Der zweite Unterschied: eine idealistische und eine echte Beziehung mit Gott

Wenn der intellektuelle Zugang die Gefahr des Idealismus bietet,

dann tut es der Beziehungszugang auch - und ist vielleicht noch gefährlicher.

Ein paar Gedanken von mir zur idealistischen und echten Beziehung zu einem "wilden Gott".

 

Von der Gefahr einer idealistischen Vorstellung von Beziehung

Vorbemerkung: Dieser Artikel ist Teil einer längeren Reihe über die „Gott-Hypothese“, in der ich mir die Frage stelle, ob und welche Rolle Gott in meinem Denken spielt. Die Teile Eins, Zwei und Drei könnt ihr auch auf diesem Blog lesen.

 

Vor einigen Tagen war ich zum ersten Mal in der Oper. Man hatte mir gesagt, dass das erste Mal entscheidend ist. Entweder man liebt die Oper, oder man hasst sie.

Ich habe sie geliebt. Majestätisch ist es, erhebend, irgendwie formvollendet. Wunderbar würde es vielleicht gut treffen, wenn dieses Wort nicht zu abgenutzt wäre. Denn bar waren sie – offen sichtbar – die Wunder darin, für mich.

Carmen hab ich gesehen; nach Aussage einer Freundin ist es die beste Oper aller Zeiten. Und ich wurde nicht enttäuscht.

Später, als ich mit glühendem Gesicht und leuchtenden Augen wieder zuhause war, hat mein Vermieter mich gefragt, wie es mir gefallen habe. „Großartig! Nur, die Geschichte war nicht so besonders tief.“, habe ich geantwortet. Und er sagte, dass die Geschichte nicht das Entscheidende sei bei der Oper; es ist das Zusammenspiel von Theater und Musik, was die Magie ausmache.

Es mag so sein. Ich kann ja nicht mit viel Erfahrung glänzen, um diese Einschätzung zu bewerten. Aber in der Geschichte ist mir dennoch ein interessanter Aspekt aufgefallen. Don José, der männliche Protagonist der Geschichte, ist darin unsterblich in die schöne Carmen verliebt, die sich aber nicht binden lassen will. Sie mag ihn, aber verliert ihre Liebe für ihn durch verschiedene Umstände.

Im letzten Akt konfrontiert der Elende seine Geliebte und verlangt von ihr, dass sie ihm sage, ob sie ihn nicht doch noch lieben würde. „Nein, ich liebe dich nicht.“, sagt sie ihm so klar wie nur möglich ins Gesicht. Und er antwortet ihr mit einem faszinierenden Satz: „Aber ich liebe dich. Reicht das denn nicht?“ Ja, Carmen – reicht das denn nicht?

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Liebe. Beziehung. Diese magischen Worte, die für uns so viel versprechen, dass wir alles dafür aufgeben würden – immer auf der Suche danach, eine erfüllende Beziehung zu haben. Don José ist am Ende so verzweifelt über seine nicht erwiderten Gefühle, dass er Carmen in einem letzten Akt der Selbstständigkeit umbringt; wenn er sie nicht haben kann, soll niemand sie haben. Ein tragisches Ende für die Oper.

Zusätzlich habe ich vor einigen Tagen einen interessanten Artikel über eine polyamore Beziehung in den USA. Die Autorin beschreibt darin ihre Beziehung zu ihren Ehemann und ihrer Freundin gleichzeitig, die untereinander auch beste Freunde sind. Es ist kompliziert, gibt die Autorin zu. Aber ohne ihre doppelte Partnerschaft würde einfach etwas fehlen, ihre Persönlichkeit beschnitten werden – und so nimmt sie die gesellschaftliche Ächtung und auch den erhöhten Aufwand auf sich, den die Beziehung mit sich bringt.

Offensichtlich handelt es sich bei diesen beiden Beispielen um zwei voneinander weit entfernte Enden davon, wie man Beziehung definieren kann. Es zeigt mir vor allem, dass, gesellschaftlich gesprochen, eine tiefe Unsicherheit darüber besteht, was eigentlich eine Beziehung ist – und was sie zu leisten im Stande ist.

Jonathan Grant nennt das in seinem erstaunlichen Buch Divine Sex eine idealistische Vorstellung von Beziehung, die uns unsere Gesellschaft vormalt. Ich bin geneigt, ihm zuzustimmen. Das mag der Grund sein, wieso so viele meiner Freunde mir davon erzählen, dass nicht das berühmte „verflixte achte Jahr“, sondern die ersten Wochen und Monate der Ehe die schwierigsten sind; weil man es sich anders vorgestellt hat.

