Nicht unser Kopf, sondern Gottes Wesen.

Was für ein Zeugnis ist es,

wenn wir unsere Ethik ohne Gott begründen?

Kein Gutes, denke ich.

 

Die „Gott-Hypothese“ und die „Handlungsanweisung“ im Zusammenhang

 

Vorbemerkung: Dies ist der zweite Artikel in einer kurzen Reihe über die „Gott-Hypothese“ und wieso ich davon überzeugt bin, dass sie immer noch Sinn macht. Die einleitenden Gedanken findet ihr hier (Teil 1)

 

Mit Kritik am Kurs der evangelischen Kirche bin ich aufgewachsen. Die Amtskirche war damals nicht wegen ihrer starren Bürokratie der Feind – die man ja zu Recht kritisieren kann – sondern vor allem wegen ihres Duckmäusertums, ihrer als Opportunismus verschrienen Zeitgeistambivalenz.

Und es ist, egal wie man zu den großen gesellschaftlichen Debatten steht, nicht zu übersehen, dass die EKD in ihren Veröffentlichungen nur selten dem gesellschaftlichen Trend entgegenläuft. Das mag daran liegen, dass sie sich „von ihren Wurzeln verabschiedet hat“ (wie mir in meiner Kindheit beigebracht wurde), oder weil eine Volkskirche nun einmal die Gesellschaft widerspiegelt – wie sollte sie da nicht auch ihren Trend abzeichnen?

Es ist dennoch faszinierend für mich, dass in den letzten Jahren die Kritik an der evangelischen Amtskirche nicht mehr nur von konservativer oder freikirchlicher Seite kommt, sondern zunehmend auch von publizistischer.

Als Margot Käsmann vor einigen Monaten ihr neues Buch Mehr als Ja und Amen. Doch, wir können die Welt verändern auf den Markt warf, ließ die ätzende Kritik nicht lange auf sich warten. Auch Navid Kermani guckt bei seiner Suche nach dem Staunenerregenden im Christentum fast ausschließlich im römischen Katholizismus, während seine Worte für den gegenwärtigen Protestantismus erstaunlich negativ ausfallen: "[D]azu braucht man keine Religion."[1]

Ich wundere mich darüber, wirklich.

Sobald nämlich ein Kirchenvertreter kantigere Töne anschlägt als Käsmann, dann ist die Kritik ebenso groß; und der Vorwurf der Subversivität ist schnell bei der Hand. Man kann ja beim besten Willen nicht sagen, dass die amerikanischen Evangelikalen sich leichtfertig dem Trend beugen. Aber das wollten wir dann doch nicht.

Nun – was also? Anpassen? Subversiv sein?

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Ich habe in den letzten Wochen über diese Kuriosität nachgedacht, weil sie für mich in engem Zusammenhang mit der „Gottes-hypothese“ steht. Der Zusammenhang steht darin, dass Ethik – die Vorstellung vom richtigen Verhalten – sich mehr und mehr von der „Gott-hypothese“ getrennt hat, zumindest in unseren Köpfen.

Kermani macht darauf aufmerksam, dass man durch den gesunden Menschenverstand darauf kommen kann, dass man faire Löhne zahlen sollte, oder nett sein soll zu Flüchtlingen. Ich brauche keine Offenbarung, um auf diese Grundsätze zu kommen, sondern maximal ein funktionierendes Mitgefühl. Oder, für die Philosophen unter euch: den kategorischen Imperativ.

Aber dieses Phänomen bezieht sich nicht ausschließlich auf die evangelische Amtskirche. Auch in freikirchlichen und evangelikalen Kreisen liegt der Rückzug auf den sog. „gesunden Menschenverstand“ gleich um die Ecke. Ich denke da an die ganze Debatte um #ScotusMarriage in den USA, und die Einwände von Robert P. George und Ryan T. Anderson die von konservativen Beobachtern so liebend gerne aufgenommen werden. Ich bezweifle nicht, dass beide (und George im Besonderen) brillante Denker sind. Es ist mehr die Grundthese dahinter, die mich wurmt.

Und das ist: die Begründung einer christlichen Ethik ohne Gott.

Wenn wir an das Beispiel von Laplace zurückdenken, könnten wir George die gleiche Frage stellen, wenn es um die Gleichstellung homosexueller Partnerschaften mit der traditionellen Ehe geht; oder um Lebensrecht für Ungeborene; oder sonst eine konservative, ethische Position.

„Wo ist Gott in ihrer Gleichung, Herr George?“ – „Nun, ich habe dieser Hypothese nicht bedurft.“

Und dann ist da etwas dran, das wir auch in den ganz kleinen Gesprächen in unseren Jugendkreisen benutzen. Wenn es um die Frage nach Partnerschaft und Sexualität geht zum Beispiel, greifen wir sofort auf die klischee-haften Argumente zurück, sprechen von Reinheit und psychologischen Folgen.

Das Problem dabei ist, dass unsere Ethik meistens das wichtigste Statement ist, das wir als Christen einer andersdenkenden Welt geben.

