Davon die Alten sungen... (16/02/2016)

In der Passionszeit singe ich jeden Morgen ein Lied, das mit die Schrecken des Kreuzes vor Augen malt.

Wieso tue ich das, und wieso nehme ich kein fröhlicheres Lied?

Eine Meditation über meinen Standort am Kreuz, und meinen Hochmut.

 

Jesus, meines Lebens Leben – Ernst Christoph Homburg #1

 

Deine Demut hat gebüßet

meinen Stolz und Übermut,

 

„Ich brauche niemanden, der für mich stirbt.“, habe ich in meinen Gesprächen über das Christentum schon häufig gehört. Am eindrücklichsten bleibt mir aber bis heute ein junger Mann in Erinnerung, den ich vor einigen Jahren auf einem Seminar getroffen habe. Wir saßen dort, bis spät in die Nacht, weil er religiös erzogen worden war, aber mit seinem Auszug von Zuhause alle diese Märchen hinter sich gelassen zu haben meinte.

Und ich ja nicht.

Ich ja eher das Gegenteil.

Der junge Mann fragte mich damals: „Wieso singt ihr Christen eigentlich immer vom Kreuz, und wie schlecht ihr seid? Das wirkt irgendwie so verstümmelnd, so masochistisch auf mich. Ich brauche niemanden, der für mich stirbt.

Was, denke ich, eine wirklich gute Frage ist.

Diesen Monat klingt diese Frage jeden Morgen nach, wenn ich meine Bibel aufschlage, und meine Stille Zeit damit beginne, dieses Lied von Ernst Christoph Homburg zu singen. Er beschreibt dort mit diesen drastischen Worten das Opfer, von dem ich glaube, dass es mir Leben und Ewigkeit, Herrlichkeit und Sinn schenkt.

Aber warum will ich es jeden Morgen beten, in diesem Monat, der die Passionszeit einläutet?

Diese Frage ging mir nicht mehr aus dem Kopf, weil der junge Mann ja wahrscheinlich Recht hat. Der stetige Blick auf den Gekreuzigten lässt meine Seele nie zur Ruhe kommen vor dem Schrecken, der von dieser blutigen Gestalt ausgeht. Ich musste an einem Morgen in der letzten Woche laut auflachen, weil ich darüber nachdenken musste, wie das wäre: jeden Morgen Mel Gibsons Die Passion Christi zu gucken. Keine besonders charmante Vorstellung.

Aber das war auch der gleiche Tag, an dem mir klar wurde, warum ich niemals an den Punkt kommen möchte, an dem ich dieses Lied nicht mehr singen kann. Ich möchte die Schrecken des Kreuzes nicht hinter mir lassen, weil es bedeuten würde, dass ich sie für selbstverständlich nehme.

Es ist ernüchternd, sich jeden Tag bewusst zu werden, dass Gott sterben musste, damit ich leben habe. Durch die tägliche Meditation dessen werde ich jeden Tag zurückgeschnitten in den Auswüchsen meines Stolzes und meines Übermuts: Es bedurfte der Demut Gottes, um mich wieder auf den Boden der Tatsachen zu holen.

Nicht nur haben wir Menschen gar nichts unter Kontrolle, mehr noch haben wir die Tendenz alles an uns zu reißen, alles für unsere Zwecke und unsere Sehnsüchte zu verwenden – die Güter, die uns anvertraut sind, die Anderen, die uns begegnen, das Wissen, das wir in unseren Köpfen speichern.

Es bedurfte der Demut Gottes, mich wieder auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen.

In den Tagen, in denen wir leben, werde ich jeden Morgen daran erinnert, dass es nicht noch jemanden braucht in Europa, der denkt, er habe mehr verdient, mehr geleistet, mehr geschafft und mehr erwirtschaftet als Millionen anderer.

Ich singe dieses Lied jeden Morgen, weil es mich auf den Boden der Tatsachen zurückholt: Ich bin nichts, wenn Jesus mir nicht alles gegeben hätte.

Es bedurfte der Demut Gottes, um mich auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen.

Nun – das möchte ich nicht für selbstverständlich nehmen. Niemals will ich an den Punkt kommen, an dem ich zu mir selbst sage: Jetzt reicht‘s mit diesem Kreuz, jetzt will ich wieder hören, wie wertvoll und besonders und begabt ich bin. Lieber will ich mich bewusst sein, wieviel Wert, Besonderheit und Begabung ich hier erhalte, durch dieses Opfer, durch die folgende Auferstehung.

Denn es scheint mir, als wäre alle andere vergleichbar mit einem Ehepartner, der sagt: Ich will nicht mehr an meine Hochzeit erinnert werden – sondern nur noch wissen, wieso mein Partner es besonders gut getroffen hat mit mir.

Wer Gnade für selbstverständlich hält, ist auf einem gefährlichen Weg, gegenüber allen anderen gnaden-los zu werden.

Dabei bleibt: Es bedurfte der Demut Gottes, um mich auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen.

Immer wieder.

 

Viel Gnade euch,

 

 

MBH

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