass man am Ende belohnt wird mit einem Stückchen Weltweisheit. Dostojewski ist da besonders gut, gerade weil er so lang ist.

In dieser Reihe über die Brüder Karamasov werde ich jede Woche einen Abschnitt von etwa 40 Seiten betrachten als eine Art fortlaufender Kommentar. Der soll dazu dienen, euren Blick auf die wesentlichen Teile der Geschichte zu lenken und Hintergrundinformationen für das Verstehen liefern. Dafür habe ich einen Leseplan entwickelt, den ihr als PDF Datei im Anschluss an den Artikel hier downloaden könnt. Ihr werdet sehen, dass ich eine Passage zweimal hinein genommen habe. Das ist kein Fehler, sondern eine bewusste Betonung. Wir werden zu gegebener Zeit darauf eingehen.

Vor allem habe ich darauf geachtet, diese Kommentare nicht zu lang werden zu lassen – die Artikel über Passagen selbst werden nicht mehr als 700 Wörter haben (zum Vergleich, dieser Artikel hat dreimal so viele Wörter).

Ich werde dabei die Übersetzung von Hermann Röhl verwenden, die sich sowohl im Projekt: Gutenberg findet, als auch in der Kindle Version kostenlos erhältlich ist, sowie recht kostengünstig auch als gedruckte Variante zu erstehen ist. Gleichzeitig möchte ich euch die wunderbare Neuübersetzung von Svetlana Geier noch ans Herz legen. Die werde ich aus pragmatischen Gründen nicht zitieren, ist mir aber sehr ans Herz gewachsen.

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Ich hoffe, ihr traut euch, mit mir den alten Russen dieses Jahr (neu) zu lesen. 40 Seiten pro Woche sind schaffbar, der Einstieg niederschwellig, die Artikel sollen nicht lang werden, und dadurch das Verstehen auch nicht in ätherische Fernen gerückt.

Der Gewinn, den man aus Dostojewski ziehen kann, ist nur schwerlich schätzbar. Neben der künstlerischen Finesse ist es wohl am Besten beschrieben mit diesem allumfassenden, schwierig zu greifenden, eine Sehnsucht ausdrückenden Wort: Weisheit.

 

Viel Gnade und Segen euch,

 

MBH

 

P.S. Ich werde in den Endnoten jedes Artikels noch ein paar Angaben machen, die zum weiteren Dostojewski-Studium einladen. Die müssen natürlich nicht gelesen werden, um den Artikel selbst zu verstehen. Sie sind eher zum selbstständigen Weiterstudium gedacht.

 

 



[i] Kjetsaa, Geir, Fyodor Dostoyevsky. A Writer’s Life, London: MacMillan 1988, S. 61.; deutsch durch mich. Das Originalzitat: „The writer did not like Petrashevsky’s criticism of him refusing to employ literature as a propaganda tool in the service of social change. Dostoyevsky replied to these accusations by saying that art was an end in itself and that the tendency to put art in the service of politics constrained the writer’s freedom and weakened his artistic quality.”

 

[ii] Der amerikanische Dostojewskiforscher Robert Belknap schreibt dazu: „Kurz gesagt: Dostojewskis Lektüre ist vergleichbar mit seinem Schreibstil. Tolstoi las immer mit einer Abhandlung im Kopf, die er schreiben wollte, oder zumindest verstehen wollte mit einem guten Überblick über die Dinge, die zum Thema schon gesagt worden sind. Dostojewski las immer mit einer ganzen Bandbreite von Themen in seinem Kopf. Er hatte keine genaue Vorstellung davon, wie er diese ganzen Gedanken benutzten wollte, aber er hatte ein deutliches Gespür dafür, dass diese Themen irgendwie miteinander verbunden waren – auf Wegen, die zu verschlungen waren, als dass sein alaytischer Verstand es hätte verstehen können.“ (Belknap, Robert L., The Genesis of The Brothers Karamazov. The Aesthetics, Ideology, and Psychology of Making a Text, Evanston: Northern University Press 1990, S.19; deutsch durch mich) Original: “In short, Dostoevsky’s reading was like his writing. Tolstoi would read with a treatise in mind that he intended to write or at least work out with a clear sense of what has been said on the subject. Dostoevsky would read with a collection of themes in his mind that he did not know exactly how to use but that he knew were related in ways too intricate for the systematic part of his mind to handle.”

 

[iii] Hunt, Lynn, Inventing Human Rights. A History, London: W.W. Norton 2007, S.40; deutsch durch mich. Original: “The ability to identify across social lines might have been acquired in any number of ways, and I do not pretend that novel reading was the only one. Still, novel reading seems especially pertinent, in part because the heyday of on particular kind of novel – the epistolary novel – coincides chronologically with the birth of human rights.”

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