Der englische Reformator Thomas Cranmer hat mich in den letzten Tagen auf diesen Sachverhalt gebracht. In seinem Vorwort zur Bibel schreibt er: „Das Leben und gute Vorbild […] ist mit Sicherheit das lebendigste und auch wirksamste Mittel, um [die christliche Religion] zu lehren.“ [2]

Das klingt fast so wie der beliebte Satz „Predige das Evangelium zu jeder Zeit. Wenn es nötig ist, dann verwende Worte.“, den man Franz von Assisi zuschreibt. Oder Billy Graham. Oder sonst einer Lichtgestalt.

Nun, wenn jetzt stimmt, was Cranmer hier schreibt, welches Zeugnis gibt unsere Ethik dann ab, wenn die Gründe, die wir dafür vorbringen, rein philosophisch oder – Gott behüte! – pragmatisch sind? Wieso verwundert es uns, wenn wir am Ende bei der Frage nach der „Gott-hypothese“ nur eine schweigende Antwort bekommen, oder geben können?

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Wenn wir die Frage der Ethik aus einer biblischen Perspektive betrachten, ist eine spannende Dynamik am Werk; und ich denke, dass wir die für uns wiederentdecken sollten. Betrachten wir, wie der wichtigste Regelkanon der Weltgeschichte – die sog. 10 Gebote – anfängt:

„Ich bin Jahwe, dein Gott! Ich habe dich […] befreit.“ (2Mo 20,2; NeÜ)

Oder bedenken wir den Refrain des Sprüchebuches: „Der Anfang aller Weisheit ist Ehrfurcht vor Jahwe. Den Heiligen erkennen, das ist Verstand.“ (Spr 9,10; NeÜ)

Die gleiche Dynamik haben wir in der Bergpredigt, die nicht mit „Ich aber sage euch…“ beginnt, sondern mit einem „Gesegnet!“ (vgl. Mt 5,2ff). Die Seligpreisungen sind der zentrale Schlüssel, um diese „Regeln des Reiches Gottes“ zu verstehen.

Und Paulus scheint da nicht anders zu denken, wenn er das Gebot „Nehmt einander an“ auf die erlebte Tatsache der Annahme durch Christus  begründet (vgl. Röm 15,7)

Mir scheint dahinter eine faszinierende Dynamik zu sehen, die für uns hilfreich sein könnte, die „Gott-hypothese wieder in unsere ethischen Überlegungen einzubeziehen. Und das ist, dass die „Handlungsanweisung“ sich nicht aus einem logischen Argument ergibt, sondern aus einer erlebten Realität des Größten. Das ist: eine wachsende Vision von Gottes Herrlichkeit ist die Grundlage für ein Leben in Heiligkeit. „Seid heilig“, schreibt Moses und wiederholen es Christus und Petrus, „denn Gott selbst ist heilig.“

Es ist mir kein Anliegen, dass Offensichtliche zu wiederholen. Aber ich habe einen Vorschlag:

Bevor wir versuchen, andere von der inhärenten Logik der christlichen Verhaltensnormen zu überzeugen, lasst uns zurück zur Größe Gottes kommen. Lasst uns zu aller erst Bilder in die Luft malen von einem Gott, der niemals nur eine Idee war, nicht nur der platonischen „unbewegte Beweger“, ein Prinzip hinter der Welt, den unser Verstand versucht zu ergreifen.

Gott ist nicht nur Idee.

Gott ist eine handelnde Persönlichkeit, war es immer, wird es immer sein. Und seine Handlungen sind nicht aus einer reinen Logik motiviert, sondern aus seinem Wesen – als Liebe, Gerechtigkeit und Heiligkeit in Reinform.

Es ist absurd, sich zu überlegen, wie Gott vor Urzeiten innehielt und überlegte, ob dieser Rettungsplan eigentlich Sinn macht. „Lasst uns … eine Pro und Kontraliste erstellen: Soll ich die Menschen retten?“

Gott offenbart nicht seine Logik darin, dass Christus für uns starb, als wir noch Sünder waren. Er offenbart in diesem Moment vollkommener Erniedrigung und des endgültigen Sieges über Sünde, Tod und Teufel sein Wesen, seine Liebe (vgl. Röm 5.8)

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Mir scheint hier etwas zu liegen, was wir vergessen haben. Christliches Leben bedeutet, in erster Linie, ein mehr und mehr erkennen, und sich erinnern, und daran erinnert werden, wie groß unser Gott ist.

Und je mehr wir das begreifen, desto mehr sollte – und wird – unser Leben genau diese Wirklichkeit wiederspiegeln.

Gott ist gut – deswegen wollen wir gut sein.

Gott ist heilig – deswegen wollen wir heilig sein.

 

Gnade, und Frieden, und alles.

 

MBH

 

P.S. Das Originalzitat von Cranmer: „[L]iving and good example […] is sure the most lively and most effectuous form and manner of teaching.“



[1] http://www.zeit.de/2015/34/navid-kermani-christentum-kunst-unglaeubiges-staunen

[2] Zitiert nach: Bray, Gerald, Documents of the English Reformation, Cambridge 1994, S242f; deutsch durch mich

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Kommentare: 1
  • #1

    Franz Wolf (Freitag, 16 Dezember 2016 11:40)

    Wie kann man sich nur derart unqualifiziert im Net äußern.
    Wer sagt ,,ich glaube", unterstreicht damit, daß er nichts weiß. Gar nichts.
    F. Wolf

    http://www.sprache-werner.info/Atheistische-Bibelbetrachtungen.32294.html