gelesen & geschätzt (24/2015)

In Sachen Sex ist die Nachfolge oft besonders schwer.

Jonathan Granz analysiert in seineem Buch zuerst die Ursachen dafür,

und beschreibt dann einen neuen Weg, Sex seine Magie zurückzugeben.

Kultur und Selbstständigkeit

Rezension zu: Grant, Jonathan, Divine Sex. A Compelling Vision for Christian Relationships in a Hypersexualized Age, Grand Rapids: Brazos Press; Taschenbuch 15,99€, 249 Seiten

 

Ganz am Anfang, wenn man die ersten Schritte in der Nachfolge Jesu macht, kann es sich so anfühlen, als sei das Evangelium einfach zu verstehen. Ich – erlösungbedürftig. Jesus – Erlöser. Jetzt – dankbar. Bald – Herrlichkeit. Punkt.

Aber nach einigen Schritten beginnt man dann zu ahnen, dass es so einfach nicht ist. Zum einen ist da mehr am Evangelium dran, und es wirklich zu begreifen bedarf wohl mehr als einer Ewigkeit. Zum anderen ist das Evangelium nicht nur eine Einladung zu Erlösung, sondern auch eine Aufforderung zu einem neuen, veränderten Leben. Jesus kann da ziemlich scharf werden; und ich kenne so manchen, der beim Lesen der Bergpredigt irgendwann abgeschaltet hat.

Feindesliebe klingt so lange gut, bis man sie praktizieren soll.

Wenn es um Sexualität geht, dann ist es wohl besonders schwer für uns, unsere gesellschaftlichen Konventionen zu hinterfragen. Dafür müssen wir gar nicht in die trüben Gewässer von Promiskuität und Pornographie vordringen.

Als ich in Indien war, haben mir die meisten jungen Männer und auch Frauen gesagt, dass sie eine arrangierte Ehe einer Liebesheirat vorziehen würden. „Wieso sollte eine Entscheidung, die ich alleine treffe, besser sein als eine, die ich gemeinsam mit denen Treffe, die mich schon mein ganzes Leben kennen?“ Punkt angekommen. Und dennoch fällt es uns unheimlich schwer, diese Form von Unfreiheit und fehlender Romantik als irgendwie wertvoll zu betrachten.

Unsere Kultur, heißt das, prägt uns von Anfang an anders.

Und das macht es so schwer für uns, in anderen Bahnen zu denken.

Der „christliche“ Westen hat das Problem, dass für uns über Jahrhunderte hinweg Christentum mit Christentümlichkeit gleichgesetzt wurde; dass die ethischen Maßstäbe der Gesellschaft – was die wichtigen Bereiche Arbeit, Familie und Freizeit angeht – als die Maßstäbe des Reiches Gottes gegolten haben. Das ist auch der Grund, wieso so viele konservative Christen sich in den letzten Jahrzehnten daran machen, den Status Quo zu halten, wo sie merken, dass die Christentümlichkeit schwindet.

In anderen Bahnen als unserer Kultur zu denken ist schwer, und bedarf einiger Arbeit.

Jonathan Grants Buch Divine Sex ist ein Vorzeigestück respektvoller Interaktion mit und gleichzeitig glasklarer Kritik an der Gesellschaft, die uns umgibt. Darin ist es für mich zu einem meiner Bücher des Jahres geworden – einfach, weil man ein solches Stück so selten findet in der gegenwärtigen, christlichen Literatur. Deswegen fühlt es sich an wie in Urlaub zwischen dem hektischen Verkehr von Veröffentlichungen, die nach unserer Meinung schreien, ohne nach unseren Herzen zu fragen.

---

Jonathan ist vielleicht besser geeignet, ein solches Buch zu schreiben, als die irgendwer anders. Nachdem er einige Jahre als Broker in London gearbeitet hat, ist er in den vollzeitlichen Gemeindedienst gewechselt, hat erst eine Gemeinde in der britischen Hauptstadt geleitet und ist mittlerweile der leitende Priester der größten anglikanischen Kirchengemeinde in Neuseeland. In beiden Gemeinden, schreibt er in dem Buch, hat er die große Not nach sexueller Aufklärung erlebt, die Christen wie Nicht-Christen gemein ist.

Nicht Holzpenis, keine Kaulquappen.

Nicht die Art von Aufklärung, die ein Kondom über einen Holzpenis ziehen lehrt, oder Kaulquappen im Wettrennen zur Seerose zeigt, alles in uralten Filmen festgehalten.

Auch nicht die Art von Aufklärung, die Sex entmystifiziert und dadurch Unmengen gebrochener Seelen zurücklässt. Je weiter wir in der von Max Weber vorgestellten Entzauberung der Welt in der Moderne voranschreiten, desto schneller erleben wir, wie wenig gut es uns tut. Sex, und die Magie darin, ist eines der ersten Opfer, die unsere Gesellschaft fordert.

Jonathan erzählt folgende Begebenheit nach, die die Feministin Naomi Wolf in einer Diskussion erlebte, nachdem sie einen Vortrag über Sexualität gehalten hat:

„Einer sagte: ‚Die Atmosphäre ist immer irgendwie angespannt und ungemütlich, wenn man anfängt, eine Person regelmäßig zu treffen. Ich habe lieber gleich zu Anfang Sex, damit man es hinter sich hat. Jeder weiß, dass es sowieso passieren wird. Lass uns einfach die Spannung loswerden.‘ Als Wolf anmerkte, dass man damit vielleicht auch einige der Geheimnisse loswird, die mit Sex verbunden sind, sah er sie fragend an. „Geheimnisse? Ich weiß nicht, wovon sie sprechen. Sex ist doch kein Geheimnis.” (S.99; deutsch durch mich)[1]

Wenige Quellen, aber gute!