Denn die Bilder von Beziehungen, die wir in den Kulturerzeugnissen unserer Gesellschaft zu sehen bekommen, haben oft wenig zu tun mit der chaotischen Realität, die es bedeutet, sein Leben mit einem anderen Menschen zu teilen; mehr noch eigentlich: zu verbinden und etwas Neues miteinander zu schaffen. Viel hat es mit Entbehrung zu tun, mit sich selbst vergessen, einer Neuausrichtung der eigenen Wünsche. Wir aber haben das Bild von Madame Bovary in unserem Kopf, die ausruft: „Ich habe einen Geliebten! Ich habe einen Geliebten!“ und Flaubert kommentiert, dass es ihr vorkam, „als sei sie jetzt erst Weib geworden.“ (Kap 18). Ich werde geliebt, alles andere wird sich schon zeigen. Ich werde geliebt, alles andere ist nur Kommentar.

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Dieser Gedanke von der idealistischen Vorstellung von Beziehung hat allerdings auch entscheidende Auswirkungen darauf, wie wir Gott sehen. Und weil das hier ein geistlicher, kein gesellschaftskritischer Kommentar sein soll, ist das mein eigentlicher Punkt.

Als ich vor einigen Tagen darüber nachgedacht habe, dass Apologetik und Philosophie unser Gottesbild idealistisch werden lassen können, da habe ich einige positive Rückmeldungen von euch bekommen. Vor allem war da der Grundtenor, dass das stimme, aber auch offensichtlich sei – denn wir sollen Gott ja auch nicht mit dem Kopf, sondern mit dem Herzen lieben. „Bei Jesus geht es ja nicht ums verstehen, sondern um eine Beziehung.“, sagte eine Person zu mir.

Schön und gut.

Aber was ist, wenn unsere Vorstellung von Beziehung genauso idealistisch ist? Dann ist das Bild von unserer „Beziehung anstatt Religion“ ebenso wenig realistisch, und die Gefahr darin ist genauso groß wie die, ein allzu intellektuelles Bild von Gott zu haben.

Sie mag sogar noch größer sein; weil wir diese Gefahr ob der großen kulturellen Narrative, in der wir aufgewachsen sind, gar nicht wahrnehmen.

Wenn unsere Vision davon, was eine Beziehung eigentlich ist, von der chaotischen und manchmal schmutzigen Realität des Alltags getrennt ist, dann stehen wir in der gleichen Gefahr, wenn es um unsere Beziehung zu Gott geht. Dann sind scheinbar unerhörte Gebete, sind Phasen des Zweifels und Aufgebens, dann sind Rückschritte in der Heiligung und eine tiefe Hoffnungslosigkeit ein Alarmzeichen und nicht Teil unserer Beziehung zu Gott. Sie sind dann eine Anomalie und ein Fremdkörper, nicht Teil dessen, was wir mit Gott eben sind.

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Die amerikanische Schriftstellerin und Aktivistin Barbara Ehrenreich hat ein faszinierendes Buch geschrieben, dem sie den Titel Living with a Wild God gegeben hat. Den Titel hat sie deswegen gewählt, weil es ein Ereignis in ihrem Leben gibt, dass sie mit ihrer säkularen Weltanschauung nicht vereinbaren kann: als junge Frau hatte sie eine Epiphanie; eine "mystische Erfahrung" nennt sie es. Und wie genau soll sie darauf reagieren, wenn ihre Weltsicht eigentlich keine Kategorie für eine Epiphanie hat?

Etwas an dem Titel spricht mich tief in meiner Seele an; denn es drückt etwas über meine „Beziehung“ zu Gott aus, das sie aus den idealistischen Sphären heraushebt, in der ich sie manchmal denken möchte. Ich lebe mit einem wilden Gott, und ein wilder Gott lebt in einem unsteten Herzen wie meinem. Das ist nicht immer einfach, das macht vieles komplizierter – aber es ist es, das kann ich euch versichern, mit jeder Faser meines Lebens (und Denkens!), wert!

Ein Freund hat mir vor einiger Zeit einen Brief geschrieben, in dem er mir „gebeichtet hat“, dass er nicht mehr glauben kann und dass er sich von den meisten seiner christlichen Freunde verabschiedet hat.

Ich verstehe das gut, habe ich ihm geantwortet. Es gibt Episoden in meinem Leben, da habe ich das Gleiche machen wollen – ich war nur nicht so mutig wie er.

Nur eines wollte ich zu bedenken geben: Wir leben mit einem wilden Gott. Also gib das Glauben nicht gänzlich auf. Sprich nicht in Absoluten von deiner Trennung von Gott. Das für ist das Leben zu unstetig, und unser Gott zu wild.

Wenn wir wirklich und wahrhaftig in einer Beziehung zu ihm stehen, muss es eine echte Beziehung sein, eine realistische; dann muss sie mich aushalten. Und dann muss ich eine weitere und tiefere Vorstellung davon gewinnen, wie unerschöpflich und erschöpfend Liebe manchmal sein kann.

 

Gnade, und Frieden, und alles.

MBH

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