gelesen & geschätzt (23/2015)

Terry Virgos Buch sagt nichts neues,

und das auch nicht besonders ansprechend.

Es ist trotzdem ein großes Geschenk!

 

Nichts Neues, nichts Schönes - aber ein großes Geschenk!

 

Rezension zu: Virgo, Terry, The Spirit-Filled Church. Finding Your Place in God’s Purpose, London: Monarch Books 2011, 160 S., Taschenbuch 9,99 €

 

Ich sage gerne, dass es zwei gute Gründe gibt, ein (Sach-)Buch zu schreiben. Zum einen sollte man zu tippen anfangen, wenn man etwas zu sagen hat, das noch niemand vorher gesagt hat. Es kommt immer wieder vor, dass Menschen zu Erkenntnissen kommen, die neu und revolutionär sind. Dabei muss es nicht einmal unbedingt um weltbewegende Erkenntnisse wie Einsteins Relativitätstheorie gehen, oder Gandhis gewaltloser Widerstand. Es mögen auch kleine, winzige Schritte in Richtung Erkenntnis sein. Der ganze akademische Betrieb läuft ja seit Jahrhunderten so, und das ist auch in Ordnung.

Ein anderer guter Grund scheint es mir zu sein, wenn man alte Erkenntnisse auf neue und kreative Weise vermitteln kann. Es gibt mehr als einen herausragenden Denker oder Forscher, der ein miserabler Autor war. Wie gut ist es dann, wenn es Menschen gibt, die die Erkenntnisse solcher Menschen neu und ansprechender, kreativer aufs Papier bringen können? Das ist nur einer der Gründe, wieso ich für die Entwicklung einer #VolxKant Edition bin. Randbemerkung, Ende.

In den letzten Wochen ist mir aber eine weitere Kategorie deutlich geworden, weswegen ein Buch das Licht der Welt erblicken darf. Und das ist, wenn der Autor sich außerhalb des literarischen Kleinstuniversums das Recht erarbeitet hat, etwas zu sagen. Und meine damit nicht, dass jemand den vierten Platz in Heidi Klums Fleischbeschau gemacht hat und deswegen unbedingt eine Autobiographie schreiben muss.

Ich meine damit Leute wie Helmut Schmidt, dessen Bücher ich oft mit Gewinn lese, weil ich großen Respekt vor seinem Lebenswerk als Denker und Leiter habe. Aber ich meine auch Menschen wie Peter Scholl-Latour, dem ich zwar allzu oft nicht zustimmen kann; aber dennoch hat er sich eine Position erarbeitet, in der ich ihn als Kenner des mittleren Ostens wertschätzen kann.

Eine Entsprechung gibt es natürlich auch im christlichen Buchmarkt. Meistens habe ich, beim Betreten eines christlichen Buchladens, das Gefühl, dass ich vollkommen den Kontakt zu diesem Markt verloren habe. Es scheint mir einfach zu viele junge Pastoren zu geben, die noch ein Buch schreiben müssen über ein siegreiches Leben oder Erfolg und dabei weiß-zahnig von den Buchcovern grinsen. Mich ermüdet solche Literatur meistens, wenn ich mir die Mühe mache, auch nur hinein zu blättern.

Aber dann gibt es in der weltweiten Christenheit solche Frauen und Männer, die ich als treue und erstaunliche Nachfolger Christi wahrnehme, und von denen ich lernen möchte – komme, was da wolle. Rowan Williams gehört dazu, der ehemalige Erzbischof der anglikanischen Gemeinschaft. Auch Desmond Tutu, der über Rassismus viel weise Worte zu sagen hat, lese ich immer mit viel Gewinn. Übrigens genauso wie Judith Volf über Geschlechtergerechtigkeit. Im mehr evangelikalen Bereich gehören für mich John Stott und Martyn Lloyd-Jones zu dieser Menge, aber auch reformierte Pastoren wie John Piper oder R.C. Sproul.

Diesen Leuten ist gemein, dass sie mit einem langen Leben gezeigt haben, dass sie etwas zu sagen haben; ihre Theologie hat oft durchs Feuer gehen müssen, und sie haben sich ihren Platz als nüchterne und wegweisende Stimme irgendwie erarbeitet.

