gelesen & geschätzt (Feb 2016)

Managementratgeber können einen großen Wert haben, wenn man über Gemeindeleitung nachdenkt.

Ed Catmulls Creativity, Inc. hat die gleichen Schwächen, wie jeder dieser Ratgeber,

aber einen großen Vorteil, der mir den Überschlag zur Gemeinde sehr einfach macht.

Wie leitet einer Kreativität?

 

Rezension zu: Catmull, Ed, Creativity, Inc. Overcoming the Unseen Forces that Stand in the Way of True Inspiration, London: Transworld Publishers 2014

 

Manche Menschen sind geborene Leiter. Man sieht zu ihnen auf, folgt ihnen, weil sie keinerlei Zweifel zu haben scheinen, wo es hingehen soll. Ihre Vision für die Zukunft, ihre Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen, und ihre Überzeugung, genau die richtige Person für diese Aufgabe zu sein, schenkt ihnen eine Ausstrahlung, der man nur schwerlich widerstehen kann.

Kommt eine solche natürliche Begabung zur Leiterschaft zusammen mit einer robusten und tiefgehenden Spiritualität, dann redet man wohl von Pastoren, von Gemeindeleitern, oder, nach Schleiermacher, von den Religionsvirtuosen, die aus einem Hauskreis eine Megagemeinde zimmern können.

Manche andere müssen in diese Aufgabe hineinwachsen. Sie mögen die eine oder andere Begabung mitbringen, die andere völlig vernachlässigt haben, und wieder eine andere gar nicht besitzen. Leiterschaft ist für die meisten nicht etwas, das sie einfach tun, sondern dem sie sich verpflichtet fühlen, und das sie deswegen lernen wollen.

Weil nun das Anleiten von Menschen in christlichen Gemeinden zwar eine besonders gewichte Ewigkeitsperspektive hat, nicht aber nach völlig anderen Spielregeln funktioniert als das Anleiten von Menschen in Wirtschaft und Freizeit, ist es schon lange zum Usus geworden, auch als (zukünftiger) Gemeindeleiter nach Hinweisen bei den eigenen Fragen in Managementratgebern aus der Wirtschaft zu suchen.

Wobei ich zugeben muss, dass ich solchen Büchern nicht ohne eine gewisse Spannung entgegentrete. Auf der einen Seite bin ich überzeugt, dass ich in ihnen lernen und reifen kann. Gleichzeitig ist mir die unverhüllte wirtschaftliche Rechnung darin oft zuwider. Wo Leiterschaft mehr dazu dient, die Firma aufrecht zu erhalten, als den Menschen zu helfen, scheint sie mir einen völlig anderen Weg eingeschlagen zu haben, als es eine christliche Gemeinde eigentlich sollte.

 

Pixars Geschichte als eine Geschichte der Kreativität

In diese Spannung hinein spricht Ed Catmulls spannendes Buch Creativity Inc. Catmull ist einer der Mitbegründer der Pixar Animations Studios, die vor einigen Jahren mit Toy Story den ersten voll computeranimierten Film in die Kinos brachten. Abgesehen von dieser technischen Innovation ist Pixar aber vor allem dafür bekannt, großartige Filme zu machen, die immer eine faszinierende Geschichte erzählen. Das erzählerische Niveau dieser Firma, und damit ihr Potenzial an Kreativität und Erfindergeist sind legendär.

Man könnte sagen, dass Catmulls Buch sich nicht von anderen Management-Ratgebern unterscheidet, die von bekannten Leitern großer Firmen geschrieben sind. Meistens sind sie eine irgendwie anregende Mischung zwischen Poppsychologie, aus dem (Management-)Alltag gegriffenen hilfreichen Tipps, Regeln und Anekdoten, sowie schamlose Selbstvermarktung, und meisten zeitlich eng abgestimmt mit der Veröffentlichung einer neuen großen Produktlinie der eigenen Firma.

Doch gleichzeitig habe ich Catmulls Buch auch als anders empfunden. Es ist nicht so, dass diese ganzen Dinge nicht auch vorhanden sind. Catmulls Buch hat allerdings eine besondere Schlagseite. Im Untertitel des Buches (Overcoming the unseen Forces that stand in the way of true Inspiration) wird deutlich, dass Catmull seine Firma als besonderes Aufzuchtbecken für Kreativität verstanden wissen will. In diesem Sinne richten sich die Anekdoten aus der Gründerzeit seiner Firma, alle seine Hinweise, Tipps und Reglementarien auf das Ziel aus, dass eine Firma Ideen produziert, kreativ ist, und Inspiration versprüht.

Wenn man diese besondere Stoßrichtung beachtet, ist das Buch allerdings vom gleichen Schlage wie andere Managementbücher aus dieser Richtung.

