gelesen & geschätzt (21/2015)

Hans-Joachim Löwer begibt sich auf eine Wanderung durch Israel und Palästina.

Herausgekommen ist kein schlechtes Buch,

aber es versagt am selbstgesteckten Ziel.


Subjektiv nur unterm Radar


Rezension zu: Löwer, Hans-Joachim, Heilige Erde, unheiliges Land. Eine Grenzwanderung durch Israel und Palästina, München: Frederking & Thaler 2004

Bevor man sich eine Meinung bildet, sollte man sich einer Diskussion mit möglichst offenem Geist nähern. Ich denke, dass das ein Grundsatz demokratischen, um nicht zu sagen menschlichen Miteinanders ist. Oft habe ich dagegen schon die Erwiderung gehört, man könne doch nicht alles lesen, und man müsse sich doch eine Meinung bilden.

Ich frage mich: Wie aber will man sich eine Meinung bilden, ohne dass man sich vorher mit dem Thema überhaupt befasst hat? Und wer zwingt einen denn, sich eine Meinung zu bilden?

Natürlich ist es so, dass manche Menschen mehr Zeit und Kraft haben, sich mit den großen Themen zu befassen, und entsprechend informierter und gebildeter zu vielen Schwierigkeiten und Konflikten Stellung nehmen können. Das liegt schon daran, dass manche Menschen genau dafür bezahlt werden, andere aber nicht.

Es mag also idealistisch daher kommen, aber ich erwarte dennoch eine grundsätzliche Tiefenschärfe, bevor sich jemand zu einem Thema äußert. Bei öffentlichen Äußerungen natürlich. Aber auch in privaten, stammtischartigen Diskussionen stört es mich, wenn Dinge zu schnell über einen Kamm geschert werden, ohne dass man den haarigen Nuancen Beachtung schenken möchte.

---

Ein solches Thema, in dem die Köpfe schnell hitzig, die Positionen aber nicht informierter werden, ist die Thematik des Nahost-Konflikts. Israel, souveräner Staat? Heiliges Recht des jüdischen Volkes? Kolonialistischer Satelitenstaat der USA? Und ist die Hamas eine Revolutions- oder Terrororganisation? Wieviel Wille zur Gewalt findet sich im palästinensischen Volk? Und wieviel im jüdischen? Welche Rolle spielt die Religion dabei?

Ist der Islam grundsätzlich eher zur Gewalt bereit als das Judentum, oder das Christentum?

Je nachdem, wie man sozialisiert wurde, sind diese Fragen einfach zu beantworten. Sobald man sich aber die Zeugnisse genauer ansieht, wird es haarig. Und damit meine ich vor allem: Komplizierter. Denn Details, Grautöne und verschiedene neue Farben mischen sich in die leicht gestaltete schwarz-weiße Welt, der wir uns gerne, und schnell, hingeben.

Aus diesem Grund fand ich Hans-Joachim Löwers Ansatz in Heilige Erde, Unheiliges Land faszinierend. Darin macht er sich auf eine Wanderung durch Israel, den Gazastreifen, die ganze umkämpfte Region. Zu Fuß beobachtet er und trifft sich immer wieder mit Vertretern der Armee, der jüdisch-orthodoxen und christlich-fundamentalistischen Siedlern, Palästinensern, die Kinder verloren haben, und angehören von Selbtmordattentätern, Es bedarf einer Liebe für das Detail, im diesen Weg zu gehen. Er ist ja auch nicht mit wenigen Gefahren für das eigene Leben verbunden.

Veröffentlicht wurde das Buch schon vor mehr als einem Jahrzehnt im Frederking & Thaler Verlag, der sich auf Bildbände und Reiseberichte spezialisiert hat.

Daraus mag sich auch das größte Problem ergeben, an dem dieses Buch hinkt: Ist es ein Reisebericht, oder eine Darstellung des Nahostkonflikts?

---

Als Reisebericht ist es nämlich ein hervorragendes Buch. Löwer kann schreiben; es ist keine hohe Prosa, aber es ist unterhaltsam, und es ist kurzweilig. Die Fotos, teilweise in schwarz-weiß, viele aber auch in Farbe, zeigen oft, was der Autor beschreibt, und geben dem Leser dadurch neben dem Auge des Autors auch einen eigenen Blick auf die Schönheiten des so umkämpften Landes.

