Auch wenn es mehr Arbeit ist

Sind ein Bakterium auf dem Mars

und ein Herzschlag auf der Erde das gleiche?

Ein #PolitischerMittwoch über Polemik und diskussionstechnische Abkürzungen.

 

Warum wir nicht dem einfachen Argument nachgeben sollten

 

Eigentlich bin ich ja konservativ. Eigentlich.

Zumindest in den großen ethischen Fragen, die unsere Gesellschaft betreffen, stehe ich meistens auf der konservativen Seite der Debatte.

Auch wenn ich konservativ erzogen wurde – religiös sogar – hoffe ich, dass diese Standpunkte nicht einfach ererbt wurden, sondern sich auch auf einige gute Gedanken gründen können.

Ich hoffe das, weil es allzu verführerisch ist, in den schwierigen und trüben Gewässern moral(philosoph)ischer Meinungsbildungen die Abkürzungen zu nehmen, die uns Polemik und die Sozialen Medien anbieten.

Was kann ein Buch schon aussagen, wenn ich die Debatte auf einen einfachen Satz von 140 Zeichen runter brechen kann?

Je mehr ich mich mit vielen dieser Fragen und ihren Repräsentationen in den sozialen Medien beschäftige, desto deutlicher wird mir aber, dass diese Abkürzungen viel zu schnell nach hinten losgehen können.

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Einer dieser Abkürzungen bin ich in den letzten Tagen wieder einmal massenweise auf Facebook und Twitter begegnet. Im Fahrwasser der Begeisterung um einen möglichen Wasserfund auf dem Mars, wurde dabei die Abtreibungsdebatte auf einen einfachen Syllogismus herunter gebrochen:

 

Wieso gilt ein Bakterium auf dem Mars als Leben,

wenn ein Herzschlag auf der Erde nicht als Leben gilt?

 

So, jetzt ist es raus. Die unlösbare Schwierigkeit liberaler Moralvorstellungen – ins Gesicht gerieben durch ein emotionales Bild; wer sollte da noch widersprechen können?

Aber mich macht diese Art der Argumentation wütend. Vor allem deswegen, weil es jede Form der zivilisierten Debatte untergräbt.

Dieser Satz sagt nämlich viel mehr über die Uninformiertheit seines Autors aus, als dass es bei der Beantwortung der Frage um die moralische Legitimität von Abtreibungen hilft.

Warum?

 

A.      Der Kontext ist ein völlig unterschiedlicher!

Bedenken wir einmal diesen Gedanken, und beantworten die Frage: Wieso?

Nun, offensichtlich, weil ein Bakterium auf dem Mars zu finden etwas vollkommen Ungewöhnliches ist. Einen Herzschlag bei einem Säugling – auch noch vor der Geburt – ist das aber nicht. Zumal nicht in der Gebärmutter einer sexuell aktiven Frau im gebärfähigen Alter. Dort ist er eher zu erwarten. Die Medien nehmen das urzeitliche Wasser (meines Wissens ist kein Bakterium gefunden worden, und auch kein gegenwärtiges Wasser!) deswegen auf, weil es etwas Besonderes ist. In diesem Sinne ist, moral-philosophisch betrachtet, ein Bakterium auf dem Mars eher vergleichbar mit einem Säugling in der Gebärmutter einer Jungfrau. Das wäre nun wirklich eine Nachricht wert.

Achja, ist es ja seit 2000 Jahren.

Zumal in diesem Satz auch zwei völlig unterschiedliche Kategorien durcheinander geworfen werden. Zum einen bezweifelt niemand, dass es sich bei einem Embryo um biologisches Leben handelt. Die Frage ist, in der Abtreibungsdebatte, ob dieses schon genug menschliche Charakteristika aufweist, um ein Recht auf Leben zu haben. Ich sage ja – aber dieser Social-Media-Satz bringt da etwas vollkommen durcheinander.

Oder würde wirklich ein ernst zu nehmender Mensch behaupten wollen, dass es sich bei einem Bakterium auf dem Mars um menschliches Leben handelt?

 

B.      Die Logik führt uns in gefährliches Wasser!

Dieser Satz führt uns aber in noch gefährlichere Wasser. Denn was ist die moralische Regel, die wir daraus ableiten wollen? Wie er da steht, lässt er uns zwei Schlüsse zu:

 

I.                    Bakterien haben – wie ein Embryo – Recht auf Leben.

II.                  Embryos sind – wie Bakterien – nur unbedeutende Einzeller.

 

Denkt darüber nach, meine lieben Lebensschutz-Freunde: Wollt ihr das wirklich? Einen dieser beiden Wege gehen? Die erste Schlussfolgerung würde jede Form von Antibiotika-Behandlung zu einem Unrechtsfall machen. Die zweite Schlussfolgerung spielt Abtreibungsbefürwortern direkt in die Hände.

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Mein Punkt ist folgender:

Diese Form von einfachem Argument ist verführerisch, aber er geht meistens nach hinten los. Es ist vor allem diese Art von Polemik und Kurzschlussargumentation, die die Debatte um die großen, gesellschaftlichen Themen vergiftet haben und es so schwierig macht, in diesen Fragen noch sachliche Diskussionen zu führen. Wir sind es mehr gewohnt, die Position des Anderen als Strohmänner zu verbrennen; das ist wesentlich einfacher, als ein dickes Buch zu wälzen.

Natürlich funktioniert diese Polemik auf beiden Seiten der Debatte.

Dieses aktuelle Beispiel ist eher zufällig auf Seite der Lebensschützer zu finden. Auf der Seite der Befürworter der Wahlfreiheit der Frau finden sich die gleichen einfachen Argumente.

Nur: Helfen tut das nicht.

Es geht eher nach hinten los.

 

Gnade, und Frieden, und alles.

 

MBH

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