Davon die Alten sungen... (12/01/2016)

Während die Evangelische Allianz gestern im Rahmen der Gebetswoche,

über zebrochene Beziehungen geredet hat,

bitte ich Gott diese Woche, gerade in dem Leid zu sein, das ich verursache.

 

Nun lasst uns gehen und treten – Paul Gerhardt #2

 

Laß ferner dich erbitten,

o Vater, und bleib mitten

in unserm Kreuz und Leiden

ein Brunnen unsrer Freuden.

 

In Walter Moers wunderbarem Debüt-Roman Die 13 ½ Leben des Käptn Blaubär erfährt der Leser von einem Augenzeugen, dass im Gehirn eines Riesens ein „See des Vergessens“ existiert, gefüllt mit flüssiger Vergesslichkeit. Darin, so raunt man unter den Gedanken, ist der schlimmste Tod zu finden, dann man stirbt an Vergessenheit.

Der Gedanke hat etwas. Oft scheint es mir so, dass wir schneller vergessen, als wir in der Lage sind, neue Erinnerungen zu gestalten oder zu speichern. Vielleicht spielt deswegen die Wortwurzel für „erinnern“ so eine wichtige Rolle in der Theologie des Alten Testaments. Unsere Beziehung zu Gott ist von einem ständigen Vergessen unsererseits geprägt, und einem ständigen erinnert werden, dass Gott gut ist. Hunderte Mal haben wir das erlebt, und jedes Mal neu fragen wir uns – Mitten drin in der Monsun-Zeit – ob Gott wirklich gut ist.

Wenn ich im Moment jeden Morgen dieses Lied von Paul Gerhardt bete, dann bleibe ich bei dieser Strophe meistens hängen, weil ich darin eine besondere Tiefe sehe. Mitten drin in meinem Leid zu sein bitte ich den Schöpfer des Himmels und der Erde darin; ganz besonders, wenn ich vergessen habe, ob er wirklich gut ist. Nicht nur einen Trost in der Zukunft erbitte ich, sondern gerade hier, gerade heute, gerade mit diesen Wunden die sich für mich untragbar anfühlen.

Gestern, zur Allianz Gebetswoche, habe ich eine kurze Andacht über die Thematik zerbrochener Beziehungen gehört. Besonders dramatisch scheint dieses Thema gewählt, wenn man sich des schwelenden Disputs innerhalb der Evangelikalen Bewegung bewusst ist, der über einschlägige Medienblätter und die sozialen Plattformen ausgefochten wird.

Zerbrochene Beziehungen – Beziehungsleid – ist wohl eines der präsentesten Themenfelder, mit dem viele Menschen in ihrem Alltag zu kämpfen haben. Und das, obwohl es die einzige Form des Leids ist, auf das wir eigentlich direkt Einfluss zu haben scheinen. Während unsere Gesundheit fragil ist und jederzeit zu Bruch gehen kann, und auch unser finanzielles Auskommen nur an einem seidenen Faden hängt, in den meisten Fällen existenziellen Leids immer eine „Glückskomponente“ mitspielt, tragen wir an dem Leid, das wir auf der Beziehungsebene verursachen, meist selbst Schuld.

Hätte ich mich dort anders verhalten…; hätte ich das nicht gesagt…; warum habe ich mich damals nicht weggedreht? Warum werde ich so schnell wütend, jähzornig? Wieso konnte ich mich nicht überwinden, ja zu sagen? Wieso habe ich so schnell zugestimmt?

Nirgendwo hängen Leid und persönliche Schuld so eng zusammen, wie auf dem Feld zerbrochener und zerbrechender Beziehungen.

Wenn ich Gott in diesem Monat jeden Tag darum bitte, mitten in meinem Leid zu sein, dann wünsche ich mir deswegen nicht nur, dass er mich mal umarmt, und dass er mir irgendwie wärme gibt. Dass mein Leid auch „mein Kreuz“ ist, weist auf den Ort hin, an den meine Schuld genagelt wurde (vgl. Kol 2,14).

Ich bitte Gott nicht nur jeden Tag, mich durch das Leid zu tragen, das ich durch andere oder die Umstände erleide. Mindestens genauso bitte ich ihn um die Gnade, die ich besonders nötig habe, weil ich selbst Leid verursache. Das Gott, der Gnädige, der Vergeber, dann mitten drin ist, und heilt was ich zerstöre, das ist mir so wichtig wie das Getragensein, wenn sich die Welt um mich dreht.

 

Viel Gnade,

 

 

MBH

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Kommentare: 2
  • #1

    Simon Poppe (Samstag, 06 Februar 2016 03:31)

    Hallo Marcus,
    aufgrund eines Jetlags nach meiner gestrigen Rückkehr aus Peru, konnte ich nicht schlafen und bin beim Stöbern nach christlichen Büchern und Rezensionen schließlich auf Deine Seite gestoßen. Du bist ein wirklich kluger Schreiberling und dazu noch erstaunlich jung. Auch was Du gerde zum Leid geschrieben hast, dass wir - manchmal unbewußt - anderen zufügen, zeigst Du eine unerwartete Lebensreife. Dennoch frage ich mich: Kann man soviel Einsicht schon in so jungen Jahren erlangen? Oder ist es gar nur angelesene Einsicht? Vielleicht mahnt Dich ja der Rat Salomons in Pred.12:12 "Und überdies, mein Sohn, lass dich warnen: des vielen Büchermachens ist kein Ende, und viel Studieren ist Ermüdung des Leibes". ;-)
    Herzlichst
    Simon Poppe

  • #2

    Marcus-B. Hübner (Samstag, 06 Februar 2016 14:01)

    Lieber Simon,

    es freut mich, dass du manches hier hilfreich findest.
    Das meiste hier ist sicher angelesene Weisheit. Aber der kluge Leser gibt ja nicht nur wieder, sondern verknüpft, denkt weiter und wendet auf sein Leben an. Lesen, wenn ich das mal so sagen darf, ich im besten Fall nicht einfache Wissensaneignung sondern Teilnahme an der Lebenserfahrung anderer Menschen. So lese ich dann ja auch die Bibel: Als Quelle der Wahrheit, als Teilhabe an der Gegenwart Gottes; dabei geht es nicht darum, Fakten über die Erzväter, die Geschichte Israels, die Abfolge des Passionsgeschehens oder die Urgemeinde anzusammeln, sondern auf existenzieller Ebene teilzuhaben an der Offenbarung Gottes darin.
    Und bis jetzt habe ich ja kein Buch veröffentlicht :) Und momentan herrscht ja auch hier auf dem Blog etwas Stille, weil ich im Praktikum gerade nicht viel Zeit habe :)

    Ich habe mir mal deinen Blog in die Blogleiste im Browser getan. Bin gespannt.

    Viel Gnade,

    MBH