gelesen & geschätzt (19/2015)

Larry Eskridge hat ein Buch über die Jesus People Bewegung geschrieben,

dass sich sehr gut lesen lässt,

und uns an Gefahren und Vorteile von erwecklichen Bewegungen erinnert.

 

Aufstieg und Fall einer erwecklichen Bewegung

 

Rezension zu: Eskridge, Larry, God’s Forever Family. The Jesus People Movement in America, Oxford: Oxford University Press 2013

 

Manche Bewegungen schaffen es, sich auch im Laufe der Geschichte den Hauch des dynamischen zu erhalten, einer utopischen Vision gleich bleiben sie uns irgendwie im Gedächtnis hängen, und seufzend wünschen wir uns in manchen Stunden, dass sie doch geblieben wären.

Die Hippie Bewegung der späten 1960er Jahre sind eine solche.

Bis heute umweht Woodstock, San Francisco, Kalifornien der Hauch des Freiheitlichen, der Zwanglosigkeit. Frieden, Freiheit, Liebe, Selbstentfaltung.

Das hat meistens nur wenig mit der Realität zu tun. Es ist der verklärte Blick zurück, der uns zurückwünschen lässt.

Für Christen, Evangelikale speziell, sind es oft die Blicke in die großen Erweckungsbewegungen, die uns sentimental werden lassen. Whitefield und Edwards in Neuengland, D.L. Moody in Chicagoland, Booth in den Elendsvierteln Londons, Oncken in Hamburg und Krummacher in Wuppertal. Ach, das waren die großen Zeiten.

Die Jesus People Bewegung in den USA verbinden diese beiden Pole miteinander – den Protest der Jugendkultur, die frische Frömmigkeit einer Erweckungsbewegung. Ihr Einfluss, durch Musik und Literatur, sollte auch in unseren Breitengraden nicht missachtet werden – selbst wenn man bedenkt, dass es sich nur um eine temporäre Bewegung handelte.

Deswegen ist es besonders verwunderlich, dass bis Larry Eskridge sein Buch God’s Forever Family vor nicht einmal zwei Jahren veröffentlicht hat, keine akademische Auseinandersetzung mit dieser Bewegung stattgefunden hat.

 

„When I mentioned—among several possibilities—a desire to revisit the impact of the Jesus People movement from a critical distance, I was usually met with a look of glazed indifference: “There wasn’t really much there,” commented one historian; “it was just an ephemeral moment—a fad, don’t you think?”“ (S.5)

 

Eskridge ist ein Assistenzprofessor für die Geschichte der Evangelikalen Bewegung in den USA am evangelikalen Wheaton College. Dieses Buch hat in den USA viel Aufsehen erregt und ist von Christianity Today 2014 zum „Book of the Year“ ausgezeichnet worden.

Es ist ein mehr als faszinierendes Buch. Das hängt sowohl mit der Thematik zusammen, wie auch mit der persönlichen Verbindung Eskridges mit der Bewegung. Obwohl es sich um akademische Präzision und Distanz bemüht – und dieses Bemühen gelingt Eskridge über weite Strecken vorbildlich – kann man den Glanz im Schreiben bemerken, der persönlichen Betroffenheit, die ein Buch erst eine solche Leidenschaft geben kann.

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Die Jesus People Bewegung, das lässt sich mit Fug und Recht behaupten, ist eine Entwicklung, die niemand vorhergesehen hat. Zu unterschiedlich schien die Protestkultur der Jugendlichen in den 60er und 70er Jahren zu der traditions-verliebten evangelikalen Landschaft der USA. Und als in San Francisco die ersten Hippies eine Begegnung mit Jesus gehabt zu haben behaupteten, führte man dies vor allem auf den exzessiven LSD-Konsum zurück. Ein Vorwurf, der nicht ganz zu entkräften ist.

Und doch, für viele blieb es eine dauerhafte Veränderung, einer Saulus vor Damaskus ähnlichen Begegnung mit einer transzendenten Wirklichkeit, für die sie offen waren.

Eskridge fokussiert sich in seiner Darstellung der Entwicklung auf der einen Seite um Schlüsselfiguren der Bewegung aus den Anfangsjahren, sowie markante Alleinstellungsmerkmale der Jesus People wie die neue folk-ähnliche Jesus Music, dem kommunen-artigen Lebensstil und der Verbindung von konservativ-evangelikaler Theologie mit Elementen der (Jugend-)Kultur, die es vorher auf diese Weise nie gab.

Dadurch gibt er der Bewegung einen Rahmen, innerhalb der sie zu verstehen und zu denken ist. Besonders wichtig ist dabei der Einfluss, den die Bewegung auf die evangelikale Subkultur als solche hatte, und wie sie sehr bald von Jugendlichen übernommen wurde, die mit der Traditionalität ihrer Gemeinden unzufrieden waren.

