gelesen & geschätzt (20/2015)

Wie verhält sich die romantische Liebe,

wenn der Staat sie verfolgt? Wer ist stärker?

Simon Sebag Montefiore hat einen Roman darüber geschrieben, den ich gelesen habe.

 

Es ringen für sie: Liebe und Stalinismus

 

Rezension zu: Sebag Montefiore, Simon, One Night in Winter, London: Random House UK 2013

 

“Liebe überwindet alles”, sagt man doch. Und sogar Sido hat schon ins Mikrophon gesäuselt, das man „auf sein Herz hören“ soll. Seit der Romantik mögen wir die künstlerisch ausgestaltete Hochkultur der emotionalen Liebe verloren haben – oder haben es ihr gegenüber zumindest nicht mehr auf Eichendorffs Niveau gebracht – aber sie ist auch weiterhin eines der prägenden Elemente unserer Vorstellung.

Daher suchen wir - oft unser Leben lang - nach dem richtigen Partner, mit dem Gefühl, dass irgendwo unsere Quelle der Freude neben der falschen Person aufwacht. Oder, besser noch, neben gar keiner Person.

Freud hat zwar schon gesagt, dass Glück in der Schöpfung nicht als Dauerzustand angelegt war. Aber Liebe, denken wir, Liebe überwindet sogar die biologische Disposition zur Gezeitenhaftigkeit der romantischen Liebe.

Und nicht erst die europäische Romantik hat die Liebe zum großen Thema der Literatur gemacht. Weit vor der Romantik wird die große Schlacht der antiken Literatur von einer ungünstig geleiteten Liebe angestoßen (Illias); im Mittelalter wird ein begabter Theologe entmannt, weil er sich in seine Schülerin verliebt hatte (Heloise); und in Russland wird ein hochmütiger Mörder durch die Liebe einer Prostituierten geläutert und erlebt, was wirkliche Reue ist (Verbrechen und Bestrafung).

In die große Literatur der Weltgeschichte zu gucken, bedeutet, sich dem Thema der großen Liebe zu nähern, dem Einswerden zweier Menschen, der Selbstvergessenheit in der Gegenwart des anderen, und dem Fahrenlassen aller Prinzipien für diesen einen Moment, wenn sich Lippen und Körper treffen.

Liebe.

Ganz großes Kino.

Simon Sebag Montefiore, ebenso umstrittener wie gefeierter Biograph Josef Stalins und Chronograph russischer Geschichte allgemein, hat einen Roman veröffentlicht, den er in den letzten Jahren des stalinistischen Russlands ansiedelt.

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Die Szenerie ist ungewöhnlich. Wie sah sie denn aus, die Liebe, nicht „in Zeiten der Cholera“, sondern in Zeiten der Willkür und verstörenden Kaltherzigkeit? Wie stellt sie sich dar, die Liebe im Jahrhundert der großen Verbrechen an der Menschlichkeit?

Die Geschichte dreht sich um eine kleine Gruppe von Heranwachsenden, die ihren Puschkin lieben, und sich vielleicht ein wenig zu sehr in die Gefühlswelt der Romantik hineinsenken. Sie alle sind Kinder der höheren Führungsriege von Stalins Regierungsapparat; alle, bis auf Andrei, der überraschend zur Gruppe dazu stoßen kann, obwohl er der Sohn eines „Staatsfeindes“ ist.

Bei einer ihrer Aufführungen von Puschkins Eugene Onegin sterben zwei der Jugendlichen; wie sich herausstellt haben sie einen Selbstmordpakt geschlossen, weil sie Gefahr standen, voneinander getrennt zu werden. In den darauf folgenden Ermittlungen der Staatsgewalt entfaltet sich ein Gewirr von Intrigen, die hinter den Kulissen gesponnen werden, und sich über den nichts-ahnenden Kindern entladen.

Es ist eine einfache Geschichte, die nur sehr weniger Schnörkel oder Nebengleise bedarf. Ich empfinde das als erfrischend; das Buch liest sich entsprechend hürdenlos, und der Leser wird nicht stetig von der Wuchtigkeit der Erzählung abgelenkt. In diesem Aspekt gleicht die Geschichte so gar nicht der klassischen russischen Literatur, in der der unbedarfte Leser oftmals wie der Ochs‘ vorm Berge steht, unsicher welchem Handlungsstrang er eigentlich folgen soll.

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Das Wichtigste an Montefiores Geschichte ist aber nicht die Handlung; es handelt sich ja um ein „novel about the privat lives“ (S.455), wie er selbst schreibt. Und als solcher dringt er tief ein in einen Kampf der Weltanschauungen, der treffender nicht hätte geschildert werden können.

