gelesen & gäste (#1)

Im ersten Gastbeitrag jemals auf meinem Blog

schreibt mein Freund Lukas eine Rezension zu

Walter Brueggemanns Gedanken zum Nahostkonflikt.


Gast-Rezension


Brueggemann, Walter, Chosen?. Reading the Bible amid the Israeli-Palestinian conflict, Louisville: WJK 2015

 

Vorbemerkung: Für diese Rezension konnte ich einen Kommilitonen gewinnen, der sicher besser als ich geeignet ist, das strittige Minenfeld des Nah-Ost-Konflikts zu betreten. Lukas hat selbst eine Zeit im Nahen Osten gelegt, sowie auch weiterhin enge Verbindungen dorthin. Wenn er über den Konflikt spricht, spricht er deswegen zwar nicht aus eigener Erfahrung, aber zumindest mit einer engen Verbundenheit.

 

“Our longstanding commitment to the security of Israel must be coupled with protection of human rights for Palestinians, not one without the other.” ~ Walter Brueggemann.

 

Der amerikanische Alttestmanentler Walter Brueggemann hat ein Büchlein (ca.80 Seiten) für alle Verunsicherten, Zweifler und Bedenkenträger geschrieben. Ich persönlich passe in alle drei Kategorien. Sympathie für den Staat Israel und Mitleid für die Situation der Palästinenser sind für mich eine innere Zerreißprobe.

Das Büchlein Chosen? Reading the Bible amid the Israeli-Palestinian Conflicterscheint zur richtigen Zeit. Gute Nachrichten aus dem Nahen Osten haben Seltenheitswert. Ein Anknüpfen an den Osloer Friedensprozess ist in weite Ferne gerückt/undenkbar….

Wer nach einer Lösung für den Nah Ost Konflikt in diesem Büchlein sucht, wird leer ausgehen.

 

Was ist das Büchlein nicht?

 

Es ist keine stumpfe Polemik gegen den sogenannten “Unrechtsstaat-Israel”.

Das Büchlein unterstützt aber auch keine romantisch-verzerrte Sicht auf den Staat Israel.

 

Worum geht es Brueggemann?

 

Brueggemann fordert die eigene Hermeneutik (Verstehen und Interpretation von Texten) bei AT-Texte (AT: Altes Testament) zu überdenken. Die Bibel spricht nicht nur „in a single voice”, sondern „[i]t agrues with itself, and we must avoid simplictic, reductionist reading of any ilk.”(S.10)

Brueggemann fragt nach den: “Anderen”. Die “Anderen”, im modernen Staate Israels, sind die Palästinenser. Wie passen die Konzepte eines absolutistischen Zionismus und der Koexistenz zwischen Israelis und Palästinensern zusammen? Wie soll man dem “Anderen” begegnen und wie viel Raum schafft man dem “Anderen?”

 

“Much of society for a long time wanted gays and lesbians to go away. Hindus and India wish Muslims would go away. And surly Israeli Zionists want Palestinians to go away. Conversely many Arabs wish Israel would go away. But they will not. They cannot! And so room must be made. Making room for the other is a huge interruption of any absolutistist claim.” (S.13)

 

Der historische Abstand bei Texten soll beachtet werden, so Brueggemann. Eindimensionales Lesen der Bibel ist ein Nährboden für jegliche Ideologie. Texte sollen/dürfen unterschiedlich wahrgenommen werden.

