Actio & Reactio (1/2015)

Thorsten Hebel sagt, dass er lieber zweifelt als antwortet,

dass er Menschen lieber ermutigen will, als sie Sünder zu nennen.

Ich habe mich entschieden, mit Dostojewski zu antworten.

 

Prediger und Zweifler

 

Gedanken zu einem Interview mit Thorsten Hebel

 

Es gibt einen Grund, wieso Dostojewski den Menschen viel mehr als Romancier in Erinnerung geblieben ist, denn als Essayist. Nicht, dass er nicht auch seitenweise Tinte vergossen hat über die großen politischen Fragen seiner Zeit – und nicht, dass er nicht auch leidenschaftlich gerne journalistisch tätig war.

Weder Leidenschaft noch Quantität sind es, die diesem Teil seiner Schaffenskraft weniger Beachtung verdient haben, sondern eine Unterscheidung, die der norwegische Dostojewski-Forscher und –Biograph Geir Kjetsaa so zusammenfasst:

 

„Es ist wahr, dass sowohl seine literarische wie seine journalistische Arbeit sich aus seiner  Ernsthaftigkeit in moralischen Fragen und seinem brennenden Ehrgeiz für Verantwortung speisten. Aber in seinen Artikeln hat Dostojewski viel direkter zu seinen Lesern gesprochen. Er wurde mehr zum Prediger, als dass er Zweifler blieb; und das machte ihn auch  verletzlicher für Gegenargumente.“[1]

 

Es gibt eine Unterscheidung, heißt das, zwischen dem Zweifler und dem Prediger. Während der letztere eine Überzeugung vertritt, ihr Leidenschaft beimischt und dadurch versucht, den Zuhörer mitzunehmen auf die gleiche Reise, auf der er sich wiederfindet, ist der Zweifel bescheiden und leise. Die heilsame Form des Zweifels stellt genau die richtige Frage, und erinnert dich leise an die fehlende Antwort, bis du sie gefunden hast.

Wir können das in den Werken Dostojewskis deutlich sehen. In den fünf großen Romanen seines Lebensendes beschreibt er nicht Glaubensüberzeugungen, sondern Menschen, die solche haben. Es sind vor allem Menschen, mit denen wir uns auf die eine oder andere Weise identifizieren können.

Dostojewskis Romane leben nicht in erster Linie von den originellen Gedanken und philosophischen Erkenntnissen. Sie leben viel mehr von seiner Fähigkeit, die Seele seines Gegenübers zu lesen „wie ein Buch“. Dieses Mit-Leiden mit den Menschen ist es, was er später als den „brennenden Feuerofen des Zweifels“ nannte, durch den sein Glaube geboren werden musste.

Seine Artikel dagegen sind mutig, teilweise anstößig für die Ohren seiner Leser wegen seines gehässigen Chauvinismus‘ und Nationalismus‘. Sie sind nicht dumm, keineswegs. Aber sie sind ebenso wenig leicht zu schlucken. Und oftmals ärgerlich.

Ich musste an diese Unterscheidung in Dostojewskis Werk denken, als ich vor einigen Tagen das Interview mit Thorsten Hebel auf Jesus.de geschickt bekommen habe.

Und weil es mir so häufig geschickt wurde, und manche von euch verunsichert hat, habe ich mich entschieden, eine öffentliche Reaktion zu schreiben. Ich hoffe, dass sie mehr als freundliche Erinnerung fungieren kann, denn als Manifest.

 

(a)              Du kriegst den Jungen aus dem Viertel, ...

 

Der Rapper Sido singt diese Zeile in einem seiner Lieder aus seiner früheren und pessimistischeren Zeit, und sie ist mir seit Jahren im Kopf hängen geblieben. Du kannst ein Kind aus seiner Umgebung reißen, ihm Manieren und Kultur beibringen, aber seine Herkunft bleibt ihm doch eigen.

Ich dachte an dieses Zitat, als ich Thorsten Hebels Gedanken gelesen habe. Es bedarf freilich als ehemalige Lichtgestalt der deutsch-evangelikalen Jugendarbeit einigen Mut, mit seinen Zweifeln und seinen veränderten, vielleicht geschrumpften, vielleicht geweiteten Glaubensvorstellungen an die Öffentlichkeit zu gehen.

Thorsten kleidet sich jetzt in das Gewandt des Zweiflers, will eher Fragen stellen als Antworten geben. Aber was ebenso offensichtlich wird in dem Interview: Er bleibt ein Prediger. Seine Fragen sind ebenso Antworten, wie sie genau das nicht sein wollen.

