Ein Blick auf die "Gotthypothese"

Der Glaube an den christlichen Gott ist alles andere als gesellschaftsfähig.

In den nächsten Wochen will ich einige Gedanken aufschrieben,

wieso er dennoch notwendig ist.

Von dem französischen Mathematiker Laplace ist die Begebenheit überliefert, dass er seine Vorstellung des Universums dem französischen Potentaten Napoleon vorgeführt haben soll. Als er zu einem Ende gekommen ist, soll ihn Napoleon gefragt haben, wo denn Gott darin zu finden sei. Laplace soll geantwortet haben, dass er „dieser Hypothese nicht bedurft“[1] habe.

Die "Gotthypothese" – eine Notwendigkeit?

Ich war von dieser Geschichte immer gleichzeitig erschrocken und fasziniert. Fasziniert, weil sie eine gewisse Nonchalance in den Atheismus bringt, der sich oft so kämpferisch und doktrinär gibt, dass ich ihn nicht nur weltanschaulich, sondern auch intellektuell abstoßend finde. Erschrocken, weil ich mich gefragt habe, wie ein solches Weltbild aussehen kann. Bis jetzt hat mich noch jedes Weltbild ohne eine übergeordnete Macht wenig überzeugt.

In den letzten Tagen hat mich ein Gedanke von Navid Kermani wieder an diese Geschichte denken lassen. Kermani ist Intellektueller und gleichzeitig sympathische Stimme für einen westlichen Islam. Anlässlich der Veröffentlichung seines neuen Buches hat er der Wochenzeitung Die Zeit ein Interview gegeben und macht darin eine vernichtende Beobachtung über den Stand gegenwärtiger protestantischer Theologie oder Artikulation:

 

„Dieses protestantische Christentum, das ich auf einem Forum des Kirchentags höre oder das mir in der evangelischen Beilage der Zeitung begegnet, mag ja sympathisch sein, aber es lässt mich kalt. Es kommt mir oft wie eine Doppelung dessen vor, was uns der gesunde Menschenverstand ohnehin sagt. […] Religion soll heute zu allem eine richtige Meinung vertreten – sei es zu Flüchtlingen, sei es zur Lohnentwicklung. Aber darauf, dass man Flüchtlingen hilft und Löhne gerecht sein sollen, kann man schon selber kommen, dazu braucht man keine Religion. Ich brauche Religion, um Gott zu erfahren, den ich nicht unbedingt verstehe, aber vielleicht in Momenten der Verzückung wie der Not als eine Wirklichkeit erlebe.“[2]

 

Das ist natürlich herzlich Schleiermacherisch gedacht, der die Religion als den „Geschmack des Universums“ begreifen wollte. Ich muss dem nicht zustimmen, um Kermanis Kritik etwas abzugewinnen – nämlich die Bestandsaufnahme einer Gott-losigkeit der gegenwärtigen protestantischen Theologie.

Es lässt mich auch nachdenklich werden über den Standort meiner eigenen kleinen Theologie. Meine Frage, an mich selbst, und ihr dürft mir bei der Beantwortung gerne folgen ist:

Brauche ich die "Gotthypothese" eigentlich?

Oder ist alles, was ich brauche, mein "gesunder Menschenverstand"?

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Ich bin offensichtlich nicht der erste Mensch, der sich nach einer Weile mal diese Frage stellt.

Anfang der dreißiger Jahre schrieb der anglikanische Bischof John A.T. Robinson sein Buch Gott ist anders (Original: Honest to God), das von der einen Hälfte der englisch-sprachigen Christenheit als Durchbruch gefeiert wurde, während die andere Hälfte darin die endgültige Bankrotterklärung eines zu Unkenntlichkeit liberalisierten Christentums gesehen haben. Trevin Wax hat in einem kürzlich erschienenen Artikel auf die Bedeutung dieses Buches für die sich gerade vollziehende Spaltung in der anglikanischen Gemeinschaft hingewiesen.

Robinsons Buch ist schwierig zu begegnen. Manches davon wirkt geradezu blasphemisch. Gleichzeitig ist die Ehrlichkeit bestechend und zeigt eine Grundproblematik auf, der sich heute im Grunde jeder Christ stellen muss, der mit einer anders-denkenden Umgebung zu Interagieren sucht.

Der Glaube an den traditionellen christlichen Gott ist alles andere als gesellschaftsfähig; er muss eher mit harten Bandagen im intellektuellen Ringen erworben werden, und über die lange Strecke aufrechterhalten werden. Und manchen, wie Robinson, scheint die Kapitulation irgendwann der letzte Ausweg.