Wenn man ein Liebhaber von Pixarfilmen und Animationsfilmen allgemein ist, dann ist es entsprechend eine wunderbare Lektüre. Die Geschichte hinter all den wunderbaren Filmen zu lesen, auch von verschiedenen Entwicklungsstufen, die die Geschichte genommen habe, ist bereichernd und hat bei mir die Liebe zu den Filmen neu entfacht. Gleichzeitig kann man eintauchen in die faktisch wirtschaftliche Welt der Firma Pixar, die nicht nur daran interessiert sein kann, süße und inspirierende Filme zu machen, sondern auch hunderte von Beschäftigten ihre Gehalt zahlen muss und nach Wirtschaftlichkeit strebt. Catmull nennt diesen Teil seiner Arbeit liebevoll „das Monster füttern zu müssen.“

In diesem Sinne hat das Buch für mich auch als eine Art Entzauberung von Pixar gewirkt, mich aus meiner kindlichen Naivität über die Zusammenhänge der Filme und der großen (Film-)Wirtschaft herausgerissen und mir die kalte Wahrheit vor Augen geführt. Das ist sicher nicht unbedingt schlecht. Aber wie die meisten Menschen, die eine bestimmte Erkenntnis erlangt haben, habe ich mir an manchen Filmabenden die sonnige Naivität früherer Tage zurückgewünscht.

 

Kirche, die nach Kreativität strebt

Im Blick auf Gemeindeleitung war das Buch allerdings von besonderer Faszination für mich. Wenn auch die wirtschaftlichen Interessen der Firma deutlich wurden, ist der Hauptfokus durch das Buch hindurch die Kreativität. Die Verbindung dessen, was Catmull als „creative business“ bezeichnet und christlichen Gemeinden scheint mir verhältnismäßig einfach zu schlagen. Kreativität, für Catmull, ist nämlich nicht einfach etwas Neues um des Neuen Willen zu erschaffen und in einer Art Inspirationsstrudel unterzugehen. Es ist der Kreativität freien Raum zu lassen, um das große, gemeinsame Ziel zu erreichen. Catmull schreibt:

 

„While there was much innovation that enabled our work, we had not let the technology overwhelm our real purpose: making a great film.“ (Pos.72)

 

Irgendwas in der Art, wie Catmull den Kampf in seiner Firma beschreibt, die Kreativität immer wieder um das eine Ziel herum zu wickeln, und das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren, hat mich unwillkürlich an die Gemeinde auf dem Weg in die Zukunft denken lassen.

Sowohl im „Wie“ der Verkündigung in der Gemeinde, als auch am „Was“ wird immer herumgeschraubt, und es scheint nie stillzustehen, wie genau die Gemeinde Salz und Licht sein kann, und was genau das eigentlich bedeutet. Und in vielerlei Hinsicht können diese Diskussionen uns den Blick darauf verstellen, was das Ziel ist: Salz und Licht zu sein. Auf dem Berg zu stehen, Licht aufleuchten zu lassen, Gnade zu verkünden, Rettung aufzuzeigen.

Es sollte keine Frage sein, dass wir dafür einen dauerhaften Strom der Kreativität brauchen, um den brennenden Fragen dieser Generation zu begegnen. Doch wenn dieser Druck nach kreativen Ausdrucksformen zum Strudel zu werden, der droht, alles mit sich zu reißen, was immer als Niet- und nagelfest gegolten hat, lohnt es sich, zu fragen:

Dient unsere Kreativität noch dem Ziel?

Oder ist sie zu ihrem eigenen Ziel geworden?

Sind wir kreativ, um das Ziel zu erreichen, den guten Kampf des Glaubens zu kämpfen?

Oder sind wir kreativ, weil es so viel spannender, dynamischer, studeliger wirkt?

Von Catmull, gerade weil er so wenig spirituelles Interesse hat in seinem Buch, lasse ich mir die Frage gerne gefallen.

 

Viel Gnade euch,

 

MBH

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Kommentare: 2
  • #1

    Volker Moschkau (Freitag, 19 Februar 2016 18:01)

    Moin Marcus
    Schön das du Deinen Blog (endlich) wieder weiterführst.
    Spannend und interessant Anteil andir und deinem denken zu nehmen.
    Gilt immer noch: sympatisch anders!

    Shalom, Volker

  • #2

    Marcus-B. Hübner (Freitag, 19 Februar 2016 18:41)

    Na, ich musste mich ja ganz meinem Praktikum in Flense widmen,
    da konnte ich ja nicht viel bloggen ;-)
    Glückwunsch zum Sieg über die Rhein-Neckar Löwen, übrigens :)