Hier, vor unseren Augen, entfaltet sich ein majestätischer Kampf: in einer Atmosphäre, die von der „Diktatur des Proletariats“ geträumt hat, und deren Wirklichkeit eine völlige, emotionale und intellektuelle Hingegebenheit an die herrschende Ideologie fordert, erkämpft sich das romantische Prinzip der siegreichen Liebe wieder seinen Platz im Herzen der Menschen.

Und das, bei aller Skepsis, ist eine Geschichte, die es Wert ist, erzählt zu werden!

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Makel kann ich an der Geschichte nur zweierlei erkennen. Diese sind durchaus schwerwiegend; ich will aber dennoch vorausschicken, dass ich sie vor allem der Unerfahrenheit des Autors zuschreibe. Der Grundstein einer großer Romancier-Karriere ist, denke ich, durch diese Geschichte gelegt.

Fehlerhaft war für mich zum einen die Figurenkonzeption. Nicht so sehr haben mich die Figuren an sich gestört, als mehr die Fülle von Figuren, die allesamt nicht genügen Platz bekommen konnten, um wirklich zur Geltung zu kommen. Wer ist George eigentlich? Und was unterscheidet ihn denn, charakterlich, von Andrei, dem vermeintlichen Protagonisten?

Die herausstechenden Figuren, Serafima, Herkules Satinov, Dashka Dorov oder auch Stalin selbst, sind schon faszinierend gestaltet. Besonders erstere Beiden zeigen die Fähigkeit des Autors, realistische und gleichzeitig ergreifende Figuren zu erschaffen. Eine verkürzte Dramatis Personae hätte dem Buch also mehr als gut getan. Zumal sogar die zentralen Figuren manchmal etwas hölzern wirken können. Stalin vor allem wirkt, meiner Ansicht nach, zu sehr wie ein Dämon, als das man dieser historischen Gestalt wirklich gerecht werden konnte. Stalins Tochter Svetlana hat widerholt darauf aufmerksam gemacht, dass ihr Vater nie ein Einzeltäter war, sondern hunderte von Menschen hatte, die mit und neben ihm an der Zerstörungsmaschinerie seiner Weltordnung gearbeitet haben.

Der zweite große Makel ist, denke ich, das Ende. Oder besser: das fehlende Ende. Zuerst erschien es mir, dass der Autor es nicht schafft, endlich zum Ende zu kommen. Später schien es mir, als hätte die Geschichte durchaus noch den einen oder anderen Absatz vertragen. Auf diese Art erinnert das Ende des Romans eher an das Chaos der Staatsauflösung, als die DDR im Nimbus der Geschichte als letzte deutsche Diktatur verwandt.

Hier und dort werden manche Geschichten zum Ende geführt, andere bleiben unbeantwortet, und wieder andere werden doch unnützer Weise noch einmal geöffnet. Eine befriedigende Antwort auf Fragen oder Abschlüsse von Handlungssträngen bleibt der Autor weitestgehend dem Leser schuldig.

Das ist extrem ärgerlich bei einem Buch, das vom Anfang bis Ende so erstaunlich ist.

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Das Buch stellt sich eine Frage, so groß wie ein Menschenleben: Was ist stärker – der innere Wunsch nach Anerkennung und Liebe, oder der äußere Druck eines Staates, der jede Individualität verabscheut? Was ist stärker – ich, oder der Druck auf mich?

Und wer kennt sie nicht, diese Frage? Ob es die religiöse Gemeinschaft ist, in der wir aufgewachsen sind, der Freundeskreis in der Schule, der bestimmte Dinge von mir erwartet, die Gesellschaft und meine Konformität zu gewissen Maßstäben von Karriere und Erfolg – an vielen Weggabelungen unseres Lebens stehen wir vor der Frage: Wer ist stärker? Mein Wunsch? Meine Erziehung? Die Gesellschaft?

Und welches Ziel ist lohnenswert, verfolgt zu werden?

Simon Sebag Montefiore hat mit diesem Buch etwas Wunderbares geschaffen; vor allem auch deswegen wunderbar, weil die Antworten, die er gibt, nicht melodramatisch das „Herz“ oder „Gefühl“ zum allwissenden Orakel machen. Das Buch ist voller guter und schlechter Entscheidungen, Notsituationen und Gefühlsausbrüchen, von kalter Berechnung, nüchterner Beobachtung und ekstatischer Hingabe. Voller Leben, würde ich sagen.

Lebendig.

Großes Kino, trotz mancher Makel.

 

Gnade, und Frieden, und alles.

 

MBH

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