gelesen & geschätzt (22/2015)

Peter Janich versucht, den Spalt zwischen Praxis und Theorie zu schließen,

und erinnert mich, dass ein praxis-loser Glaube unmöglich,

und ein theorieloser Glaube gefährlich ist.


Lass uns mal Wissenschaft machen.


Rezension zu: Janich, Peter, Handwerk und Mundwerk. Über die Herstellung von Wissen, München: C.H. Beck 2015; ISBN: 9783406674907; 350 Seite + 22 Seiten Anhang; Gebunden 29,95€


Vorbemerkung: Für diese Rezension hat mir der C.H. Beck Verlag eine Rezensionskopie zur Verfügung gestellt. Dafür bin ich sehr dankbar!

 

Es ist schon einige Jahre her, dass ich mit ein paar Freunden in einer kleinen Garage der Fachhochschule stand. Und wir staunten nicht schlecht, als wir den Rennwagen sahen, den zu zeigen uns ein gemeinsamer Freund hier her geführt hatte. Besagter Freund war Mitbegründer eines Clubs, der Spenden sammelte, um einen Rennwagen zu bauen, der dann an Meisterschaften der verschiedenen Hochschulen in Deutschland teilnahmen. Bedingung: Der Wagen musste selbst gebaut sein.

Wir drei standen da, ein Geschichts- und Lateinstudent auf Lehramt, ein Sozialwissenschaftsstudent, und ich, Theologiestudent. Mund sperrangelweit offen angesichts der sichtbaren Auswirkungen eines Kreativen, Schaffenden, brachte einer von uns es auf den Punkt: „Hm, ich kann immerhin griechische Verben konjugieren.“

Und wir lachten nervös.

---

Handwerker und die denkerisch Tätigen sind sich sicher nicht immer die besten Freunde gewesen. Zu gerne stilisieren sich die einen als Menschen der Tat, während die anderen sich dem Schönen und dem Absoluten verschrieben wähnen. Beides sind sicher nur schemenhafte Darstellungen des eigenen Tuns, aber immerhin: ein Körnchen Wahrheit mag dran sein, und es stellt sich ja jeder gerne im besten verfügbaren Licht dar.

Der Marburger theoretische Philosoph und Wissenschaftstheoretiker Peter Janich nähert sich mit seinem Buch Handwerk und Mundwerk diesem historischen Streit und versucht ihn teils historisch, mehr aber noch theoretisch zu erschließen.

Oder besser: die Lücke zwischen beiden zu schließen.

Janich denkt nämlich, dass das Handwerk historisch zu Unrecht marginalisiert wurde in den Wissenschaften; zu Unrecht, weil es die Grundlage jeden theoretischen Wissens bildet.

Um das zu argumentieren, fährt Janich zweigleisig. Zum einen betrachtet er in historisch-chronologischer Abfolge die Wissenschaften Geometrie, Physik, Chemie, Biologie und Informationswissenschaften, und zeigt bei allen auf, dass jeweils die "Tätigkeit des Menschen, die Natur zum Zweck seiner Bedürfnisbefriedigung handwerklich-technisch zu verändern" (S.70), was Janichs Definition von Kultur entspricht (als Ergebnis des Handwerks), dem Mundwerk als Grundlage dient.

Auf dem anderen Gleis schafft er auf theoretischer Grundlage sowohl eine „Kleine Philosophie des Handwerks“ (S.56ff) und etwas später auch eine „Kleine Philosophie des Mundwerks“ (S.136ff) und macht sein Buch dadurch zu einem beeindruckenden Hybriden: gleichzeitig historische wie auch philosophische Annäherung an ein Thema, das den Autor schon Zeit seines Schaffens begleitet.

---

Auffällig ist dabei, wenn man sich die Mühe macht, die Endnoten zu Rate zu ziehen, dass der Autor auf einen großen Schweif vorheriger Arbeiten zurückgreifen kann. Alle diese Werke sind hochakademisch; das vorliegende Buch versucht daran anschließend, die Ergebnisse des Autors, der seit 45 Jahren im internationalen Wissenschaftsbetrieb tätig ist und über diese Fragestellungen nachsinnt, einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Das ist ein löbliches Unterfangen, gelingt dem Autor aber nur bedingt.

Es gelingt ihm auf der einen Seite, weil das Buch eine unumgängliche innere Logik hat, die sich dem Leser einer Landkarte gleich beim Lesen entfaltet. Mir ist beim ersten Stöbern im Inhaltsverzeichnis kein Zusammenhang der einzelnen Kapitel deutlich geworden; genauso wenig konnte ich wirklich erschließen, worum es in dem Buch eigentlich gehen soll. Janich gelingt es dann allerdings ausgezeichnet, den Leser schon von der ersten Seite an die Hand zu nehmen und durch die systematischen Gedanken zu führen, die er sich seit Jahren macht. Im Hinblick auf die sich entfaltenden Gedanken lässt er es also nicht zu wünschen übrig, auch den unbedarften Leser anzuleiten, den Gedanken zu folgen.

