gelesen & geschätzt (18/2015)

John Goldingay versucht, das Neue Testament,

nur als Paraphrase des Alten zu verstehen.

Was mit einem guten Wunsch anfängt, überzeugt weder konzeptionell, noch theologisch.

Und wie passt Jesus in die Story?


Rezension zu: John Goldingay, Do we need the New Testament?. Letting the Old Testament speak for itself, Downers Grove: IVP Academic 2015


Vorbemerkung: Für diese Rezension hat mir IVP ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Dafür möchte ich herzlich danken.


Dieses ganze Christentumsding, evangelikale Spiritualität, Gebet und Bibellese, das dreht sich doch alles im diesen Jesus, oder?

Ich erinnere mich noch sehr lebhaft daran, wie Mark Driscoll anno dazumal diesen Satz gesagt hat „It’s all about Jesus“, und ein junger, evangelikaler Abiturient und Fahrradkurier aus Osnabrück ein Erlebnis hatte, einer Epiphanie gleich. Natürlich – es geht alles um Jesus.

Und was sich nicht an Jesus messen lassen kann, kann nicht als gesunde Theologie gelten.

Von dem Moment an begann ein neuer Abschnitt in meiner Bibellese, in meinem ganzen Verständnis des Evangeliums und des Christentums als solches. Denn irgendwie kam ich auch in den Kontakt mit anderen reformierten Theologen, jemand brachte mir Tim Keller nahe, und ich merkte, dass ich das Evangelium und Jesus überall finden kann.

Nur, dass das Theologiestudium dann alle diese ordentlichen Kategorien irgendwie durcheinander bringt. Denn auf einmal gilt nicht mehr einfach das, was der Seele gut tut – Jesus – sondern vor allem das, was sich rigoros intellektuell rechtfertigen lässt.

Und die Frage bleibt zu beantworten, ob Josef wirklich ein Bild für Christus ist. Oder Isaaks Opferung ein Bild von Golgatha sein kann.

Das sind Fragen, denen man sich stellen muss. Und auch wenn Judah Smith eindrücklich zeigt, wie die Christusanalogie meistens die bessere Predigt bietet, scheint mir das nicht die beste Grundlage zu sein, um einem heiligen Text zu begegnen.

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Wie viel Neues Testament findet sich im Alten?

Wie viel Gemeinsamkeit gibt es, wieviel Unterschied?

Und wo positioniert sich der Christ dazwischen?

Seit dem sog. Erzhäretiker Marcion im zweiten Jahrhundert lassen diese Fragen die Christenheit nicht mehr los, und die Antworten sind mannigfaltig.

Auftritt: John Goldingay, Professor für Altes Testament am renommierten Fuller Seminary in Pasadena/Kalifornien.

John hat sich einen Namen gemacht als Theologe, Bibelwissenschaftler des höchsten Ranges, gleichzeitig akademische Exzellenz und evangelikale Christusfrömmigkeit verkörpernd. Wenn John etwas sagt, dann hält man normalerweise kurz innehalten, um es zumindest in Betracht zu ziehen.

Sein neuestes Buch widmet sich – mit einem recht reißerischen Titel – der großen Frage, wofür wir das Neue Testament überhaupt brauchen.

Die Grundthese des Buches lässt sich darin zusammenfassen, dass alle wichtigen Offenbarungen Gottes – sei es bezüglich seines Wesens, unserer Rettung, oder des Endes – ihren Grund schon im Alten Testament gelegt finden. In a sense, God did nothing new in Jesus. God was simply taking to its logical and ultimate extreme the activity in which he had been involved throughout the First Testament story.“ (S.12)

Es ist etwas dran an diesem Gedanken. Zweifellos. Gerade von den Kanzeln evangelikaler Gemeinden habe ich zu oft eine Diskontinuität verkündigt gehört, die mir die Nackenhaare sträuben lassen. Als wären das AT und das NT zwei unterschiedliche Bücher, von zwei unterschiedlichen Autoren geschrieben. Aber:

Nein, das Alte Testament (oder, in Goldingay’sch, Erste Testament) ist nicht nur Gesetz, Verurteilung, Gericht und Zorn.

Nein, Jesus hat das Gesetz nicht abgeschlossen, sondern zu seinem Ziel geführt.

Nein, Gott hat nicht tausende Jahre eine merkwürdig ziellose Geschichte mit einem zufälligen Volk im Mittleren Osten geschrieben, um am Ende doch selbst die Aufgabe zu erledigen.

Wir müssen uns davor hüten, einen gefährlichen Semi-Markionismus zu fahren, der uns abschneidet von der Geschichte, in der sich das Neue Testament mutig und zielsicher verortet.

In diesem Sinne begrüße ich Johns Vorschlag, und auch sein Eintreten für eine größere Gemeinsamkeit zwischen den Testamenten – am Ende haben wir eben eine Bibel als Kanon.

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Diese grundsätzliche Übereinstimmung mit der Stoßrichtung von Goldingay lässt mich aber nicht vergessen, wie frustriert ich von diesem Buch war.

Die Frustration hat zum einen konzeptionelle Gründe. Dem Buch ist nämlich, bei allem guten Willen, den ich aufzubringen gewillt war, keinerlei rote Linie ab zu spüren. Es wirkt eher wie eine recht lose Sammlung von Artikeln, die John für andere Situationen geschrieben hat – meistens SBL Tagungen – und die er in diesem Buch sammelt.