Außerdem ist der Tatsache mit einer ganzen Menge Respekt zu begegnen, dass der Autor sich auch und manchmal geradewegs in umkämpfte und wirklich gefährliche Gegenden wagt, um seinem Anliegen treu zu bleiben, alle Seiten des Konflikts zu hören und diese Gespräche darzustellen.

Dadurch wird der Leser auch in die verstörende Welt ideologischer Hardliner hineingezogen, die sich über das Selbstmordattentat ihrer Tochter freuen (auf palästinensischer Seite), oder einen Amokläufer in einer Moschee als Helden verehren (israelischerseits), oder meinen, Gottes Werk zu vollbringen, wenn sie palästinensischen Bauern ihr Land stehlen (christliche Siedler).

In diesem Sinne ist Löwer keine Schlagseite vorzuwerfen. Er redet wirklich mit allen Seiten, bemüht sich um einigermaßen urteilslose Darstellung der Aussagen.

Nur kommen diese Gespräche, die doch das Rückgrat dieser Darstellung eines Konflikts sein sollten, nur sehr spärlich zu Wort. Viel mehr werden die Beobachtungen und Landschaftsbeschreibungen des Autors in voller Länge widergegeben, um am Schluss noch drei oder vier Sätze des Gespräches widerzugeben.

Und für einen Reisebericht ist das auch durchaus zulässig.

Und wenn das Buch ein solcher sein will, dann hat es jede Existenzberechtigung.

Ich habe allerdings Zweifel, ob das Buch das allein sein will.

Was es irgendwie frustrierend zu lesen macht.

---

Jedem Konflikt, jeder Stellungnahme in einem solchen, und auch jeder vermeintlich objektiven Darstellung haftet ja bekanntlich etwas unüberwindbar Subjektives an. Ein Held, wer sich dessen bewusst ist, und auch keinen Hehl daraus macht. Ein Gauner, wer das verschweigt; oder schlimmer noch: überspielt.

Frustrierend für mich an diesem Buch war die vermeintliche Objektivität, die der Autor seinem Buch mantelhaft überzustülpen versucht. Dabei ist er doch auch nur ein weiterer Westler, der sich ein Land ansieht, und merkt, dass es der Konflikt darin schwieriger zu lösen ist, als man zu Anfang dachte. Besonders kreativ ist das nicht, umso wahrer vielleicht.

Das ist dem Buch vielleicht nicht anzulasten, frustriert aber trotzdem.

Nun gibt es Bücher über den Nahostkonflikt, die unverdeckt subjektiv sind; Lebensberichte von Palästinensern oder Israelis, die nicht „den Konflikt“ darstellen, sondern ihr Leben in dem Konflikt. Oder Bücher von westlichen Beobachtern, die in der Geschichte, Religion, Politik die Ursachen zu sehen versuchen. Solchen Büchern kann ich etwas abgewinnen, weil sie nicht vorgeben, eine Darstellung zu sein, sondern Interpretation des Konflikts – und als solche immer vorurteilsbelastet.

Die Wahrheit – und eventuell eine zarte, vorsichtige Lösung – dieses großen Konflikts, scheint mir, setzt sich wie ein Mosaik aus hunderten, tausenden solcher Subjektivitäten zusammen, die gemeinsam das Bild malen können.

---

Für mich scheint sich hier ein Weg abzubilden, wie ich dem Buch etwas abgewinnen kann; eine Lehre daraus ziehen, wenn ihr so wollte.

Konflikte sind meistens komplizierter, als man sie sich im eigenen Kopf zurecht gelegt hat. Löwers Buch zeigt mir das – nicht, weil er es darzustellen schafft, sondern weil er gerade darin versagt. Es ist ein Phönix-aus-der-Asche-artiges Verhältnis, das ich zu dem Buch entwickelt habe. Deswegen Bilden Amazon-Sterne auch keine Abbildung davon, wie ich dieses Buch bewerte. In meinen Augen hat der Autor darin versagt, was das Buch vorzugeben scheint. Aber gerade weil er versagt, ist es mit wertvoll geworden. Es ist mir eine Lehre aus der Asche gewachsen:

Versuche nicht, etwas darzustellen, das jeder Darstellung spottet.

Interpretiere so fair wie möglich.

Und dann kann man, vielleicht, zum allgemeinen Verständnis beitragen.

Die Wirklichkeit allerdings, wird sich erst dem Geist der Geschichte offenbaren.

 

Gnade, und Frieden, und alles.

MBH

Kommentar schreiben

Kommentare: 0