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Einer dieser Menschen ist für mich Terry Virgo, der vor einigen Jahren das Newfrontierts Netzwerk ins Leben gerufen hat, eine große, lebendige Gemeinde in Brighton gegründet hat, und bei allem sich seiner vollkommenen Abhängigkeit von Gottes Gnade bewusst geblieben ist.

Terry ist unheimlich faszinierend. Er ist mir deswegen ein großes Vorbild geworden – und durch seine Bücher zu einem wichtigen Einfluss in meinem geistlichen Leben – weil er bei allem augenscheinlichen Erfolg, den er vorweisen kann, sich dieser Abhängigkeit mehr als bewusst ist. Gnade leuchtet groß über seinem Leben, will man sagen.

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Terrys Buch The Spirit-Filled Church habe ich in der letzten Woche zum zweiten Mal gelesen. Man kann nicht sagen, dass es sich um ein besonders ästhetisches Buch handelt. Vom rein handwerklichen Aspekt ist es eher schäbig – das Schriftbild recht klein, das Format unpraktisch, und das Cover scheint mir im Kindergottesdienst mit Fingerfarbe gestaltet. Inhaltlich baut sich das Buch in vielen sehr kurzen Kapiteln auf, die Terrys Erkenntnisse in mehreren Jahrzehnten Gemeindeleitung zusammenfassen. Darin ist nicht viel Neues enthalten – klassisch-charismatische Betonung auf Spontanität und Dynamik trifft die tiefen reformierter Theologie über Gnade und die Souveränität Gottes. Hier und da ist ein Schnipsel missionaler Gemeindebau á la Chris Wright eingeflochten. Nichts schlechtes, aber auch nichts, das nicht schon hundertmal in hundert anderen Büchern gesagt wurde.

Dazu kommt noch, dass in dem längsten Kapitel des Buches – Leadership – einige Dinge stehen, denen ich nun beim besten Willen nicht zustimmen kann. Wenn ich dem zustimmen würde, dann könnte ich wohl meine Berufung zum vollzeitlichen Dienst direkt an den Nagel hängen. Terry schreibt darin zum Beispiel, dass Gemeindeleiter aus der Gemeinde wachsen sollen, und dass neutestamentlich kein Gemeindeleiter von weit weg zu einer Gemeinde geschickt wurde, die er nicht kannte. Das ist nun zum einen falsch – gerade Titus und Timotheus wurden von Paulus in fremde Gemeinden geschickt, um dort Situationen zu klären. Zum anderen scheint es mir allzu utopisch zu sein, das als Maßregel festzusetzen; es verkennt mitunter einfach die Gemeinderealität von heute.

Nun macht mir das alles aber herzlich wenig, und ich bin sehr gestärkt aus der Lektüre herausgegangen – zum zweiten Mal! Und das hat viel mit der Person Terry Virgo zu tun, denke ich. Meistens scheue ich mich davor, jemanden als „Mann Gottes“ oder „Frau Gottes“ zu bezeichnen. Diese Begrifflichkeit wird, meinem Empfinden nach, gerade in charismatischen Kreisen viel zu schnell verwendet. Terry scheint mir aber viele dieser Eigenschaften zu haben, und es fasziniert mich.

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Was kann ich also über dieses Buch sagen? Nicht so sehr, dass ich etwas Neues gelernt habe; oder dass meine Gedanken angespornt wurden. Ich kann auch nicht bekennen, dass ich es besonders poetisch, oder prophetisch, oder künstlerisch fand, was Terry vorgebracht hat. Deswegen bin ich auch nicht sicher, ob ich sagen kann, dass dieses Buch unbedingt geschrieben werden musste. Aber so wie ich schon an vielen Gelegenheiten durch den Dienst Terrys gesegnet worden bin, war es für mich auch beim zweiten lesen dieses Buches, dass ich mich verbunden gefühlt habe mit der großen Geschichte Gottes.


Und dem Untertitel nach ist es genau das, was das Buch erreichen will.

Mission: Erfolgreich.


Gnade, und Liebe, und alles.

MBH

 

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