Der Unterschied: Über Gott wissen & Gott kennen

Woher kommt die Gefahr, Gott nur noch als Hypothese zu sehen?

Und wieso ist es überhaupt eine Gefahr?

In diesem ersten Abschnitt gehe ich diesen Fragen nach.

 

Von der „Gotthypothese“ zur „Gottrealität“ Teil #1

 

Als ich vor einiger Zeit im regelmäßigen Kontakt mit einem jungen Mann stand, der mit seiner eigenen Sexualität gerungen hat, habe ich mit ihm Wesley Hills wunderbares Buch Washed and Waiting gelesen. Auch wenn es bei ihm nicht direkt um Homosexualität im Konflikt mit seinem traditionellen Glauben ging, schien es mir eine hilfreiche Lektüre zu sein.

Während wir das Buch also gemeinsam lasen und alle paar Tage miteinander telefonierten, machte er mir schnell deutlich, dass Hills Vision von der Verbindung seiner Sexualität mit seiner Nachfolge auf die schönste Weise herrlich ist.

Herrlich, dieses hebräische Wort das eigentlich „Schwere“ bedeutet. Herrlich, dieses Wort, das C.S. Lewis zu seiner bekanntesten Predigt „Das Gewicht der Herrlichkeit“ inspiriert hat.

Es ist dieses Wort, das er verwendet hat, um Wesleys Vorstellung von Freundschaft und Intimität zu beschreiben, die ohne Sexualität auskommt. Ich fand das sehr passend.

Und während wir das Buch miteinander besprachen und versuchten, aus dem Chaos in unseren Köpfen einen Weg in die Zukunft zu filtern, sagte er mir etwas, das bist jetzt in meinem Kopf nachklingt: „Das klingt so schön, Marcus. Aber ich weiß nicht, wo ich das erleben soll.“

Ich würde lügen, wenn ich dieses Gefühl in meinem Tanz mit Jesus nicht schon oft gehabt hätte: dass Gott irgendwie logisch klingt, dass es alles Sinn macht – aber dass er einen Beweis schuldig bleibt, und dass es im Alltag meistens nicht zu funktionieren scheint.

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Wir nähern uns hier einem großen Themenfeld, das sich mir beim Nachdenken über die „Gott-Hypothese“ geöffnet hat: Wie vermeide ich, dass Gott nur ein Konzept für mich ist?

Ich erinnere mich noch daran, wie viele Leute mir in meiner charismatischen Gemeinde vom Theologiestudium abgeraten haben. Der Grund war immer, dass ich durch das viele Nachdenken und Forschen irgendwie meine „Leidenschaft für Gott und sein Reich“ verlieren könnte. Wieso sollte ich?, habe ich mich damals gefragt. Geht es beim Theologiestudium nicht darum, Gott und seine Geschichte besser kennen zu lernen?

Ich denke, die gemeinte Gefahr ist eine idealistische[1]. Die Idealisten – wie Hegel und Fichte, oder auch Plato – verstanden die Idee als das Absolute, die rein gedankliche Welt als unbeeinflusst von den Fehlern, für die wir Menschen so anfällig sind.

Dieses Konzept hat etwas Anziehendes zu eigen. Zumindest für mich. Wer erst einmal sein Konzept niet- und nagelfest gezimmert hat, der muss sich mit der komplizierten Realität nicht befassen. Was in der Theorie funktioniert, für den ist die Praxis dann nur noch ein Anhängsel. Ein Schelm, wer vermutet, dass ich mich verrechnet haben könnte.

Nun, abseits von der Anziehungskraft des idealistischen Konzepts: in Gemeinschaft ist es weniger hilfreich. Es ist schon fast zum Allgemeinplatz geworden, dass Listen vom Traumpartner nicht besonders hilfreich darin sind, eine standfeste Beziehung aufzubauen. Das ist in romantischen Verbindungen so, und in Freundschaften ebenso.