Es handelt sich also keineswegs um eine reine „Erweckungsbewegung“, sondern mit der Zeit um eine Befreiungsbewegung jugendlicher Evangelikaler aus einer Spielart ihres Glaubens, den sie als wenig relevant für ihre Lebensrealität empfanden. Die Jesus People waren für sie eher ein Trittbrett, als dass sie sich der Hippiebewegung zugehörig fühlten. Eskridge:

 

"Indeed, the shape of the Jesus People movement changed considerably after the great media fanfare in 1971. What had begun as a genuinely counterculture-based spin on traditional evangelical Christianity among the nation's hippies had evolved into a widespread movement featuring younger, teenage kids, particularly the children of America's conservative evangelical churches." (S.176)

 

In seiner Darstellung der Bewegung scheut sich Eskridge dann auch nicht, die düsteren Seiten aufzuzeigen, die sich im Laufe der Zeit in der Bewegung offenbart haben. Dazu gehört vor allem ein sehr autoritärer Leitungsstil, der oftmals in den Bereich des geistlichen Missbrauchs abrutschte. Viele der Schwierigkeiten waren vor allem einer mangelnde theologische Bildung der Leitungsfiguren geschuldet; das machte sie anfällig für Scharlatanerie und Machtmissbrauch. Programmatisch für diese Charakteristika war der Einfluss der Children of God, die einige Jahre lang mit den orthodoxen Strömungen der Jesus People mit liefen.

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Das Buch offenbart etwas Wunderschönes in den erwecklichen Bewegungen, und gleichzeitig eine erschreckende Gefahr, die damit einhergeht.

Da ist zum einen die fröhliche Hingabe an den neu gefundenen Glauben, der manchen eingeschlafenen Christen heute beschämen sollte. Sowohl die Weitergabe der eigenen Überzeugung wie auch ihre Bedeutung für den Alltag sind erfrischend. In der Beschreibung Eskridges hat es etwas unheimlich Dynamisches, mit der diese jungen Christen beginnen, ihren Glauben zu leben. Dabei nehmen sie die schönen und ermutigenden Erlebnisse ihres alten Lebens mit – warum sollten sie auch nicht – und geben sich von Anfang an der neuen Realität hin, von der sie jetzt überzeugt sind. Dabei scheint es keine Irritierung zu geben durch Blinklichter rechts und links vom Weg.

Es diese Art von Herzensüberzeugung, die uns auch heute noch fasziniert. Wir nennen es Authentizität; und es mag der Grund sein, wieso Justin Bieber der neue Shootingstar unter den Evangelisten ist.

Es straft viele angestrengte Bemühungen lügen, missional zu sein; die Geschichte der Kultur zu erzählen und mit Jesus zu taufen. Die Erweckungsbewegungen aller Zeiten, und die Jesus People im Besonderen, zeigen uns, dass missional sein etwas dynamisch ist; etwas, das sich aus einer Identität ergibt, die gleichzeitig in der Welt ist, und doch seine Wurzeln woanders findet, in einer anderen Welt. Das ist eine Lektion, die besonders solche unter den Evangelikalen lernen können, die schon mit biblischem Unterricht aufgewachsen sind.

Diese Begeisterung und Zielfokussierung ist aber auch eine Gefahr, der man gewahr sein muss. Denn sie kann dazu führen, dass wir eine gesunde Skepsis fahren lassen. Die enge Verbindung von einigen Jesus People Lichtgestalten und den Children of God zeigt das: es war immer wieder die Kompromisslosigkeit von David Bergs Sekte, die die Faszination ausgelöst haben. Aber viele dieser frühen Leiter der Jesus People – David Hoyd, Linda Meissner u.a. – mussten dafür einen hohen Preis bezahlen.

Auch wenn wir schon lange keine große Erweckungsbewegung in Deutschland mehr gesehen habe (entgegen mancher Prophezeiungen), kann man einen ähnlichen Reflex auch im kleinen Rahmen bei „Frischbekehrten“ sehen.

Es ist gefährlich, wenn sie Leidenschaft für eine neu-gefundene Wahrheit unseren Blick verstellt auf die vielen Arten, wie Religion schon missbraucht wurde und gegenwärtig auch wird, um Macht über Menschen zu gewinnen und sie dadurch zu zerstören.

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Weil Spiritualität so eng verbunden ist mit unserer Identität ist sie etwas Wunderbares; vielleicht ist sie die einzige Weise, wie wir wirklich einen festen Standpunkt in dieser Welt finden können. Aber sie ist auch fragil, aus dem gleichen Grund. Sie lässt sich unheimlich einfach in ein Werkzeug verwandeln, das Zerstörung bringt, Unheil und Schauder.

Die Jesus People erinnern uns an beides, und lassen und fröhlich weitergehen, singen, tanzen und Jesus lieben. Aber sie lassen uns auch ein gesundes Misstrauen entwickeln – wirklich heilsam, wirklich wunderbar, ist keine Bewegung, ist nicht das Christentum an sich. Wirklich wunderbar ist nur Jesus.

 

Gnade, und Frieden, und alles.

 

MBH

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Kommentare: 1
  • #1

    Eva Müller (Donnerstag, 08 Oktober 2015 21:42)

    Schade, daß es das Buch nicht auf Deutsch gibt!