Davon die Alten sungen... (05/01/2015)

Ich nehme meine kurzen Meditationen über Kirchenlieder wieder auf,

und betrachte diesen Monat ein Jahresanfangslied von Paul Gerhardt.

Über Zukunft, den Blick zurück, und den Schritt in die Gegenwart Gottes.

Nun lasst uns gehen und treten – Paul Gerhardt #1

 

Nun laßt uns gehen und treten

mit Singen und mit Beten

zum Herrn, der unserm Leben

bis hierher Kraft gegeben.

 

Wenn wir unser Glaubensleben betrachten, dann ist es meistens von Hoffnungen und Erwartungen in der Zukunft geprägt. „Gott hat noch mehr für uns vorbereitet“ ist ein klassisches Mantra und von den „großartigeren Dingen, die in dieser Stadt noch getan werden“ singen wir in einem bekannten Lobpreislied alle paar Wochen von neuem.

Unsere Theologie betrachtet die Zukunft oft als die eigentliche Perspektive, in der wir zu leben haben. Auch Paulus empfiehlt den Gläubigen ja an vielen Stellen (vgl. 2Kor 5; 1Kor 15 u.a.) aus der Sicherheit heraus zu leben, die zwar schon jetzt beschlossen, sich aber erst am Ende der Zeiten zeigen wird. Zukunft und Hoffnung sind zentrale Begriffe für die Theologie des Neuen Testaments. Und am Anfang des Jahres feiern wir deswegen oft die Perspektive, dass Großes auf uns wartet, und dieses neue Jahr unser Jahr werden soll. Unsere Neujahrsvorsätze stehen im Schatten der großen Umwälzungen und Fortschritte, die wir herbeiführen wollen, oder die wir zumindest in diesen kommenden 12 Monaten erwarten.

Der Fortschritt in unserer Perspektive pulsiert im 12 Monats-Abschnitt.

Umso glücklicher bin ich, dass wir es uns auch zur Angewohnheit gemacht haben, die Zeit zwischen den Jahres, wenn wir das Ende näher rücken spüren, auch zur Retrospektive nutzen: wir sehen, was passiert ist, was sich verändert hat, und meditieren diese Veränderungen manchmal mit einem angebrachten Pathos. Im Fernsehen häufen sich die abendfüllenden Shows von Jahresrückblicken und auch die Nachrichtenmagazine führen uns anhand von Meldungen und Bildern noch einmal durch die turbulenten vergangenen Monate. Die Botschaft ist oft: Bis hierher haben wir es geschafft, jetzt schaffen wir es auch noch weiter.

Der Blick in die Vergangenheit soll uns Kraft geben für die unsichere Zukunft.

Paul Gerhardts Lied, das ich in diesem ersten Monat des Jahres jeden Morgen beten möchte, beginnt genau mir dieser Aufforderung: dem Blick zurück, der uns Mut machen soll. Doch den Mut brauchen wir nicht, um uns den schlafenden Riesen in unserer nebligen Zukunft zu stellen, sondern damit „wir mit Zuversicht vor den Thron unseres überaus gnädigen Gottes treten“ können (Heb 4,16; NeÜ).

Der Schritt in Gottes Gegenwart kann zur Ungewissheit werden, wenn man sich seiner eigenen Standhaftigkeit in dieser Gegenwart nicht sicher ist. Für Martin Luther war die Suche nach dieser Sicherheit der Auslöser, der einen Großteil der Christenheit weltweit veränderte – die Reformation. Woher weiß ich, dass Gott mir gnädig sein wird?

Manch einer tritt schüchtern und ängstlich vor den Thron Gottes. Wie die Königin Esther wissen sie von keiner Sicherheit, dass der König sein Zepter neigen und unser Leben verschonen wird (vgl. Esth 4,11). Angst ist dann die eigentliche Triebfeder der Gottesbeziehung – und daraus wächst wenig Freude, wenig Kraft und Stärke.

Paul Gerhardt ruft uns nicht nur dazu auf, mit Singen und freudig in diese Gegenwart zu treten; er erinnert uns auch daran, dass wir im Rückblick erkennen können, wie unserer Zukunft dort aussieht. Gott hat bis jetzt Gnade um Gnade gegeben, ruft er uns zu, sie ist auch heute Morgen, am Anfang des Jahres, frisch und neu. So klingt auch in Strophe vier und fünf des Liedes die Jahreslosung für 2016 an.

Mehr noch ist die Gnade Gottes aber sicher, denn sie ist „ein für alle Mal erworben“. Der Blick zurück geht nicht nur, und nicht in erster Linie, auf die Unwegbarkeiten unseres Lebens, und die Bewahrungen Gottes darin. Der längere, mutigere, ermutigendere Blick geht auf den sterbenden Gottesknecht auf Golgatha.

Als er ruft: „Es ist vollbracht.“ hat er unseren Standpunkt in Gottes Gegenwart sicher gemacht.

 

Viel Gnade euch,

 

MBH

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