gelesen & Gäste (#2)

Wie gehen wir mit Menschen um, die eine andere Meinung als wir vertreten,

ob in Religion oder Politik?

Die wunderbare Adelina Friesen hat das Buch Jesus outside the Lines gelesen und geschätzt.


Gastrezension


Rezension zu: Sauls, Scott, Jesus outside the Lines. A Way Forward for those who are Tired of Taking Sides, Carol Stream: Tyndale 2015; Taschenbuch 15,20 Euro


Vor einiger Zeit gab es in meinem persönlichen Umfeld ein Ereignis, das mich stark zum Nachdenken gebracht hat. Ein entfernter Bekannter hat sich entschieden politisch aktiv zu werden; aus persönlicher und beruflicher Erfahrung sollte "Bündnis 90/die Grünen" seine Partei werden.

Es folgte ein Aufschrei in meinem recht konservativ geprägten Umfeld. Man spricht zwar nicht öffentlich darüber, aber selbstverständlich wählt man die Union. Die Entscheidung des Bekannten löste politische Diskussionen aus und man fragte sich: Wie um alles in der Welt kann man sich für eine so liberale Weg entscheiden? Einige sprachen schon vom „Abfall“ des guten Mannes. Nach der zu Grunde liegenden Motivation für seine Entscheidung wurde jedoch nie gefragt.

Für mich persönlich führten diese Gespräche schnell zu Frustration und Zorn. Ich warf den Menschen Intoleranz und Ignoranz vor. Dabei war ich selbst wohl mehr als lieblos. Im Grunde reagierte ich auf die gleiche Weise wie sie, nur, dass ich mit meinen Steinen auf die andere Seite der Menge warf.

In dieser Zeit merkte ich auch, wie ich mich zu einem Menschen veränderte, den ich selbst nicht leiden konnte.  Gleichzeitig fiel mir das Buch Jesus outside the Lines von Scott Sauls in die Hände. Es war, als würde der Autor meine Gedanken direkt aufs Papier bringen.

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In der Einleitung zitiert Scott Tim Keller:


„Bei Toleranz geht es nicht darum keine Überzeugungen zu haben. Es geht darum, wie deine Überzeugungen dich mit anderen Menschen, mit denen du nicht übereinstimmst, umgehen lassen.“ (S.9)[1]


Damit sprach er genau die Dinge an, mit denen ich im Moment am meisten zu kämpfen hatte. Ich wollte keine Steine werfen, wusste mir aber selber nicht anders zu helfen. Ich kam mir vor, als hätte mich jemand an die Hand genommen, um mir eine Alternative zu zeigen.

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Sauls beschreibt, dass wenn wir uns Jesus nähern, wenn wir uns aus den eigenen festlegenden Grenzen und unserer eigenen Tradition heraus bewegen, einen guten Weg finden können mit Differenzen aller Art gut umzugehen.

Jesus, sagt er, stehe auf keiner Seite; er stehe für sich selbst und sagt: „Liebe deinen Nächsten!“ (Matt 5,43). Das sei allerdings auch die gefährlichste Position eines Christen. Denn damit befinde er sich in einer Grauzone, in der Schwarz und Weiß nicht mehr existieren.

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Damit wäre die Kernaussage des Buches bereits zusammengefasst: Liebe deinen Nächsten, unabhängig deines Umfelds und deiner Herkunft.

Es ist allerdings mehr die Art und Weise seines Schreibens, die mich berührt hat. Scott motiviert den Leser, Jesus in seinem gegenüber zu finden, unabhängig von theologischen Positionen. Das Schönste für Jesus auf der Erde, sagt Scott, sei der Mensch, ein Abbild Gottes auf Erden. Er schreibt in einer demütigen Haltung darüber wie er von Theologen, unabhängig derer Konfessionen, Charakterzüge lernen könne. Unterstreichend zitiert er Augustinus, der dazu sagt: „In den nicht lebensnotwendigen Dingen, Freiheit." (S. 12)[2]

Für mich war es sehr einleuchtend und notwendig die Korrektur anzunehmen, denn ich habe Menschen lange über ihre Motivation oder einfach auch ihre Meinung definiert, klassisches Schubladendenken eben. Dadurch habe ich leider verlernt, den Menschen als jemand zu sehen, der - wie ich - von Jesus geliebt wird.

Scott zeigt an den strittigen Themen wie Abtreibung, Umgang mit Geld, Gemeindezugehörigkeit und Parteiangehörigkeit, dass Jesus in keine Schublade zu stecken ist. Glaube ist auf allen Seiten der Diskussion möglich. Deswegen sollen auch wir die Menschen, die bei solchen Themen eine andere Position als wir beziehen, nicht ohne weiteres verurteilen.

Gleichzeitig greift Scott Themen auf, die zum Streitpunkt zwischen Christ und säkularer Welt werden können. Dazu zählen Sexualität außerhalb der Ehe, Kritik, Heuchelei, und weitere. Gandhi sagt über das Leben der Christen: “Ich mag euren Christus, aber nicht eure Christen. (S. 115)[3] Und das leider oft zu recht. Wir als Christen vergessen leider zu oft, dass Jesus uns vergeben hat, was voraussetzt das wir fehlerhaft sind. Wir gehen nicht mit Gnade und Liebe an Diskussionen sondern mit Arroganz und Hochmut. Wie viel mehr würde es uns bringen wenn wir 1Pet 3,16 beim Wort nehmen würden und unsere Dispute freundlich und mit Respekt dem anderen gegenüber führen würden?   Als Zitat führt er eine bekannte Anekdote an, die auf G.K. Chesterton zurückgeführt wird. Dieser soll von der London Times gefragt worden sein, was das eigentliche Problem der Welt heutzutage sei? Seine Antwort war einfach: „Nun mein Herr, das bin ich.“ (S.93)[4]

So sehr der Autor sich bei den polarisierenden Themen auch um Sensibilität bemüht und einen Mittelweg sucht, so sehr muss er aber auch bekennen: als Christ kommt man unweigerlich in Situationen, in denen es unvermeidbar ist, klare Position zu beziehen. Jesu Aussage in Joh 14,6 – „Ich bin der Weg! […] Ich bin die Wahrheit und das Leben! Zum Vater kommt man ausschließlich durch mich.“ (NeÜ) – ist wohl das beste Beispiel, ein Absolutheitsanspruch, wenn es jemals einen gab. Und einen Mittelweg an der Stelle schließt der Autor dabei aus.

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Insgesamt liest sich das Buch sehr leicht. Wenn man mit dem etwas theologischen Englisch vertraut ist, sollte es wenige Verständnisprobleme geben. Es sind auch keine Vorkenntnisse in Bezug auf Politik und Personen notwendig, da Scott die Dinge sehr einfach erklärt und darlegt. Die Kapitel sind relativ kurz und mit knapp 200 Seiten ist auch das ganze Buch überschaubar.



[1] Tim Keller Zitat im Orignal: „Tolerance isn’t about not having beliefs. It’s about how your beliefs lead you to treat people who disagree with you.”

[2] Original: „In nonessentials, liberty.“

[3] Original: “I like your Christ, I do not like your christians.”

[4] Original: „Dear Sir, I am.“


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Kommentare: 4
  • #1

    wróżki (Montag, 28 November 2016 20:23)

    Galilejską

  • #2

    Zobacz (Dienstag, 29 November 2016 14:36)

    Boznański

  • #3

    sex telefon (Dienstag, 29 November 2016 21:21)

    sprężyki

  • #4

    text a psychic (Donnerstag, 29 Dezember 2016 11:41)

    dovetails