Da ist ja sein gutes Recht. Nur, überzeugend ist das nicht.

Es gibt eine lange Tradition theologischer Denker, die großartige, stringente Argumentationen vorgelegt haben – sowohl für eine christologische Lesart des Alten Testaments, wie auch dagegen. Und John ist sicher in der Lage, das gleiche zu tun. Mit diesem Buch hat er es aber nicht getan.

Das ist noch frustrierender, wenn man bedenkt, wie John höchst selbst die Veröffentlichung dieses Buches begründet: My aim is to discover what the Scriptures themselves have to say.I’m working on a book on biblical theology, and you could also see this book as a statement of the assumptions that lie behind that book.“ (S.9)

Wenn das stimmt, dann weiß ich nicht recht, was ich von dem neuen Buch erwarten soll. Wenn es sich um eine methodologische Grundlage handelt, ist sie mehr als dünn. Zumal er auch dieses Versprechen – zu betrachten, was beide Testamente zu sagen haben, nicht wirklich einlöst. Von den neun scheinbar wahllos zusammengewürfelten Kapiteln befassen sich gerade einmal zwei ausdrücklich mit dem Neuen Testament. Und davon eins auch nur zur Hälfte. Es findet auch keine Interaktion damit statt, wie das Neue Testament selbst seine Kontinuität zum Alten Testament ausdrückt.

Das Grundargument, nicht schwach zugegeben, ist, dass das Alte Testament selbst keine christliche Lesart fordert. Wer den Text an sich betrachten will, wird wohl wenig Christus im Alten Testament finden.

In der Weise, wie John dann aber seine Hermeneutik darauf aufbaut, wird das AT zu einer Art Kanon im Kanon, der Maßstab, an dem sich das Neue Testament zu messen hat. Und es geht nicht darum, dass man diesen Punkt nicht gut begründen könnte – es gibt genug, die das getan haben. Aber Goldingay zeigt die Gründe dafür nicht, oder nur sehr spärlich. Er scheint anzunehmen, dass es sich um einen Selbstläufer handelt – selbstevident sozusagen – und mit Verlaub: das ist es nicht!

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Eine kurze Interaktion sei mir an dieser Stelle noch mit dem vielleicht kontroversesten und gleichzeitig brillantesten Kapitel im Buch erlaubt – das ist das letzte: „Theological Interpretation. Don’t be Christ-centered, Don’t be Trinitarian, Don’t be Constrained by the Rule of Faith“. J.R. Daniel Kirk hat mit diesem Kapitel auf seinem Blog interagiert, und ich will nicht wiederholen, was er dort gesagt hat.

Nur zwei Anmerkungen möchte ich in dieser Rezension machen. Zum einen ist da der Punkt, dass ich das Gefühl nicht loswerde, dass nicht nur die frühen Kirchenväter genau das gemacht haben, wovon uns Goldingay abrät. Auch die Autoren des Neuen Testaments scheinen genau das zu tun. Wenn das Christusereignis nichts mit unserer Lesart der Geschichte Gottes macht, dann bin ich nicht sicher, was es überhaupt machen kann.

Wenn das Christusereignis wirklich „nur“ die logische Klimax von dem ist, was Gott schon die ganze Zeit gemacht hat – wieso hat es dann niemand erwartet (vgl. ungefähr alle Reaktionen der Jünger und des Volkes auf Christi Offenbarungshandlung; wahlweise auch N.T.Wrights The Resurrection oft he Son of God). Nicht nur das, auch an den Punkten, wo zB Paulus ganz offensichtlich Exegese betreibt – wie bei der Hagar/Sara Analogie im Gal – scheint er genau diese Texte vom Christusereignis her zu lesen und die sog. Leserichtung damit klar zu definieren. Goldingay ist sich dieser Dinge sicher bewusst, aber interagiert damit nicht. Und das ist schwach.

Zumal die theologische Lesart der ganzen Bibel nicht erst mit Karl Barth angefangen hat, genauso wenig wie sie mit ihm aufgehört hat. Wesley Hill hat gerade erst ein beeindruckendes Buch vorgelegt, Paulus trinitarisch zu lesen. Hermeneutisch ist hier mehr zu tun, als auf den Literalsinn zu verweisen.

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Wenn mich ein Buch so frustriert wie Johns neues Buch, dann schreibe ich normal keine Rezension darüber. Es ist mir wichtiger, an dieser Stelle auf solche Bücher hinzuweisen, bei denen die Zeitinvestition sich lohnt.

Aber weil ich ein Rezensionsexemplar bekommen habe, muss ich es wohl tun.

Von diesem Buch kann ich tatsächlich nur abraten. Eine Kontinuität zwischen den Testamenten zu sehen ist wichtig und sollte unbedingt einen größeren Raum in unserem Nachdenken und unserer Verkündigung bekommen.

Dafür gibt es aber – egal auf welcher Seite der Debatte um eine christologische Lesart des ATs man am Ende steht – besser Ansätze als dieses kurze Büchlein. Ansätze, die stringenter konzipiert sind, und auch mit den wichtigen Gegenargumenten interagieren.

 

Gnade und Frieden und alles

MBH

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