Als Ganzes ist das Buch in zwei größere Teile aufgespalten. Die ersten 130 Seiten widmen sich fast ausschließlich einer intensiven Kulturanalyse. Dabei beschränkt sich Grant nicht einfach darauf, einen Strohmann der gegenwärtigen Kultur zu malen, um ihn anschließend zu verbrennen. In den Bereichen „Authenticity“, „Modern Liberty“, „Consumerism“, „Happiness Technologies“ und „Atomistic Worldview“ (S.7) findet er bestimmte Paradigmata vorgegeben, die zu einer bestimmten Vorstellung von Sexualität führen. Dafür hat Grant zwar durchaus grundlegende Dokumente der westlichen Kultur wie Freuds „Unbehagen der Kultur“ gewälzt, verlässt sich aber sehr stark auf den Analysen von James K.A. Smith (Professor für Philosophie am Calvin College in den USA) und Charles Taylor (kanadischer Superphilosoph der Neuzeit). Das sind sicher hervorragende Quellen, besonders Taylor schätze ich selbst sehr. Manchmal wundere ich mich aber doch, wieso sich der Autor so stark auf die Analyse anderer verlässt. Es hat diesem Kapitel manchmal einen schalen Beigeschmack gegeben.

Tatsächlich muss man aber anmerken, dass gerade in den gegenwärtigen Kulturveröffentlichungen wie Nachrichtenmagazinen und Blogs zum Thema, Jonathan eine erstaunliche Bandbreite an Wissen auffährt. Wenn er auch manche Grundlagen nicht selber ermittelt haben mag, so findet er die Ergebnisse von Taylor, Smith und manch anderem durchaus in der gegenwärtigen Kultur bestätigt und hat nicht wenige Belege dafür parat.

Auf dem Weg zu einer neuen Narrative

Der zweite Teil, ebenso lang wie der erste, befasst sich dann mit der Frage, wie wir innerhalb dieser Kultur eine Narrative schaffen können, die der Sexualität ihre Magie wiedergeben kann. Die Gemeinde, sagt Grant, ist dafür der geeignetste Ort, weil man dort nicht nur geprägt wirst, sondern in eine neue Gemeinschaft gestellt wird, die dir auch die praktischen Auswirkungen einer neuen Narrative vorleben kann.

 

Jonathans Buch hat mich bewegt und gefesselt. Alleine durch unsere Reaktion auf das Thema Sexualität zeigen wir, wie eng es mit unseren Selbstkonstruktionen in der Gegenwart verbunden ist. Vielfach wird Identität für uns zur Sexualität. „Ich bin noch Jungfrau“ wird dabei ebenso zur beschämenden Selbstoffenbarung degradiert wie es in einem anderen Kontext zum Beweis deiner Ernsthaftigkeit herangezogen werden kann.

Jonathan zeigt in seinem Buch, wieso wir Sexualität einen so hohen Stellenwert geben, führt auf, wieso wir ihn so oft falsch verstehen, und malt dann einen Weg auf, wie wir in eine gesündere, atemberaubendere und staunenerregendere Version von Sexualität vordringen können. Dabei will er nicht einfach die alte Welt wiederbeleben, oder den Menschen zum Homo Academicus degradiert und ihn auf seine Lern- und Denkfähigkeit beschränkt.

Das Bild, das Jonathan in seinem Buch malt, ist größer, und beeindruckender, weil er den ganzen Mensch zu verstehen versucht – in seiner Geschichte, seiner Biologie, seiner Gesellschaft und seiner Religion.

Dabei ist das Buch sicher besonders hilfreich für alle Leiter, die mit jungen Menschen zu tun haben und versuchen, ihnen im Umgang mit ihrem Körper einen Weg vorwärts aufzuzeigen, der sich nicht stillschweigend dem Hedonismus hingibt. Aber gleichzeitig ist das Buch eine Fundgrube für jeden Suchenden, Christen und Nicht-Christen, der sich fragt, ob an diesem Beischlaf nicht vielleicht mehr dran ist als Rein, Raus und die Zigarette danach.

 

Gnade, und Frieden, und alles.

MBH



[1] Originalzitat: „[O]ne said, ‚Things are always a little tense and uncomfortable when you just start seeing someone. I prefer to have sex right away just to get it over with. You know it’s going to happen anyway, and it gets rid of the tension.’ When Wolf queried whether this removes some of the mystery of sex, he looked at her blantly. ‘Mystery? I don’t know what you’re talking about. Sex has no mystery.‘“

Kommentar schreiben

Kommentare: 2
  • #1

    Oliver (Donnerstag, 03 Dezember 2015 16:24)

    Danke für diese Rezension. Ich mag, wie du schreibst!

  • #2

    Marcus-B. Hübner (Donnerstag, 03 Dezember 2015 18:25)

    Heyah,

    vielen Dank! :)
    Ich hab mich gefragt: Kennen wir uns? ;-)
    Ist immer schön, Leute kennenzulernen, die den Blog besuchen ohne dass wir persönlich verbunden sind :)

    Lots of Grace,
    MBH