Er fragt uns, woher der Hochmut komme, zu meinen, wir hätten die Wahrheit? Nicht, dass es darauf nicht sowohl erkenntnistheoretische und psychologische Antworten gäbe – ebenso auf die unterliegende Frage, ob wir wirklich die Wahrheit haben wie auch, woher der Hochmut dabei kommt. Mir scheint es sich hier aber nicht um eine ehrliche, kindliche Frage nach dem „Wieso?“ zu handeln, sondern um eine Antwort, die mit einem Fragezeichen versehen ist. Meint: Ihr seid hochmütig, und das gefällt mir nicht.

Da haben wir Thorsten Hebel, den Prediger. Und es scheint mir nicht, dass er wirklich eine absolute Vorstellung der Wahrheit verlassen hat. Viel mehr kleidet er seine Erkenntnis nun lieber in moderatere, will sagen: relativistischere Töne.

Woher, frage ich mich allerdings, kommt nur der Hochmut dann, anderen Menschen Hochmut vorzuwerfen, wenn man im Grunde weiter dasselbe macht?

Thorsten Hebel beantwortet die metaphysischen Fragen der Existenz immer noch mit Jesus, dem Mann aus Nazareth der in der Mitte unserer Geschichtsschreibung steht, und mit dem bisher noch jeder große Denker irgendwie umgehen musste. Jörg Lauster nennt das den Transzendenzüberschuss, aus dem das Christentum geboren wurde.

Aber ich wundere mich: Wieso eigentlich Jesus? Der Mann, der ziemlich hart urteilen konnte über andere (Mt 23,33)? Der Mann, der einen Feigenbaum verflucht, weil dieser im Winter noch keine Feigen gibt, und das nur weil er Hunger hat (Mk 11,12 par)? Der Mann, der uns auffordert, ihn mehr zu lieben als unsere nächsten Freunde und Verwandte (Mt 10,37), an einer Stelle sogar will, dass wir dieselben hassen (Lk 14,26)?

Wieso nicht Martin Luther King Jr., oder Gandhi? Wieso nicht Muhammad, oder Gautama, oder der Dalai Lama?

Wieso nicht Mutter Theresa oder Desmond Tutu, die vielleicht beeindruckendsten, selbstlosesten Menschen des letzten Jahrhunderts? Oder Papst Franziskus, der sich anschickt, dasselbe für das frühe gegenwärtige Jahrhundert zu werden?

Will fragen: Woher der Hochmut, Jesus über diese ganzen anderen großartigen, beeindruckenden Persönlichkeiten stellen, die uns vorgelebt haben, wie das gute Leben geht?

 

(b)             ...doch das Viertel nicht aus ihm.

 

Ich kann natürlich nur vermuten, wieso. Aber ich schätze, dass Thorsten Hebel seine eigene Wahrheit nicht ganz glauben kann: dass wir nämlich nicht mehr die Erlösungsbedürftigkeit des Menschen zu predigen haben, sondern seinen Wert und seine Stärke.

Psychologisch nennt Hebel die klassische Sündenlehre des Christentums katastrophal, pädagogisch ist sie scheinbar sogar gefährlich.

Mich wundert. Denn gleichzeitig scheint er zu merken: Jesus, der Nazarener, ist die einzige Person der Weltgeschichte, auf den die reinste Form des Attributes „gut“ wirklich zutrifft.

Denn das Verständnis einen rein guten Menschen hat geschichtlich vielleicht ebenso viel Schaden angerichtet, wie die Vorstellung eines rein bösen Menschen. Es ist exakt diese Vorstellung vom rein guten Menschen, gegen die sich Dostojewski gezwungen sieht, in seinen Romanen vorzugehen. Abgetrennt von einer moralischen und freisetzenden Instanz – Gott, wenn ihr wollt – ist Dostojewski davon überzeugt, dass der Mensch zu Tier werden kann; und wird. Dostojewski wurde mit diesen Gedanken zum Propheten, und Lenin sowie später Stalin und Mao zu den grausigen Vollstreckern in der Realität.

Das Christentum hat immer betont, dass der Mensch wertvoll und geliebt ist. Dostojewski hat das nicht verleugnet. Einen Funken der göttlichen Herkunft wollte er in den Menschen erkennen. Und einer seiner engsten Freunde schrieb über ihn, dass sein Mitgefühl gegenüber anderen Menschen keine Grenzen zu kennen schien. Immer fand er Erklärungen für ihre Untaten. Nur verurteilen wollte er sie dafür nicht; auf keinen Fall wollte er seine Mitmenschen verwerfen.[2]

Und gleichzeitig ist Dostojewski als Finsterling in die Weltliteratur eingegangen, weil er sich nicht davor bewahren konnte, genau hinzusehen, und die Schwäche sowie Erlösungsbedürftigkeit des Menschen mit klaren Pinselstrichen zu malen.