Denn, ich muss gestehen, Wissenschaftstheorie ist nun wirklich nicht mein Fachgebiet.

Und so, ich muss es mir eingestehen, habe ich mich hin und wieder irgendwie verloren gefühlt im Buch. Oftmals sind die Sätze, die der Autor schreibt, erschreckend dicht und nicht minder lang. Das macht das Lesen über weite Strecken äußerst zäh; zumal ich immer auch das Gefühl hatte, der Autor setzt in den Kapiteln über die Naturwissenschaften mehr als nur die klassische Schulbildung in den einzelnen Fächern voraus. Zugegeben: im Grunde fehlt mir zu diesem Urteil aber eigentlich die Expertise, wenn ich an meine Noten in Physik, Bio, Mathe und Chemie denke. Gleichzeitig macht mich das natürlich zu einem optimalen Leser der Kategorie „unbedarft“.

---

Sehr bedauerlich fand ich allerdings, dass das Buch jede Form von Geisteswissenschaft geflissentlich umschifft. Gerade bei den Sozialwissenschaften, der historischen Forschung oder auch Theologie scheint mir die Frage sehr bedeutsam, ob sie in einer Form von geistiger, ideeller Arbeit gründen, oder in einer Handlung. Mitunter geht der Autor dieser Frage in Bezug auf die Sprachtheorie nach, wenn er seine „kleine Philosophie des Mundwerks“ erstellt. Dem mag man entgegnen, dass es dem Leser freigestellt ist, diese Übertragung selbst vorzunehmen.

Allerdings scheint mir die, fast einseitige, Fokussierung auf die Naturwissenschaften den klassischen Graben zwischen vermeintlich echten und Pseudowissenschaften nur wieder aufzugraben. Platz wäre bei den 350 Seiten durchaus gewesen, um diesen Überschlag auch noch zu machen, zumindest in Form eines Ausblickes.

---

Es stellt sich mir denn doch die Frage, in wie weit sich meine Disziplin, die Theologie, denn in der Handlung gründet. Oder, andersherum, ist es möglich, die Theologie allein als theoretische Wissenschaft zu betreiben? Kann eine Theologie, in kantianischer Manier, nur im Kopf und mit dem Verstand vollzogen werden?

Freilich nicht, wenn man schon den Buchdruck und das damit verbundene Zugänglichmachen der Heiligen Schrift als Handwerk definiert (was es, in der Janich‘schen Definition, durchaus ist).

Spannender noch finde ich aber die Frage, wie ich das nun mache: den praktischen Glauben mit dem theoretischen Wissen verbinden. Als Theologiestudent, der eine tiefe Liebe für das Akademische und Durchdachte hegt, aber seinen Fuß nie aus der Tür der kirchlichen Wirklichkeit nehmen wollte, scheint mir diese Frage am Puls einer gesunden Spiritualität zu liegen.

Janich zeigt in seinem Buch nämlich auch eine Wechselwirkung auf – dass das Handwerk dem Mundwerk vielleicht vorausgehen mag, aber die Reflexion über die Handlung diese auch verbessern mag.

Gerade im Anbetracht der Spannung zwischen theologischem Elfenbeinturm und der Gemeindewirklichkeit scheint mir diese Wechselwirkung unheimlich bedeutend. Denn genauso schädlich wie eine Theologie, die versucht, jeder Realität aus dem Weg zu gehen, ist eine Theologie, die sich niemals die Mühe gemacht hat, seine rationalen Grundlagen und Auswirkungen zu reflektieren. Solche Auswirkungen, die ich selbst gesehen habe, sind oft: blinder Glaube gegenüber dem geistlichen Leiter, seelsorgerlich verletzende und extrem schädliche Ratschläge, naiver Optimismus, was die eigene Zukunft angeht, und vor allem: das Evangelium in Misskredit zu bringen, wenn man es der breiteren Öffentlichkeit gegenüber darstellen will.

---

Janichs Buch ist mir fachfremd. Das macht es erheblich schwerer zugänglich für mich, bietet mir aber auch einen bedeutenden, temporären Perspektivwechsel. Erstklassig argumentiert und teilweise zäh geschrieben erinnert mich das Buch an die praktischen Grundlagen unserer Gedankengebäude, und fordert mich gleichzeitig dazu auf:

Ein Glaube ohne praktische Grundlage ist unmöglich,

eine Praxis ohne theoretische Reflexion ist unverantwortlich.

 

Gnade, und Frieden, und alles.

 

MBH

P.S. Wie schon bei Die Verzauberung der Welt muss ich die handwerkliche Feinheit erkennen, mit der dieses Buch hergestellt ist, und ich wollte es nicht unbemerkt lassen. Es ist, abgesehen vom Inhalt, ein Genuss, dieses Buch in den Händen zu halten – angenehm dicke Seiten, ein klares, richtig proportioniertes Schriftbild, Lesebändchen. Wunderbar!

 

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0