Mir scheint es, das Wesley Hills Konzept an manchen Punkten daran hinkt – dass es der Realität von schwierigen und verletzenden Zwischenmenschlichkeiten das Ideal einer Freundschaft gegenüber stellt, die wunderbar wäre, hätte sie nicht den Makel des Konjunktivs.

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Wenn es um Gott geht, dann ist dieser idealistische Makel ebenso ungünstig wie in zwischenmenschlichen Beziehungen. Tim Keller macht in einer Predigt auf ein Problem aufmerksam: Solange du nur ein Konzept von Gott hast, und er keine Realität in deinem Leben ist, stehst du über ihm – du formst ihn, und nicht umgekehrt.

In meinen Augen sehe ich zwei Gefahren, wie wir Gott zu einem Konzept in unserem Leben machen, ohne dass wir uns nach ihm als Realität ausstrecken.

a)     Apologetik

In unserer Verteidigung des Glaubens – ob es der Theismus allgemein oder das Christentum speziell ist – ist es eine gängige Methode, den Glauben an Gott als die beste Erklärung darzustellen. Oder, im Fahrwasser von Pascal, als die am wenigsten riskante Option.

Wir haben diese Art der Argumentation wohl auch von Pascal gelernt, wenn wir ihn nie gelesen haben, oder nie von ihm gehört. Es ist eine Art von Spielernatur hinter unserer Herangehensweise an religiöse Überzeugungen. Pascal ist bekannt dafür, die geistliche Wette aufgestellt zu haben. Wer an Gott glaubt, kann alles gewinnen und nichts verlieren. Wer nicht an Gott glaubt, kann nichts gewinnen, aber alles verlieren. Und deswegen ist es klüger, für Pascal, an Gott zu glauben.

Uns selbst gegenüber, und auch anderen, die unseren Glauben anzweifeln, argumentieren wir dann gerne so: Gott ist doch die beste Erklärung für alles, Leben und so weiter.

Selbst der notorische Atheist Iwan Karamasov, in Dostojewski Meisterwerk über die drei Brüder Karamasov leugnet nicht eigentlich Gott als die beste Erklärung, oder sicherste Wette. Er leugnet nicht eigentlich Gott als Prinzip, als Konzept zur Welterklärung. Was er nicht sehen möchte, ist die Auswirkung, die dieser Gott auf uns haben kann. Bei ihm driftet es dann in eine klassische „Leid und die Gerechtigkeit Gottes“-Thematik ab.

Mir scheint es, dass sich hier eine erste Gefahr öffnet, dass Gott für uns mehr eine idealistische Idee ist, als dass er eine Realität für unser Leben ist: Wenn er für uns nur „die beste Erklärung“ oder „die sicherste Wette“ ist. Auf diese Weise ist Gott für uns ein Konzept, das wir besitzen, formen und auch wieder verwerfen können. Es hat wenige Auswirkungen darauf, wie wir unser Leben gestalten, verstehen oder denken. Er ist, in diesem Sinne, eine Erklärung für das, was wir vorfinden; keine Person, die unsere Zukunft gestaltet und Vergangenheit aufräumt.

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Nächste Woche möchte ich mit euch erst darüber nachdenken, in wie weit der „Beziehungszugang“ zur Spiritualität genauso schnell in ein idealistisches Bild von Beziehung und Dynamik abgleiten kann, und danach zwei Schritte beschreiben, die uns vor dieser Gefahr bewahren können.

Bis dahin, soviel Gnade wie geht und nötig,

Marcus-B. Hübner



[1] Ich verwende das Wort „idealistisch“ im klassischen Sinn: Vom Idealismus (als philosophischer Strömung) geprägt. Das Wort hat mittlerweile ja auch die Bedeutung von „kompromisslos optimistisch“ angenommen. Eine solche Haltung hat viel für sich, aber ist an diesem Punkt nicht gemeint.

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