Doch schwierigsten Angriffe auf das Christentum kommen nicht von Poltergeistern wie Richard Dawkins. Die schwierigsten Angriffe auf eine klassische christliche Spiritualität sind zweierlei: zum einen liegt da der intellektuelle Kampf, sich in dauerhaftem Ringen mit seiner eigenen Herkunft zu befinden. Wer in Westeuropa aufwächst, wächst mehr und mehr in einer ent- und nachchristianistierten Welt auf. Man sollte aber auch als christlich-sozialisierter Mensch nicht der Vermutung auf den Leim gehen, dass das alles gar nichts mit dem eigenen Weltbild zu tun hat. Die Postmoderne ist nicht einfach dadraußen. Charles Taylor hat in seinem epochalen Werk Sources of Self die Bedeutung der Umgebung, in der man aufwächst, für die Entwicklung einer eigenen Persönlichkeit beeindruckend aufgezeigt.

Es ist also Teil der christlichen Identität, in einem dauerhaften Ringen mit seiner eigenen Identität zu stehen. Und ich schreibe das nicht selbstmitleidig. Darin liegt ein ebenso großes Potential wie eine Anstrengung. Zumal die Entwicklung einer "Christentümlichkeit", die wir in Europa viele Jahrhunderte genossen haben, in der Geschichte und weltweit eine Anomalie darstellen. Christsein bedeutet damit, in einer Minderheitsperspektive zu leben, im Ringen um die Frage, wie man seiner Beziehung zu Gott in Jesus Christus Ausdruck verleiht in einer Welt, die wenig bis gar nichts mit diesen Begriffen anzufangen weiß.

Dazu kommt zum zweiten auch die Enttäuschung, die Teil des christlichen Lebens ist. Ich habe an anderer Stelle über zu viel und zu wenig Hoffnung im Christenleben geschrieben. Bei allem Durchhalten ist aber die Enttäuschung der eigenen Hoffnung immer wieder auch eine Realität der Zwischenzeit, in der der Christ sich wähnt. Noch ist es nicht perfekt heißt das, und ein Warten auf die Erfüllung war immer schon Teil der Beziehung des Christen zu seinem Gott.

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Nun birgt das für mich die Frage, ob der Glaube an Gott nicht überflüssig ist; oder nutzlos, wie Laplace es formuliert hat. Die Frage, die sich dann stellt, wäre: Ist das Bekenntnis zu Gott nur ein Relikt der Tradition, das wir uns wie Bischof Robinson erhalten haben?

Und persönlicher stelle ich mir die Frage: Ist es bei mir der Fall? Welche Notwendigkeit hat die "Gotthypothese" für die Dinge, die ich denke, schreibe und tue?

Das ist dann der Auftakt einer kurzen Reise, in der ich in den nächsten Wochen diese Frage betrachten möchte. Ist die "Gotthypothese" eigentlich noch von Bedeutung?
Ihr mögt euch denken können, dass ich mit einem leidenschaftlichen Ja auf diese Frage antworten möchte.

In dieser Reihe möchte ich die darauf folgende Frage des "Wieso eigentlich?" von verschiedenen Seiten betrachten.

In der ersten Woche möchte ich einige Gedanken dazu aufschreiben, was die Fokussierung auf Ethik mit der evangelikalen Spiritualität macht. Darin scheint mir nämlich ein Grundproblem zu liegen, wieso "die Gotthypothese" in den Hintergrund geraten konnte.

In der zweiten Woche werde ich an dieser Stelle einige Gedanken zur "Gotthypothese" als Konzept und als Realität schreiben, die mich in der letzten Zeit begleitet haben.

Und in der dritten Woche möchte ich einen letzten Blick auf die Frage nach der Notwendigkeit von Gott werfen und die ganze Frage mit dem Evangelium zu einem Semikolon führen – das ist, weil ich nicht den Anspruch erhebe, an diesem Punkt alle die schwierigen Fragen der Religionsphilosophie zu beantworten.

Meine Fragen betreffen vor allem die Ausgestaltung des Lebens als Christ mit einer Umwelt, die anders denkt. Wie, heißt das, erhalte ich mir einen stabilen Glauben, der intellektuell solide ist, und gleichzeitig herzwärmend, seelenstärkend und mit dem Bekenntnis schließen kann: Jesus Christus kam in die Welt, um Sünder zu retten. Ich bin einer von ihnen. Und jetzt bin ich sein, und er ist mein.

 

Gnade und Frieden und alles,

MBH

 



[1] Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Pierre-Simon_Laplace#Werk

[2] Quelle: http://www.zeit.de/2015/34/navid-kermani-christentum-kunst-unglaeubiges-staunen/komplettansicht

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