Die Landfrage bedarf einer differenzierten Betrachtung. Die Landverheißungen an Abraham waren ohne Bedingungen (1Mo 12,1; 15,18-21), spätere Traditionen (5Mo 28, Jos 23,16) knüpfen Israels Aufenthalt im Verheißenen Land an eine Bedingung:  

 

Gehorsam gegenüber der Thora

 

“Thus the land is given, the land is taken, and the land is losable.” (S.32)

 

Die Propheten Jesaja, Jeremiah (Jer 30,18; 31,38-40) Hesekiel (Ez 47,13-48,35) proklamieren die Heimkehr Israels. König Cyrus ist das Sprachrohr Gottes und verheißt die Heimkehr. ( 2Chr 36, 22-23) Die Landverheißung ist die dominierende Tradition des AT, so Brueggemann. Doch bleibt die alternative Leseart zur Landverheißung:

“One compelling alternative to land theology is the recognition that Juadism consists most elementally in interpretation of and obedience to the Torah in its requirements of justice and holiness.” (S.36)

Brueggemann widmet dem Zionismus ein ganzes Kapitel. Eine Wortstudie zum Wort “Zion” und ein kurzer geschichtlicher Abriss zum Zionismus dienen als Überblick. Christlicher und Jüdischer Zionismus wird kurz erklärt. Brueggemann geht es speziell um den modernen christlichen Zionismus - dieser ist für ihn eine Ideologie.

Im Anhang sind ein Frage-Antwort-Teil mit Brueggemann und ein Leitfaden für Diskussionsrunden in Gemeinden zum Thema Israel-Palästina. Zu jeder Diskussionsrunde gibt es ein Eröffnungs- und Abschlussgebet.

 

Was hat mich weitergebracht?

 

Ich denke Brueggemann stellt die richtigen Fragen und hat sinnvolle politische Vorstellungen. Brueggemann ist solidarisch mit Israel – gleichzeitig fordert er die Menschenrechte für Palästinenser. Es ist eine Gradwanderung. Beide Seiten müssen dialogbereit sein.

Wie kann ein gutes nachbarschaftliches Verhältnis in Israel gelingen?

“Gute Zäune machen gute Nachbarn” – gilt nicht für Israel!

Höhere Mauern haben Israel nicht sicherer gemacht. Wut und Gewalt machen nicht halt vor Zäunen – wie die jüngsten Gewaltakte in Israel zeigen. Brueggemann überzeugt mich mit seiner realpolitischen Argumentation. Israel muss sich die Menschenrechte für Palästinenser zu Herzen nehmen.

100% Übereinstimmung. D'accord!!!

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Brueggemann widerspricht der Deutungshoheit des christlichen Zionismus. Die Landfrage darf kein Todschlagargument für politische Willkür sein.

Ich stimme zu....

Es gibt im AT Traditionen, die sich für den „Anderen“ öffnen.

 

„Judaism also had and continues to have another interpretive trajectory that makes welcome room for the other. In the postexilic period, such as an openness is shown in the story of Jonah, wherein God shows mercy toward Nineveh by sending Jonah to this perceived enemy of ancient Israel; in the narrative of Ruth, which explains that David has a Moabite (non-Jewish) mother. “(S.6)

 

Den „Anderen“ im Blick zu haben und trotzdem an den eigenen Verheißungen

Festzuhalten, überzeugen mich in Brueggemann’ s Argumentation.

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Unklar bleibt Brueggemann’ s Haltung zu Kontinuität. Ist der moderne Staat Israel nun eine geschichtliche Weiterführung des biblischen Israels, oder nicht? Die Frage ist natürlich komplex. Brueggemann’ s Antwort lässt viel Raum für Spekulationen: Der historische Abstand zwischen den Texten muss beachtet werden.

Das hilft mir nicht weiter!!

Note Hermeneutik: unbefriedigend.

 

Fazit:

 

Brueggemann ist kein, Ideologie getriebener, Befreiungstheologe. Er ist ernsthaft an den Fragen der Sicherheit Israels und der Würde der Palästinenser interessiert. Brueggemann regt zum Weiterdenken an. Achtung vor dem Anderen statt Ausgrenzung sind sein Credo. Ich konnte mich in vielen Punkten wiederfinden. Das Büchlein ist ein lesenswerter Beitrag zur Nahost Debatte.

Für mich steht deswegen am Ende, was auch am Anfang meiner Rezension steht:

 

“Our longstanding commitment to the security of Israel must be coupled with protection of human rights for Palestinians, not one without the other.”

  سلام  שלום (Frieden)

Lukas

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