Dostojewski konnte ebenso ehrlich wie mitfühlend sein, weil er sich dieser einen Wahrheit bewusst geworden ist, im Gefangenenlager in Sibirien und in seinem eigenen Ringen gegen seine Natur: Die Würde des Menschen wird von außen an ihn herangetragen, und nicht im Inneren des Menschen gefunden.


(c)          Es sei denn, Jesus kleidet ihn neu.

 

In Dostojewskis Werk wird die Glaubensvorstellung des klassischen Christentums deutlich: Hier trifft die Erlösungsbedürftigkeit des Menschen auf die unerschöpfliche und erlösende Gnade eines Gottes, der liebt, obwohl der erste Blick nichts liebenswertes findet; der rettet, auch wenn keine Rettung verdient wurde; der Würde schenkt, wo Würdelosigkeit und Entwürdigung vorherrschen.

Aus einem solchen Verständnis, sagt uns dann des Christentums größer Theologe Paulus von Tarsus, kann nicht nur wahrhaftige Bescheidenheit geboren werden, sondern sie kann einzig und allein den Kern echter Mitmenschlichkeit ausmachen.

 

„Deshalb nehmt euch gegenseitig an, wie auch Christus euch angenommen hat, damit Gott geehrt wird.“ (Röm 15,7; NeÜ)

 

Und hier, wo gleichzeitig die Schwäche des Menschen in sich selbst, und die Stärke des Menschen in der unerschöpflichen Gnade Gottes erkannt wird, haben Zweifel ihren Platz.

Weil, wie Tim Keller sagt, es dann nicht die Größe unseres Glaubens ist, die uns rettet, sondern die Größe dessen, an den wir glauben.

 

Gnade, und Hoffnung, und alles.

 

MBH



[1] Kjetsaa, Geir, Dostoyewsky. A Writers Life, Übers. Hustvedt, Siri & David McDuff, London: MacMillan 1987, S.285; Deutsch und kursiv durch mich. Das Originalzitat: “It is true that both literary artist and journalist were inspired with ethical seriousness and a burning sense of commitment. But in his articles Dostoyevsky spoke more directly to his readers. He became a preacher rather than a doubter, and therefore also more vulnerable to counterarguments.”

 

[2] Vgl. Kjetsaa, Dostiyevsky, S. 115

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Kommentare: 3
  • #1

    Denis (Montag, 30 November 2015 14:30)

    Hey...

    Mir gefällt es wie du diesen Artikel aufziehst.
    Danke für einen schönen Text, der zeigt wie Jesus das gerade biegt, wovor wir Angst haben, es krumm zu nennen.
    Auch der Ton in Bezug auf Thorsten Hebel ist, finde ich, sehr angenehm.
    Danke :)

  • #2

    ali (Mittwoch, 27 Januar 2016 23:50)

    Was hat Dostojewski mit einem vom Glauben abgefallenen Neoevangelikalen T. Hebel zu tun?

  • #3

    MBH (Donnerstag, 28 Januar 2016 14:53)

    Hm, ein paar Streilichtartige Gedanken als Antwort:

    (a) "Neoevangelikal" ist so hilfreich als Label wie jedes andere Wort. Da wir schon seit Jahren im den Begriff Evangelikal diskutieren, und fragen, wo seine Ränder und Grenzen sind - weiß ich nicht, ob das Neo- als Vorsilbe der Charakterisierung eines Gedankengebäudes zuträglich ist.

    (b) Ich bin nicht sicher, ob Herr Hebel selbst sich als "vom Glauben abgefallen" begreifen würde; noch tun das offensichtlich diejenigen Damen und Herren, die mit ihm gesprochen haben und in seinem Buch namentlich erwähnt werden. Da ich weder Herrn Hebel noch viele dieser Personen je getroffen habe, überlasse ich dieses Urteil lieber denen als mir und ihnen. Am liebsten aber Gott und Herrn Hebel selbst.

    (c) Was haben die denn nicht miteinander zutun? Ich dachte, ich hätte den Zusammenhang in meinem Artikel ganz nett dargestellt. :)

    Viel Gnade und Segen,

    MBH